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Himmel… wer will Bücher online lesen? Na gut, eins, die “Mertens-Puppe”, Martin Keunes 1999 bei dtv erschienenen Kriminalroman - damals laut WELT ein “Schlüsselroman der Berliner Savignyplatz-Szene”. Uff! … heute ist die Restauflage längst eingestampft, aber vielleicht ist die turbulente Geschichte um den Rachefeldzug von Paula Diercks noch einen letzten Mausklick wert:

DIE MERTENS-PUPPE

1
Peer Mertens starrte unwillig aus dem Fenster. Acht Uhr. Draußen wurde es nicht mal ansatzweise hell. In dieser Finsternis sah der Jaguar völlig unbeschädigt aus; drei Tage lang war er dem Anblick abergläubisch ausgewichen – und morgen sollte die verdammte Stoßstange ja kommen.
Die besseren Bürgervillen gegenüber lagen in abweisendem Zwielicht, die Fensterläden zugeklappt, die Garagentore hermetisch verschlossen. Die roten Lämpchen der Videokameraattrappen straßauf, straßab machten an Helligkeit der Straßenbeleuchtung Konkurrenz. Dahlem, Berlin, lag im Tiefschlaf, aber den drei Packern aus dem Quelle-Laster schien das nichts auszumachen. Sie wuchteten Kühlschränke aus dem Möbelwagen, Kühlschränke über Kühlschränke. Mertens gähnte, und erst das Echo aus der hinteren Ecke des, nun ja, großzügigen Apartments erinnerte ihn daran, daß er ja nicht allein nachhause gekommen war gestern Nacht. Er drehte sich kurz um, um seiner Vollrausch-Eroberung einen abschätzenden Blick zuzuwerfen. Die Kleine schlief mit offenem Mund und sah für eine Siebzehnjährige ganz schön angedreißigt aus. Peer seufzte. Er würde im Büro frühstücken müssen, um allen weiteren Zuwendungen und Dialogversuchen ausweichen zu können. Am besten rief er ihr gleich ein Taxi; vielleicht würde sie sich so schlaftrunken rausgeschmissen nichtmal die Hausnummer merken.
Es klingelte nochmal, und ihm wurde klar, daß die Kerle aus dem Quelle-Laster tatsächlich ihn meinten.
Als er die Tür aufriss, stapelten sich die Kühlschränke im Treppenhaus schon bis an die Decke. Der kleine Halbglatzkopf im Blaumann sah irgendwie verloren aus zwischen all den braunen Kartons. Das Gepoltere der Kollegen in dem ungeheizten Treppenhaus schien ihn nicht weiter zu stören, und auch das plötzliche Auftauchen seines Gegenüber brachte ihn nicht aus dem Konzept. Er addierte zufrieden eine ziemlich lange Zahlenkolonne auf einem amtlich aussehenden Lieferschein mit einigen Durchschlägen, unterstrich das Ergebnis zweimal zielstrebig und reichte den Packen Papier Peer zur Unterschrift.
“Guten Morgen, Herr Mertling. Hoffentlich sind wir noch früh genug.”
“Haben Sie mal auf die Uhr gesehen?”, schnauzte Peer Mertens ohne Erwiderung des Grusses. Der andere lächelte unverbindlich und zuckte die Achseln. Mertens starrte auf den Lieferschein: Quelle overnight. Lieferung vor acht Uhr am nächsten Morgen. Heute bestelle, morgen kommt Quelle oder so. Dreißig Kühlschränke, FCKW-frei, Verpackung recyclebar. Stück runde achthundert Mark, Zahlung bei Erhalt. Lieferadresse: Mertling, Hubertusallee 27, Berlin.
Mertens brach kalter Schweiß aus. Er zerknüllte den Lieferschein zu einem bunten Papierball und warf ihn dem Quelle-Mann, der immer noch still lächelte, an die Stirn.
“M-E-R-T-L-I-N-G, Sie Vollidiot! MertLING! Mein Name ist Mertens! Sie sind FALSCH!”.
Der mit der Halbglatze hob die Augenbrauen.
“Das müssen Sie schon entschuldigen, Herr Mertling. Das ist die telefonische Annahme. Wenn da mal was falsch verstanden wird, dann… also, das müssen Sie schon entschuldigen.”
Mertling starrte an dem beflissenen Lieferanten vorbei ins Treppenhaus. Der Weg zu den Briefkästen war verbaut mit Kühlschränken… und der zum Keller auch.
“Himmelarschundzwirn, verstehen Sie denn nicht? Ich HABE nichts bestellt! Ich HEISSE nicht Mertling! Und Hubertusalleen gibt es drei oder vier in Berlin! In Waidmannslust, in Pankow, ach, was weiß denn ich!”
Der Mann im Blaumann verlor sein Lächeln für eine halbe Sekunde in einem irritierten Flackern, dann strahlte er wieder.
“Tatsächlich? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr mir das leid tut. Ich werde gleich die Zentrale anrufen, daß hier ein Irrtum vorliegt. Das regelt Quelle auf der Stelle, sage ich immer. Keine drei Stunden… ” er warf einen nun doch etwas zweifelnden Blick auf den Mount Gefrierpunkt im Flur, “also bis spätestens halb zwei hat man Sie angerufen und Ihnen mitgeteilt, wann die Geräte wieder abgeholt werden können. Das Wichtigste ist jetzt,” unbemerkt hatten sich auch die drei Packer aus dem Haus geschlichen, als sie merkten, daß da eine Reklamation im Anzug war, “das Wichtigste ist, daß Sie den Rest des Tages hier erreichbar sind. Und wenn Sie bitte hier unten unterschreiben wollen?”
Peer Mertens warf die Tür ins Schloß, mit einer solchen Wucht, daß die Schlüssel aus dem Schwarzwaldhäuschen sprangen, das er als einzige Erinnerung an sein Elternhaus goldlackiert im Flur aufgehängt hatte. Da kam auch Wie-hieß-sie-noch-gleich schlaftrunken aus dem Wohnzimmer getapst, nackt und irgendwie ein bißchen abgegriffen und erschreckt.
“Julius”, hauchte sie mit einer unerwartet rauchigen Stimme, “Julius was ist denn?” –
“Verpiß dich!” fauchte Peer, ohne auf dem Weg ins Badezimmer anzuhalten.
“Aber Julius, warum bist Du denn so… so… ”
“Frostig”, soufflierte Peer angewidert vom Bad aus. Aber da war die Kleine schon schniefend wieder ins Wohnzimmer gehoppelt und hatte enttäuscht ihre nach Rauch riechenden Klamotten vom Boden aufgesammelt.

2.
Paula haßte diese bimmelnden Dinger. In Restaurants war es am schlimmsten. Wichtigtuer, die keine anderthalb Stunden unerreichbar sein wollten und sich am Nebentisch dann aufgeräumt über appetitanregende Dinge wie Teilungsgenehmigung, Eigenbedarfsklage oder den definitiven Kick beim Fallschirmspringen unterhielten. Während die makellos blondierte Begleitung zu einem stereotypen Dauerlächeln gefror, eilig auf dem Klo verschwand oder mit zähnefletschender Nonchalance die hundertvierzigste Zigarette rauchte. Mobiltelefone! Paula hatte ein Faible für die wuchtigen schwarzen Wählscheibenapparate, bei denen man einem Satz wie “Und Dein Gesülze über Beziehungskonfliktlösung kannst Du der Telefonseelsorge erzählen, Du Vogelstimmenimitator!” ein schmissiges Hörer-in-die-Gabel-werfen folgen lassen konnte. Wo man voller Wut die Telefonleitung aus der Wand reißen konnte und die Hörer beim Telefonieren zwischen Schulter und Kinn einklemmen, um die Hände frei zu haben für all die wirklich wichtigen Dinge des Daseins.
Trotzdem bückte sie sich, noch immer benommen von dem Kreischen der Bremsen und dem kleinen, unterdrückten Schrei, und hob das schwarze, blinkende Ding mit spitzen Fingern auf.
“Peer?! Peer?!”
Der am anderen Ende der Leitung hatte das Scheppern des Unfalls wahrscheinlich nur für eine atmosphärische Störung gehalten. Unwillkürlich hielt Paula den Hörer ans Ohr und hatte die beste Idee ihres Lebens.
“Störungsservice, bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung. Welche Nummer hatten Sie gewählt? Wir stellen die Verbindung umgehend wieder her.”
“Was? He, das ist ja ganz neu. Nulleinssiebenzwo… dreidreivier, zwomal die Acht. Peer Mertens.”
“Ich verbinde” kündigte Paula tonlos an und drückte die grüne Stoptaste.
Peer Mertens schien, soweit sie das hier von der anderen Seite der Ampel aus beurteilen konnte, sein Telefon komplett vergessen zu haben, das bei der Vollbremsung aus dem heruntergeleierten Fahrerfenster geflogen und über die regennasse Nürnberger Straße bis zu ihren Füßen geschlittert war. Der glänzende schwarze Jaguar stand quer auf dem Damm, und Peer Mertens war eben kreidebleich aus dem Wagen gesprungen und näherte sich jetzt schimpfend dem Jungen mit dem Fahrrad, der Vorfahrt gehabt hatte auf seinem dämlichen roten Radweg.
Der Junge machte keine Anstalten, auf Peers hysterische Tiraden zu reagieren. Er lag ganz still auf dem Rücken, und der Vordereifen des schweren Wagens war so eindeutig über seinen flachen kleinen Brustkorb und den weiß schimmernden Hals gerollt, daß sogar Peer auf Anhieb sah, was los war.
Paula rutschte vom Sattel und ließ das Rad achtlos zur Seite fallen.
Für Sekunden war Stille auf der Kreuzung; das Verkehrsgetöse vom nahen Kudamm, die übrigen Autos, die jetzt hupend auf die Kreuzung drängten, all das klang nur noch seltsam gedämpft herüber. Peer Mertens machte eine Bewegung, als wollte er sich bücken. Doch das Bücken stoppte in halber Höhe, und selbst von hier aus konnte Paula ahnen, wie Mertens der Schweiß ausbrach, wie ein jäher Schreck wie eine heftige Migräneattacke über ihn herfiel, ihn herumwirbelte und mit wackeligen Schritten zur Fahrertür zurückgehen ließ.
Paula machte einige Schritte auf der dichtbefahrenen Kreuzung und hörte neben sich ein Auto drohend hupen. Sie wollte schreien, auf ihn zeigen, die Aufmerksamkeit der anderen auf diese kleine liegende Gestalt lenken, um deren leblosen Körper die zurücksetzenden Vorderräder jetzt einen unperfekten Halbkreis machten.
Es war wie einer dieser Alpträume, einer dieser Augenblicke äußerster Angst, in denen die Beine den Befehlen zum Laufen nicht mehr gehorchen. Wo die Stimme versagt, weil einem buchstäblich die Luft wegbleibt. Paula japste wie ein Karpfen auf dem Küchentisch. Der Jaguar machte ein paar dunkle Motorgeräusche, und die Rücklichter strahlten nach in den hilflosen Tränen, die Paula plötzlich in den Augen hatte.
Der Rettungswagen – nützlicher war das Mobiltelefon bestimmt noch nie gewesen – brauchte vierzehneinhalb Minuten. Der Jaguar fauchte am Halensee vorbei, weit weg von hier. Paula saß auf Treppenstufen in irgendeinem Geschäftseingang. Sie starrte hinüber zu ihrem eigenen Fahrrad wie zu einer riesigen Gottesanbeterin.
In ihrem Wildlederrucksack bimmelte ein Telefon, aber Paula ging nicht ran. Ihr war nicht nach SmallTalk mit irgendwelchen Schickimickiheinis. Noch nicht.

3
Harrer haßte seine Nase, besonders im Winter.
Dieses verdammte Rückenleiden hatte ihn aus dem Dienstwagen in die Abteile von Bussen, U- und S-Bahnen verdammt, und er war zu viel zu Fuß unterwegs. Bei Schneefall war es am schlimmsten. Da hatte Harrer das Gefühl, jeder Passant würde sich auf der Straße nach ihm umdrehen. “Was war das für ein komischer Bulle mit den Flocken auf der Nase?”. Dabei war die Nase eine geradezu ehrenhafte Angelegenheit, wirklich und wahrhaftig im Feindeinsatz erworben, anno Vierundsiebzig, als sie den fanatischen Pastorenmörder faßten. Der fanatische Pastorenmörder hatte sich auf der Kanzel der Paulskirche im Wedding verschanzt, und irgend etwas an Schinkels recht klarem architektonischen Entwurf schien einen Polizeieinsatz vor Ort zu erschweren. Jedenfalls sprang Harrer letztendlich vom Chorgestühl, rang ein bißchen mit dem mehr oder weniger wild um sich schießenden Pastorenmörder… und büßte durch dessen letzten Schuß die Nase ein. Sah nicht sehr heldenhaft aus auf den Ordenverleihungsfotos. Der Regierende Bürgermeister Berlins schüttelt die Hand einer Teilmumie. Nicht mal seine Tochter Regina Nscho-Tschi hatte ihn auf den Fotos erkannt.
Immerhin hatte die Polizeiangehörigenersatzkasse ihrem Namen alle Ehre gemacht und ihm einen Ersatz besorgt. Für damalige Verhältnisse das Feinste vom Feinsten. Eine Luxusnase. Das bißchen Haut war schnell drübergewachsen, und eigentlich sah das Ding aus wie jede, nun ja: wie fast jede andere Nase auch. Aber natürlich wußten alle Bescheid. “Da kommt ja unsere Super-Nase”, hieß es in der Kantine. “Ein Ober-Schnüffler auf einer heißen Fährte”, wisperte es im Flur. “Fragen Sie Harrer, der hat eine Nase für sowas” wurde zu einer stehenden Redewendung im Zweiunddreißiger Revier.
Harrer ließ sich nichts anmerken, reagierte nicht auf den Spott, dreißig Jahre nicht. Er trug seine Nase mit einer stoischen Gelassenheit. Nur im Winter, da war es schwieriger als sonst. Die blutleere Prothese kühlte rasch aus. Schlimmer als das unangenehme Gefühl eines Fremdkörpers mitten im Gesicht war die Tatsache, daß die Schneeflocken auf dem Ding liegenblieben, ohne zu schmelzen. Harrer kaschierte diesen Umstand mit einem arg jugendlichen Bogart-Hut und einer kurzen Zigarre, “Gardemeister Fehlfarben” zu dreißig Pfennig das Stück, deren Glut den Nasenschnee zum Schmelzen brachte, solange kein Gegenwind war.
Heute zwang ihn eine böse Rachitis zum Verzicht auf den Nasenwärmer, und Harrer hatte schlechte Laune. Autodiebstahl gehörte zu den lästigen Dingen des Polizistenalltags. Meist wurden die Kisten zwei Stunden nach dem Klau über die polnische Grenze gebracht und Richtung Rußland verschickt, bevor der Besitzer den Verlust auch nur merkte. Da war das kleinkarierte Aufnehmen des Protokolls nur ein sinnloses Ritual für die Versicherungsstatistik. Allerdings ging es diesmal um einen Jaguar, und sowas hätte an der Grenze doch eine gewisse Aufmerksamkeit erregt. Außerdem war der Wagen ja da, wiedergefunden, aufgetaucht in der gleichen Nacht.
Harrer knurrte, und der Gegenwind legte noch ein paar Stärken zu.
Gegen halb zwölf hatte dieser Mertens angerufen, hackezu aus irgendeinem Discobums.
“Mein Ja, ja,…”
“Jaja, nun beruhigen Sie sich erstmal”, hatte der diensthabende Beamte gemeint, “zwei Aspirin, und Sie wachen sogar ohne Kopfschmerzen auf.”
Aber Mertens hatte sich nicht beruhigt. “Jaguar is wech!” hatte er vervollständigt, und man hatte den Mann notgedrungen aufs Revier expediert, weil er so sehr darauf bestand.
Aber da war der Jaguar schon wieder aufgetaucht, mit leerem Tank irgendwo Nähe Wannsee. Mertens war in ein Taxi gesteckt und nachhause gebracht worden, und am anderen Morgen hatte er den Jaguar im Innenhof des Reviers Kruppstraße in Empfang genommen. Offenbar hatten die nächtlichen Spazierfahrer nicht so ganz die Spur gehalten; die Stoßstange hatte auf einer Seite ein paar Dellen, sonst fehlte nichts.
Dann hatte diese Killeremanze angerufen heute vormittag. Harrer hatte sich den Anruf durchstellen lassen, als er hörte, wie Burmeester am Telefon ins Stottern gekommen war unter dem Schwall von Beschuldigungen, der da aus der Hörmuschel drang. Die Kleine war noch voll in Fahrt, als Harrer sie mit seinem badewannenerprobten Organ stoppte. Er ließ sich die ganze Geschichte in aller Ausführlichkeit erzählen: Halb acht, Nürnberger Straße. Paula Diercksen kommt Richtung Kurfürstenstraßenkreuzung angeradelt und hat grün. Aus der Gegenrichtung kommt der schwarze Jaguar, will rechts in die Budapester Straße einbingen, grad visavis vom Elefantentor des Berliner Zoos. Der kleine Junge auf dem Mountainbike hat vielleicht auch das Elefantentor im Auge gehabt und nicht weiter auf den Verkehr geachtet – aber er hat ja Vorfahrt. Er fährt geradeaus, und der nach rechts abbiegende Jaguar kriegt ihn in voller Fahrt unter die Räder. Bremst erst, als der linke Vorderreifen den kleinen Körper schon überrollt hat. Durch das wahrscheinlich lässig runtergekurbelte Seitenfenster kommt das Mobiltelefon geflogen wie ein koreanischer Nachrichtensatellit. Es schwirrt fünfzehn Meter über die rutschige Kreuzung und gerät in die Hände von Frau Diercksen. Und die ist geistesgegenwärtig genug, mit einer geschickten Fangfrage herauszubekommen, wer der anschließend fahrerflüchtige Jaguarfahrer ist. Peer Mertens. Makler. Klatschspaltenbekannter Nachtschwärmer. Ein berufsjugendlicher Großkotz, zu Geld gekommen durch ein paar ziemlich übliche Immobiliengeschäftchen nach dem Mauerfall. Berlin ist voll von Kerlen wie ihm. Handy, Jaguar, zwei Finger am Steuer.
Harrer schnaufte; er war eine Station zu früh ausgestiegen, und die Stationen waren weit voneinander entfernt in Dahlem.
Es gab da ein Problem. Zwei, drei gute Kumpel von Peer, darunter der Kneipenwirt einer wirklich renommierten Prass-Adresse am Savignyplatz, waren ganz sicher, daß ihr Busenfreund den ganzen Abend mit ihnen gesoffen hatte. Erst Bier, dann Margueritas – ordentlich mit Salzrand und viel mehr Wodka als Zitronensaft – und dann noch ein Fläschchen Veuve Cliquot, das eigentlich einer Dame zwei Tische weiter spendiert werden sollte, von der aber brüsk zurückgewiesen wurde. Erst gegen halb zwölf hatte Peer sich schlingernd in die Armani-Trachtenjacke gezerrt und war gegen alle guten Ratschläge raus zu seinem Jaguar gestiefelt. Und der Jaguar, aber das wußte Harrer ja schon von Mertens’ nächtlichem Anruf, der Jaguar war weg.
Routine war ein häßliches Wort dafür. Harrer wußte schon, was auf ihn zukommen würde. Die Spiegel im Flur, mehr würde er von der schicken Appartmentwohnung kaum sehen. Das Wort Fahrerflucht würde nicht fallen. Paula Diercksen gegen ein paar erfolgreiche Stammkunden aller Edelbistros der westlichen Stadthälfte… da war von vorneherein klar, wer Recht bekommen würde. Das Handy hätte sie ja auch geklaut haben können, um dem Macho-Mertens was anzuhängen. Und von all den anderen möglichen Augenzeugen, die gestern abend zur gleichen Zeit auf der Kreuzung gewesen waren, hatte sich keiner gemeldet. Vielleicht war es ja nicht mal Peer Mertens gewesen, der den Jaguar fuhr. Die Diercksen hatte auf fünfundzwanzig Meter Entfernung auch nicht viel mehr erkennen können, als daß der Kerl ihr auf Anhieb unsympathisch war. Harrer grunzte ungnädig. Es war vielleicht nicht verkehrt, die Augenzeugin noch nicht ins Spiel zu bringen, nicht alles Pulver gleich am Anfang zu verschießen. Mertens sollte erstmal seine Version der Dinge erzählen. Und Harrer würde sich das alles nochmal sehr, sehr gründlich anhören. Dem Burschen in die Augen sehen. Ob Mertens letztlich in den Bau kam für die Geschichte, war ja nur die eine Seite des Spiels. Die andere hatte was mit sportlichem Ehrgeiz zu tun – und das war vielleicht der einzige Ehrgeiz, den Harrer sich nach dreißig Dienstjahren bewahrt hatte. Da konnten ihn noch so viele Alibizeugen nicht beeindrucken: wenn einer Dreck am Stecken hatte, dann spürte Harrer das. Er hatte einen Riecher für sowas. Etwas seltsam weiß beflockt gegenwärtig, der Riecher – aber immerhin.

4.
“Gerechtigkeit.” sagte Matthias und starrte leicht angewidert das dritte Glas Bordeaux an, das eben auf den schick gedeckten Kneipentisch gestellt wurde. Der Eichstrich war deutlich unterschritten worden, und auch wenn Matthias keinen Alkohol vertrug und der Kellner das an seiner etwas schleppend gewordenen Stimme gemerkt haben mochte: Solange er den Eichstrich sehen konnte, würde er auch merken, wenn er beschissen wurde.
Paula ruderte mit den Armen in der Luft, als wollte sie die himmlischen Heerscharen zu Hilfe rufen, und Matthias sah sie wieder mit dieser typischen Mischung aus Sentimentalität und Gestresstsein an, die seit ihrer Trennung vor vier, fünf Jahren die Oberhand behalten hatte. Paula war klasse. Aber hektisch. Paula war ein Nervenbündel, und seitdem sie mit dem Rauchen aufgehört hatte, war das eher noch schlimmer geworden.
Klasse war sie trotzdem immer noch, und Matthias nahm etwas unwillig zur Kenntnis, daß die “Kleine” trotz ihrer eher kamelhaften Statur und dem nachlässig zerzausten Gesamteindruck Gelüste in ihm weckte, auf deren Erfüllung er seit der Trennung noch weniger hoffen durfte als davor. Und das wollte etwas heißen.
Der Aschenbecher sprang in die Luft, und die Kellner, Chefs-de-Service, Zahlkellner, Platzanweiserinnen und Jackenhakenbewacher fuhren zusammen, als Paulas Faust auf den Mahagoni-Eßtisch krachte.
“Gerechtigkeit, na was denn sonst? Glaubst Du denn, die werden den Scheißkerl laufen lassen?”
Matthias sah sich beschwichtigend um. Das “Exorbitant” war exorbitant leer, aber gerade hier am Prenzlauer Berg brauchte so ein Edelrestaurant natürlich seine Zeit, um sich durchzusetzen. Zweihundert Jahre würden genügen. Hoffentlich hielt der Ederer-Schüler am Herd so lange durch; seine Morchelspitzen an Feuerland-Pfefferrahm waren es wert, mehr Beachtung zu finden.
Matthias hatte sein Politologie-Studium im zweiundzwanzigsten Semester auf Eis gelegt und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit seiner Lieblingsbeschäftigung: mit Essen. Als Restauranttester für diverse Magazine und Tageszeitungen. Mit Spesenkonto und einer Stimme, die ebenso Gewicht hatte wie Matthias selber – aber das hatte der Job so mit sich gebracht, und eigentlich fühlte er sich mit Bauch seiner schwäbischen Heimat verbundenener als je zuvor.
Für Paula war Matthias eine Art ruhender Pol – und wenn man die gemächliche Art sah, mit der er sich gerade zwischen den zu eng gestellten Tischen zum Designerklo durchbemühte, war “ruhend” ganz sicher der richtige Ausdruck. “Wir haben den gleichen IQ, das interessiert uns aneinander” hatte sie einmal beschwörend auf sich selbst eingeredet, als Matthias in ihrer letzten gemeinsamen Nacht nackt vor ihrem Bett gestanden und um Hautkontakt gebeten hatte. Den Kontakt, den soviel Haut gebraucht hätte, konnte sie ihm unmöglich geben. Soviel Kontakt hatte kein Mensch.
Am Morgen hatte sie deshalb um unbefristete Beurlaubung gebeten, und Matthias hatte sie treuherzig angesehen und ohne Angst vor Plattitüden “Können wir wenigsten Freunde bleiben?” gefragt. Da hatte sie geheult, und seitdem waren sie Freunde.
Heute brauchte sie einen Freund, und Matthias hatte ihre letzten Bedenken zerstreut, sich mit ihren Beobachtungen vertrauensvoll an die Polizei zu wenden. Obwohl er keinen echten Nutzen darin sah, und genau das hatte ihr dezent gehaltenes Gespräch unverhofft ins Dezibelhafte abrutschen lassen. Sie erwartete Gerechtigkeit, er erwartete Papierkram. Sie wähnte den Fahrerflüchtigen schon hinter Gittern, er machte sich da angesichts der Automarke und des Mobiltelefons keine besonderen Illusionen.
Der Kellner brachte Herkunftskontrollierte Rinderzunge an Designer-Algen, was Matthias umgehend zu der Notiz “Binnenkuh geht Baden” veranlaßte, und Paula schwelgte in ziemlich unrealistischen Justizphantasien. Matthias schüttelte, nicht zum ersten Mal heute abend, den Kopf.
“Kleine, ich verstehe Dich nicht. Einundachtzig warst Du eine kackfreche dreizehnjährige Hausbesetzerin und hast bei Bolle die Fensterscheiben perforiert – und sogar jetzt geht Dir noch das Messer in der Tasche auf, wenn Du in ’ne Polizeikontrolle gerätst. Aber sobald Du mal Zeugin eines so alltäglichen Vorgangs wie Fahrerflucht wirst, wartest Du auf die göttliche Bestrafung, den Blitz der Gerechtigkeit aus heiterem Himmel. Das ist doch einfach unlogisch. Entweder man hat die Handlungsstrukturen der Exekutive begriffen – oder man glaubt an die Gerechtigkeit der Staatsgewalt. Beides gleichzeitig geht nicht.”
Paula fauchte wie eine zu groß geratene Wildkatze.
“Ich glaube nicht daran, ich will es, verstehst Du? W-i-l-l! Ich will es! Dieser Kerl soll in der Hölle schmoren! Er hat ein KIND totgefahren, Matthias, ach Matze, versteh das doch: Ein Kind! Totgefahren! Und ich hab mir diesen Scheiß ansehen müssen und ich will, daß sie ihn dafür drankriegen.”
Matthias hielt den Teller mit den gemischten Nachspeisen etwas seitwärts neben den Tisch und pustete den künstlerisch darübergesprenkelten Puderzucker hinunter. Der Ederer-Schüler schien alles in allem doch eher aus der Konditorinnung zu kommen… und das Warmkochen erst später dazugelernt zu haben. Diese selbstgefälligen Puddingverzierungen, diese verschnörkelten Sorbets… disqualifiziert. Der Abend war versaut. Zum Glück gab es den mehr als passablen Bordeaux. Matthias ruderte mit dem linken Arm in der Luft, ohne hinzusehen. Die Geste wurde verstanden, das vierte Glas kam. Diesmal fehlte der Eichstrich völlig, und Matthias tadelte sich selbst, daß er auf den offenen Wein hereingefallen war, anstatt eine ganze Flasche zu ordern. Paula war bei der zweiten Cola, und das Zeug schien sie nicht gerade einzuschläfern. Matthias beugte sich vor.
“Na gut. Ich verstehe Dich ja. Aber was willst Du tun, wenn ich recht behalte… und kein Hahn nach Deinem sportiven Jaguarfahrer kräht?”
Paula wurde für eine kleine Sekunde blass um die Nase. Ihre Augen waren aufgerissen wie bei einer Achterbahnfahrerin. Matthias starrte sie an und leckte sich die Lippen, ohne es selbst zu merken.
“Dann…”, sie winkte den bereitstehenden Zahlkellner herbei und zerknüllte die Serviette, daß die Knöchel knackten, “dann muß ich mir eben etwas einfallen lassen. Herr Ober,” Matthias staunte, wie gefaßt dieses eben noch haßverzerrte Gesicht plötzlich war, ein makelloser Rollenwechsel, beunruhigend übergangslos, “die Rechnung übernimmt mein Vater dort drüben an dem runden Tisch am Fenster. Und sagen sie diesem senilen Scheißkerl bitte, wir hätten die Verlobung gelöst, er könnte allmählich aufhören zu schmollen. Und ich warte in seinem Auto – wenn der Scheiß-Cadillac eine Heizung hat.”
Der Kellner parierte und verfügte sich zurück hinter den Tresen, während Paula den staunenden Matthias in seinen Mantel stopfte und zur Tür zerrte.
Erst nach ein paar Metern Bürgersteig wagte sich Matthias wieder heran. “Kleine, was war das denn grade? Ich dachte, Dein Vater wäre vor vier Jahren einem Herzinfarkt erlegen… und auf den Fotos war er doch…”
“Halts Maul!” schluchzte Paula, und da merkte er erst, daß sie weinte, weinte um die totgefahrenen Kinder dieser Welt, weinte ums Lügen-müssen, um Matthias und sie und die Handlungsstrukturen der Exekutive.

5.
Der Leguan stand am Fenster und blickte hinüber zu dem Haus auf der anderen Straßenseite. Das erleuchtete Fenster lag etwas tiefer als seins; der Überblick war optimal. Er selbst konnte unmöglich gesehen werden, das Zimmer hinter ihm lag im Dunkeln.
Die Frau gegenüber schien sich auf einen Stromausfall vorzubereiten. Sie zündete Kerzen an. Sehr weihnachtlich für Februar.

6.
In der Nacht nach dem zweiten Telefonat mit Harrer setzte sich Paula im Lotossitz vor den hohen, alten Bodenspiegel. Sie hatte Teelichter im Kreis um sich herumgestellt. Der Lotossitz war unbequem.
Paula starrte sich selbst im Spiegel an. Grotesk sah das aus, ihre zu große Stubsnase, die aufgerissenen Augen, das kitschige Flackern der kleinen Kerzen. Gleich würden die heißen Aluminiumtöpfchen den Sisal verschmoren.
Es war egal.
Irgendetwas mußte passieren. Es konnte nicht sein, daß Matthias so einfach recht behalten würde; daß die Polizei ihren dienstältesten Hofhund bei einem mordlustigen Fahrerflüchtigen vorbeischickte und den Fall dann zu den Akten legte. Darauf lief es heraus. Harrer hatte mit Mertens gesprochen, Mertens hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun, und ihm, Harrer, waren die Hände gebunden.
“Aber haben Sie sich den Mann denn nicht angesehen, Herr Kommissar?” hatte sie ihn angebrüllt.
“Hauptwachtmeister”, hatte Harrer korrigiert. Und natürlich hatte er sich den Kerl angesehen – und vor allem kannte er die Sorte, aber das band er der Diercksen natürlich nicht auf die Nase.
Es nützte ja alles nichts, und da konnten sie noch ein paar Stunden drüber plaudern: Mertens hatte Zeugen, er hatte vielleicht sogar recht, jedenfalls ließ sich nicht das Gegenteil beweisen.
Also mußte man warten, ob sich weitere Verkehrsteilnehmer finden würden, die das alles gesehen hatten. Gesehen wie Paula, oder, genauer gesagt: Von etwas näher dran.
“Glauben Sie denn, ich hab’ einen Sehfehler?”
Paula war aus dem Brüllen gar nicht mehr herausgekommen, aber Harrer war in seinem Leben zu oft angebrüllt worden, um jedesmal beleidigt aufzulegen.
Deshalb erklärte er Paula alles noch einmal, und schließlich war sie es, die beleidigt auflegte. Ein paar Stunden lang vergrub sie sich in ihrem monströsen, schiefen Bauernbett, dann stand sie ruhelos wieder auf, wanderte in der Wohnung herum, ohne Licht zu machen, und baute schließlich den Kerzenkreis vor dem Spiegel auf.
Diese Sekunden auf der Kreuzung hatten sich so tief eingegraben in ihre Gedanken und Gefühle, daß etwas passieren mußte. Was den kleinen Jungen getötet hatte – wie es aussah, würde sie nicht mal seinen Namen erfahren – konnte nicht als kleiner Scheißdreck mit höchstens statistischer Bedeutung enden.
Paula fixierte ihr Spiegelbild mit düsterem Blick. Sie ähnelte kein bißchen einer Rachegöttin.
“Tisiphone! Alekto! Megära!”. Das Quadratwurzelziehen aus der Schulzeit hatte sie verlernt, die Erinnyen waren noch parat. Harrer, dieser großnasige Mistkerl, hätte das typisch gefunden. Für einen wie ihn war doch schon beim Vornamen “Paula” alles klar gewesen. Deutsche Frauen hießen Renate, Ingeborg, Friedchen.
Immerhin, Paula stellte das mit einer gewissen Genugtuung fest: Einem Friedchen ähnelte ihr arg dunkel geschminktes Gegenüber auch nicht. Ihr Kinn hatte etwas Energisches. Ihre Haare standen heute ein bißchen ab. Ihr Körper war fünfzehn Kilo zu groß, um “zerbrechlich” genannt zu werden. Sie würde keine Rachegöttin spielen können, wenn Harrer die typische Handlungsstruktur der Exekutive, hier: Untätigkeit, an den Tag legte. Aber sie würde Mertens pieksen können, trietzen und piesaken. Vielleicht so lange, bis er die Nerven verlor. Vielleicht könnte sie den Mann doch klein kriegen.
Diesen verdammten Korken hier würde sie schließlich auch noch aus der Orvieto-Flasche bekommen.
Der Orvieto schmeckte fies, aber nach dem zweiten Glas war da auch eine Erinnerung an diese drei Wochen Frauencamp in Italien anno… anno irgendwas. Damals hatten “wir Frauen” viel vorgehabt, und Paula hatte für ein paar weinselige Abende ganz fest daran geglaubt, daß das Matriarchat oder die Gleichberechtigung nur ein paar Demos entfernt lag. Tagsüber hatten sich die hundertvierzehn Frauen durchweg in den Haaren gehabt und geschworen, den Kleinkrieg um gemeinsame Weckzeiten, Frühstücksdienst und Pro und Contra Shoppingbummel aus den Presse-Communiqueés herauszuhalten. Aber die Nächte waren einzigartig gewesen. Für ein paar berauschte, schwer zu rekapitulierende Stunden war sie herausgerückt aus allem Alltagsstress und aus allem Gezänk. In ein paar mit nacktem Hintern im nachtklammen Sand gesessenen Stunden hatte sie gemerkt, daß hundertvierzehn “floating spirits” den Sand zum Glühen bringen konnten und die Ebbe zum Kochen. Für ein paar erschrockene Sekunden hatten die Naturgesetze Kopf gestanden, war Hexerei nur eine Lappalie, Magie nur ein Fingerschnippen in der Nacht gewesen. Alles, ALLES war möglich, wenn sie es wollten.
Paula leerte den letzten Schluck des letzten Glas und schnippte dreimal mit den Fingern. Alles. War. Möglich.
Etwas später saß sie wieder vor dem Spiegel. Diesmal war sie nackt, und ihr ganzer Körper war bemalt mit ziemlich wüsten blauen Hiroglyphen aus dem Wasserfarbenkasten. Eine Rachegöttin war noch immer nicht aus ihr geworden, aber der unter der Bemalung noch bleicher wirkende Körper und der zugegebenermaßen etwas wirre Blick reizten zumindest nicht mehr ihre Selbstironie. Diesmal war es ihr ernst, und sie betrachtete eine Zeitlang stumm ihr Spiegelbild. Tränen rollten aus ihren Augen, hinterließen blaue Spuren auf ihrem Gesicht, ihrem Hals, den spiralförmig umpinselten Brüsten und der komischen kleinen Puppe, die sie wie ein verbranntes Kind in den Armen hielt.
Die Puppe hatte angeklebte Arme und Beine aus schwarzen Wollresten, und aus einer Illustrierten hatte Paula einen smarten Designer-Schlips ausgeschnitten. Das war wahrscheinlich mehr Geschmack, als Mertens hatte. Den Leib gab das schwarze, plastikschimmernde Mobiltelefon ab, das Harrer nicht mal als Beweisstück von ihr verlangt hatte. Die gummiüberzogene kurze Antenne war der Pimmel, dadurch standen die Zahlen beim Gesicht zwar auf dem Kopf, aber das machte nichts. Aus einer Autoanzeige hatte sie zwei Räder ausgeschnitten und als Augen auf die Funktionstasten mit * und # geklebt, die jetzt ganz oben am Kopf waren. Die sorgfältig abgeschnittene rauhe, grüne Stahlwollenseite eines Haushaltsschwamms gab die Haare. Die Mertens-Puppe hatte ein Display als Mund, und weil der Akku noch voll war, konnte Paula wieder und wieder die grüne Taste drücken und sehen, wie das Display leuchtete. PIN CODE EINGEB stand da. Auf dem Kopf. Sah aus, als fletschte die Mertens-Puppe die Zähne.
Paula fletschte die Zähne und lächelte die Mertens-Puppe im Spiegel an. Da war der Mistkerl. Wehrlos.
Rituelle Traditionen erfordern traditionelle Ausrüstung. Eine Stricknadel war üblich, und Paula, die handarbeitliche Deserteurin war, hatte lange nach einer gesucht. Schließlich hatte sie im Besteckkasten die 3er-Perl-Inox-Nadel gefunden, mit der ihre Mutter immer in den Kuchen gestochen hatte. Wenn Teig an der Nadel klebenblieb, mußte der Kuchen noch ein bißchen weiterbacken. Kam die Nadel glatt heraus, war er fertig.
Die Nadel war ein bißchen dicker als die Sprechmuschellöcher oberhalb der Tastatur. Aber Paula gab sich Mühe - schweißnaß jetzt schon am ganzen Körper von der muffigen Hitze der dreißig Teelichter –; schaukelte ein bißchen im Lotossitz hin und her und stach dann mit einem kleinen Ruck die 3er-Nadel tief in die Stirn der Mertens-Puppe.

7.
Peers Wecker hieß Palazzo und war, trotz des italienischen Namens, eine französische Bulldogge. Palazzo war ein Kämpfer, und Peer hatte sich schon lange abgewöhnt, die Schlafzimmertür zu schließen - das Biest hätte die Tür sowieso aufgekriegt, mit gezielten Sprüngen auf die Klinke oder einfach mit dem Kopf durchs Holz. Stabil waren die Türen hier nicht. Palazzo war so dumm wie Seife und hatte nur ein Ohr; das zweite hatte er bei einer leichtsinnig angezettelten Rauferei mit einer Deutschen Dogge eingebüßt. Palazzo hatte ein Vermögen gekostet in einer Zeit, als Peer sich noch mit diesen Typen aus der Lietzenburger Straße getroffen hatte; einer etwas zuhälterigen Szene, in der so ein kostspieliger Killerköter ein absolutes Muß war.
In der “Mazurka Bar” war Peer schon seit Jahren nicht mehr gewesen, Ochsen-Kalle war längst tot und begraben, und mit dem Kudamm verödete auch sein schmuddeliges Hinterzimmer “Lietze”. Nur Palazzo hatte sich gehalten; ein unverwüstliches Tier. Peer nahm ihn manchmal mit, wenn sein Maklerjob ihn in Gegenden führte, wo Leute seines Schlages nicht gerade gefeiert wurden, am Prenzlauer Berg also, in Kreuzberg oder neuerdings auch in Neukölln. Da machte Palazzo ziemlich Eindruck. Tätlichkeiten durch Hausbesetzer, gekündigte Restmieter oder sonstige Misanthropen waren so von vorneherein ausgeschlossen.
Palazzo war auf neun Uhr eingestellt. Um Neun machte das Tier einen Satz auf die Bettdecke, landete auf allen Vieren auf Peers Bauch und rührte sich keinen Zentimeter weiter. Wenn Peer mal eine Mieze dabei hatte, stellte sich spätestens jetzt raus, ob die Dame Nerven hatte. Mehr als eine war nackt und kreischend aus dem Schlafzimmer gefegt und hatte sich im Bad verriegelt, begleitet von Peers schallendem Gelächter und dem stupiden Glotzen des Hundes.
Palazzo war kompromißlos. Frühstücken war nicht drin, solange Peer nicht mit ihm Gassi gegangen war. Und er hatte eine Blase wie eine Kuh. Acht Blocks war keine Seltenheit. Das Umkehrsignal war eine unter Stöhnen auf den Gehweg gesetzte Kotmarke, deren Konsistenz Peer auf nüchternen Magen meist nicht näher untersuchte.
Heute früh war es nicht mehr so kalt wie in den letzten Tagen. Die Reste von Schneematsch lösten sich auf; ein vorbeifahrender Lieferwagen irgendeines Delikatessengeschäfts ließ einen nassen Platscher auf den Gehweg schwappen, und Peer machte einen Satz. Palazzo zog Peer wie üblich an der Leine hinter sich her, er kannte seinen Weg und stolzierte kraftstrotzend die Hubertusallee hinauf. Peer döste mit halbgeschlossenen Augen vor sich hin und überließ dem Tier die Führung. Ein Wagen bog um die Ecke, kam näher und bremste ab. Peer registrierte unbewußt, daß das Seitenfenster in die Tür schnurrte und zuckte unter der plötzlichen losschimpfenden Stimme zusammen.
“Misttöle! Man sollte das Vieh vergiften – und das Herrchen gleich mit!”
Bevor Peer den Mann richtig gesehen hatte, gab der Mercedes Gas und schoß davon. Peer blieb stehen, und Palazzo zerrte wütend an der Leine.
“Palazzo,” knurrte Peer, “hast Du Geheimnisse vor mir?”. Schwer vorstellbar. Peers bescheidene Einnahmen hatten ihm das Engagement einer Haushälterin ermöglicht, Frau Zernikow, die jeden Tag vier Stunden lang den Haushalt erledigte und von einer spontanen Abneigung gegen Palazzo erfüllt war. Frau Zernikow würde dem Hund auf ihren ohnehin seltenen Gassigängen keinerlei Eskapaden durchgehen lassen, ohne dem Herrchen nachmittags haarklein darüber Bericht zu erstatten.
Peer zuckte die Achseln und gab dem Vorwärtsdrang des Tieres wieder nach. Auf dem Gehweg kam ihm die Besitzerin des Tabakskiosks entgegen, und Peer holte schon Luft für einen dynamischen Morgengruß, als die beleibte Mittvierzigerin empört die Straßenseite wechselte und ihn keines Blickes würdigte.
Das war ganz entschieden rätselhaft. Peer Mertens sah seinen Hund genauer an, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, während ein weiterer Wagen neben ihm stoppte und der Fahrer ihm ein wütendes “Traut sich mit dem Vieh auch noch auf die Straße!” zurief.
So sehr sich Palazzo auch gegen die rüde Unterbrechung seiner Verdauungspromenade sträubte, Peer zerrte das Tier unter Einsatz aller Kräfte zurück zum Apartment. Der karge Rasenstreifen hinter der Anlage mußte heute für die Erledigung der nötigsten Geschäfte reichen; aber selbst hier war aus dem Erdgeschoß das lautstarke Schimpfen des Hausmeisterehepaars zu hören.
Mertens machte sich auf der verchromten Zweitausend-Marks-Gaggia einen Espresso, der das Herztoddurchschnittsalter eines ganzen Landes auf Dreißig senken konnte. Niemand mochte seinen Hund, niemand mochte ihn. Eine befremdliche neue Erfahrung.
Vom Küchenfenster aus hatte er einen Panorama-Überblick über die tauwetternasse Straße, und von hier aus sah er es endlich. Jemand hatte in der Nacht eine Runde mit einer Sprühdose gemacht, mit einer Sprühdose voller schrill pinkfarbener Leuchtfarbe. Um jeden Haufen Hundescheiße war ein säuberlicher pinkfarbener Markierungskreis gezogen worden; und weil der Schneefall der letzten zwei Wochen all die Scheiße konserviert hatte und das Tauwetter jetzt alles brav ordentlich nebeneinander legte, sah die Straße aus wie der Lottoschein eines Glückspilzes. Alle zwei Meter verzierte ein pinkfarbener Kringel den Gehweg. Wenn man allen Hundekot der Straße in ein Ruderboot auf dem Grunewaldsee geschaufelt hätte: Das Ding wäre auf halber Strecke untergegangen.
Peer stellte die Tasse auf die Fensterbank und kratzte sich am Hinterkopf. Kein Wunder, daß die Nachbarn ihn plötzlich haßten. Natürlich war mehr als ein Hund an dieser Schweinerei beteiligt, aber keiner machte so offensichtlich seine morgentlichen Runden wie er. Peer ächzte aus der ganzen Tiefe seines Brustkorbs. Er drehte sich um zu Palazzo, der beleidigt und demütig zugleich in der geöffneten Tür der Küche stand.
“Ich glaube, wir müssen uns an den Garten hinterm Haus gewöhnen, Alter. Bei den Nachbarn haben wir jedenfalls erstmal verschissen.”

8.
Achtzig war sie von zuhause weggelaufen. Wenn man das “Weglaufen” nennen wollte. Ihr Vater sah die Sache immer noch streng antiautoritär, aber der war auch kurzsichtig. Man hatte sich auseinandergelebt, und Mutter war damals sowieso schon ihre eigenen Wege gegangen. Also hatte Paps sich damit abgefunden, daß sie auch ihre eigenen Wege ging, obwohl sie damals erst vierzehn war. Dreizehnachtzwölftel, um genau zu sein. In Berlin gab es Tante Sko, die war Anlaufadresse. Paps hatte ihr das Geld für den Zug gegeben und zwanzig Mark Taschengeld, und Paula war getrampt und hatte Berlin eine halbe Stunde vor dem Zug ereicht mit fast zweihundert Mark in der Tasche. Sko hatte am Bahnhof Zoo gestanden und genervt ausgesehen, und als Paula ihr zwei Minuten nach der Ankunft offenbarte, sie würde heute bei einer Freundin nächtigen, hatte Sko nichts dagegen.
Knapp zwei Monate später – zwei Monate, über die sich Paula eigentlich selbst jetzt noch keine Rechenschaft ablegte – zwei Monate später gab es dieses Treffen in der WG-Wohnung über einer Weddinger Kneipe. Ziemlich bunte Mischung aus alten Stadtteilkämpfern, Heimkindern, zwei, drei irregeleiteten Eingeborenen, ein paar reichlich desolaten Randfiguren und einer vage künstlerisch angehauchten Intelligenzia. Manche kannten sich schon vorher, aber die meisten sahen sich das erste Mal. Das Sonnenlicht fiel schräg rein, damals dachte noch keiner an irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen, das kam später. Eigentlich waren alle ganz freundlich zueinander, aber es lag so ein Beobachten in der Luft, ein Blick, mit dem man vielleicht auf der “Titanic” sondierte, wer mit einem selbst ins Rettungsboot plumpste. Einer Handvoll Leuten war bewußt, daß es eine Art historischer Augenblick war – nicht für die Geschichte der Stadt Berlin, die auch das hundertfünfte von hundertsechzig besetzten Häusern verkraften können würde. Aber für viele unter ihnen selbst. Und irgendwie auch für Paula.
Das Haus lag gleich gegenüber und war praktisch leer; der Hauswartsfrauensohn machte auch mit und hatte alle Schlüssel… kein echtes Risiko, so gesehn. Trotzdem hatte Paula gefiebert vor Aufregung, als sie mit fast zwanzig anderen Leuten die Buttmannstraße überquerte, das mächtige, muffige Mietshaus betrat und unter dem Gekreische der Schlagbohrmaschinen, mit denen schwere stählerne Riegel in die Türrahmen gedübelt wurden, die leeren Wohnungen in Augenschein nahm.
Leere, unbeleuchtete Wohnungen hatten etwas Beunruhigendes. Paula konnte sich nicht vorstellen, daß die Vormieter anders als tot hinausgetragen worden sein könnten. Jeder Raum, jede blödsinnige Speisekammer wirkte wie hundertzwanzig Jahre bewohnt – und dann Hals über Kopf verlassen. Jede Tapete war nur die obere Schicht über vielen Schichten, und jede wirkte nackter als die davor und legte ein neues, noch weiter zurückliegendes Jahrzehnt frei, neue stilistische Irrtümer, neue verkrampfte Moden. In einem Wandschrank fand Paula ein Elchgeweih und ein Paar Skier aus der Jahrhundertwende. In einem anderen weckte ein akribisch verschnürtes Paket ihre Neugierde, in dem sich noch ein Paket mit einer in Alufolie gewickelten Tüte befand. In der Tüte war ein Schuhkarton, dessen Inhalt in alte Zeitungen gewickelt war und aus einer alten Kaffeedose bestand. In der Kaffeedose schließlich befand sich, in ein gewebtes Geschirrhandtuch gewickelt, ein Pfund trockene Erbsen. –
Irgend etwas von diesen Überbleibseln der Geschichte fand sich in jeder Wohnung, und pro Stockwerk gingen vier Türen ab. Rätsel des Alltagslebens, kleine verheimlichte Peinlichkeiten, seltsame Vorlieben, schlecht verhüllte Ausrutscher. Alles irgendwie heiliggesprochen durch eine feine Schicht Staub, durch die Vollkommenheit der Abwesenheit, aus millionenjahrelangem Schlaf gerissen durch das Plötzliche ihres Eindringens.
Paula feierte ihren vierzehnten Geburtstag in dieser Nacht und trank mehr Amselfelder, als sie jemals jemanden hatte trinken sehen. Gegen zehn knutschte sie mit einem nicht weniger betrunkenen Langhaarigen namens Willi; gegen halb zwölf hatte sie Baustellen-Michas Kango-Hammer umgehängt und machte den ersten von vielen folgenden Durchbrüchen. Dumpf polterten ein paar Backsteine in die Nachbarwohnung, und jemand dachte noch daran, einen Balken einzulegen, damit der Rest der Wand nicht von oben nachrutschte. Aber im Prinzip funktionierte es. Mit ein bißchen Mut zur Vibration konnte man aus vier Einzimmer-Wohnungen und vier Küchen eine leidlich verwinkelte Achtzimmerwohnung machen. Acht Durchgangszimmer zwar…. aber acht Zimmer.
Nicht, daß der Kampf ums eigene Zimmer in diesen allerersten Nächten schon angefangen hätte. Draußen fuhren die Wannen ums Karrée; der Kontaktbereichsbeamte quetschte die Nachbarn aus, die polizeiliche Räumung war wenig wahrscheinlich, aber möglich. Außerdem funktionierten die Öfen noch nicht so recht. Man rückte zusammen. “Funktionsraum” war das Gebot der Stunde, und für Einzelkind Paula war es eine merkwürdige Erfahrung, mit sechzehn anderen in einem Zwanzig-Quadratmeter-Raum auf dem Fußboden zu liegen und zu versuchen, ein Auge zuzutun.
Mit Willi zog sie sich in ihrer ersten, betrunkenen Nacht erst in einen zugigen, unmöblierten Flur zurück. Dann schlief Willi ein, und schließlich landeten sie doch in einem gemeinsamen Schlafsack auf den zwei freien Handbreit zwischen Gundula und Dietze.
In den Wochen und Monaten danach lernte sie, sich durchzusetzen. Das stand im Gegensatz zu den proklamierten Zielen von gemeinsamem Wohnen, von der Aufkündigung bestehender Besitzverhältnisse… aber es war nötig, wenn man nicht vollends untergebuttert werden wollte. Der Kampf um die sonnigen Zimmer, der Kampf um die Zuneigung der gefeierten Helden aussichtsloser Straßenschlachten, der Kampf um drei, vier ungestörte Stunden erfüllte Paulas Alltag. Trotzdem war da weit mehr, auch wenn Matthias sich Jahre später darüber lustig zu machen beliebte. Da war die Bereitschaft, sich in einem albernen kleinen Mikrokosmos all den Ungereimtheiten der eigenen und fremder Leute Erziehung auszusetzen. Da war die vage Phantasie von einer Welt, in der niemand dem anderen auf den Füßen herumtrampelte. Da waren Wut und Trauer und Angst so greifbar wie nie davor und danach in Paulas Leben.
Noch heute erinnerte sie sich an den Tag der Räumung. Sie hatte Nachtwache mit Pierre. Blöde Erfindung, die Nachtwache. Die besten Leute schlugen sich die Nächte um die Ohren, fuhren hilfssheriffsmäßig um den Block und witterten in jedem Hydranten einen Kolaborateur. Als es dann so weit war, als die seltsam langsame Kolonne der Polizeiwannen – dreißig? vierzig? – mit Blaulicht, aber ansonsten ganz geräuschlos aus der Brunnenstraße in die kleine Seitenstraße einbogen, war Paula sprachlos vor Erstaunen. Pierre gab Gas, und Paula fiel aus dem Wagen, als sie den Kracher aus der geöffneten Tür werfen wollte, um die anderen zu wecken. Das Autofenster war kaputt, deshalb die Tür.
Dann war es vorbei, dann kamen die langen Jahre der Achtziger und Matthias und die Jobs und all das.
Wenn Paula jetzt daran zurückdachte, dann war ihr schon klar, was sie damals gelernt hatte – mal davon abgesehen, daß sie gelernt hatte, daß Wasserwerfer einen umwarfen, daß Filzläuse paranoid machen und daß auf Absprachen mit der Polizei kein Verlaß war. Sie hatte gelernt, daß man anderen seine eigene Realität aufzwingen konnte. Im Grunde waren sie schließlich kein echter Faktor gewesen, hatten keinerlei militärische Relevanz oder sowas. Aber sie hatten ausgesehen, als wären sie zu allem entschlossen, und sie hatten so getan, als hätten sie alles mögliche vor. Und weil sie so getan hatten, war auch fast alles möglich gewesen. Sie waren für gefährlich gehalten worden oder für gute Nachbarn, sie hatten auf Demos ganze Hundertschaften uniformierter Gleichaltriger vor sich hergetrieben in einem uralten Fangmich-Ritual. Nicht wegen irgendwelcher realen Vorgaben… sondern weil alle Welt angenommen hatte, sie wären tatsächlich so. Das alles war Unsinn, das alles war zerplatzt wie ein billiger blutiger Spaß, als irgendein BVG-Bus irgendeinen allerersten leblosen Körper ein paar Meter über die Straße geschoben hatte. Der Tag, als Rattay starb Ecke Bülowstraße. Da war es Ernst geworden, und das große Aussteigen hatte angefangen. Und das große Ausflippen.
Aber Paula hatte da schon lange andere Pläne gehabt und nur das Wesentliche im Handgepäck. Und das Allerwichtigste, das Wissen, daß jemand erschrak, wenn man BUH machte, – das hatte sie für immer dabei.

9
Ich muß ihn kennenlernen, den Kerl, sagte sich Paula. Und wenn ich das Kotzen kriege dabei. Mißtrauisch äugte sie zur Mertens-Puppe hinüber, die schwarz und böse im Bücherregal lehnte.
Ich muß wissen, wann er aus dem Haus geht, wen er trifft. Ich muß alles wissen. Wo er tankt, sein Bankkonto, seine Freunde. Hat er eine Frau?
Sie schnaubte verächtlich. Wahrscheinlich schleppte er Kneipenbekanntschaften ab, jede Nacht eine andere.
Für einen Augenblick dachte sie an die Männer, die sie selbst auf diese oder eine ähnliche Weise kennengelernt hatte in den letzten Jahren. Seit Matthias hatte es keine längere “Geschichte” mehr gegeben, obwohl sie sich manchmal fragte, ob es nicht allmählich an der Zeit dafür wäre. Es wurde immer komplizierter mit den Jahren. Jemanden ansprechen, irgendein vages Leuchten in den Augen als Beginn von was-auch-immer zu identifizieren, gemeinsam nachhause zu fahren, sich die Kleider vom Leib zu reißen und sich in einer verlegenen Reihe von Mißverständnissen und Albernheiten auf dem Billigfuton zu wälzen…. all das war ihr bei den zwei, drei letzten Versuchen eher unnötig vorgekommen. Etwas, das sie nicht mehr konnte, so wie sie das Plattdeutsch verlernt hatte, das im Haus ihrer Großmutter noch die einzige Sprache war, die überhaupt gesprochen wurde. Tante Mariechen saß am Ofen, Großmutter Martha am Küchentisch, und sie erzählten sich ihre Vertellekes, nur unterbrochen vom Pfeifen der Hörgeräte. Damals hatte sie alles verstanden, heute hätte sie nur mit Mühe noch ein paar Brocken zustande gebracht. Nur mit Mühe brachte sie ein paar Brocken Sex auf dem Billigfuton zustande, und die Männer, die eben noch breitschultrig und selbstbewußt und herbzart ausgesehen hatten, hätten noch dringender einen Dolmetscher in dieser beunruhigenden Sprache gebraucht als sie selbst.
Peer Mertens brauchte wahrscheinlich keinen Dolmetscher, sondern schrie die zwei Sätze, die er konnte, stereotyp keuchend immer wieder gleich hinaus. Aber vielleicht war das auch ein Vorurteil, vielleicht hatte er weiche, warme Hände. Paula wurde sich bewußt, wie sehr sie jedes Detail gegen ihn interpretierte, und sie sah, daß das falsch war. Sie mußte Mertens kennenlernen, leidenschaftslos. Sie mußte hassen, was er getan hatte, aber präzise und behutsam alle Informationen über ihn zusammentragen. Wo wohnte der Schweinehund eigentlich? Präzise, Paula. Behutsam. Sie wälzte die Telefonbücher herüber. Es gab nur einen einzigen Peer Mertens, und es hätte Paula nicht gewundert, wenn “Fahrerflüchtiger” dahintergestanden hätte.
Der kürzeste Weg zwischen Punkt A und Punkt B ist eine gerade Linie, sagte sich Paula. Sie war unterwegs zu einem Kurvenpunkt, einem improvisierten Zwischenstop für Mertens’ Post. Das Haus stand an einer Stelle, die dem Namen “Prenzlauer Berg” Rechnung trug; ein gepflasterter Hügel mit rundgebogenen Straßen, wie abgeschliffen und leergewaschen die Häuser. Der Konsumladen war in einen Edekamarkt umgewandelt worden, vor dem Vietnamesen an die wenigen Passanten geschmuggelte Zigaretten verkauften.
Hier war von dem schillernden Nimbus, den das Viertel in den letzten Jahren bekommen hatte, nicht viel zu spüren. Die Kiezkünstler hatten sich woanders angesiedelt und die Szene-Cafés mit ihren armateurgeschweißten Designertresen auch. Hier war ein Stück Stadt in der Schwebe – die Rückübertragungsansprüche der Alteigentümer noch nicht durchgesetzt, schon jetzt vom Quadratmeterpreis her aggressiv umpokert, jedes einzelne Haus mehr als einmal verkauft, von Architekten durchmessen und von engagierten Yuppies. Die kommunale Wohnverwaltung verwaltete die tote Materie, kassierte die lächerlichen Mieten oder ließ es bleiben. Repariert wurde nur das Nötigste, wenn überhaupt. Die große, korallenrote Eingangstür des Hauses, vor dem Paula jetzt stand, war jedenfalls nicht repariert worden und hing schief in den Angeln. Deshalb konnte sie ganz ungestört zu den Briefkästen. Die zwei übriggeblieben Mieter wohnten ganz oben und ließen sich nie sehen.
Eigentlich phänomenal, dachte Paula, als sie den Kasten mit der Aufschrift “Peer Mertens” aufschloß und die Handvoll Briefe herausnahm. Nichts ist bürokratischer als die Post, und nichts ist fahrlässiger. Letztes Jahr Weihnachten hatte ihre Mutter ihr ein Paket geschickt, das an B. Diercksen adressiert war… “Bubberle”, ein Spitzname, den Paula haßte. Der Postbote hatte sich geweigert, ihr das Paket auszuhändigen. Ihr Personalausweis wies sie nur als Paula Ignatia Diercksen aus, weit und breit kein B. in Sicht, und der Mann wollte wahrscheinlich nicht, daß hier handgebackene Lebkuchen und warme Socken in unberufene Hände kamen. Wenn sie nicht B. Diercksen war, dann war das Paket nicht für sie und basta. Tatsächlich hatte der Bote die ganze Zeit über ihre Schulter in den unaufgeräumten Flur ihrer Wohnung gestarrt, als könnte er jeden Augenblick zwischen der vom Haken gerutschten Barbourjacke, dem Klapprad und den leeren Selterskisten die gemeuchelten Überreste der Zwillingsschwester B. entdecken.
Paula hatte sich die Stimmbänder warmgeschrien an dem Mann, aber genützt hatte es nichts. Immerhin hatte ihre Mutter umgehend den großen Spitznamen-Verzichts-Vertrag unterschrieben, und seitdem hieß sie nur noch Paula. Paula reichte ihr völlig.
Hier allerdings, bei Mertens, war alles ganz simpel gewesen. Sie hatte sich beim Postamt einen Nachsendeantrag geholt. Niemand hatte gefragt wofür. Und mit diesem Nachsendeantrag, unterschrieben mit einem kunstvollen Schnörkel, der ein großes M am Anfang trug, hatte sie Mertens’ Post hierher in den Prenzlauer Berg umgeleitet, in ihren “toten Briefkasten”, den sie gewissenhaft jeden Tag leerte.
Punkt sieben jeden Morgen warf sie die Vortagspost in den praktischerweise von außen zugänglichen Briefkasten an Peer Mertens’ häßlicher Apartmentanlage. Um diese Zeit war Mertens bestimmt noch nicht auf den Beinen. Er hätte sie wahrscheinlich sowieso nur für eine Zettelverteilerin gehalten und nicht geahnt, daß sie all die Kontoauszüge und Rechnungen in seinem Briefkasten gewissenhaft fotokopiert hatte. Paula stürzte sich in Unkosten für Mertens; die Tresenkraft im Copyshop kannte sie schon als Stammkundin.
Am Abend trank Paula ein Glas Sekt auf den wiederverschließbaren Adhäsionsverschluß. Sherlock Holmes hatte die Briefe noch über Wasserdampf geöffnet; heute war man weiter. Unaufhaltsam, der Fortschritt. Paula hatte eine Akte angelegt. PM stand darauf, und so ähnlich hieß auch der süße Sekt, den Paula mit Selbstverachtung hinunterkippte.
Sie zwinkerte der Mertens-Puppe zu, aber die tat so, als sähe sie das nicht.

10
Zack. Matthias hielt den Hörer noch eine Zeitlang in der Hand, rief entgegen aller Gewohnheit nicht nochmal “Paula, warte doch, jetzt lass’ mich doch mal ausreden!” und legte stattdessen ebenfalls auf. Die Telefonate mit Paula gestalteten sich, gelinde gesagt, zusehends schwieriger. Die Kleine machte eine Krise durch, das stand außer Frage. Er seufzte. Wenn von dem wüsten Wirrwarr, den sie da eben erzählt hatte, nur die Hälfte stimmte, dann schlidderte sie gerade in echte Probleme.
Matthias erhob sich schwerfällig und klappte das flotte, anthrazitfarbene Powerbook zu. Das Ding war ein kostspieliges Zugeständnis an die Technologie der Gegenwart. Bei seinen Recherchereisen unentbehrlich, mit Faxmodem und allerhand Schnick und Schnack und in digitaler Hinsicht mindestens so unaufgeräumt wie sein Schreibtisch – zwei Romanfragmente, eine halbe Oper, eine Müllhalde aus Rezensionen längst geschlossener Restaurants, irgendwo aufgeschnappten Bonmots und den mutmaßlichen Geistesblitzen von dieser oder jener Sauftour. Nach dem halben Streit mit Paula war die Konzentration futsch, und Matthias beschloß ohne echtes Bedauern, den Rest des Abends mit einem guten Buch zuzubringen.
Er ging in die Küche und kramte die Lesebrille aus dem Tiefkühlfach. Aaaah….das zischte. Nach einem Tag voller diffizieler schriftstellerischer Arbeit (einem kritischen Vergleich der acht Sushi-Bars, die die Stadt zur Zeit zu bieten hatte) und dem folgenden Smalltalk mit der Exfreundin gab es einfach nichts Besseres, um einen klaren Kopf zu kriegen. Matthias hatte den Trick selbst erfunden und nach zwei Reklamationsfällen beim Trödler eine alte Hornbrille erstanden, die die harsche Abkühlung gutmütig mitmachte und noch nach zwanzig Minuten wohltuende Kühle auf die Schläfen abstrahlte.
Und was hatten wir hier? Hoppla, da war der “Erlkönig” von Michel Tournier doch tatsächlich mit in die Kühlkammer geraten. Matthias brach das tiefgefrorene Buch in der Mitte auseinander und blätterte dann vorsichtig zu der Stelle, die er gerade las:
“Tiffauges nahm sein Roß in Besitz, mit einer Erregung, in der sich der Jubel seines einsamen Herzens mit der Ahnung der großen Taten mischte, die sie miteinander verbringen würden.”
Donnerwetter, Tournier beschwor die letzten Monate des Krieges mit einem düsteren Farbenschwulst, dem die paar Minusgrade sicher ebenso guttaten wie einem Liter Buttermilch.

11.
“Enrico’s” war, der Name ließ das schon vermuten, ein italienisches Restaurant. Und das Essen war ziemlich gut. Meistens zumindest. Manchmal knirschte der Salat ein bißchen sandig, und die Gorgonzolasauce hatte am Rand eine bräunliche Kruste. Dann holte Franco, von den Stammkunden beschimpft, den Padre selbst, und Enrico trat auf wie ein Dorftyrann und blaffte die Nörgler an, daß es krachte. “Wenn Du Salat essen willst, der auf Styropora gewachsen ist, mußt Du drei Häuser weiter gehen, capisce? Bei mir kommt der Salat aus der Erde. Alora, muß ich mir schämen dafür?”
Enricos unverfrorene Art, die Gäste niederzumachen, berechtigte Kritik gnadenlos zu geißeln und selbst die häufig hereinstolzierenden Politikchargen impertinent zu duzen, kam an. Auch wenn böse Zungen behaupteten, in “Klein-Schwabing”, den drei, vier Straßen um den Savignyplatz, könnte man kneipenmäßig gar nichts falsch machen: Enrico war angesagt in Kreisen, die nicht alle zwei Wochen die Stammkneipe wechselten. Jedes Bankangestellten-Jüngelchen kam sich vor wie Mr. Prom, wenn Franco zur Begrüßung nickte und Enrico hinterm Tresen hervorgewatschelt kam, um die Bestellung eigenhändig aufzunehmen und den Gast mit Handschlag begrüßte wie einen guten alten Freund – “Ciao Bello, hast Du Deine Eier mal wieder aus der Wohnung gerollt, hä? Kannst Du Dir das leisten, essen gehen?” Oder, wenn der Gast in männlicher Begleitung war, mit vertraulichem Augenaufschlag: “Und sag mal, Giorgio, die Kleine neulich, lief das? Hä? Ich kann Dir sagen mein Lieber, der halbe Laden hier hat einen Ständer gehabt, als Du die Braut abgeschleppt hast, Mama Madonna!”
Peer Mertens ging hier ein und aus. Enrico war ein bißchen mehr als ein guter Bekannter. Er hatte seine Ohren überall. Wenn irgendein abgehalfterter Altstar seine geschmacklose Jugendstil-Villa dringend abstoßen mußte, um das nächste Lifting bezahlen zu können… dann erfuhr Mertens das als erster. Wenn ein Senatsangestellter seinen hochsubventionierten Neubau aus Steuergründen gern unter Wert vermieten wollte, war Peer mit von der Partie. Und wie durch ein Wunder wußte er immer schon vorher, welche renommierte Steuerberatungspraxis mit einer Zweckentfremdungsklage aus einer der begehrten Kudammseitenstraßen-Mansarden flog.
Enricos Tips waren alles andere als billig. Irgendwie mußte der klobige Testarossa vor der Haustür ja bezahlt werden. Aber Peer hatte bald herausgefunden, daß die kleinen Winke sich rechneten. Wenn Enrico etwas wußte, dann wußte er es sicher. Keine vagen Sachen: Fakten, Daten, Namen.
Als der agile Kneipier ihn heute abend mit einer der üblichen Floskeln begrüßte – “Peerissimo, buon giorno! Hast Du Freigang heute, Gangster?” – legte Peer ihm den Arm um die Schulter und beugte sich dicht an Enricos Ohr. “Enrico, danke für die Hilfe. Wann haben sie dich angerufen?” – “Gestern um fünf, la policia, was hast Du ausgefressen, Peer? Hä?” Enrico lachte schallend. “Deine Alimente nicht bezahlt? Muß Dich ja ein Vermögen kosten!”
Peer wedelte ungeduldig mit der Hand. “Schhhhh. Gar nix habe ich ausgefressen. Es war so, wie Du gesagt hast. Ich war den ganzen Abend hier, und zwischendurch hat irgendwer mein Auto geklaut und Mist gebaut.”
“Muß ja ein großartiger Mist sein, dottore, wenn du dich so aufregst deswegen. Sag mir, wenn ich dir helfen kann, bello.”
Peer drückte Enrico die unangenehm feuchtwarme Rechte. “Ist Darius schon hier?”
Enrico machte mit der Hand am Ohr einen Telefonhörer nach. “Immer parlare, parlare. Da drüben!”
Peer schob den Italiener sanft beiseite und drängte sich durch die eng gestellten Tischchen zu der umlaufenden Bank aus grünem Leder, wo Darius tatsächlich saß und telefonierte. Der Anwalt hatte den Blick einer Eidechse, schnell, aber teilnahmslos, und begrüßte Peer mit einem fast unmerklichen Nicken. Peer setzte sich. Darius hörte noch zwanzig, dreißig Sekunden der Stimme im Hörer zu, dann verabschiedete er sich mit einem knappen “Wir werden sehen. Ich melde mich.”.
Die beiden Freunde sahen sich an. Darius hob eine Augenbraue; für einen Mann mit der Mimik eines Buster Keaton eine geradezu gewagte Gefühlsäußerung. Peer seufzte.
“Danke, Darius. Das war schnell geschaltet gestern.” Darius wischte den Dank mit einer Handbewegung beiseite, ein krasses Gegenstück zur ausufernden Gestik des Italieners.
“Das war selbstverständlich. Mehr Sorgen macht mir die eine oder andere Kleinigkeit. Mögliche Zeugen von der Kreuzung… ” –
“Dieser Bulle, Harrer” – Darius schüttelte sanft den Kopf.
“Ein Halbrentner. Eine Schnapsnase. Vergiß den. Nein, Peer, Probleme sehe ich vor allem in der Tatsache, daß Dein Telefon verschwunden ist. Da stimmt was nicht. Du hattest gerade mit Hasso telefoniert, als Dir Dein… Malheur passierte. Ich habe mit ihm gesprochen… das Gespräch war nicht abrupt weg. Zwischendurch meldete sich noch ein Fräulein vom Amt und fragte nach der soeben gewählten Telefonnummer.”
“Was?!” Peer fuhr von seinem Stuhl auf. “Wo gibts denn sowas? Können die das machen, diese Flachwichser von der Telekom? Datenschutz ist bei denen ein Fremdwort oder was? Das ist ja wie –”
Darius hob die linke, die die ganze Zeit reglos auf dem Tisch gelegen hatte.
“Das ist keine Verletzung des Datenschutzes, Peer, das ist nicht möglich. Es GIBT keine Handvermittlungsstelle im D-Netz.”
Peer antwortete nicht, er starrte seinen Gegenüber nur verdutzt an.
“Und … Hasso ist nicht gerade ein Schnellmerker. Bei der Telefonabwimmelei dieses Bullen gestern hat er zwar prima mitgespielt, aber als die Frau am Telefon ihn nach deiner Nummer fragte, hat er keine Sekunde überlegt, sondern ruckzuck alles ausgeplaudert.”
Peer verzog das Gesicht zu einer grimmigen Grimasse. Darius zählte die Finger seiner rechten Hand.
“Vielleicht ist das nur irgendeine Spinnerin, die jetzt Dein Handy in der Handtasche spazieren trägt und das Ding auf dem nächsten Flohmarkt verkauft. Aber wir müssen aufpassen, Peer. Autodiebe telefonieren nicht mit Deinen Freunden. Sie hat den einzigen Beweis dafür, daß Du selbst am Steuer gesessen hast. Auch wenn da notfalls ihre Aussage gegen unsere steht. Und: Das Mädel scheint clever zu sein, sonst hätte sie Hasso nicht so ausgetrickst. Würde mich nicht wundern, wenn Da noch was nachkommt.”
Peer rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.
“Geld?”
Darius nickte vorsichtig.
“Erpressung. Möglicherweise. Vielleicht will sie ein Stückchen von Deinem kleinen Spielzeug abhaben”, Darius deutete mit dem Daumen nach rechts zum Schaufenster, durch das der in zweiter Reihe geparkte Jaguar gut zu sehen war, “vielleicht will sie aber auch….” Darius sah sich sanft um, und Peer beendete seinen Satz:
“Ärger.”
Darius nickte.

12.
Sieben Tage nach dem Unfall – nach dem “Mord”, Paula kannte gar kein anderes Wort dafür – war in Mertens’ Post eine Rechnung vom “Wunderbaren Waschsalon”. Für den Monat Januar wurden vier montägliche Abholungen, Sortieren, Waschen und Anliefern in Rechnung gestellt. Deutlich dreistellig. Paula seufzte. So waren sie alle, diese Existenzgründer. Niemand machte mehr so etwas Lapidares wie eine Kneipe auf. Es mußte etwas Originelles sein. Eine Notfallbibliothek für plötzliches nächtliches Wachbleiben, die einem die gerade angesagte Bestsellerliste innerhalb von zwölf Minuten ans Bett lieferte (innerhalb des Berliner Rings, Umland auf Anfrage, Fachliteratur nur mit Vorbestellung, Erotica gegen Altersnachweis). Die fliegende Märchentante. Die Nacktputzjungs der Romeo Cleaners. Das meiste war ein klarer Rückfall in den Feudalismus, irgendein sinnloser Luxusschnickschnack für die nullkommazwei Prozent, die nicht aufs Geld sehen mußten. Wer ließ heute noch seine Wäsche abholen, waschen, trocknen und bügeln? Paula schnaubte verächtlich; Matthias hätte sich amüsiert über ihr gelegentlich aufflackerndes Revoluzzertum. Wenn man die Kundenkartei des “Wunderbaren Waschsalons” nach der Revolution an die Wand stellte: Es wären garantiert keine Unschuldigen darunter.
Die Mertens-Puppe schwieg, das war auch besser so. Paula schrieb ein formloses, arrogantes Kärtchen, vorne war irgendein moderner Ramsch abgebildet, postmoderne New Yorker Architektur. Hinten schrieb sie: “Jungs, ich muß nach Nassau, B. – sechs Wochen Pause also. Nächste Abholung Anfang April. Mertens”.
Das war ganz genau der Tonfall, den die Streblinge vom “Wunderbaren Waschsalon” gerne hörten; businesslike, kumpelhaft, cool. Paula zwinkerte der Mertens-Puppe zu und kramte die Baseballkappe aus der Eckbank. Ab sofort würde SIE Mertens’ Dreckwääsche abholen. Mal sehen, was in den Taschen war. Mal sehen, was man hineinlegen konnte. Hoffentlich war ihr Toplader den Armanijackets gewachsen. Das Ding war Baujahr zwölf vor Megaperls….

13.
Der Leguan war sauer. Die Kleine war zuviel auf Achse in den letzten Tagen, entschieden zuviel auf Achse. Früher hatte sie die Abende allein Zuhause verbracht, war nackt in der Wohnung rumgerannt oder hatte eine ganze Flasche Weißwein gesoffen und beim Aufstehen das Bücherregal umgeschmissen. Das war Klasse gewesen. Manchmal hatte sie einen Typen mitgebracht, und sie hatten bei offenem Fenster gebumst – aber auch wenn es eigentlich das war, was der Leguan sehen wollte, hatte ihn dieses verschwitzte Gegrabbel eher abgeturnt. Vielleicht war er auch einfach eifersüchtig. Am wohlsten fühlte er sich, wenn die Kleine einfach nur auf ihrem komischen Messinggestellbett lag, ein bißchen las, zwischendurch telefonierte oder ein bißchen, nie sehr lange, fernsah. Manchmal war mit alldem einfach Schluß, dann lag sie da, starrte an die Decke, hörte auf das Gesumme von draußen, machte nichts und rührte sich nicht und war trotzdem wach und da. Vielleicht ahnte sie in diesen seltenen Momenten, daß er hier drüben im Dunkeln am Fenster stand, der Leguan, der Gecko an der Decke. Daß er mit seinen Netzaugen die vorbeirasenden Wolken in Graustufenfelder zerlegte, daß seine schnelle schnelle Zunge witsch witsch eine vorbeidösende Fliege mitnahm, bevor der Blick wieder reglos, kalt auf dem hell erleuchteten Rechteck ruhte. Daß er sie liebte in diesen Momenten. Liebte ohne jeden Vorbehalt, ohne den Wunsch, die sechs, sieben Meter zwischen ihnen jemals zu überbrücken, sich jemals zu zeigen, jemals mehr zu ihr zu sprechen als das zögernde “War der Briefträger schon da?”, den Vier-Worte-Satz voller Angst, mit dem Rücken an der Wand, mit schwitzenden Händen und einer wirklich leguanwürdigen Errektion am Briefkasten unten im Flur im März letztes Jahr als die Sonne schon so brannte und der Eisverkäufer nebenan seine Schilder bemalte –

14.
Samstag früh besah Harrer sein unrasiertes Gesicht im Badezimmerspiegel der ofengeheizten Wohnung in der Bautzener Straße. Seitdem Leonore gestorben war — immerhin, anderen Bullen liefen die Frauen weg in diesem Alter! — hatte das sonnige Dreizimmerglück mit Blick auf die Gleisanlagen an der Yorckstraße fast etwas Großzügiges. Und mit Leonores relativ plötzlichem Abtauchen keine fünfzehn Meter vor der Hundebadestelle im Grunewaldsee machte ihm auch niemand mehr Vorschriften, und Harrer konnte den lieben langen Samstagvormittag im Unterhemd am Frühstückstisch herumhängen, noch eine Kanne Kaffee brauen und mit den Guppies sprechen. Nur ganz leise natürlich; die Nachbarn sollten nicht hören, welche traurige kleine Marotte ihr häuslicher Sicherheitsgarant, der Kriminale aus dem dritten Stock, da entwickelt hatte. Angefangen hatte das auch erst nach Leonores Tod; schon vorher war er gewohnt gewesen, auf ihre aus der Küche herübergerufenen Vorhaltungen seine kleinen Geschichten zu erzählen, seine verschachtelten kleinen Erklärungen; schon damals meist mit dem Blick auf das sehr gepflegte Aquarium.
Nicht, daß er Leonore nicht gemocht hätte. Sie waren ein eingespieltes Team gewesen, die kleine dürre Ostpreußin und er. Sie hatte sein Erscheinungsbild, seine Tischmanieren und seine Gleichgültigkeit den nachbarlichen Geschehnissen gegenüber getadelt … und ihn liebevoll belächelt, wenn er wieder vor dem Fernseher eingeschlafen war. Er war ihr Fels in der Brandung gewesen, ihr Schutzwall und ihr Kohlenschlepper. Er selbst hatte sie still verehrt, eine Zeitlang zumindest. Ihre Kritik gab ihm das sichere Bewußtsein, nie als der Neandertaler zum Dienstbeginn zu erscheinen, als der er sich im Grunde fühlte. Manchmal hatte er nachts seine große klobige Polizistenpranke neben ihren kleinen Kopf auf das Kopfkissen gelegt und ein paar Viertelstunden lang daran gezweifelt, daß sie überhaupt zur gleichen Gattung gehörten. Einmal war sie dabei erwacht, als er erstaunt seine rechte Hand betrachtete wie das eben ausgegrabene Schlüsselbein eines gigantischen Urtiers, und sie hatte ihre kleine Stirn in kleine Falten gelegt und gesagt:
“Verschweigst Du mir was, Harrer? Hast Du einen umgelegt?”
Aber er hatte keinen umgelegt, noch nie. Und sonderlich viel verschwiegen hatte er ihr auch nie. Vielleicht die taube Langeweile in seinen letzten Dienstjahren; aber wenn die Wohnungstür vor ihm aufgegangen war und er in der kleinen Dreizimmerwohnung eine kalte Flasche Bier aus dem Kühlschrank geholt hatte, war die Langeweile weg gewesen und es hatte nur noch Frieden geherrscht.
Auf eine etwas verwirrte Art und Weise herrschte dieser Frieden noch immer, dabei war Eleonore schon ein paar Jahre tot. Ein plötzlicher und schmerzloser Hirnschlag an einem harmlosen Badenachmittag im Mai; sie war tot gewesen, bevor sie ertrinken konnte. Und für Harrer hatte sich nicht viel verändert außer seinen Eßgewohnheiten; aber die Jahre der Völlerei hatte er sowieso schon hinter sich, also wurde er auch nicht mehr wesentlich fetter, als er schon war. Die Guppies bekamen mehr zu hören als früher, aber die Guppies waren verschwiegene kleine Kerle und bildeten sich auch nichts darauf ein.
Harrer warf noch einen langen Blick auf das unrasierte Gesicht im Badezimmerspiegel. Er sah tatsächlich ein bißchen aus wie Michel Piccoli, der neuerdings immer die alten Bullen spielte, denen die blutjungen achtzehnjährigen Punkerinnen zuliefen. Er selbst hatte in dieser Hinsicht keinerlei Ehrgeiz. Für ihn sah sein Gesicht aus wie das eines stinknormalen, etwas ironischer blickenden Rentners. Vielleicht von der Nase mal abgesehen, die einen zu forschen Unterton ins Spiel brachte, der von seiner reservierten Art zu sprechen und dem ganzen Rest nicht bestätigt wurde. Dabei war die Nase gerade der Grund, warum er seit einem halben Jahr jederzeit den Dienst quittieren und seinen albernen Urlaubstraum von der eigenen kleinen Finca auf Mallorca realisieren konnte. Der Chef — nicht “der” Chef, irgendein Chef, der elfte in den vielen Jahren, und natürlich gut zwanzig Jahre jünger als er selbst — hatte durchblicken lassen, daß Harrers Nase, gut angewachsen oder nicht, ein prima Vorwand sein könnte für eine vorzeitige Pensionierung bei vollen Bezügen. Er hatte ihm die Kündigung nicht unbedingt nahegelegt, aber hinter der sachlich-argumentativen Fassade hatte sich doch ein milder Vorwurf verborgen, ein diffuses “Sei kein Depp, Harrer, schmeiß den Kram hin, Du bist eh zu alt für unsere neuen Methoden”. Der Chef war ein großer Freund von molekularbiologischen Nachweisen, genetischen Fingerabdrücken und Computersprachanalysen. Er hatte bei Amtantritt den altgedienten Schreibtisch aus seinem Büro bringen lassen und durch eine futuristische Mischung aus Computerterminal und Laboratorium ersetzen lassen. Zwischen Monitoren und Mikroskopen thronte er jetzt wie ein Frauenarzt, und triviale Beweismittel wie eine Stichwunde oder ein simples Geständnis enttäuschten ihn maßlos.
Im Grunde konnte Harrer also von einem Tag auf den anderen alles stehen und liegen lassen und sich noch zehn, zwölf schöne Jahre machen. Und sein nachsichtiger Blick in den Badezimmerspiegel ließ ihn auch glattweg als mallorquinischen Bauern durchgehen. Irgendwo abseits des Gedränges an den großen Stränden könnte er sich eine Finca kaufen. Irgendwo im Hinterland würde er den ganzen Tag auf der Veranda sitzen, seinen fünf, sechs Schafen beim Weiden zusehen und sich abends damit abmühen, schweres, öliges Olivenholz im alten gemauerten Feldsteinkamin zu verbrennen. Die Tage würden lang werden und heiß. Wenn Sonntags in Sa Pobla Markt wäre, würde er in einem alten, grauen Cortina hinüberfahren, ein paar Kürbisstecklinge kaufen oder eine Kiste Artischocken, die nirgendwo besser wuchsen als unterhalb der Höhlen von Campanet, wo die Erde rot und krumig war. Er würde jeden Abend eine Flasche billigen Roten trinken und jeden Morgen ein paar Tassen schwarzen, starken Kaffee. Er würde fünf Scheiben Brot mit Butter bestreichen und mit Knoblauch belegen, der neben dem Misthaufen im Olivenhain wuchs. Das Geld würde allemal reichen für das kleine Haus ohne Swimmingpool und Telefon, und wenn ihn der Hafer stach, würde er seinen grauen Anzug anziehen und nach Pollensa fahren und im Café Español mit den anderen alten Männern eine Runde was auch immer spielen. Er würde schon noch herauskriegen, was sie dort unten spielten, und der Spanischkurs lag auf seinem Nachttisch.
Andererseits hatte Leonores Gründlichkeit in häuslichen Dingen ein bißchen auf ihn abgefärbt. Seine Dahingeschiedene wäre nie in Urlaub gefahren, auch nicht in einen lebenslangen, wenn noch Suppenreste im Kühlschrank waren. Und auch wenn die “Fälle” der letzten paar Jahre ihn nicht auf die Titelseiten der Bildzeitung gebracht hatten: einer oder zwei waren dabeigewesen, die Harrer nicht so ohne weiteres an irgendeinen jungen Nachfolger hätte weitergeben wollen. Diese vertrackte Geschichte mit der Fahrerflucht von Peer Mertens gehörte definitiv dazu. Mertens war entschieden zu fickrig für einen abgebrühten Burschen wie ihn, und sein verchromtes Selbstbewußtsein standen in einem komischen Gegensatz zu der Tatsache, daß ihm aus irgendwelchen mysteriösen Gründen der Arsch auf Grundeis ging. Harrer hob seine beiden wuchtigen Hände mit ins Spiegelbild und warf einen leidenschaftslosen Blick rüber zu den Guppies. “Der Bursche war’s, aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Würd’ mich nicht wundern, wenn da noch ganz andere Sächelchen zutage kommen, liebe Gemeinde.” Die liebe Gemeinde, sieben Guppies, ein arroganter und vereinsamter Skalar und zwei ziemlich bösartige Black Mollies (eigentlich waren es nämlich neun Guppies gewesen) — die liebe Gemeinde ließ die Predigt unbeeindruckt über sich ergehen. Von Harrer hatte man schon ganz andere Prognosen gehört, und beileibe nicht jede war in Erfüllung gegangen.

15.
In der Nacht zu Mittwoch versagte die Heizung. Das heißt: sie versagte nicht, sie ließ sich nur nicht mehr regulieren. Das Raumthermostat - oder hieß es DER Thermostat? – das Mistding jedenfalls schien es ganz persönlich auf Peer abgesehen zu haben, und wie die Dinge lagen, war Peer jederzeit bereit, das als weiteren Beweis für seine Verschwörungstheorie zu werten. Ein paar wütende Umdrehungen mit der Rohrzange brachten nichts als eine Pfütze auf dem Küchenboden; bei der Hausverwaltung ging um diese Zeit niemand mehr ans Telefon. Das versprach eine heiße Nacht zu werden. Im Kühlschrank war Bier, sechs dunkelgrüne schlanke kalte Flaschen. Nach vier Flaschen döste Mertens auf dem Sofa ein; das Fiepen des Telefons riß ihn aus dem verschwitzten Halbschlaf.
“Hallo.”
Knacken in der Leitung, eine kaum zu verstehende, hohe Stimme in sehr großer Ferne. Atmoshärisches Rauschen - dafür jagen wir alle zwei Wochen einen Satelliten hoch, dachte Peer.
“Mea tan? Mea tan?”
“Ja, hier Mertens, verdammt nochmal. Wer spricht denn da? Hallo? Hallo!”
Die Verbindung brach ab. Das Rauschen hielt noch eine Zeitlang an, dann verstummte auch das.
Knurrend klappte Mertens den kabellosen Hörer zusammen.
Er stand mit der Zahnbürste im Mund im Bad, als der nächste Anruf kam. Die Uhr im Flur zeigte Eins.
“Hrr?”
“Mea tan?” – Eine andere Stimme, wieder der helle, jugendliche Singsang. Ein Kind. Es plapperte fröhlich drauflos. Peer versuchte es mit englisch.
“Who are you? Where are you? What do you want from me?”
Das Kind lachte. Japanisch, das mußte Japanisch sein. Peer legte auf, aber das Telefon gab gleich wieder sein sirrendes, zwitscherndes Geräusch von sich. Ein anderes Kind. Peer legte auf, ohne sich auch nur das erste “Mea tan” angehört zu haben. Er legte sich in der Hose, mit nacktem Oberkörper, aufs Bett und schloß die Augen unter dem pochenden Schädel. Die Hitze war unerträglich. Peer lief der Schweiß über die Schläfen, die Brust und die zu stark behaarten Schulterblätter. Die Balkontür stand weit offen, es war der erste März und empfindlich kalt draußen, aber gegen die muffige Schwüle kam der Durchzug nicht an. Das Telefon bimmelte, Peer klappte den Hörer nur auf und gleich wieder zu. Er döste weg in einen Traum aus bimmelnden Telefonen und Kinderstimmen, die ihm aufgeregt etwas erzählen wollten. Er sah diese Kindergesichter, blasse, mit ihren großen Augen, in denen Tränen schimmerten. Als das Telefon das nächste Mal Alarm machte, rappelte er sich nur kurz auf, um den Stecker des Netzteils aus der Wandsteckdose zu zerren. Das Zwitschern erstarb.
“Wahrscheinlich ein Hiroshima-Gedenktag”, murmelte Peer, “sie haben sich ein europäisches Telefonbuch kommen lassen und telefonieren alle ab mit ihrer Friedensbotschaft.”
Das Telefon blieb ruhig diese Nacht, aber Mertens’ Traum ging weiter.

“In dieser Nacht hatten die Kinder Tokios beim Einschlafen nur einen Gedanken”, erklärte Paula der Mertens-Puppe. Die Mertens-Puppe starrte an die Wand und schien beleidigt zu sein. Ihre Blinkanzeige hatte schon lange nicht mehr geblinkt. “Gleich am nächsten Morgen wollten sie Mea Tan anrufen. Sie hatten die komische lange Telefonnummer als Kleinanzeige auf der Kinderseite der abendlichen Tokyo Shibun gelesen. Ein trauriges weißes Kind namens Mea Tan wünschte sich Telefonfreunde im fernen Japan. Es war blind und einsam und ohne Eltern und ohne Freunde. Und fünfhundert kleine Japanerkinder riefen gleich morgens vor der Schule an… nach unserer Zeitrechnung…. ”, Paula legte die Stirn in Falten, “halb eins nachts!”
Die Mertens-Puppe schwieg.
“Die andere Kleinanzeige war kommerziell und kostete zwölf Dollar per Barscheck. Kannst Du Dir vorstellen, wie groß die Resonanz sein wird? ‘Europäischer Neo-Barock, 174, 21, 102-62-96, blond, wartet auf Vorschläge zur Abendgestaltung.’ Wuuiih! Wenn Du mich fragst, Mertens…. das wird der Knaller schlechthin in Mexiko City. Die werden den ganzen Vormittag anrufen, die Mexe… was man bei denen so vormittag nennt… so ab drei, vier Uhr nachts vielleicht…”
Paula blätterte weiter durch einen Stapel mit Fotokopien.
“Verschenke Skateboard… in Norwegen… suche Katze…. Brieftasche gefunden… auch nicht schlecht!”
Sie kicherte.
“Das hier ist wirklich gut, hör mal zu: ‘In den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts zeugte der unlängst in seinem politischen Amt in Berlin verschiedene Earl of Brunswick-Tottenham mit der bürgerlichen verheirateten Mrs. Carroll ein Kind, das derzeit zwischen dreißig und vierzig Jahre alt sein muß. Da der Earl zeitlebens die Vaterschaft nicht anerkannte, ist es denkbar, daß das Kind in Unkenntnis seines tatsächlichen Namens unter dem Namen Carroll lebt. Angesichts der profunden Ausmaße des Erbes ergeht an alle infrage kommenden Personen die Aufforderung, sich umgehend unter der folgenden Telefonnummer auf eine Prüfliste setzen zu lassen.’”
Paula lachte schallend. Die Mertens-Puppe schwieg.
“Der gute, alte Earl! Starker Tobak, wenn Du mich fragst. Aber die Briten sollen ja in Erbschaftsdingen sehr hartnäckig sein…”

16.
Die Sauna Heerstraße hatte einen vierstelligen Scheck auf Mertens’ Konto abgebucht. Soviel Geld gab nur jemand aus, der regelmäßig hinging, und Paula beschloß, auch regelmäßig hinzugehen. Ab sofort. In den Wintermonaten fütterte sie ihren inneren Schweinehund sowieso viel zu sehr mit Kakao und Keksen; ein bißchen Entgiftung war allemal angesagt.
Einer wie Mertens würde am Abend dort sein, nach dem Bürostress und einer flotten Runde Squash. Er würde seinen Jaguar für alle sichtbar ins Parkverbot stellen und hätte eine feste Spindnummer, die was hermachte… die 111.
“Irgendwelche Wünsche?” fragte die gelangweilte Studentin am Empfang, und Paula antwortete auf gut Glück:
“’N Schrank über Hundert!”. Sie bekam die 108 und stieg die enge Treppe runter zu den Umkleiden.
Gemessen an den anderen Saunen, den Thermen im Europacenter zum Beispiel, war die Heerstraße harmlos. Keine sonderliche Anmache, keine Spanner, keine Frischverliebten, die im Tauchbecken bumsten, bis der Bademeister sie rauswarf. Viel älteres Stammpublikum, das sich mit einer fettleibigen Gelassenheit begrüßte –
“Kutte hat seinen Alabasterkörper auch mal wieder herbemüht. He Kutte, wennste so weitermachst, haste den Job.”
“Welchen Job?”, fragte Kutte scheinheilig.
“Na den Werbejob für die Enthaarungscreme. Gibts den eigentlich keine saunafesten Toupeés, Himmelherrgott nochmal?” Freundlicher Spott herrschte. Ein Einbeiniger kam herein.
“Mensch Hermann, wo haste denn Dein anderes Been gelassen?”
“Ich war Tanzen jestern, da isses wohl stehengeblieben beim Nachhausegehn.”
Paula stieg aus den Klamotten, besah sich einen Moment gleichgültig im bronzebraun getönten Wandspiegel und registrierte nachsichtig die verhalten wohlwollenden Blicke zweier Siebzigjähriger. Oben stellte sie sich eine halbe Stunde lang unter die brühendheiße Dusche, bis sogar ihre Ohren schrumpelig wurden von Wasser und Seife. Dann drehte sie das Wasser ohne jeden Übergang auf eiskalt und japste begeistert nach Luft.
In der 110-Grad-Sauna war der Bär los. Das gesamte Stammpublikum, bestimmt fünfzehn bräunungsbankverbrannte, aufgeschwemmte Körper quetschten sich Arschbacke an Arschbacke auf den Holzbänken und machten einen Wodka-Aufguß, daß Paula schon vom Zusehen ganz schwummrig wurde. Man konnte das schwerkalibrige Berlinern schon hier draußen auf dem Gang hören, so ein Remmidemmi machten die Brüder. Es wurde vom Krieg erzählt und von der Parkraumbewirtschaftung, die dafür gesorgt hatte, daß das Parken in Berlins Innenstadt pro Stunde vier Mark kostete. Paula schmunzelte. Ihretwegen konnte das Parken pro Stunde zwanzig Mark kosten. Sauna-Interna machten die Runde… wie Dieter neulich die Makrelen versengt hatte, die Hermann zum Grillen mitgebracht hatte. Und daß Gisela momentan pausierte… wegen der Liftingnarben.
Paula ging rüber in die Hundertersauna, die leer war. Sie streckte sich auf der langen Holzbank und fühlte, wie feiner Schweiß aus den Poren trat, der Horror des Abends auf der Kreuzung, die Wut, das Wachliegen, das verrückte Fiebern ihres Hungers nach Rache. Der ganze Stress floß in Strömen an ihr runter, und Paula schickte noch ein paar Krokodilstränen hinterher. Sie hatte eine Gänsehaut bei hundert Grad im Schatten. Dann wurde ihr schwindelig, und sie ging raus und ließ sich ohne vorheriges Abduschen, Paragraph 4 der Saunaordnung, in den fünf Grad kalten Pool fallen. Das war kalt. Als sie bibbernd die noch kältere Stahlleiter hochkletterte, trabte Peer Mertens vorbei, bekleidet mit irgendeinem amerikanischen Börsenblättchen, das er unter die rechte Achsel geklemmt hatte. Paula griff sich ihr Handtuch von der Bank und folgte ihm ohne allzu große Sorge, daß der Makler ihren krebsroten Körper mit der gesichtslosen Interessentin der letzten Woche in Zusammenhang bringen würde.
Mertens war ein Saunaprofi. Mitten im Wodkadunst, und natürlich hatte er Paula zielstrebig in die Hundertzehner gelotst, breitete er ein feinfloriges Hermés-Handtuch aus und registierte nichtmal, wie das Fußvolk ihm Platz machte. Paula machte sich in einer Ecke klein und versuchte, die zentnerschwere Fregatte neben sich nicht zu berühren. Sie tat entspannt und studierte die Gesichter. Die meisten Leute legten mit den Kleidern ihren Habitus nicht ab, sondern stolzierten hier noch ebenso aufgeblasen durch die rutschglatten Gänge, als hätten sie den sündteuren Daniel-Hechter-Zwölfreiher noch an. Und dem Stolzieren nach hing allerhand Designergeschnipsel in den Spindkästen. Paula entschiedt sich, ohne die wenigen Frauen mitzurechnen, für ein klares Fiftyfifty-Verhältnis: Fünfzig Prozent fragwürdige, aufgedunsene Mittelstands-Existenzen – also Autohändler, Bräunungsstudioeinrichter, Automatenaufsteller, Vertretercoaches. IQ unter hundert, aber bauernschlau, zu Geld gekommen, aber ohne Geschmack.
Die anderen fünfzig Prozent – und zu denen gehörte Mertens: semikriminelles Kroppzeug. Boxpromoter, Kripobeamte, Barbesitzer, Karatelehrer, Makler, die früher mal Türsteher gewesen waren. IQ über hundert, aber zu geldgierig für echten Stil; gutaussehend, wenn man einen Hang zum Bulldoggenkinn und tätowierten Unterarmen hatte… aber finanziell auf wackligen Beinen. Knallharte Burschen, die sich selbst für knallharte Burschen hielten und deshalb ziemlich vorausberechenbar waren.
Mertens machte sich breit, verteilte herausfordernde Blicke, prüfte mit ein paar routiniert wirkenden Augenbewegungen Paulas Brüste, ihren für ihn nicht sichtbaren Hintern und ihre schweißglänzende untere Bauchhälfte. Das Ergebnis schien nicht sonderlich spektakulär zu sein, der Blick in die Augen, den Paula gespannter erwartet hatte als die vorhergegangene Vermessungsarbeit, blieb aus. Außerdem kamen jetzt auch noch zwei weitere Frauen in den überfüllten Raum, und die sahen ganz fraglos klasse aus und waren sich dessen bewußt. Paula grinste unwillkürlich; die Hausbesetzer-Reminiszenzen schienen sie seit ein paar Tagen zu begleiten. Das war Barbara mit, nun ja, einer neuen Eroberung. Barbara hatte im Weddinger Besetzerrat den wohlwollenden Spitznamen “Barbarella” gehabt, und in ihrem weltraumsilbernen Lederoverall war sie der Star jeder Demo gewesen. Sie war die Streetfighter-Amazone gewesen, die chromglänzende Furie. Der erste Stein war immer von ihr geworfen worden. Und nie aus Angst. Ganze Legionen von Jungbullen waren, angelockt wie die sprichwörtlichen Motten vom Licht, unter ihren professionellen Eiertritten in die Knie gegangen. Sie hatten sie nie gekriegt. Barbarella war vom “Spiegel” interviewt worden und von der “Frankfurter Rundschau”, und eine Zeitlang war sie die Vorzeige-Lesbe der Szene, umgeben von einem ganzen Hofstaat höriger Punkerinnen, schüchterner Landpomeranzen und ein, zwei iritierten Lehrerinnen. Paula hatte nie mit ihr persönlich zu tun gehabt, aber gesehen hatte sie sie oft.
Barbara war auch heute noch eine langmähnige Powerfrau, und ihre attraktive Begleitung sah aus wie Cindy Crawfords dümmere Schwester. Mertens legte sein siegessicherstes Lächeln auf und ließ sein Hermés-Tüchlein wie unbeabsichtigt etwas mehr von den Lenden gleiten, um seinem Fortpflanzungswerkzeug ebenfalls einen Blick auf die Wonnen der Zukunft zu gönnen. Das Werkzeug wurde von Vorfreude erfüllt, und Mertens zog den Vorhang wieder zu.
Barbara – hierin Mertens nicht mal so unähnlich – ließ ihrerseits einen prüfenden Blick auf Paula ruhen, und das Ergebnis schien deutlich positiver auszufallen als bei Peer. Paula seufzte. Vielleicht würde sie sich doch eine gutsituierte Mäzenin suchen müssen; die Damen schienen von ihrer blassen Langgliedrigkeit weit weniger abgeschreckt zu sein als der Beschützerinstinkt mancher Männer. Sie stand auf und fühlte beim Verlassen der Kabine Barbarellas Blick auf ihrem Hintern, während Mertens, daran gab es keinen Zweifel, nur Augen für die kosmische Lesbe hatte.
Im Tauchbecken hatte sie die Idee; man muß improvisieren können. Eigentlich hatte sie Mertens nur kennenlernen, sehen, taxieren wollen. Aber die Gelegenheit war einfach zu günstig, und vielleicht, Paula wischte den Gedanken ruckzuck wieder beiseite, vielleicht war sie ja auch ein bißchen eingeschnappt, weil er andere Ärsche interessanter fand als ihren. Unsinn! Die Bedienung in der zillefizierten Grillbar (überall hingen ganz passable Drucke des Berliner Hinterhofzeichners) lieh ihr einen Kuli und einen Block. Paula schlürfte einen frischgepressten Grapefruitsaft mit Mineralwasser - offenbar die Spezialität des Hauses, “Pampelwasser” – und schrieb ein paar inspirierte Zeilen.
“Lust auf eine kleine Spritztour in meinem Jaguar? Ich bin der Hirsch mit dem goldenen Handtuch. Deine kleine Schwester kann auch gern mitkommen – vielleicht wird ja ein Dreisitzer daraus!”
Barbarellas Kulturbeutel sah aus wie ein Fünfziger-Jahre-Ufo und war insofern nicht zu verfehlen. Paula ließ das Zettelchen hineinrutschen und ging ein halbes Stündchen in den Ruheraum. Irgendwann war auch dort die Ruhe vorbei. Gegen Neun drangen ungewohnte Geräusche in den ersten Stock. Ganz offensichtlich hatte Barbara das Angebot in die Finger bekommen, als sie mit Cindy zur Endreinigung schritt. Und Mertens’ goldenes Handtuch hätte ihm momentan nicht mal geholfen, wenn es aus Edelstahl gewesen wäre. Er wurde langgemacht, daß es eine Freude war. Barbarella schien Mertens unter der Kaltwasserdusche erdrosseln zu wollen, besann sich aber dann doch eines Besseren und prügelte den Verblüfften durch die Dampfsauna ins Freie, wo der Makler nach reichlich unbeholfener Gegenwehr mit einem letzten gezielten Karatehieb ins Planschbecken befördert wurde. Paula stand ganz nah neben Cindy in der Menge der fassungslosen Zuschauer. Als draußen die Sirenen zu hören waren – offenbar hatte Dieter aus Angst um seine Einrichtung die Polizei gerufen – pfiff Barbarella gellend auf den Fingern, und Cindy kam angehoppelt wie eine gelehrige Gazelle, war mit ihrer Beschützerin mit ein paar Sätzen auf der gemauerten Umrandung der Liegewiese und verschwand mit einem Sprung in der Nacht.
“S-s-so kommen die nicht weit”, japste Kutte in einer Mischung aus bürgerlicher Empörung und sexueller Verzückung, “nackt im Februar!”. Aber da hörte man draußen auch schon das wütende Wummern eines Motorrads – hatte Barbarella den Zündschlüssel um den Hals gehabt? – und Paula wünschte sich, daß die beiden Amazonen wenigsten Helme trugen.

17.
Die Freundin der Freundin einer guten Bekannten kannte eine Mitarbeiterin der Werbeagentur von Elvira Brinck, und deshalb durfte Paula zum Personalverkauf im Hause Brinck, obwohl sie gar nicht zum Personal und nicht eigentlich zur Werbeagentur gehörte. Gegen das, was hier im siebten Stock des Ullstein-Hauses abging, war der Auftakt des Schlußverkaufs auf dem Tauentzien ein Kaffeekränzchen. Rund zweihundert Lehrerinnen, Exlehrerinnen und sonstige Vertreterinnen der einprägenden Berufe probierten sich durch ein spektakuläres Konglomerat aus der Vorjahreskollektion, ein paar nicht realisierten Modellkleidern und einem diffusen Bodensatz aus Flops und Schnäppchen. Paula hatte den Rummel eine gute Stunde mitgemacht und griff sich schließlich einen straighten Kurzmantel aus einer dackelfarbenen Lammwolle/Viskosemischung, der irgendwie was Englisches hatte. Gab ihrem ohnehin ziemlich maskulinen Körper etwas Respektheischendes, eine Art harte Kontur, einen “definierten Shape”, wie Elvira Brinck, die der Veranstaltung höchstselbst beiwohnte, mit vollem Mund anmerkte. Elvira machte eine Phase intensiver Messevorbereitung, innerer Reinigung und relativ wahllosen Rohkostverzehrs durch und sah die Welt durch den präzisen Blick umfassender Ernüchterung. Paula gefiel die Vorstellung eines definierten Shapes. Oder war “Shape” englisch und hieß “Rasur”? Ganz egal, der Mantel war seine hundert Mark allemal wert.
Die Verkäuferin in dem menschenleeren Rewe-Geschäft an der Ecke von Mertens’ Straße hatte jedenfalls auch nur Augen für den Mantel, als Paula an diesem unverhofft grellsonnigen Dienstag den Laden betrat. Paula zückte mit einer routinierten Geste einen Ausweis, der ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Freunde des Museums Robert-Houdin, Blois, bezeugte. Der Ausweis war im Eintrittsgeld enthalten gewesen seinerzeit beim Klassenausflug und hatte etwas ungemein Amtliches.
“Sonderkommission OV. Frau Schlechterdinck, nehme ich an?”
Frau Schlechterdinck nickte beeindruckt und vergaß völlig, daß ihr Name auch für Außenstehende unübersehbar an ihrem Atombusen befestigt war. Paula steckte den Ausweis schnell wieder weg und nutzte die Gunst des Augenblicks.
“Frau Schlechterdinck,”, Paula beugte sich weit vor über den lächerlich kleinen Kassentisch, “ich nehme an, Sie sind informiert über die Arbeit der… SoKo OV?”
Frau Schlechterdinck nickte erst energisch mit ihrem vielschichtigen Kinn und schüttelte eine Sekunde später verdattert den Kopf.
“Ja, das heißt, ich… nein.”
Paula sah sich sichernd um und steckte für einen kurzen Augenblick die rechte Hand ins Mantelinnere.
“Das Sonderkommissariat OV, Frau Schlechterdinck, befaßt sich mit dem Organisierten Verbrechen. Mit Bandenvergehen, Mädchenhandel, Hehlerei und Drogen.”
Die Schlechterdinck ächzte erleichtert. Es gab sie also doch, die wahrhaften Kämpfer im Auftrag der Gerechtigkeit – und die wahrhaften KämpferINNEN, wie man an dieser tapferen jungen Frau hier sehen konnte. Eine, die ihre besten Jahre dafür gab, der Verrohung, der Straßenkriminalität und der Pornographie Einhalt zu gebieten.
Und sie selbst…
“Sie selbst, Frau Schlechterdinck, können uns in diesem Augenblick ziemlich weiterhelfen.”
Die Schlechterdinck ließ erwartungsvoll den Mund offenstehen und ähnelte einer pfuschig gestempelten Sonderbriefmarke des Zoologischen Gartens.
Paula blickte nochmal zur Tür des noch immer leeren Kleinmarktes hin und fuhr dann mit verschwörerischem Unterton fort.
“Es geht um einen ihrer Kunden. Wir haben den konkreten Verdacht”, die Schlechterdinck blickte sich schon ebenso paranoid um wie Paula,
“den Verdacht, daß einer Ihrer Kunden als ‘Anwärmer‘ für die Mädchenhändler arbeitet.”
Die Schlechterdinck grunzte erst zufrieden und fragte dann nach.
“Als… Aufwärmer?”
Paula räusperte sich vernehmlich.
“Nicht so laut, Frau Schlechterdinck! Anwärmer – so nennt man Mitglieder von Mädchenhändlerringen, die die frisch gelieferte Ware… nun ja, eben anwärmen.”
Die Schlechterdinck brauchte eine ganze Weile, bis sie Paulas Ausführungen gefolgt war und verstand, was die junge Frau im englischen Mantel mit “anwärmen” gemeint hatte.
“D… also so ein Schwein!”
Paula zuckte die Achseln.
“Ein eiskalter Profi eben. Französisch, Missionarsstellung, Kamasutra, Sado-Maso, Mecklenburg-Vorpommern… alles an einem Abend.”
Die Schlechterding erstarrte.
“Mecklenburg-Vorpommern?”
Paula zog eine Augenbraue hoch.
“Ah, Sie sind nicht von hier. War nur ein Späßchen, haha. Ich meinte natürlich russisch-orthodox.”
“Ah ja, natürlich, natürlich.”
“Jedenfalls,” Paula beugte sich ganz dicht an die Schlechterdincksche heran, denn eben stieg draußen eine aufgetakelte Kundin aus einem zu jugendlichen Sportwagen, “jedenfalls geschehen keine zwei Häuser weiter Dinge, die Sie sich in Ihren ekeligsten Träumen nicht vorstellen können. Blutjunge, ahnungslose Russinnen werden da für Sachen mißbraucht, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschen möchte.”
Die Schlechterdinck war sichtlich erschüttert und begrüßte verwirrt die Kundin, die eben hereinkam und mit einem neugierigen Blick Richtung Kasse zwischen den hinteren Regalen verschwand.
Paula senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Raunen.
“Und vielleicht können sie uns helfen, den Mistkerl zu stellen. Ehrlich gesagt: Uns fehlen die Beweise. Der Bursche verbrennt seinen Abfall offenbar in der Badewanne, deshalb ist die Auswertung der Haushaltsführungsreststoffanalyse nicht sehr ergiebig.”
Die Schlechterdinck glotzte verständnislos.
“Die Haushaltsführungsreststoffe, Frau Schlechterdinck. Wir durchwühlen seine Mülltonne.”
Das schien sie zu verstehen.
“Nun hat die Soko OV beschlossen, Sie um Ihre Mithilfe zu bitten. Der Observierte kauft bei Ihnen ein, und wenn wir wüßten, was er einkauft,…”
“Bei mir? Dieses Schwein?” Die Schlechterdinck warf einen entsetzten Blick zwischen die Regale und ertappte die geliftete Kundin beim Lauschen.
Paula legte der fetten Verkäuferin eine Hand auf die Schulter, als müßte sie eine verzweifelte Verwandte bei einer Beerdigung stützen. “Bei Ihnen. Zweimal die Woche.”
Nun war es die Schlechterding, die von sich aus die Lautstärke senkte.
“Aber… dann muß ich den Kerl doch kennen! Wer ist es denn nun?”
Paula fischte aus ihrer Brieftasche ein paar fotokopierte Fotos, die den ehemaligen Münsterländer Erzbischoff Ten Humberg, Elton John und ihren verstorbenen Vater zeigen.
“Unsere Fotos würden Ihnen nicht viel helfen, Frau Schlechterdinck. Der Mann ist kein Anfänger. Das hier sind ein paar seiner Verkleidungen. Wie Sie sehen: Ein Profi, der in der Lage ist, in jeder Verkleidung aufzutreten. Aber sehen Sie mal auf die Augen… erkennen Sie die immergleiche Boshaftigkeit? Dieses kalte, grausame Glitzern?”
Frau Schlechterdinck nickte überzeugt.
Paula holte zum entscheidenden Hieb aus.
“Bei Ihnen tarnt er sich als Makler… mit einem niedlichen kleinen Kampfhund.”
“Palazzos Herrchen? Aber… aber der ist doch so nett!”
Paula fletschte die Zähne.
“Hitler war auch nett… zu Hunden und Kindern.”
Die Schlechterdinck schüttelte empört den Kopf und vergaß jetzt alle Geheimhaltung.
“Ja Donnerwetter, so ein Verbrecher! Na, dem werde ich’s aber zeigen! Hören Sie, Fräulein….”
“Sokolowski”, ergänzte Paula,
“Fräulein Sokolowski, ich schreibe Ihnen eine Einkaufsliste, wo alles drinsteht. A-l-l-e-s. Wieviel Milch, wieviel Butter. Wieviel Brot. Alles.”
Paula hob den Zeigefinger. “Möhren und Salatgurken sind sehr interessant.”
“Schreibe ich Ihnen auf. Versprochen. Dem werden wir das Handwerk legen!”
“Das werden wir allerdings,” brummte Paula erfreut. “mit Ihrer Hilfe, Frau Schlechterdinck. Und, Frau Schlechterdinck: Absolute Geheimhaltung bitte!”
“Frau So…lowski, auf mich können Sie sich verlassen”, versicherte die Schlechterdinck und hätte fast salutiert dabei. “Ich stehe meinen Mann.”
“Danke sehr” hustete Paula noch formlos und stürzte hinaus auf die Straße. Die Kundin mit den Liftingnarben hielt es nun nicht mehr länger hinter den Gurkengläsern und den Waschmitteln. Sie baute sich vor der Kasse auf.
“Elfriede, wer um Himmelswillen war DAS denn?”
Elfriede Schlechterdinck warf sich in die Brust und hätte sich fast verplappert:
“Die Soko, die OV… Ov… Ovomaltinevertreterin.”

18.
Peer riß sich hoch mit einem plötzlichen Ruck, der beinah die teure Arno-Leuchten-Lampe vom Nachttisch gefegt hätte. Er brauchte eine Weile, bis ihm die Umrisse des Raumes wieder vertraut vorkamen. Sein Apartment. Palazzo schnarchte nebenan – die Polypen, ein typisches Problem bei Hunden seines Alters. Peer wischte sich mit dem Zipfel der Pyjamajacke über die nasse Stirn. Er hatte geträumt, wirres Zeug, irgendeine absurde Verfolgungsjagd unter einem wolkenverhangenen, bleiernen Himmel. Eine Küstenstraße, Serpentinen, eine bräunliche Brühe von Meer. Erst hatte er noch an einem Aussichtspunkt geparkt und auf diesen unappetitlich schäumenden Ozean gestarrt mit einem ständigen Kopfschmerz und einer vorahnenden Art von Angst, einer zittrigen Unruhe, als könnte jeden Augenblick eine häßlich grinsende Wasserleiche an den schmutzigen Strand gespült werden.
Stattdessen hatte eine Art Eiswagen hinter ihm gehalten. Jedenfalls stand “Nora Icecream” außen dran, und aus irgendeinem traumbedingten Grund hatte er daraus geschlossen, daß er in Norwegen sein müßte. Es hatte zu regnen begonnen, und dann hatte er das Kind gesehen. Das Kind hatte verschreckt ausgesehen und starr und blass. Es saß auf dem Beifahrersitz und sah aus, als wollte es gleich losheulen. Aber die erschreckte Fratze änderte sich nicht, das Biest heulte nicht, sondern starrte nur verzerrt in seine Richtung. Und Nora, es mußte Nora sein, lehnte sich hinüber und legte ihre Hand auf die Schultern des Kindes. Sie wies auf Peer.
“Ist er das?”.
Das Kind antwortete nicht.
“Ist das Dein Vater?”
Peer bekam es mit der Angst zu tun. Er wartete die Antwort der blassen Kinderleiche nicht ab und fuhr los. Auch der Eiswagen rollte geräuschlos vom Parkplatz und folgte seinem Jaguar schaukelnd mit gleichem Tempo. Manchmal, auf gerader Strecke, holte der klobige Lieferwagen sogar gefährlich auf, dann waren sie beide direkt neben ihm, und noch immer deutete Nora hinüber, und Peer konnte an ihren Lippenbewegungen ablesen, daß es immer noch die gleiche Frage war, die sie stellte:
“Ist das Dein Vater?”
Fluchend bugsierte Peer den Wagen von dem steinumfaßten Rand weg, unter dem in einiger Tiefe schwere braune Wellen an ölige Felsen schwappten. Der Kotflügel kratzte kurz über Stein, und ein Vorderrad schien für einen Augenblick in der Luft zu drehen. Da waren sie wieder im Rückspiegel. Die engen Kurven schienen dem Lieferwagen weniger auszumachen als seinem wuchtigen Schlitten. Nora kam ihm, selbst auf diese Entfernung, irgendwie bekannt vor. Das Kind kannte er sowieso, obwohl er es ja nur eine Zehntelsekunde lang gesehen hatte, und da hatte unter Schock gestanden.
Der Wagen rutschte leicht auf einem Schmier aus Nieselregen und feuchtgewordenem Staub, und für einen erschreckten Augenblick war sich Peer nicht sicher, ob er die zu spät gesehen Tunneleinfahrt treffen würde. Dann war er schon wieder draußen in dem oliven Moosgrün des Küstenstreifens, den schwarzen bizarren Lavafelsen. Sah eigentlich mehr aus wie La Palma oder die frühe “Fahrenheit”-Werbung mit dem fetten Tabakfilter über der Linse. Nicht sehr norwegisch. Im Blubbern des Motors und dem Kreischen der Reifen glaubte Peer sogar schwach die träge Brandung unter sich hören zu können, aber vielleicht war das auch nur der unbeirrte Dieselmotor des Eiswagens, der jetzt Zentimeter um Zentimeter wieder aufrückte. Peer warf einen kurzen Blick über die Schulter, und als er wieder auf die Straße sah, lag es da, direkt über der durchgezogenen Linie, das kleine, zerquetschte Kinderfahrrad, das sich in seine Erinnerung gefressen hatte wie der Coca-Cola-Schriftzug. Peer riß den Lenker nach links und wich aus. Trotzdem berührte das rechte Vorderrad kurz das billigbunte Mountainbike; der schwere Wagen überfuhr etwas Weiches, dann flogen die Trümmer des Steinrandes rechts und links vorbei, bevor der Wagen sich geräuschlos in seinem Sturz nach unten in die Senkrechte stellte und wie in Zeitlupe überschlug.
Ein metallisches Klappen an der Haustür. Peer stützte sich benommen auf den Bettrand und schob das Stahlrolleau beiseite. Nur eine Handzettelverteilerin, Studentin wahrscheinlich, bißchen früh dran, die Gute. Sie schob eilig einen ganzen Packen in seinen Briefkasten und wackelte dann weiter, die Straße hinunter. Nanu, Tour schon beendete? Das Nachbarhaus schien sie nicht weiter zu interessieren, stattdessen sah sie kurz zurück und stieg dann auf ein altes Damenfahrrad, das an den albernen Jägerzaun gelehnt war.
Peer rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf. Das bleiche Gesicht mit den dunkel umrandeten Augen, das etwas wirre Haar, das da unter der Baseballkappe hervorgedrungen war: Nora. Nora aus dem Traum, und schlimmer als das: Er hatte sie schon einmal gesehen.
Für einen Moment war Peer versucht, in den Jaguar zu springen und der Zettelverteilerin hinterherzufahren, aber dann wischte er die Reste des Alptraums mit einem Kopfschütteln beiseite und stakste hinüber in die Pantryküche, um sich einen fünffachen Espresso zu machen.
Als Peer auf die Straße trat und den Wagen aufschließen wollte, neun Uhr inzwischen, lehnte dieser fette Bulle, Harrer, wie ein chronischer Parkplatzwächter an der Fahrertür des Wagens. Peer sah übernächtigt aus und wußte das. Harrer schien seine Chance zu wittern, jedenfalls ging er ohne größere Begrüßungsfloskeln zum Angriff über. Er warf seinen erkalteten Zigarrenstummel, den er offenbar den halben Morgen zwischen den Zähnen hin und her bewegt hatte, in den verharrschten Schneematsch und kratzte sich am Hinterkopf.
“Sieht so aus, als hätten wir einen Zeugen, Mertens.”
Peer hielt in seinen betont forschen Bewegungen inne und improvisierte.
“EINEN, Herr Hauptwachtmeister? Es haben bestimmt zwanzig Leute zugesehen, wie ich mir einen auf die Lampe gegossen habe… und, ehrlich gesagt, mir ist das immer noch peinlich.”
Harrer grinste anerkennend und schüttelte dann den Kopf.
“Nicht aus der Kneipe, Mertens. Von der Kreuzung.”
Mertens schüttelte den Kopf.
“Kam da einer vom Betriebsblinden-Karneval zurück? Ich war nicht auf der Kreuzung, Harrer. Ich war bei Enrico, und ich bin da gesehen worden. Das wissen sie.”
“Auf der Kreuzung sind Sie auch gesehen worden.”
“Von irgendeinen Opa.”
“Von jemandem mit gutem Gedächtnis, Peer. Ich will Sie auf dem Revier sehen. Morgen mittag.”
Mertens schüttelte den Kopf.
“Geht nicht, Chef. Da habe ich einen Termin.”
Harrer spitzte tadelnd die Lippen. Seine Nase juckte wie toll, aber er hatte ihn soweit, Mertens war in der Defensive, er konnte in die Mangel genommen werden, er hatte Angst.
“Ich schicke Ihnen einen Wagen, Peer. Um elf. Dann brauchen Sie nicht selbst zu fahren. Da passiert unterwegs wenigstens nichts.”
Mertens war kurz versucht, dem fetten Bullen eins auf die Glocke zu geben, aber vielleicht war Gelassenheit die sicherere Nummer. Er schluckte die Frechheit und schnaubte verächtlich.
“Ich tu’ Ihnen den Gefallen. Den Spinner sehe ich mir an.”
Harrer nickte beifällig.
“Es ist eine Frau, Peer. Machen Sie sich schick. Sie können jeden Pluspunkt brauchen.”
Der Alte watschelte den Gehweg hinunter, als käme er nach fünfzig Arbeitsjahren von der letzten Nachtschicht zurück. Peer Mertens stieg in den Wagen, legte den Kopf zurück in die wasserbüffellederne Kopfstütze und massierte mit geschlossenen Augen seinen Nasenrücken. Lehmbraune Wassermassen schwappten an ferne Strände, an wolkenverhangene Küstenstreifen, über deren düstere Hänge dichte Nebel zogen.

19.
Keine zweihundert Meter von der Wohnung des Leguans entfernt hatten sie ein Baugerüst vor einen neunstöckigen Siebziger-Jahre-Bau gestellt, und der Leguan hatte das Gerüst schon ein paar Tage umkreist wie der Bildhauer sein Denkmal vor der Enthüllung. In den letzten Jahren waren immer mal wieder Fassadenplatten pfeifend zu Tale gerauscht; offenbar war jetzt endlich das Geld da, um die ganze Fassade von Grund auf zu erneuern, bevor jemand zu Schaden kam.
Es war der erste warme Abend des Jahres, irgendwann im März. Auf dem Kudamm wurden die Cafétische rausgestellt und von den abendlichen Spaziergängern reichlich frequentiert; selbst hier in den ruhigeren Seitenstraßen war ungewöhnlich viel los. Der Leguan hatte das Licht in seiner Wohnung nicht angeknipst und war zwei Stunden lang ruhelos und knurrend von Fenster zu Fenster gezogen. Gegen acht hatte Paula hektisch die Wohnung verlassen; Koziols untendrunter gaben nicht viel her, wenn nicht gerade die dreizehnjährige Tochter allein in der Bude war und in den Videos des Alten stöberte.
Also das Baugerüst. Heute. Punkt elf schlüpfte der Leguan in die schwarzen Baumwoll-Leggins und das schwarze Sweatshirt, das für die immer noch laue Nacht eigentlich zu dick war. Die kleinscheibige, dunkle Sonnenbrille sah absurd aus zu dieser Tageszeit… aber es gab keine hellere Sonne auf dieser Welt als das gleißende Rechteck eines erleuchteten Fensters in der restlosen Schwärze der Nacht. Das schwarze, rauhe Freeclimber-Seil. Schwarze Turnschuh, gut gepflegte, alte Converse Chucks. Raus.
Die Nacht roch nach allem Möglichen; damit fing für den Leguan der Frühling immer erst richtig an. Der Winter war dufttot, unriechend. Im Frühjahr waren sie auf einmal da, die Blütendüfte, der Geruch nach frischem Teer oder nach Pizza. Eine Frau kam ihm entgegen, ging vorbei, und der Duft ihrer hinterhergezogenen Parfümfahne – zuviel Escada plus vier Prozent Sehnsucht – hätte ihm fast die Beine unter dem Hintern weggehauen. Aber da war das Gerüst, und mit ein paar schnellen Bewegungen hatte er das Seil mit dem gummiüberzogenen Alu-Wurfhaken vier Meter über sich eingehakt und sich aus dem Blickfeld der Flaneure gezogen. Hier oben, irgendwo zwischen den Fenstern des zweiten oder dritten Stocks, wehte eine merklich kühlere Abendluft heran, und der Leguan merkte, wie die Schweißtropfen auf seiner Stirn abkühlten. Nichts Spektakuläres im dritten Stock außer einer menschenleeren Wohnung, in der hinten in einer kleinen Pantryküche ein Licht brannte, als ob es auf späte Besucher wartete. Außerdem schien die Kühlschranktür nicht richtig zu schließen; war vielleicht voll mit irgendwelchen Flaschen. Der Leguan schätzte seine waagerechte Position an den Straßenlaternen ab. Auf halber Höhe zwischen Laterne zwei und drei… dritter Stock. Man würde später nochmal vorbeischauen müssen.
Stimmen im vierten Stock, ein unterdrücktes Kichern. Der Leguan hielt die Luft an und bewältigte die Luke nach oben im Klimmzug; geräuschlos, unsichtbar und mit gleichmäßigen Bewegungen. Flaches Atmen, ein ruhiger Griff um das kühle Metall einer Gerüststange.
Langsames Vorbeugen.
Früher hatte der Leguan eine dunkelblau schillernde Eidechse gehabt und das unkommunikative Tier wochenlang fasziniert beobachtet. Schnellen Bewegungen war das Tier automatisch ausgewichen, langsame hatte es gar nicht wahrgenommen. Enttäuscht war ihm klargeworden, daß die Augen der Echse dem zickzackenden Sirren einer Mücke problemlos folgen konnten… ihn selbst aber als eine Art Pflanze definieren mußten. Schon deshalb hatte sich zwischen dem Haustier und seinem Halter keine nennenswerte Freundschaft aufgebaut. Außerdem ekelte den Leguan der regelmäßige Besuch im Zoogeschäft. Heuschrecken, Käfer, Stück 50 Pfennig. Echsen fraßen nunmal nur Lebendfutter. Als der unglückliche Schuppenhäutler, komisch hellblau geworden, nach zwei Wochen nicht mal mehr die Mistkäfer fressen wollte und starb, hatte der Leguan längst alles gelernt, was das Tier ihm beibringen konnte. Mimikri war ein Gebot der Stunde. Gesehenwerden hieß Gefressenwerden.
Niemand sah den Leguan an diesem ersten warmen Märzabend. Im vierten Stock standen zwei vierzehnjährige Mädchen nackt vor dem Spiegel eines elterlichen Schlafzimmers und probierten sich mit roten Ohren und fliegenden Fingern durch die schockierend offensive Übergrößen-Unterwäschekollektion der Mutter. Der Leguan klebte an der Scheibe mit seinen Saugfingern, reglos, ein schwarzer Umriss vor einem ebenso schwarzen Himmel.
Gegen elf stöberte er einen angetrunkenen Vierzigjährigen auf, der vor dem Fernseher onanierte. Das sah komisch aus. Der semiitalienische Softporno schien alle fünf Minuten von Werbung unterbrochen zu werden; dann sackte der arme Kerl enttäuscht zusammen und versuchte, mit irgendwelchen Illustriertenbildchen bis zur Fortsetzung bei der Stange zu bleiben.
Nach zwölf kamen die interessanteren Formationen nachhause. Junge Paare aus den Straßencafés und den Kinos, noch so aufgekratzt vom Gewusel der Großstadt, daß an Schlafengehen nicht zu denken war. Zwei Schwule, die zu Ravels Bolero einen Klammerblues tanzten – der Leguan robbte weiter, weil das furiose Finale zu offensichtlich war. Oben im Siebten gab es einen wirklich anregenden Doppelstrip mit einem erfreulich langen Intermezzo auf dem dünnen Kelim; eins tiefer untersuchte eine Brünette im nicht zugeknöpften Pyjama ausgiebig alle Öffnungen des Bademantels, in dem es sich ihr nackter Lover vor dem Fernseher bequem gemacht hatte.
Der Leguan blieb reglos auf seinem Posten und atmete flach. Die enge Kleidung fühlte sich unbequem und verschwitzt an. Konnte er es riskieren, beim nächsten Mal nackt herzukommen? Würde ein Wannenbad in verdünnter, schwarzer Abtönfarbe für die Tarnung reichen?
Die Wohnung im dritten war noch immer menschenleer, und der Leguan drückte mit erregt pochenden Schläfen für einen Augenblick die Stirn an die kühle Fensterscheibe.
Das Fenster gab nach.
Im Wohnungsinneren roch es nach dem gewaltigen Strauß tropischer Blumen, der da auf dem schwarzlackierten Eßtisch stand. Irgendwo weiter hinten in der Wohnung lief ein Radio, und den Leguan durchzuckte für einen Augenblick ein eisiger Schreck. Er erstarrte, rührte sich fünf endlose Minuten lang nicht und nahm die Geräusche und Gerüche der Wohnung sorgfältig in sich auf. Das Surren des wieder und wieder anspringenden Kühlschranks, der seine schwere Fracht bei offener Tür nicht kaltbekam. Die verzerrt klingende Stimme des Radioansagers, der irgendwie verquast und nuschelig alte, langsame Sambasachen ansagte. Ein Brasilianer aus der Pfalz. Dann, eindeutig und lokalisierbar: das Plätschern von Badewasser. Der Leguan atmete ruhiger und machte sich mit feuchten Kniekehlen und flatterndem Herzschlag auf den Weg.
Die Hitze im Badezimmer war überwältigend; von den Fliesen und Spiegeln rann das Wasser. Daß die halb heruntergebrannten Kerzenstummel in dem häßlich verschnörkelten Kerzenleuchter überhaupt noch brannten, grenzte an ein Wunder.
Die Frau in der Badewanne bewegte sich nicht. Wie ein schöner, glänzender goldener Fisch lag sie da in dem warmen Wasser, und der Leguan stand fassungslos an der Türschwelle und sah ihren weichen, schweren Körper träge und stark dort liegen. Ihre Brustwarzen ragten zwei knappe Millimeter aus dem Wasser heraus und tauchten mit jedem Atemzug kurz unter. Großer, goldener Fisch, dachte der Leguan und bewegte sich in makelloser Slow Motion an der Wand entlang, goldener Fisch, hier bin ich ja endlich. Ich bin da.
Und die großen grünen Augen des goldenen Fisches sahen ihn strahlend an und waren voller Liebe. Oder waren es nur die zwei Gurkenscheiben der von Dermatologen empfohlenen Brigitte-Schönheitsmaske, die ihn schon neulich eine Viertelstunde lang um einen Zeitschriftenkiosk herumschleichen gelassen hatten? Der Leguan hielt irritiert inne, aber weil der goldene Fisch noch immer so ruhig und überirdisch schön dalag, schüttelte er den prosaischen Impuls ab und kam vorsichtig näher. Noch näher, bis er die feinen Schweißperlen am Hals und dem Brustansatz der fremden Frau hätte ablecken können, berühren, sanft verreiben mit dem duftenden Badewasser, dem sie eine ätherische Essenz beigemischt haben mußte, einen orientalischen, betäubenden Dampf, der jetzt ganz und gar von ihm Besitz ergriff und ihn selig lächeln ließ. Sein Puls machte ein paar Hüpfer, während der er aufstand aus seiner anbetenden Hocke, um diesen einen letzten Schritt zu tun und sich zum goldenen Fisch in die Wanne zu legen.
In diesem Augenblick schlug das Fenster, das er weit offenstehen gelassen hatte, mit einem lauten Ruck gegen den Rahmen, und die Frau in der Wanne schreckte hoch. Die Gurkenscheiben rutschen von ihrem Gesicht und blieben auf dem Decolletée kleben, und mit dem ersten Blick ihrer schreckensweiten Augen sah sie den Leguan, den schwarzen Schatten, der so geräuschlos in ihr Badezimmer eingedrungen war.
Ihr Brustkorb hob sich für einen gellenden, schrillen Schrei, und parallel zu dieser Bewegung riß sich der benommene Leguan hoch, griff fahrig hinter sich und hob das Transistorradio hoch über seine Schulter.
Der feuchte Badeläufer auf den nassen Fliesen rutschte aus der Bewegung heraus mit, und noch im Wurf verlor der Leguan den Boden unter den Füßen und stürzte. Als der alte Schaub-Lorenz-Transistor am Fußende der Wanne ins Wasser platschte, hatte der Leguan sich längst im Kabel verheddert und den Stecker aus der Dose gerissen.
Die nackte Frau war, geschockt und mit sprachlos offenem Mund, aufgesprungen, und ein letztes Mal sah der Leguan ihren glänzenden, nassen Körper, ehe er selbst, begleitet von ihrem gellenden Hilferuf, aus dem Wohnzimmer hechtete, auf den Gerüstbrettern in der Dunkelheit strauchelte, das verdammte Seil zu packen bekam und in einem unfreiwilligen Bungee-Jump mit dem Kopf voraus in die Dunkelheit fiel.

20.
Eigentlich sollte es diesmal nur eine Prinzenrolle von de Beukelaer sein für unterwegs. Und er hätte sie ohne weiteres auch an der Tankstelle am Dingsbumsplatz kaufen können, da wo die einbetonierten Cadillacs standen, am oberen Ende des Kudamms. Henriettenplatz?
Henriettenplatz. Aber der Reweladen war einfach netter. Da war die Welt noch in Ordnung. Mertens hatte die rundliche, rotbackige Verkäuferin schon mehr als einmal mit “Tante Emma” angeredet, und Frau Schlechterdincks schien das nichtmal übelzunehmen. Diesmal schien der Laden allerdings wie verwandelt zu sein. Nach zwei Schritten sah Mertens unter seine Schuhe. Hatte er in Hundescheiße getreten, oder weshalb sahen ihn alle so empört an?
Auch die Schlechterdincks selbst war ungewohnt unfreundlich. Außerdem schien sie jedes Lebensmittel, das sie verkaufte, neuerdings noch notieren zu müssen.
“Frau Schlechterdincks, was ist denn los heute?” Peer bemühte sich um einen jovialen Umgangston. “Hat Aldi die halbe Straße gekauft, oder warum machen Sie so ein Gesicht?”
Die Schlechterdincks antwortete nicht, und Mertens griff sich zwei Mini-Salamis aus dem Display an der Kasse.
“Na los, ziehen Sie die hier auch noch ab. Palazzo wird sich freuen.”
Die Schlechterdincks schnaufte.
“Palazzo, daß ich nicht lache. Ich weiß doch ganz genau, was Sie mit den Dingern machen, HERR Mertens.”
Peer sah einen Augenblick auf die kaum fingerdicken Wurstwaren auf dem Rollband herunter, dann stützte er seinen trainierten Oberkörper auf den Kassentisch und fixierte Frau Schlechterdincks mit einem kalten Blick aus seinen ungewöhnlich blauen Augen.
“Ach ja, Frau Klugscheißer… und da wären sie gern dabei?”
Draußen im Wagen rempelte Burmeester den jungen Ausleihkollegen aus der VII wach.
“Wach auf, Atze. Da isser.”
Der Ausleihkollege seufzte schlaftrunken so laut, daß Burmeester sicherheitshalber das Fenster hochkurbelte, und rieb sich die Augen.
“Ach ja? Und was beweist uns das? Daß er gleich um die Ecke von seiner Wohnung einkaufen geht? Kommunist oder was?”
Burmeester brummte ungehalten.
“Ich interpretiere das nicht, Kollege. Ich beobachte. Gestern um diese Zeit ist Pauline Diercksen in diesen Laden gestiefelt und hat eine Viertelstunde lang mit dieser Kassiererin,” der Ausleihkollege ächzte und sah dann nach:
“Schlechterdincks!”
“…mit dieser Kassiererin Schlechterdincks geredet. Und heute marschiert Mertens da rein und kommt raus mit einem Gesicht, als wollte er…”
Scheppern unterbrach Burmeesters Ausführungen, und sogar der junge Ausleihkollege aus der VII setzte sich in seinem Beifahrersitz hoch, um besser sehen zu können. Peer Mertens hatte beim Verlassen des Kleinmarktes der Langnese-Mülltonne einen wütenden Tritt gegeben.
Burmeesterer grunzte beifällig und brachte dann seinen Satz zuende: “…als wollte er die nächstbeste Mülltonne umtreten!”

21.
Von Flechsenheim war Grunge, ganz entschieden Grunge. Breite rote Koteletten, karierte Hemden, etwas zu enge etwas zu schwarze Jeans (Joker), braune Schuhe. Entspannt. Straight. Wach. Unvoreingenommen. Unvoreingenommen war wichtig; man bekam so allerhand zu hören, wenn man sagte, daß man bei der BZ arbeitete. Dabei war das nun wirklich 1a-Handwerk. Schreibenlernen von der Pike auf. Drüben in der Charlottenstraße, bei der “Bild Berlin”, ein paar Profis und ein paar Hühner, eingepfercht in mies belüfteten Räumen, das Knallen der Telefonhörer auf den Gabeln, die Standardfragen der Standardinterviews (”Wie heißt Ihre Frau? Seit wann sind Sie verheiratet? Ist Ihre Frau tagsüber telefonisch erreichbar?”) – DAS war Boulevardjournalismus, das war übel. Aber hier, bei der BZ, hier im neunzehnten Stock des alten Springerhochhauses in der Kochstraße… eine sehr großstädtische Art von Savoir-vivre. Jawohl. Grunge war der beste Beweis. Hatte sein Ressortchef ihn jemals angemacht wegen seines Äußeren? Absolut nicht. Was er schrieb, zählte. “Mir ist scheißegal, wie Sie aussehen”, hatte der Alte angeblich mal zu Flosske gesagt, “solange Sie nicht mit drauf sind auf den Fotos.”
Flechsenheim, das “von” war beim Telefonieren eine lästige Silbe zuviel, Flechsenheim schielte träge rüber zur Fotografin, die ziemlich routiniert ein paar Fotos von Mertens machte. Für alle Fälle. Sah gut aus, die Fotografin. Tatjana-Patitz-mäßig irgendwie. Es gab die vielen, die sich irgendwann einen der Interviewpartner angelten und die Kamera an den Nagel hängten. Und die wenigen, die hier die harte Schule des Tagesgeschäfts durchmachten und dann alles konnten und machten, was sie wollten. Kunstfotografie, Videoinstallationen. Oder Bildberichterstattung aus den Krisengebieten. Die hier sah eher nach Krisengebiet aus, und Flechsenheim überlegte eine Sekunde lang, ob er genug Politikgeschwafel zusammenbringen würde, um das Mädel ins Bett zu kriegen.
“Hörst Du mir eigentlich zu?” Das war Mertens, und die Kleine sah zu ihm rüber, als hätte sie sich diese Frage auch gerade gestellt. Von Flechsenheim resümierte kurz das eben gehörte. Mertens – mit dem er vor ein paar Jahren mal irgendeine Weiterbildung absolviert hatte und den er seitdem immer mal wieder im Vorbeigehen sah – Mertens fühlte sich verfolgt und glaubte, daß das ein Fall für die Titelseite wäre. Irgendwer setzte ihn unter Druck. Vielleicht die Russenmafia (hier war die Kleine aufmerksam geworden, aber die Aufmerksamkeit hatte sich gelegt, als Mertens die “Beweise” auf den Tisch gelegt hatte). Vielleicht mißgünstige Konkurrenten. Von Flechsenheim hatte sich ein paar Notizen gemacht, aber was Mertens dann auftischte, war selbst für einen alten Fährtenhund wie ihn eine Spur zu abstrus. Jemand hatte ihm dreißig Kühlschränke bestellt. Bei Quelle. Jemand hatte in seiner Straße die Hundescheiße pinkfarben eingekringelt. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Eine Sauna-Prügelei. Seine Wäsche war rötlich verfärbt.
Flechsenheim zwinkerte vorsichtig rüber zur Fotografin, aber die Kleine, eigentlich war sie gar nicht klein, sondern lang und schlank und überhaupt, die Kleine sah ihn nicht. Sie stierte reglos durch den Sucher, wartete gelassen auf die Pausen in Mertens’ Ausführungen. Klack. Weitersprechen, eine ausladenden Geste mit dem Arm. Klack. Beschwörend. Klack. Mertens hatte kleine Schweißperlen an den Schläfen, er versuchte zu überzeugen.
Ein Kellner kam vorbei, ganz saturierte Noblesse. Überhaupt war der Presseclub im Neunzehnten eine ziemlich gelungene Einrichtung. Viel Leder, viel Holz. An den Wänden all der grafische Ramsch, den Axel Cäsar im Lauf eines weidlich langen Lebens so angehäuft hatte. Das Foto einer einstürzenden Mauer in Jerusalem, Widmung “Lieber Axel, Dein Teddy Kolleck”. Ein paar Alibi-Moderne, ein paar Quadratmeter Honoré Daumier. Sehr dekorativ. Sehr gediegen. Der Blick schweifte über den westlichen Teil der Stadt, die Potsdamer-Platz-Dauerbaustelle. Altbau-Atmosphäre in einem Hochhaus. Gelungen. Von Flechsenheim räusperte sich dandyhaft; selbst Tatjana Patitz fiel der komische Kontrast zu seinem sonstigen Erscheinungsbild auf.
Mertens kam ausufernd zum Ende. “Erst dachte ich, diese kleine F… entschuldigen Sie, junge Frau. Erst dachte ich, eine entfernte Bekannte steckte hinter der Sache. Eine private Angelegenheit, sozusagen.” Flechsenheim horchte kurz auf; vielleicht ließ sich der Fall wenigstens in der Klatschspalte verwerten. “Dann,” Peer markierte einen Kreis, der Tatjana, Flechsenheim, den Presseclub und einige entfernte Andromeda-Nebel mit einschloß; “dann wurde mir klar, daß mehr dahinter stecken muß.”
Ein Schwall von Worten folgte.
Peer hatte keine Erklärung, er hatte keine Beweise, er hatte nur die zerstreuten Indizien einer paranoiden Verschwörungstheorie, und Flechsenheim erinnerte sich deutlich an die Grundregeln des Journalismus, die ihm seinerzeit wieder und wieder eingepaukt worden waren. “Ihr könnt Phantasie haben, soviel ihr wollt – aber verlaßt Euch nicht auf die Phantasie Eurer Informanten!” zum Beispiel. “Lügt, wenn Ihr müßt – aber LASST Euch nicht belügen!”. “Gebt Anlaß zur Spekulation – aber spekuliert nicht selber!”.
Mertens’ Augen waren rotgerändert, und Flechsenheim fragte sich angewidert, ob sein ehemaliger Seminarkollege insgeheim dem Alkohol verfallen war. Unwahrscheinlich, dazu war Mertens’ Erscheinung insgesamt zu elegant, zu pointiert, zu sehr auf Wirkung bedacht. Obwohl an der Anekdote mit der Rotfärbung der Wäsche irgendetwas dransein mußte; Mertens’ Outfit hatte einen Hauch von Rotschimmer, der Armani-Anzug sah aus wie leicht angerostet.
“Mann Flechsenheimer”, jetzt erinnerte er sich offenbar nichtmal mehr an den korrekten Nachnamen, “Ihr sitzt doch hier auf dem Dach der Welt…” Mertens machte einen großzügigen Schwenker Richtung Berlin. Tatjana Patitz wich gelassen aus – verwaschene Jeans, dachte Flechsenheim, die ziehe ich Dir noch über den Hintern.
“Ihr habt doch Eure Nase überall. Wer will mir ans Leder? Was steckt dahinter?”
Von Flechsenheim wurde verbindlich. “Laß mich ein bißchen recherchieren, Peer. Ich melde mich bei Dir. Vielleicht kriege ich was raus.”
“Und dann,” Mertens hatte seine Contenance wiedergefunden und reckte siegessicher einen Daumen in die Luft, “dann gehen wir diesen Scheißkerlen an die Eier.”
“Versprochen!” grummelte Flechsenheim und schnippte eine Fluse vom Ärmel seines Grungehemdes. Mertens stand auf, und er begleitete ihn bis an den Rand des antiquierten Paternosters. Leo Kirch fuhr vorbei und sah für einen Augenblick aus wie die in Wachs gegossene Totenmaske eines siebzigjährigen Tarzandarstellers. Mertens griff in die Brusttasche seines frisch gewaschenen, verfärbten Jackets und nestelte eine zu seinem eigenen Erstaunen offenbar nicht mitgewaschene Visitenkarte heraus. Er reichte die Pappe an Flechsenheim, ohne darauf zu sehen. “Ruf mich an, wenn Du was hast!”
Felchsenheim nickte. Mertens machte einen einigermaßen eleganten Satz in den Paternoster und verschwand.
Die kleine Fotografin packte ihre Sachen zusammen, als Flechsenheim in den Presseclub zurückkehrte. “Was kriegst Du… was bekommen Sie für eine Filmentwicklung?”
“Zwölf Mark”, Tatjana Patitz runzelte die Stirn bei ihrer eigenen Antwort. “Ohne Abzüge.”
Er griff wahllos in die Tasche: Ein Zwanzigmarkschein. “Werfen Sie den Film gleich so weg. Das wird nichts.”
Die Patitz nickte, wurde ein bißchen rot und ging. Von hinten sah sie noch besser aus. Man würde darauf zurückkommen müssen.
Flechsenheim seufzte, hatte ganz plötzlich ziemlichen Hunger und drehte noch immer die Visitenkarte in den Händen. Komische Visitenkarte eigentlich. Schwarzweiß, in einer aufdringlichen Schnörkelschrift wie aus dem Visitenkartenautomaten in irgendeinem Vorstadtbahnhof. Flechsenheim riß den Blick los von der abziehenden Fotografin, zupfte kurz sein grungiges Hemd aus der Hose und studierte die manierierten Buchstaben auf dem leinengeprägten Karton.
PAPST JOHANNES PAUL VII
stand darauf,
PONTIFEX,
PIAZZA SAN MARCO, VENEZIA; ITALIA.
Flechsenheim ließ die Karte fallen wie einen faulen Apfel. Grunge hatte was mit Laissez-faire zu tun… aber der Größenwahn dieses Mertens’ war ihm eine Spur zu verrückt.

22.
Matthias hatte sich schon oft zu dieser Idee mit den Martin-Luther-Briefmarken beglückwünscht. Auf irgendeinem unwichtigen Brief hatte eine geklebt, als Paula und er noch zusammen gewesen waren, und Paula hatte begeistert mit dem aufgerissenen Umschlag gewedelt und erklärt “Poppig! Sieht richtig sexy aus, der alte Sack!”. Tatsächlich hatte Matthias auch ein geringfügig anderes Bild des Reformators vor seinem geistigen Auge gehabt. Offenbar war der Grafikdesigner eher auf Plattencover spezialisiert. Oder plante die evangelische Kirche einen Relaunch und ging demnächst mit einem zeitgemäßeren Erscheinungsbild auf Seelenfang? Unwahrscheinlich. Jedenfalls hatte Paula die Marke ausgeschnitten und aufgehoben, und zu ihrem ersten Geburtstagsfest nach der Trennung hatte er ihr – auch in Anbetracht eines nicht ganz unerheblichen Betrages, den er ihr noch schuldete – einen hübschen dicken Block mit den postfrischen Briefmarken geschenkt. Und Paula hatte gelacht und sentimental geschnieft, als er ihr erklärte, von nun an könnte sie ihm von überallher eine Postkarte schicken, ohne die Ausrede mit der fehlenden Briefmarke benutzen zu können. Bisher waren sie immer gemeinsam verreist, das würde jetzt anders werden.
Wie durch ein Wunder funktionierten die Marken sogar jenseits der Grenzen deutscher Postbefugnisse, und ganz zweifellos war es der Pop-Art-Heiligenschein, der den Reformator samt Postkarte durch die Hände all der griechischen, italienischen und portugiesischen Postbeamten lotste, die in den folgenden Jahren eine Karte von Paula an Matthias in den Händen hielten. Denn tatsächlich schien Paula sich über jede Gelegenheit zu freuen, Matthias eine seiner Marken zurückzuschicken, und Matthias Hoffnung, auch nach der Trennung den Kontakt nicht zu verlieren, ging auf. Er hütete die Postkarten wie rare Blicke durch kleine Fenster in eine ihm immer fremder werdende Welt, und wirklich verließ er die Wohnung schon seit einem guten Jahr nur noch für seine beruflichen Belange oder ab und an für einen Spaziergang durch die umliegenden Antiquariate. Paulas Karten zeigten ihm die Adria in antiquierten Fifties-Ansichten und Santiago de Compostella in einer fantastischen, handcolorierten Schwarzweißkarte. Korfu, Malta, Siracusa – die ganze Welt außerhalb Berlins schien bunt, hochglänzend und überaus malerisch zu sein, und Matthias bekam jedesmal ein heroisches Gefühl, in seiner grauen Einöde auszuhalten, wenn er vor der ausufernd bunten Wand stand, die Paulas Karten in seinem schlecht beleuchteten kleinen Altbau-Flur bildeten.
Aber Paulas letzte fünf Karten kamen aus Berlin und lagen vor ihm auf dem Küchentisch, und von der sonst vorherrschenden heiteren Postkartenidylle war nicht viel zu sehen. Fünfmal das Brandenburger Tor: Ein starkes Stück für jemanden wie Paula. Fünf verschiedene Ansichten, immerhin, aber fünfmal das Tor, durch das jetzt, ein paar Jahre nach Mauereröffnung, längst wieder der Autoverkehr strömte. Auch der umseitig aufgeklebte Reformator zeigte an den Ecken und der Stirn deutliche Anzeichen von Abnutzung, und wenn Matthias’ ängstliches Mitzählen richtig war, dann ging die Zeit der Lebenszeichen allmählich ihrem Ende entgegen.
Die Berliner Karten waren knapp formuliert und berichteten lapidar, wie Paula die Sache mit dem überfahrenen Kind weiterbetrieben hatte. Normalerweise hätte ihre überschäumende Phantasie sie zu wildem, assoziativem Auftürmen von Adjektiven verleitet – dazu war auf den Karten kein Platz. Aber Matthias hatte auch das Gefühl, daß mit seiner Exfreundlin eine Veränderung vor sich gegangen war, die in dicken engbeschriebenen Heften ebensowenig hätte wiedergegeben werden können wie auf diesen knappen Karten. Etwas geschah, das wurde ihm immer klarer, als er an diesem Abend in der Küche bei einer leerer werdenden Flasche Aldi-Chianti (einem Geheimtip, den er nicht müde wurde zu loben) saß und die Karten mal mit dem Bild nach oben, mal nach unten vor sich hin und her schob. Paulas Nachrichten von dem abstrusen Rachefeldzug waren, das konnte er trotz der Kargheit der Informationen erkennen, Stoff für einen unglaubwürdigen, spektakulären Roman - in der Realität konnte das nicht lange gutgehen, ohne daß entweder die Polizei oder dieser Mertens selbst Lunte rochen und entsprechende Maßnahmen ergriffen. Und Mertens machte, nach allem, was Matthias bisher von ihm erfahren hatte, nicht den Eindruck, als gehörten freundliche Plauderstündchen zu seinen Maßnahmen.
Matthias ächzte und langte nun doch über den Tisch zu einem Nikotin-Kaugummi. Das Ding schmeckte wie Raumspray, Geruchsrichtung “Frühling im Wald”, und als der nächste Schluck Rotwein die gewohnten Geschmacksnerven besetzt vorfand, entwickelte sich ein beißender Zwiegeschmack, der Matthias aufspringen und zum Waschbecken stürzen ließ. Das Mistweib schaffte es eben immer wieder. Solange es Paula in seinem Leben gab, würde er sich das Rauchen nie abgewöhnen. An einem anderen Abend als diesem hätte es ihn mit Genugtuung erfüllt, daß er die nüchtern vor sich selbst und seiner Vollrausch-Leichtfertigkeit versteckten Zigaretten so ohne jedes Suchen gleich wiederverfand – heute setzte er sich nur paffend zurück auf den Küchenstuhl und wendete und drehte die fünf Brandenburger Tore aufs neue. Paula halste sich das auf, was sie im Schwäbischen immer “Trouble” genannt hatten, und bat ihn mit ihrem fünffachen Zaunpfahlwinken mehr als deutlich, ein bißchen auf sie aufzupassen. Matthias schloß die schwerer gewordenen Augenlider und hatte für eine halbe Minute Schwierigkeiten, gegen seine Müdigkeit anzukämpfen. Dann verbrannte ihm die vergessene Zigarette die Finger, und er warf das Ding angewidert und fluchend ins Waschbecken. Das alte Mädchen hatte Nerven. Er konnte kaum auf sich selbst aufpassen…

23.
Die Sonntags-Morgenpost war so dick wie ein Telefonbuch. Paula hatte lange keine mehr gekauft. Ihre erste Wohnung hier, die hatte sie noch über den Immobilienteil gefunden oder es zumindest versucht. Schon damals hatte es die Sonntagsausgabe Samstagabend am Bahnhof Zoo gegeben, und so gegen neun hatte eine lange Schlange unter der Bahnbrücke am Zoo gestanden und darauf gewartet, ein Exemplar in die Hände zu kriegen, hastig alles wegzuwerfen bis auf die Seiten mit den Wohnungsangeboten – und dann schnell zur nächstbesten Telefonzelle zu spurten. Wer zuerst kam, mietete zuerst. Glaubte man zumindest damals. Wenn man Glück hatte, erwischte man den Vermieter als erster und konnte gleich für Sonntag früh einen exklusiven Besichtigungstermin ausmachen, bevor die großen Horden der Wohnungssuchenden hereingeschwappt kamen. Mit noch mehr Glück und einem oder zwei Hunderten Handgeld war der Mietvertrag (den man als Blankoformular aus dem Schreibwarengeschäft am besten schon mitbrachte, wenn man hinging) Sonntagmittag unter Dach und Fach.
Paula erinnerte sich an das elendige Schlangestehen mitten im Winter, an diesen Drecksack von Typen, der nur inserierte, um Samstagabend die Bude vollzukriegen mit Mädels. Er und drei oder vier eklige Freunde hingen schon reichlich angedröhnt in der angeblich zu vermietenden Wohnung herum, die Musik schepperte (Jefferson Airplan, man stelle sich das vor - “Volunteers of america, join the revolution”… pseudolinker Konterrevolutionär… Anno achtundsiebzig).
“Ach ja, Du kommst wegen der Wohnung… bißchen früh… wir feiern hier grade so’n bißchen, aber trink doch ein Glas mit. Willste nicht die JACKE ausziehen?”
Paula hatte die Jacke (Lammfell, Teddykragen!) anbehalten und ein paar Schritte durch die abgewohnten Räume gemacht. Vier oder fünf Mädels saßen da schon rum und waren ganz offensichtlich auch alle wegen der Wohnung da. Paula ging; aber wer weiß, welche Opfer in dieser vorsteinzeitlichen Januarnacht in den späten Siebzigern noch gebracht worden waren, um einen Mietvertrag zu bekommen für einen Wohnung, die vielleicht gar nicht vermietet werden sollte…
Die Morgenpost war seitdem noch viel dicker geworden, aber der Immobilienteil war übersichtlich sortiert, und nach kurzem erfolglosem Stöbern in den Umlandimmobilien fand sie unter “Eigentumswohnungen, 21/2 bis 3 Zimmer” den Eintrag, den sie gesucht hatte:
“Steglitz, Sofortbezug, repräs. 3 Zimmer in S-Bahn-Nähe, 3.OG sanierter Altbau, ZH, KÜ, B, 65 qm unverm., geringe Übern. v. Einb., 3600,-/qm, MERTENS IMMOBILIEN Sonntagsruf 881 5115”.
Paula schlenderte zum Café Coxx in der Nürnberger Straße, nippte an einer Margherita, die früher hier Klassen besser gewesen war, und rief die angegebene Nummer an.
“Mertens Immobilien, guten Abend.”
Paula hatte mit einem Anrufbeantworter gerechnet. Sie war nicht richtig vorbereitet auf die Stimme, die sie schon beim Unfall an der Kreuzung aus Mertens’ Mobiltelefon gehört hatte und die sie jetzt für einen Augenblick ins Stottern brachte.
“Pau…welzik, n’Abend. Ich rufe wegen der Wohnung an in Steglitz.”
Sie gab sich Mühe, ihre Stimme alt und gutsituiert klingen zu lassen und hoffte inständig, daß Mertens’ Telefonhiwi kein absolutes Gehör hatte. Aber der Bursche schien sie nicht wiederzuerkennen und las offenbar vom Blatt – eine Liste von fast zwanzig Einzelfragen zu Paulas Adresse, Erreichbarkeit, finanzielles Limit für spätere Angebote etcetera etcetera.
Paula improvisierte und zeichnete das Bild einer fast fünfzigjährigen Arztwitwe, die noch zu sehr unter dem Schock des kurz zurückliegenden Verlustes ihres Mannes stand, um partout auf jede Mark zu achten. Hasso Hinreuther, der sich zwischenzeitlich sogar namentlich vorgestellt hatte, war unüberhörbar entzückt und nahm Paula als Doris Pauwelzik ohne Zögern in die Interessentenliste auf. Sonntag um elf, Deitmerstraße vier.
“Wir sprechen uns dann morgen ” schloß Paula – “Aber nichtdoch, Frau Pauwelzik, das macht der Chef natürlich selbst. So eine sympatische Interessentin läßt er doch nicht von seiner rechten Hand, äh, abfertigen…”
Paula legte auf und war zufrieden. Sie ließ die angebliche Margherita stehen, drückte sich an ein paar aufdringlich drapierten Kisten Coronabier vorbei und ging.
Die Deitmerstraße war eine unbewohnbare Sackgasse zwischen dem Einkaufsgetümmel der Schloßstraße und der Stadtautobahn; ein verkehrsumtostes, charakterloses Fragment von Straße. Am oberen Ende, Ecke Schloßstraße, hatte vor zwei Jahren die “Galleria” aufgemacht, ein neues Kaufhaus mit leidlich moderner Ausrichtung - aber das war’s auch schon, mehr Attraktionen gab die Lage kaum her. Als Paula zehn Minuten zu spät aus dem irrwitzig häßlichen Siebziger-Jahre-U-Bahnhof Schloßstraße gesprintet kam, war Mertens mit seinem Adlatus schon zu Höchstform aufgelaufen. Eigentlich hatte Paula mit einer peinlich exklusiven Einzelführung gerechnet; stattdessen drängten sich fast dreißig Leute im Treppenhaus vor der unangemessen klassizistischen, mahagonifurnierten Wohnungstür, die Mertens eben mit einer theatralischen Geste aufschloß.
Mertens zog ziemlich vom Leder. Lodernde Kamine, mit simplen Selbstbausätzen ruckzuck an die seit Gasheizungseinbau unbenutzen Kamine angeschlossen, ließ er vor den geistigen Augen der Interessenten entstehen. Die Küche vergrößerte er durch einen imaginären Wanddurchbruch ins Berliner Zimmer auf eine mittlere Mensakantine… und das Berliner Zimmer durch einen Durchbruch in die Küche – “Pantry heißt das Zauberwort. Philipp Stark plant auch nur noch Pantryküchen!” – in ein Wohngelass von biblischen Ausmaßen. Kritik regte sich wenig unter der staunenden Masse; nur ein oberlehrerhafter Vollbartträger fragte schüchtern nach, ob dies denn tatsächlich die angekündigten fünfundsechzig Quadratmeter sein. Mertens lächelte ein entwaffnendes Teddybärlächeln und raunte:
“Ich glaube, da haben wir uns sogar noch um ein paar Meter nach unten verrechnet, Meister. Sieht natürlich ein bißchen eng aus, wenn gerade vierzig Mann im Schlafzimmer stehen… aber Sie haben ja sicher selten vierzig Mann gleichzeitig im Schlafzimmer, oder, Chef?”
Die Menge lachte, der Oberlehrer wurde rot und lachte notgedrungen mit. Paula dachte, der Kerl würde als Interessent ausscheiden, aber ganz im Gegenteil, beim später folgenden Gerangel um die Bewerbungsbögen war er geradezu draufgängerisch dabei.
Paula drehte ab, verbrachte den Nachmittag im botanischen Garten und dachte zwischen den Tropenpflanzen und Kakteen in einem der großen gläsernen Gewächshäuser über den Wohnungsmarkt nach, über das merkwürdige Auf und Ab des Angebots, über Quadratmeterpreise, den Umzug der Bundesregierung nach Berlin und über die Chancen, die ein kleiner Nullachtfuffzehnmieter heutzutage hatte, seine private kleine Traumwohnung zu finden.
Die nächste Samstags-Morgenpost eine Woche später war noch dicker als die vorherige. Oder kam es Paula nur so vor? Vierzig Anzeigen hatte sie aufgegeben in den letzten Tagen, eine Zehntel Seite vielleicht, aber ihr kam es so vor, als wöge die Last all der angepriesenen Immobilien diesmal besonders schwer. Das renovierungsbedürftige Schloß im Umland für einen symbolischen Kaufpreis von einer Mark etwa oder das zwölfstöckige Hellersdorfer Wohnhaus, Quadratmetermiete drei Mark warm. Aber auch die vier Eigentumswohnungen mit Spreeblick würden bei einem Kaufpreis von lächerlichen tausend Mark pro Meter ihre Interessenten finden, und daß die in Gründung befindlichen Wohngemeinschaften auf die “ehem. Offizierswohnung am Klausener Platz, 350 qm, 12 Zimmer, freiwerd., Miete 2000,- kalt auch an Ausländer” fliegen würden, verstand sich von selbst. Die paar Alterheimplätze wären sicher auch schnell weg, und die drei Schrebergärten auf Erbpacht wären wahrscheinlich genauso heiß umkämpft wie der Wasserturm (”Romantisch! Vollausgebaut! Verk. ehem. Wasserturm im Havelland, 18.000 Mark, an Naturfreunde umständehalber.”). Paula blätterte nochmal sentimental durch die bessere Welt, die sie da mit rund zweihundert Mark Einsatz vorübergehend geschaffen hatte, eine Welt ohne Wohnungsnot, eine Welt der Luftschlösser und Zimmerfluchten, der romantischen Altbauten und der kühn geschnittenen Neubauapartments. Natürlich geschah all das auf dem Rücken der Wohnungssuchenden, aber sie selbst hatte lang genug in ungeheizten Telefonzellen ganze Seiten abtelefoniert, um zu wissen, daß es da auf eine Absage mehr oder weniger nicht ankam. Und Mertens würde sicher in jedem einzelnen Fall absagen müssen; heute nacht und morgen früh und die ganze kommende Woche auch. Nur zur Sicherheit wählte Paula noch einmal seine einprägsame Telefonnummer, aber natürlich war da längst besetzt. Hundertsiebzigtausend Berliner Wohnungssuchende würden in den nächsten zwei Wochen Mertens’ Telefonnummer wählen, da konnte er nicht ausgerechnet für SIE Zeit haben…

24.
Als Paula aufwachte, stand der Wecker immer noch auf halb vier. Sein für sieben Uhr geplantes RIDIDIDIDIDIDI, dieses nervtötende elektronische Gezirpe, war wegen akuter Stromschwäche ausgefallen, und Paula hatte um eine glatte halbe Stunde verpennt. Mist! Sie ließ den Blick einen Moment durch die etwas verschroben gestaltete Wohnung schweifen - Tricia Guild hatte mit ihrem farbenkräftigen Landhausstil Patin gestanden für die recht mutigen Ostereierstreifen um die Türrahmen herum - und sprang dann auf. Immerhin sorgten die munteren Kontraste von Pink und Orange an den Badezimmerwänden für eine Art Frühlingsstimmung. Ein Blick aus dem Fenster zeigte Paula, daß der Frühling ungefähr im Treppenhaus enden würde. Es hatte geschneit über Nacht, und der Schnee wußte noch nicht so recht, ob er schmelzen wollte oder noch ein bißchen liegenbleiben.
Sie würde sich verdammt beeilen müssen, wenn sie bei diesem Wetter in Dahlem sein wollte, bevor Mertens das Haus verließ.
Mertens war schon seit halb sieben auf den Beinen. Er stocherte lustlos in einer Schale Corn Flakes und schaltete sich durch die paar Fernsehkanäle, die um diese Zeit schon sendeten. Talkshows auf allen Sendern. Irgendwelche Hansels, die sich beim Fernsehen einen Namen gemacht hatten, interviewten sich gegenseitig. Nichts von Belang. Einen Augenblick fesselte Peer ein Bericht über den bevorstehenden Kampf zwischen dem amtierenden Mittelgewichts-Champion und einen aggressiven jungen Herausforderer; Boxen war für ihn früher eine echte Leidenschaft gewesen. Dann kamen wieder die endlosen Statements der Teilnehmer irgendeines Kongresses, und er knipste die Glotze aus. Das Notebook verzeichnete zwei Termine für den Vormittag, irgendwelche Eigentumswohnungen mußten vorgeführt werden. Mittagessen mit dem Ehepaar Huchthausen, Alteigentümer aus der Pfalz, die zu alt und zu harmlos waren, um sich um eine sinnvolle Vermarktung des halben Dorfs im Havelland zu kümmern, das ihnen unversehens zugefallen war. Peers Hand mit dem Rasierwasser machte auf halber Strecke halt – bei Alteigentümern war eine gewisse Zurückhaltung geboten, mindestens im ersten Gespräch.
Typisches Beispiel für Männergesellschaft, dachte sich Paula und überholte ein paar Kitaeltern, die mit ihrem Nachwuchs in grellbunten Anhängerkapseln den Radweg blockierten. Männer steckten sich eine Knarre in die Jacke, und das Scheißding trug nicht mal auf. Bei ihr schabte der Griff des überdimensional großen Revolvers bei jedem Pedalschwung schmerzhaft über die linke Brustwarze. Die Amazonen hatten sich eine Brust amputiert, um sich beim Bogenschießen nicht selbst im Weg zu sein. Paula hielt prophylaktisch Ausschau nach einer chirurgischen Ambulanz - “Herr Doktor, bitte nehmen Sie mir die linke Brust ab. Wenn Sie sich vielleicht beeilen könnten? Ich muß so gegen acht jemandem eins mit dieser 38er hier verpassen. Oder lassen Sie die Brust dran und machen Sie nur die Brustwarze ab, wenn das schneller geht”. Immerhin, die Königsallee kam in Sicht, der Wind drehte Richtung Rückenwind. Mit etwas Glück war sie vor Mertens’ Behausung, bevor der Scheißkerl auf die Straße trat.
Mertens sah sich gern nackt im Spiegel an. Einmal hatte ihn eins von diesen Mädels dabei erwischt, wie er mit eingezogenem Bauch und geschwellter Brust vor dem mannshohen Badezimmerspiegel den Tarzan machte. Sie hatte sich nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Bis er ihr eine geklebt hatte. Tatsächlich sah Peer mit seinen achtunddreißig Jahren noch ziemlich gut aus. Erfolgreich, so ums Kinn rum. Manchmal kamen ihm seine Zähne zu falsch vor. Dabei waren sie echt. Echter jedenfalls als der nahtlose Bronzeton seiner Haut – eigentlich ging er nur deshalb jeden Mittwoch in die Sauna, um dort ein halbes Stündchen den Goldbroiler zu machen. Und in nächster Zeit würde er die Heerstraßensauna kaum von innen sehen. Mertens begutachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen die blauen Flecken auf den Innenseiten seiner Oberschenkel. Die Votze hatte ihn regelrecht fertig gemacht. Und bis heute hatte er nicht die geringste Idee, warum. Dabei hatten die beiden Ladies wirklich super ausgesehen, schlanke, durchtrainierte Luxuskörper, echte Ausnahmeteile. Mertens grinste Perry zu, der auch aufgewacht war und sich suchend umsah, als er “Luxuskörper” hörte. Vielleicht hätte er sich gleich in der Saunakabine zwischen die beiden quetschen sollen, bevor die Mädels auf dumme Gedanken kamen. Mertens seufzte. Onanieren oder rasieren? Die Pflicht rief.
Hundert Meter vor Peers Haus endete der Radweg in dem aufgeschobenen Schneematsch der Fahrbahn. Paula hätte am liebsten gekotzt vor Wut. Bei gutem Wetter schwafelten Stümper wie Berlins Verkehrssenator Haase von der “Fahrradstadt Berlin”… und beim ersten Schneefall zeigte die BSR, für wen hier die freie Fahrt gewährleistet wurde. Sie mußte runter vom Rad und den tropfenden Berg umrunden. Immerhin war das Räumfahrzeug kurz vor ihrem Ziel abgebogen; die Straße lag fast jungfräulich verschneit vor ihr. Da links stand schon Mertens’ Jaguar am Straßenrand, ein leichtes Ziel aus einer Entfernung, aus der sie keine Spuren hinterlassen würde.
Absurd genug, dachte Peer nach einem Blick aus dem Fenster. Da fährt man in einem vollklimatisierten Auto ins Büro, das Büro bringt auch immer die gleichen 20 Grad Arbeitstemperatur… und trotzdem überlegt man jeden Morgen vor dem Kleiderschrank, ob es für den Burberry zu kalt oder für die Lammnappajacke vielleicht doch schon zu warm ist.
Er entschied sich für eine kompromißtaugliche, sportive Steppjacke, griff sich die drei Hefter mit den Unterlagen des Tages und öffnete die Haustür.
Paula nestelte die klobige Pistole aus der Jacke und wäre auf der rutschigen Fahrbahn fast vom Rad gefallen dabei. Noch zehn Meter bis zum Jaguar. Logistik war offenbar ihre Schwäche; bei einer Anfahrt aus der entgegengesetzten Richtung hätte sie die Waffe jetzt in der rechten Hand. Egal. Im Flur von Mertens’ Wohnung ging das Licht aus. Kam der Scheißkerl raus? Sie zielte mit ausgestrecktem Arm. Auf der Gegenfahrbahn schlingerte ein Volvo vorbei, hupend. Zwei Meter. Ein Meter. Sie drückte ab. Pschiiit. Pschiiiit. Die rote Tabascosauce traf den Kühler und tropfte dramatischer in den Schnee, als Paula je gedacht hätte.
Als Peer mißmutig die Haustür öffnete, schepperte irgendwas am Ende der Straße. Eine große, fluchende Radfahrerin hatte sich mit ihrem Fahrrad zu sehr in die Kurve gelegt. Überhöhte Geschwindigkeit bei schneematschiger Fahrbahn, klarer Fall. Peer grinste schadenfroh und stiefelte zum Heck seines Wagens, um die weiße Masse von den Scheibenwischern zu fegen. Da sah er es. Aus seinem Wagen tropfte eine rote, dickflüssige Flüssigkeit. Blut. Der Wagen verlor Blut; eine halbmetergroße Lache hatte sich schon gebildet, der Scheiß war überallhin gespritzt. Peer kniete sich ohne Rücksicht auf die helle Hose in den schmierigen Schnee und suchte unter dem Fahrzeug nach der Ursache. Für einen Augenblick durchzuckte ihn die nackte Angst vor einer abgerissenen Hand oder einer anderen grausigen Entdeckung. Das Kind hatte nicht geblutet, es hatte nur still dagelegen mit seinen offenen großen Augen, und es hatte sein Gestammel nicht gehört. Er HATTE nichts gestammelt, er war weitergefahren. Und niemand hatte ihn gesehen, niemand sah jetzt die rostroten Flecken im Schnee, niemand sah den gutaussehenden jungen Mann, der Schneematsch und Streusand über die Stelle scharrte, auf die das Blut getropft war. Peer scharrte und schimpfte und sagte zwölfmal “Scheiße”. Niemand sah, wie ihm die Tränen über sein Gesicht liefen.

25.
“Vielleicht hätten Sie heute doch einen autofreien Dienstag einlegen sollen. Eine Mitfahrgelegenheit hatten Sie ja schließlich.”
Harrer war in Höchstform; daran änderte auch das reglose Stieren des blasierten Anwaltes nichts, den Mertens da mitgeschleppt hatte.
Der Schlüssel des Jaguars sah auf dem billigen Presspan-Schreibtisch ziemlich deplaziert aus. Überhaupt gab es in dieser behelfsmäßigen Schreibstube im Präsidium am Alexanderplatz kaum etwas, das nicht deplaziert gewirkt hätte, Harrer selbst eingeschlossen. Vor vier Jahren war er aus der Friesenstraße hierher umgezogen mit Sack und Pack, aber von Heimischwerden konnte noch immer keine Rede sein.
Immerhin: Für Auftritte wie diesen war das Präsidium äußerst brauchbar. Der Geruch von Lysol hing noch immer in den Gängen, lange Holzbänke versprachen endlose Wartezeiten, und durch eine geöffnete Tür konnte man sehen, wie eine fünfköpfige Rumänierinnengruppe einer Neunzigjährigen vorgeführt wurde, die in ihrem Altersheimzimmer überfallen und beraubt worden war und gerade zum vierten Mal sagte, daß es verdammt nochmal keine Ausländerinnen gewesen wären.
Mertens und Darius hatten aus ihrer Verachtung für Harrer Büro keinen Hehl gemacht; Peer hatte sich sogar zu einem Witzchen hinreißen lassen – “aber Donnerwetter, Herr Oberkommissar, das nenn’ ich Marmor! Man sieht gleich, was Sie ihrem Chef wert sind!”. Harrer hatte mit stoischer Miene seinen Dienstgrad korrigiert und dann die Fragen gestellt, die er schon einmal gestellt hatte. Darius hatte ein- oder zweimal mißbilligend geschnalzt, wenn Mertens eine Frage gestellt bekam, die er nicht beantworten mußte. Schließlich war Peer allmählich nervös geworden und hatte sich suchend nach der angekündigten Zeugin umgesehen.
“Wo ist denn die Mietze, die sie mir versprochen hatten, Harrer? Das Mädchen von der Kreuzung?” Aber Harrer hatte nur nachlässig abgewunken und weitergefragt. Und dann war Burmeester reingekommen und hatte Harrer auf die Schulter geklopft und ein lapidares “Ist bestätigt” abgegeben.
Harrer hatte sich zurückgelehnt, die Arme verschränkt und Mertens fixiert.
“Nicht Sie sollten “das Mädchen von der Kreuzung” sehen, Mertens, sondern die junge Dame Sie. Und das haben wir mithilfe dieses altmodischen spanischen Spiegels da drüben über dem Waschbecken gerade absolviert. Die Dame hat Ihren Wagen wiedererkannt, den Sie dankenswerterweise mitgebracht haben, obwohl ich Ihnen ein Auto” - “einen LADA!” unterbrach Peer gereizt - “zur Abholung geschickt habe. Sie hat ihn wiedererkannt unter den vierhundert Wagen, die draußen auf dem Parkplatz stehen. Und Ihr wertes Gesicht hat sie eben auch wiedererkannt. Einigermaßen zumindest.”
Darius war eingeschritten, mit einer schneidend scharfen Stimme und einer Arroganz, die Harrer in seinen Vorurteilen dem eidechsenhaften Anwalt gegenüber bestätigte. Natürlich hatte er recht, natürlich reichte die Zeugenaussage nicht aus gegen die klaren Statements einer halben Schickimickikneipenbesucherschaft. Harrer war das egal, das und die personalrechtlichen und sonstigen Konsequenzen, mit deren Androhung Darius sich dann auf ihn eingeschossen hatte. Er kassierte den Jaguar zur Beweissicherung, ohne mit der Wimper zu zucken, und auch wenn der Anwalt energisch prostestierte und weitere rechtliche Schritte ankündigte: Mertens mußte den Schlüssel rausrücken und tat das mit einem Gesicht, als hätte Harrer ihn aufgefordert, seinen Blinddarm auf das Nußholzimitat zwischen ihnen zu legen.
Die beiden waren rausgerauscht mit ihren Designersonnenbrillen auf den verkrampften Gesichtern, zwei Piranhas im Brackwasser polizeilicher Ermittlungen, und Harrer hatte den Jaguarschlüssel nicht angerührt, der in seinem muffigen Büro einen harten, unbarmherzigen Glanz verstrahlte. Er hatte sich nachdenklich vor dem spanischen Spiegel aufgebaut und auf sein konturloses Gesicht gestarrt, das nur durch die inzwischen zu jugendlich wirkende falsche Nase eine Art Charakter zu bekommen schien. Burmeester kam rein und wedelte aufgeregt mit den Händen.
“Die wär’ am liebsten durch die Scheibe gegangen vor Wut, Chef. Richtig identifizieren konnte sie ihn nicht, aber die hätte lieber fünf zuviel erwürgt als einen zuwenig.”
Harrer ächzte.
“Das sind mir die liebsten. Ein Hang zur Selbstjustiz… lächerlich. Diese Brüder würden sie wegputzen, ohne sich hinterher auch nur die Hände zu waschen.”
“Und was machen wir jetzt mit der Luxuskarosse?”
“Nehmen Sie das Ding auseinander. Ich will wissen, ob da jemals jemand anderes am Steuer gesessen haben kann. Fingerabdrücke, Haare, Textilfasern, die ganze Palette. Meinentwege können Sie sogar nach Spermaresten suchen, wenn Sie das üben wollen. Wir sind nicht in Eile, je länger die Tests dauern, um so gründlicher kann dieser Scheißkerl an seinem Achselschweiß arbeiten… in der U-Bahn.”
Darius hatte auf dem Weg zum Ausgang keinen Zweifel an seiner Mißbilligung gelassen.
“Wieso hast Du die Schüssel überhaupt mitgebracht? Mir hast Du erzählt, dieser Kerl ließe Dich abholen!”
Peer hatte unwirsch geknurrt. Darius war sicher, daß Harrer auch das Handy hatte und sich auf den nächsten Schlagabtausch vorbereitete. Man würde sich ebenfalls vorbereiten müssen.
Darius war gegangen. Der Abschied war etwas reserviert ausgefallen für so alte Freunde, und als der Anwalt angeboten hatte, ihn mitzunehmen, hatte Peer abgelehnt.
Er hatte gerade eine tütenschleppende Passantin nach der nächsten Taxihalte gefragt, als sie aus dem Parkplatz heraus vorbeigeradelt kam – Nora, die ganz sicher nicht Nora hieß und mit dem Einfädeln in den Geradeausverkehr so beschäftigt war, daß sie ihn gar nicht bemerkte.
Peer wartete keinen Sekunde. Mit seinem cremefarbenen Trenchcoat setzte er in in paar Sprüngen über die Mollstraße. Als Paula die Kreuzung schon hinter sich hatte, schubste Peer den erstbesten Radfahrer vom Rad, einen älteren Fabrikarbeiter, dessen Thermoskanne in der Umhängetasche zerbrach, als der Mann mit einem verdutzten Aufschrei auf den Gehweg fiel.
Peer griff sich das hellblaue Diamant-Rad, schwang sich in den Sattel und überquerte die fünfspurige Kreuzung bei Rot unter dem Hupen des Feierabendverkehrs. Ein Gemüselaster fuhr in den vollbremsenden Golf, der Peer nur um Zentimeter verfehlt hatte, aber bevor die Fahrer der Wagen aus ihren Türen gekommen waren, hatte Mertens schon Land gewonnen. Paula, Nora war nur noch ein kleiner sich entfernender Fleck in Richtung Spittelmarkt, doch Peer gab dem Vorwendevehikel Saures, und die Wut gab ihm die Kraft, die er brauchte, um ihren Abstand zentimeterweise und unaufhaltsam zu verkleinern.

26.
Himmelarschundzwirn, und dann war er unterwegs und trampelte, so gut es mit dieser Möhre von Fahrradersatz eben möglich war. Hinten auf den Gepäckträger war ein Eierkarton geschnallt, da waren sicher die hartgekochten Frühstückseier des Vorbesitzers drin. Peer grinste und dachte an das blödsinnige Bild, daß er zweifellos abgab – die fremden Eier unterm Arsch, den sündteuren Armani-Trench gerade zum vierten Mal ratsch ratsch in der Kette – egal, da vorn radelte diese Torte, ohne die seine ganzen Probleme nicht der Rede wert gewesen wären. Und er würde sie verdammt nochmal kriegen.
Peer hatte sich nie sonderlich für Politik interessiert, solange der Grundbesitz und das Verhökern von Immobilien stabile Werte blieben – aber nach ein paar hundert Metern Radweg dachte er doch daran, das nächste Mal einen anderen Verkehrssenator zu wählen. Dieser hier ließ den ganzen Dreck, der im Winter im Schnee eingebacken wurde, auf den Radwegen zusammenschieben – einen halsbrecherischen, scharfkantigen Schmierstreifen aus Streugut und Hundekot, der ihn Ecke Charlottenstraße fast aus der Bahn schlittern gelassen hätte. Und allmählich hatte sich auch sein anfänglicher Elan gelegt; vielleicht war die teuer erkaufte Gym-Fitness in den unteren Extremitäten doch noch etwas unvollständig, – jedenfalls hielt Nora vor ihm ganz gelassen einen Abstand von zehn Metern, ohne sich dabei sichtbar anzustrengen.
Potsdamer Platz, die Großbaustelle dieses Jahrhundertendes. Peer hatte ein paarmal geschäftlich hier zu tun gehabt, irgendwelchen Westwichtigtuern Rohbaubüros vermietet, deren spätere repräsentative Gediegenheit heute nur mit blindem Glauben oder furioser Phantasie vorstellbar war. Nora sah sich neugierig um und trödelte ein bißchen. Peer schloß auf. Eine Kolonne Fertigteil-Laster kamen auf der Gegenfahrbahn heran, und für einen Moment liebäugelte Mertens damit, Nora einen effektiven kleinen Schubs zu geben, ein beherztes Touchieren des Hinterrades. Er weidete sich innerlich schon an dem Ineinandergreifen der Geräusche, der verblüffte kleine Schrei (hatte sie überhaupt bemerkt, daß jemand hinter ihr fuhr? Und wer?), das Quietschen der Reifen, dieses beunruhigende, endgültige dumpfe Brechen, an das er sich eigentlich lieber nicht erinnert hätte…. aber da war die Gelegenheit auch schon vorbei. Peer fühlte eine Welle von Schweiß in sich hochsteigen und an den Schläfen und zwischen den Schulterblättern austreten; das war die Anstrengung. Wahrscheinlich wäre er eh nicht wendig genug gewesen mit seinem langen Mantel auf dem morschen Rad; sie hätten ihn geschnappt, und diesmal hätten weder teure Anwälte noch geschickt konstruierte Alibis geholfen. Dazu war sein Leben zu eng an das dieser seltsamen Gestalt vor ihm gebunden. Nora war jetzt nur noch drei knappe Meter voraus, und Peer starrte aus Routine auf ihren Hintern mit den rythmisch trampelnden Oberschenkeln, deren Innenseiten bei jeder Pedaldrehung am glänzenden Holm des abgewetzten Ledersattels rieben. Das richtete ihn wieder auf in seiner etwas ungeübt gekrümmten Haltung, und Stoß für Stoß näherte sich sein hellblaues Diamantrad dem Hinterrad vor ihm.
In diesem Augenblick bremste Nora scharf, sprang ab und zerrte das Rad auf den Gehweg. Was jetzt? Peer schoß vorbei, ohne reagieren zu können, und sah über die Schulter, wie sie das schwere schwarze Hollandrad die Treppe hinab in den U-Bahnhof Kurfürstenstraße wuchtete.
Verdammt, heute blieb ihm nichts erspart. Gab es noch ein anderes vorsintflutliches Verkehrsmittel, in das er ihr folgen mußte? Studentenrikscha vielleicht, getragen von ein paar irokesenköpfigen Ethnologie-Erstsemestern?
Peer schubste das hellblaue Rad in einen Hauseingang und rannte hinterher. Natürlich fuhr die UBahn gerade an, als er die Treppe herunterkam, und für einen Augenblick sah alles so aus wie in diesen typischen Filmszenen, “Heldin schüttelt den Bösewicht in der U-Bahn ab”, hinlänglich bekannt. Allerdings hatte sich der Verkäufer eines Obdachlosen-Magazins beim Abteilwechseln in einer der Automatiktüren verklemmt, und unter dem hämischen Gelächter des halben Abteils wurden die Türen nochmal geöffnet, während die Stimme des Abfertigers wütende Schnauztöne durch die Lautsprecher schickte. Peer stieg ein, keine Armlänge von Nora entfernt, im Gedränge unsichtbar und von ihr abgewandt. “Zu…rückbleiben!” hieß es nun endlich, quietschend ging die Fahrt durch den Tunnel.
Zwischen Nollendorf- und Wittenbergplatz fühlte Peer bei einem plötzlichen Schlingern in der Kurve eine Hand in seiner Manteltasche. Irgend so ein kleiner Scheißkerl, Abendschüler, Pattexschnüffler wollte sich sein Taschengeld aufbessern, aber daraus wurde nichts. Vorhin beim Radfahren hatte das Hanteltraining nicht viel genützt, hier gab es ihm die Kraft, die Pfote des Taschendiebs wie eine Schlauchschelle zu umfassen und festzuhalten. Der Kerl schrie nicht auf, und Peer war froh deswegen. Er starrte ihn nur mit einem erschreckten, hohlen Blick an. Peer roch Schweiß und irgendeine länger zurückliegende Mahlzeit, als er den schmächtigen Burschen auf ein paar Zentimeter an sich heranzog und mit einem kalten Blick festnagelte.
“Erwischt, Schätzchen” fauchte er in das angstvoll zusammengekniffene Gesicht, ohne daß die Umstehenden im Gerumpel der Bahn groß neugierig geworden wären. Er nestelte die Brieftasche aus der Jacke des Geschnappten und steckte sie nach einem kurzen Blick in eine der tiefen Manteltaschen.
“So, Freundchen, jetzt drehen wir den Spieß um. Wenn Du die Papiere wiederhaben willst, ohne daß ich den Bullen alles erzähle, dann habe ich einen Gefallen bei Dir gut. Oder willst Du mir keinen Gefallen tun?”
Der andere nickte übereifrig, bleich und schwitzend, und Peer knurrte zufrieden.
Als Paula eine Viertelstunde später ihre Haustür aufschloß, fiel ihr der kleine, verhuschte Typ auf, der ihr die paar Schritte von der UBahn hierher nachgehastet war und jetzt hinter der Hecke stehenblieb und sie beobachtete.
“Verpiß Dich, Du Spanner!” zischte sie zu ihm rüber, und der Kerl lief tatsächlich weg. Paula zuckte die Achseln und ging hoch.
Unterdessen hatte sich Peer bei Enrico angewiedert, staubig und verschwitzt ein großes, kaltes Bier bringen lassen und zog den Chef jetzt am Schlips zu sich heran. Enrico grinste.
“Habt Ihr ’ne Dusche?” fragte er den Italiener ohne Umschweife. Der deutete mit dem Daumen hinter sich und grinste verschwörerisch.
“Hast Du gefickt? Ich riech’ gar nichts, amico.”

27.
Abends sah Harrer einen neuen deutschen Film im Fernsehen, eher versehentlich eigentlich. “Stille Nacht”. Maria Schrader trank Wodka, telefonierte und gab sich diversen sexuellen und telefonsexuellen Ausschweifungen hin. Normalerweise hätte er den Sender gewechselt, aber er hatte zu denken, und im Halbdunkel seiner Gedanken und durch halbgeschlossene Augen erinnerten ihn die wuchtigen, expressiven Bilder an etwas, das er früher mal gesehen haben mußte. Eine Paella. Eine Massenkarambolage. Annemaries Badeanzug, zuletzt, im Boot.
Irgendwas ging schief, und Harrer roch den Braten. Mertens war schuldig, das stand für ihn fest. Mertens hatte allerhand gute Argumente, die vor Gericht eine Rolle spielen würden – auch das war unübersehbar. Die Sache würde ausgehen wie das immer noch nicht im Lexikon nachgeschlagene Hornberger Schießen. Und trotzdem war da was im Busch HINTER all den getürkten Alibis und der gelackten Dreistigkeit, und Harrer roch das mit der eigentlich nicht riechtauglichen Prothese unter seinen schwer werdenden Augenlidern. (Heutzutage machten sie das, Nasenprothesen, mit denen man sogar riechen konnte. Harrer hätte keinen Wert darauf gelegt, selbst wenn sie ihm so ein Ding zur Pensionierung geschenkt hätten. Die Welt war nunmal Scheiße – wozu brauchte man da eine NASE?).
Die Schrader lag nackt auf dem Bett, und ein Kerl mit Gasmaske rieb sie mit biodynamisch gezapftem Olivenöl ein. Der Kerl war Bulle. Harrer ächzte und überlegte einen Augenblick lang, ob er den Regisseur anrufen sollte. Das hatte er schon oft überlegt. Einmal hatte er einen Regisseur im Präsidium gehabt wegen irgendeiner Lapalie, und er hatte den Mann geraderaus gefragt, wo der ganze Quatsch eigentlich herkam, den man so im Fernsehen sehen mußte. Der Regisseur hatte ihm einen Blick zugeworfen, der… naja, der mindestens vieldeutig gewesen war. Und Harrer war eine Zeitlang mit dem Gefühl herumgelaufen, seine trübe kleine Welt wäre das Imitat, seine nervtötende Langeweile wäre die Ausnahme und das Bullenbild im Fernsehen eigentlich der Job, der ihm zustände.
Harrer ächzte, während die Schrader außen an einem Baugerüst hochkletterte. Immerhin hatten die großen fossilen Fernsehbullen auch manchmal so ein Gefühl wie er heute. Robert Mitchum, meinetwegen. Oder dieser schräge schwule Harry Palmer-Typ. Wie hieß noch der Schauspieler? Egal. Ein Engländer. Die hatten im Urin, wenn irgendwo irgendwas nicht ganz klar war, und genau die gleiche trübe Pisse sah er jetzt auch. Harrer wuchtete sich hoch aus dem orangenen Plüschdings (Annemarie!) und sah plötzlich klar. Da war eine dritte Kraft am Werk. Das Gute, das Böse. Und sie. Konnte eigentlich, soviel Beteiligte gab es ja nicht in dieser billigen Fahrerflucht-Komödie, konnte ja eigentlich nur die Diercksen sein. Die hatte sowieso was Fanatisches. Und Burmeester hatte mit seiner stümperhafen Beschatterei immerhin ein paar ziemlich schräge Nebenmeldungen fabriziert, die im Nachhinein und im Zusammenhang betrachtet auch suspekt waren. Soviel komische Zufälle konnte sich nichtmal Burmeester zusammenträumen. Schließlich gab es noch diesen Anruf von gestern früh, diese Supermarkt-Trulla, “Frau Sokolowski, der MERTENS kommt, der Mertens kommt, ich seh ihn schon! Ich hab Ihre Nummer im anderen Kittel, da hab ich einseinsnull – Guten TACH Herr Mertens, na was macht denn der Hund? –”… Frau SOKOLOWSKI? Harrer schnaubte. Die Diercksen zog da eine Extranummer durch, und er würde morgen früh mal mit Burmeester darüber sprechen müssen.
Die Schrader war schwanger, Harrer hatte die Pointe verpaßt – oder WAR das die Pointe? Jedenfalls war die Diercksen nähere Betrachtung wert. Harrer schaltete rüber in diesen Ami-Sportkanal, aber da kam nur Golf, und Harrer hasste Golf. Also ging er ins Bett. Beim Einschlafen sah er die Schrader als Supermarkt-Kassiererin. Mertens kam mit seinem blöden Kampfhund rein. Die Schrader blickte dramatisch, aber Mertens schien das nicht zu bemerken.

28.
Über dem Lietzensee ging eine blasse Morgensonne auf, und der Leguan öffnete das linke Auge. Er hatte die Nacht auf der Fensterbank sitzend verbracht, ohne sich zu rühren, ohne zu denken. Auch jetzt hätte man seinen Nasenflügeln kaum ansehen können, daß er atmete, und eigentlich war das das ganze Kunststück. Still zu werden. Nicht einfach nichts zu tun, sondern auch das Nichtstun zu lassen und einfach zu verharren. Mimikri in Vollendung. Der völlige Stillstand, der ihn zu einem Teil des Geländes werden ließ, zu einem Stein am Wegrand, einem Ast am Baum, unsichtbar für die Fliege.
Die Fliege – und keine Bewegung seiner Augen hätte verraten, daß er sie überhaupt wahrgenommen hätte – die Fliege hatte den Abend am Telefon zugebracht und war früh ins Bett gegangen. Gegen alle Gewohnheit hatte die Kleine die Vorhänge zugezogen und vorher einige Sekunden lang aus dem dunklen Raum heraus auf die gut beleuchtete Straße gesehen. Unmöglich, daß sie von seiner Existenz wußte. Schwer vorstellbar, daß sie seine ruhigen, gefühllosen Blicke spürte an ihrem Hals, ihren Schultern. Der Leguan dachte nach in der gepanzerten Reglosigkeit seiner Außenhülle. Etwas war verloren gegangen von der unbeobachteten Unbeschwertheit. Die Kleine wirkte unsicher, und das tat sie sonst nie. Das Jagdfieber überzog seinen Rücken mit einem Anflug von Gänsehaut, und so hatte er die Nacht auf der Fensterbank verbracht, mit offenen Augen geschlafen und war still gewesen und gefühllos, während das oft lackierte weiße Holzbrett sich ohne Ehrfurcht vor dieser Askese in seine Hinterbacken gedrückt hatte.

Hasso Hinreuther hatte die Nacht nach ein paar Ortsterminen, die er für Mertens absolviert hatte, in einer Techno-Disco verbracht, aber Techno war t.o.t.. Die Love Parade wurde über Siemensstadt umgeleitet, damit den Charlottenburger Omis nicht die Blumentöpfe vom Balkon fielen, und die Szene hatte angefangen zu schrumpfen. Die freigiebigen großen Sponsoren zogen sich zurück und überließen den Markt den kleinen Nachahmern, der zweiten Garde. Hasso hasste das. Aber immerhin brachte ihn das Wummern durch die Nacht, und auch später in der ersten U-Bahn unter den Kopfhörern hatte er nichts gehört und nichts gedacht als eine zweimillionenmal wiederholte Bassline und diese apokalytische Vervielfachung eines Schlagzeugs. Gegen sechs hatte er am Amtsgerichtsplatz eine Currywurst gegessen und gegen alle Gewohnheit einen Schnaps getrunken. Als der Sprit ihm die Kehle runterfloß, hatte er den Satz wieder gehört, den der Boss zu ihm gesagt hatte. Er äffte Mertens’ Stimme mit einem Mickeymauskreischen in Gedanken nach:
“Kurz rein und drauf, mehr ist das auch nicht. Deine Gotcha-Spielereien haben Dir doch auch Spaß gemacht – jetzt werd’ mal erwachsen!”.
Dieses Arschloch. Gotcha war out, vorbei seit drei, vier Jahren. Mit Spielzeugknarren Farbkugeln zu verballern war schon lange nicht mehr sein Ding. Spätestens seit der Sache mit den Eierhandgranaten nicht mehr. Alois hatte bei seinem Job in dieser Kühlschrankdisco in Weißensee einen Russen kennengelernt, und der Russe brauchte Geld und hatte Alois und Hasso auf einem Parkplatz bei Karow zwanzig Eierhandgranaten verkauft. Stück fünfzig Mark, einen runden Tausender für eine scheißschwere Sporttasche mit Granaten und ein Gurkenglas voller Zünder. Man mußte die Zünder aus dem Gurkenglas friemeln, in das Stahlei stecken. Dann war oben ein dünner Ring wie in den vielen Filmen, in denen sowas vorkam. Und man hatte tatsächlich sieben Sekunden Zeit. Silvester, als ringsum schwer geknallt wurde, hatten sie mit feuchten Fingern und nach einem ordentlichen Schluck aus der Jim-Beam-Flasche (wer sagte denn, daß die Russenteile nicht SOFORT explodierten?) zwei Eier ausprobiert. Das erste hatte Hasso einfach so in die Pampa geworfen; mit dem zweiten hatten sie ganz genüßlich eins von diesen grünen Dixi-Mietscheißhäusern hochgehen lassen irgendwo hinten in Dahlem, nicht weit vom Haus von Hasso’s Eltern. Hasso hatte einen Luftsprung vor Freude gemacht, als das grüne Plastikzeug in dicken Flocken auf ihn runtergeregnet kam. Er hatte einen “Fickt Euch!”-Finger in Richtung seines Elternhauses gereckt und sich ausgemalt, wie Papas spießige kleine Terrasse zu Steinmehl zerblasen wurde. Kawoooooouuum. Später im Suff war Alois auf die Idee mit den “Senkrechtstartern” gekommen. Die Knallerei in der Stadt wurde schon weniger, und Alois, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und wie ein Hahn krähte, hatte eins der Eier gezündet, ehe Hasso ihn daran hindern konnte. “Eins, zwei, zwei, ach nee drei, vier, - hopp!”. Der Senkrechtstarter flog steil nach oben und wäre vielleicht wirklich zwanzig Meter über ihnen detoniert – auch schon schlimm genug. Aber vielleicht gingen die Uhren in Russland doch anders, jedenfalls kam das Ei heil wieder runter, kollerte zwischen ihnen auf den Boden und blieb liegen. Und während Hasso mit zwei schnellen Schritten und einem Riesen-hechtsprung in die Büsche sprang, hatte sich Alois verdutzt gebückt, um das Ding aufzuheben.
Er hatte Mertens nicht erzählt, daß er dabei gewesen war. Aber durch das letzte Geräusch, das Alois vielleicht noch gehört hatte, war Hassos Biorythmus aus der Bahn gekommen. Er machte die Nächte durch, gab einen Haufen Geld für ein paar Kubikmeter Stereoanlage aus und überfuhr nachts Unter den Linden Tauben. Für Mertens machte er weiter die Drecksarbeit und den lästigen Telefonkram, aber sogar der Chef hatte gemerkt, daß Hasso härter geworden war und daß das nicht an der Pubertät lag: Hasso war dreißig. Dann hatte es diese Rempelei gegeben in der Bar gegenüber von Enricos Edelrestaurant, und Hasso, der eigentlich gar nicht involviert gewesen war, hatte sich eingemischt und zwei Nasenbeine und einen Gutteil des Tresens zerbrochen, bevor der Chef ihn auf die Straße gezerrt hatte. Er hatte draufgehauen, einfach immer drauf ohne Sinn und Verstand, als hätte irgendwer einen definitiven Hebel umgelegt. Später im Jaguar hatte Mertens ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Verblüffung angesehen und gesagt: “Ich wußte ja gar nicht, daß Du so ein Terminator bist, Kleiner….” – und Hasso hatte mit den Achseln gezuckt und irgendwas geknurrt.
Seitdem hatte der Chef ihm manchmal Aufträge gegeben, die über das hinausgingen, was er bis dahin erledigt hatte. Nicht, daß der Chef tagtäglich zu dieser Art der Konfliktbewältigung greifen mußte. Aber die Arbeit brachte es mit sich, daß man aneckte. Mit einem Dezernenten im Bausenat. Mit einem Mieter, der partout nicht einsehen wollte, daß seine Wohnung teurer verkauft werden konnte, wenn er die Kündigung unterschrieb. Das kam selten vor, aber es kam vor, und Hasso nahm sich dieser Dinge an und marschierte einfach rein – nicht mit einem Baseballschläger, wie in den deutschen Serienkrimis, sondern einfach so. Irgendwas zum Hauen war immer da, wenn man es brauchte. Ein Spazierstock, der in Stücke ging auf dem glänzend gewienerten Fernsehtischchen mit dem Nippes drauf. Ein Stuhl. Ein Bügeleisen an einem langen Kabel. Hasso marschierte rein wie eine Eierhandgranate und explodierte, so einfach ging das. Hinterher fühlte er sich wie nach dem Bumsen; irgendwie sauberer, entspannter. Unschuldiger.
Diesmal war der Chef weiter gegangen, und Hasso hatte einen Moment lang gezögert, als Mertens ihn mit seinem entwaffnenden Stahlbürstenlächeln angegrinst hatte und gesagt hatte:
“Du weißt ja, daß sie nervt. Also dreh’ ihr den Hals um.”
Seitdem war er auf den Beinen und hatte sich den Kopf zugedröhnt mit dem Walkman, um nicht ins Grübeln zu kommen. Und eigentlich war er auch nicht groß ins Grübeln gekommen, außer daß er den Chef heute nacht ein paarmal “Das Arschloch” genannt hatte. Aber das hätte er ihm folgenlos sogar ins Gesicht sagen können, dem Arschloch, und Mertens hätte ihn nur mit seinem glasaugenartigen Blick angestarrt und gegrinst. Und letztlich änderte sich auch nichts dadurch. Hasso sah die Straße hinunter; die wenigen Passanten beeilten sich auf ihrem Weg zum U-Bahnhof. Ein Blick brannte in seinem Nacken. Hasso sah nicht auf. Wahrscheinlich irgendeine Oma. Scheiß auf die Omas; bevor die hier merkte, was Sache war, war der Fall erledigt. Wahrscheinlich hielt sie sowieso ihr Opernglas falschrum und trank schon jetzt, morgens um halb sieben, den ersten Eierlikör.

29.
Der Morgen zog auf wie ein oft benutzter Waschlappen; kühl, feucht und dabei alles andere als frisch. Paula ließ die Vorhänge zu und stieg in die Badewanne – mit brühheißem Tee und viel Milch in der größten Tasse, die sie finden konnte. Krebsrot saß sie da im Wasser und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Es gab solche Tage, im Alter – in dem, was sie jetzt schon Alter nannte – mehr als früher: Man fühlte sich verkatert und wie ausgekotzt, ohne am Abend auch nur ein Glas angerührt zu haben. Es war einfach ungerecht.
Die Mertens-Puppe war nicht ganz unschuldig an der Konfusion, das stand für Paula fest. Das unheimliche Biest saß reglos auf einem Stuhl, stierte unfreundlich zu ihr rüber und schmiedete Rachepläne. Paula bekam eine Gänsehaut. Peer Mertens, der Drecksack, hatte smart ausgesehen gestern im Präsidium. Unverletzbar – vielleicht ein bißchen übernächtigt, vielleicht ein bißchen versoffen und verraucht. Aber jedenfalls nicht kleingekriegt. Nicht bestraft für seine unglaubliche Schuld. Vielleicht ein bißchen mürbegemacht. Aber keinesfalls an der Grenze zum Geständnis. Oder zum Wahnsinn.
Paula seufzte und schlabberte ein bißchen Tee in die Wanne. Womöglich war es gar nicht ihr Job, den Mistkerl ans Messer zu liefern. Wahrscheinlich hatte sie sich übernommen, hingerissen von zuviel zu guten Ideen, besessen von der Hoffnung, es könnte funktionieren. Natürlich hatte es funktioniert, nichts war schiefgegangen, wenn man mal davon absah, daß sie sich sehr wenig um sich selbst, ihren Lebensunterhalt, ihren Freundeskreis gekümmert hatte in letzter Zeit.
Paula angelte sich mit nassen Fingern die Mertens-Puppe und kam mit ihrem Gesicht sehr nahe, als sie sprach.
“Hör zu, Freundchen. Wir sind noch nicht fertig miteinander. Noch lange nicht, kapierst Du das? Du hast keinen Saft mehr im Akku, aber ich bin noch lange nicht so weit.” Die Mertens-Puppe schwieg verbockt und rührte sich auch nicht, als Paula sie lange Sekunden unter Wasser drückte.
“Kannst Du überhaupt schwimmen, Scheißkerl?”
Kleine Luftblasen perlten aus der Hörmuschel, und eins der aufgeklebten Augen ging ab. Paula riß die Puppe aus dem Wasser und ließ sie achtlos auf den Hirtenteppich vor der Wanne fallen. Es hatte keinen Sinn, hier in der Suppe zu sitzen und zu grübeln. Mertens machte zweifellos auch seine Pläne. Er durfte nicht zur Ruhe kommen. Sie warf den zu großen “Hotel Intercontinental”-Bademantel über, den Matthias ihr damals stolz von seiner ersten Restaurant-Recherchereise aus dem ach so fernen Frankfurt mitgebracht hatte, und stiefelte in die Küche. Radieschen, Pumpernickel, fetter Landrahm. Ein großes Glas kalte Milch. Zwei weichgekochte Eier, Herr Ober. Die würde Mertens auch bald haben. Im Radio lief “I’m bad” von Michael Jackson, und der Kommentator heitzte die Jacko-Hysterie vor dem bevorstehenden Konzert in zwei Tagen nochmal mächtig an mit einem ganzen Wust an Gerüchten und Informatiönchen.
“Immer etwas besser informiert, immer etwas näher dran an den FACTS: Die Hörer von DeBeRadio. Hits vom Tage, die Infos aus Berlin und Brandenburg… und die beste Musik aller Zeiten! Ihr hört DeBeRadio, Ihr hört Reginald Michel. Und: Ihr hört MICHAEL JACKSON, der die Stadt in zwei Tagen in eine hottende, groovende Großdisco verwandeln wird…” Paula horchte auf bei der euphorisierenden Stimme dieses halb debilen Bauernfunk-Moderators, schnappte noch ein paar Takte der neuen Single-Auskopplung auf und war schon mit der Jeansjacke über der Schulter im Treppenhaus.
Keine fünfhundert Meter von Mertens’ Appartment entfernt gab es einen wirklich netten Süßwarenstand am U-Bahn-Eingang. Paula stand einen Augenblick ganz fasziniert vor der immensen Auslage. Kirschlollies für fünf Pfennig; Salinos und Roll-Lakritze, Marshmellows in zwei Farben: Alles war da. Der Hammer waren die stark duftenden versilberten Veilchenpastillen und vor allem die echten weißen Mäuse mit den Knopfaugen, eine süße Delikatesse ihrer Kindheit. Die hatten damals acht Pfennig gekostet und lagen jetzt bei sechzig, und Paula rechnete überschlägig aus, was gewesen wäre, wenn sie das Erbe ihres Vaters nicht für ein nie beendetes Studium der Sozialhämatomologie (oder war es Psychopseumonautik gewesen?) ausgegeben, sondern in weißen Mäusen angelegt hätte. Paulas Vater war ein wunder Punkt in ihrem Leben. Einer von vielen, vielleicht. Als Paulas Mutter irgendeinem Wanderkoch nach Bolivien gefolgt war, hatte Paula gerade ihren zwölften Geburtstag gefeiert, übrigens auch mit weißen Mäusen auf der dunkelbraunen Schokogeburtstagstorte. Paulas Vater hatte die Sache in die Hand genommen und sie beide über die Runden gebracht mit seiner sanften Zielstrebigkeit, mit seiner schweigsamen Ruhe und einer tiefverwurzelten Traurigkeit, die sie auf Distanz gehalten hatte. Früher war er mit ihr engumschlungen die Wiesenböschung vor dem Haus runtergerollt, er hatte ihr Schwimmen beigebracht und sie Silvester auf seinen rotbehaarten Armen ins Bett getragen. Seit Mutters Abreise hatte er sie nicht mehr in den Arm genommen, nie wieder, und irgendein vertracktes Abkommen zwischen ihnen hatte dafür gesorgt, daß sie diese Distanz mitmachte, nicht durchbrach. Wenn Sie Vater umarmt hätte – und in mancher durchweinten Nacht wäre sie so gern aus dem zu kurz gewordenen Kinderbett geschlüpft und in seine Arme geflüchtet – wenn sie Vater umarmt hätte, dann wäre eine Welt um sie herum in Tränen versunken, dann hätte er alle Kraft verloren und wäre mit ihr zusammengebrochen, und sie wußten beide, daß das nicht passieren durfte, und hatten durchgehalten bis zuletzt. Als sie auf eigenen Beinen stehen konnte, hatte unter seinen schon der Boden geschwankt, und während sie in Berlin zwischen Erstsemesterstreiks, Hausbesetzungen und ersten großen Lieben hin- und hergerissen wurde, hatte er den komischen kleinen Wohnwagen an den alten Saab gehängt, den Mutter so gehaßt hatte, und war zum Zelten an die Ostsee gefahren. Nach zwei Monaten hatte jemand den Wohnwagen aufgebrochen gefunden, menschenleer, und von Paulas Vater hatte jede Spur gefehlt, und das war so geblieben. Wahrscheinlich war er schlichtweg beim Schwimmen ertrunken, und das war die Annahme, zu der Paula tendierte. Vielleicht – manchmal nachts lag sie wach und erwog das Für und Wider – vielleicht war er absichtlich hineingegangen. Aber dann hätte er einen Brief geschrieben. Du HÄTTEST einen Brief geschrieben, Papa, oder? Vielleicht hatte Käptn Nemo für einen Zwischenstop gehalten und ihn an Bord gebeten: Auch das war manchmal nachts eine wahrscheinliche Antwort, und in wilden, tränenreichen Träumen sah sie ihn dort unten neben Nemo an der großen Frontscheibe stehen und hinausstarren auf Wracks und Riffe, auf hochfahrende Pläne und kleine Fische und auf ein Meer der Verrücktheiten und tiefblauer Schatten.
Paula schreckte hoch; sie war wegen der weißen Mäuse hier oder genauer gesagt wegen Michael Jackson.
“Zwei von denen, vier davon, drei Gummiteufel und acht Salinos. Haben Sie auch gesehen, wie er eben vorbeigefahren ist?”
Die Verkäuferin hinter dem Tresen konzentrierte sich einen Moment lang auf die komplizierte Bestellung und sah dann hoch. “Vorbeigefahren?”
“Na klar! Eben ist MICHAEL JACKSON vorbeigefahren. der spielt doch übermorgen in der Waldbühne. Und weil vor allen Hotels die Fans warten, haben sie ihn HIERHER gebracht!” Paulas Stimme kam ins Kicksen vor Begeisterung, und auch die Verkäuferin wurde von einer gewissen Unruhe erfaßt.
“Wo soll’n hier’n Hotel sein?” wollte sie wissen, aber Paula winkte ab.
“So einer braucht kein Hotel, der hat Freunde. Dieser Typ mit dem Kampfhund,” sie beugte sich weit vor und sprach mit gedämpfter Stimme weiter, “der wohnt doch dahinten in dem dunkelroten Bungalowdings, wissense? Na, und der soll doch der Chef von dieser Plattenfirma sein. Jede Wette, daß der Michael Jackson bei DEM wohnt.”
Die Verkäuferin grunzte zufrieden. Da war was dran. Das war eine handfeste Tatsache. Irgendwas Unseriöses hatte sie diesem Kampfhunf-Typen sowieso zugetraut. Plattenboss war der also. Deshalb auch der Kampfhund, als Schutz vor Geiselnehmern. Sie seufzte und strich in einer eher unnötigen Geste ihren Kittel glatt. Ob Michael Jackson mal vorbeikam, um ein paar Leckmuscheln zu kaufen? Möglich war alles.
Im “Wachteleck” schlug Paula blanker Hass entgegen, als sie bei einem Herrengedeck ihre Beobachtung äußerte.
“In die Achtzehn? Der Jackson? Na, da werd’ ich gleich mal rübergehen und dem Kerl an den SACK fassen, das scheint ihm ja zu gefallen, dem Spinner.” Der drahtige kleine Kneipenwirt strich sich seinen kurzen Schnurbart glatt und erntete das wohlwollende Gelächter der Tresenhänger.
“Det wird Deine Else bestimmt Klasse finn’, dassde mal nem KERL an den Sack fasst. Da wart’se schon lange druff.”
“Watt soller’n sonst machen, Atze? Else HAT doch keen Sack!”
Die Stimmung war super, das mußte man schon sagen. Jedenfalls für Dienstag früh elf Uhr. Paula zahlte. Der Kneipenwirt gab noch einen aus.
“Na, ich werd mal’n paar Stühle rausstellen. Wenn Michael Jackson in der Achtzehn wohnt, laß ick mir jeden Sitzplatz teuer bezahlen.”
Gegen eins hatte Paula ihr Pensum erfüllt und suchte sich eine Telefonzelle. Schon jetzt blieben die Leute vor Mertens’ Haus stehen und versuchten, durch die zugezogenen Gardinen zu schielen. Mertens war einmal rausgekommen und hatte den Briefkasten leergemacht, und die Fußgänger waren geflissentlich weitergegangen, aber er hatte durchaus gemerkt, daß die Aufmerksamkeit ihm gegolten hatte. Danach hatte er immer mal wieder irritiert durch das Küchenfenster gepeilt, bis ihn zuletzt jemand fotografiert hatte. Danach hatte er es vorgezogen, kein Lebenszeichen von sich zu geben. Paula brauchte keine zwei Minuten, bis sie Reginald Michel am Hörer hatte. On Air hatte der Kerl leichtgläubiger und begeisterungsfähiger geklungen, aber immerhin verriet ein wacher Unterton in seinem sanften Nachfragen, daß er den Köder geschluckt hatte. Rund zwanzig Minuten später recherchierte sich ein Reporterinnenduo vom Süßwarenkiosk zur Kneipe und weiter in das Strickgeschäft und auf den Schulhof des Gymnasiums, wo die Stimmung auch so schon massiv ins Kochen gekommen war. Alle hatten sie ihn live und persönlich gesehen. Eine Vierzehnjährige hatte er sogar geküßt, und die Kleine saß erschüttert und in Tränen am Rand des Schulhofs und beschloß eben, ihre linke Wange nie wieder zu waschen. Paula hatte sich unterdessen eine Parkbank gesichert und stoppte die Zeit. Vom Besuch der Reporterinnen an dauerte es vielleicht vierzehn Minuten, dann kamen sie. Sie kamen alle. Mit Bussen, mit Autos, Taxis und Rädern. Manche schleppten große Stoffbären mit sich, viele sangen, etliche hatten selbstbemalte T-Shirts mit Liebeserklärungen an. Es war gigantisch. Es war hysterisch. Es war himmlisch. Und während drinnen Mertens seine letzte Tütensuppe erhitzte, stimmten draußen viertausend Teenis “Billy Jean” an, vom viel zu kleinen Appartment des Maklers nur durch einen überforderten, ablösungerhoffenden Polizeikordon getrennt…
Paula lehnte sich zurück und aß die vierzehnte weiße Maus. Ihr war schlecht. Sie war glücklich. Sie war Michael-Jackson-Fan. Das war ganz plötzlich gekommen.
Hasso Hinreuther kaute Pistazien und schob dem ungeduldigen Taxifahrer den achten Zehner rüber.
“Sind Sie auch Fan?” wollte der Droschkenfahrer wissen, aber Hasso achtete nicht auf ihn. Er starrte durch halbgesenkte Lider auf die Frau, die gerade von der Parkbank aufstand, eine Papiertüte zerknüllte und in den Papierkorb warf und Richtung Roseneck spazierte.
“Fahren Sie hinter der Frau her, aber langsam. Wenn sie uns sieht, kriegen Sie Ärger.”
Der Taxifahrer sah sich um und roch den schlechten Atem und den Schweiß seines Fahrgastes. Er zuckte die Achseln. Der Bursche war suspekt, aber seine Zehnmarkscheine sahen so aus wie alle anderen, die er bis dahin gesehen hatte. Das Taxi rollte an und schlängelte sich zwischen singenden Fangrüppchen hindurch, bis nur noch Paulas heiter schwingender Gang vor ihnen auf dem Bürgersteig zu sehen war.

30.
Das Irreste an der Post, da war sich Matthias sicher, waren die Briefträger. BriefträgerINNEN gingen noch, die standen aus irgendwelchen diffusen Gründen meist mit beiden Beinen im Leben. Aber alle Briefträger, die Matthias in seinem Berliner Leben jemals einen Brief gebracht hatten, waren sonderbar gewesen. Leichenblasse Kerle meistens, oft hager und verstört, mit zu Berge stehenden Haaren und einem Blick, als hätten sie gerade auf der Bismarckstraße einem Vulkanausbruch beigewohnt. Früher, als Matthias noch Schübe von wildem Heimweh nach seiner schwäbischen Waldheimat gehabt hatte, hatte er immer abergläubisch darauf geachtet, seine Post aus dem Kasten zu fischen und nicht direkt ausgehändigt zu bekommen – als drückte Hiob selbst ihm den unerheblichen Kontoauszug und den Brief von Mutter in die Hand. Gerade die Briefe von Mutter waren immer für eine schlechte Nachricht gut – “Tante Isolde hat Hautkrebs und sieht aus wie eine Leprakranke. Sie wird es nicht mehr lange machen, und weißt Du was, Kind? Wir haben es ihr noch nicht sagen können. Was soll ich nur tun? Sie wünscht sich Lippenstifte zum Geburtstag, ganz viele Lippenstifte!”.
Heutzutage ging er die Sache souveräner an, aber um Briefträger machte er immer noch einen dezenten Bogen. Wenn er seine Vorbehalte nicht vergaß und wie heute wegen einer längst überfälligen Honorarzahlung ungeduldig auf die Post wartete.
Diesmal machte sich der Bote sogar die Mühe, in den zweiten Stock der Altbauwohnung in der Eislebener Straße zu kommen, und Matthias riß erfreut die Tür auf, um die Zahlungsanweisung in Empfang zu nehmen. Der Briefträger sprach allen Vorurteilen Hohn und sah aus wie das blühende Leben. Eine rötliche Knollennase, gemütlicher Bierbauch, wenig Haare, damit man viel vom Gesicht sah, das von einem beständigen Grinsen geschmückt wurde. Der brave Soldat Schweijk, wie er leibte und lebte. Matthias rieb sich erfreut die Hände und baute sich erwartungsvoll in der Tür auf. Schweijk lachte vergnügt, deutete mit dem flinken Zeigefinger auf Matthias’ Wanst. “Matthias Federer?”. Matthias nickte eifrig wie bei der heiligen Kommunion. Schweijk kramte in seiner schweren schwarzen Umhängetasche und zerrte eine Postkarte heraus. “Bittschön, der Herr. Neunzig Pfennje Straffporto, bittschön.” Der Scheißkerl sprach sogar böhmisch, das ging entschieden zu weit. Offenbar setzten sie jetzt schon Schauspielschüler für den Job ein.
Matthias kramte verdutzt nach den Groschen und ließ die Wohnungstür hinter sich offen.
Die Karte war eins von diesen blödsinnigen “Berlin bei Nacht”-Motiven, die es für jede größere Stadt von Kitzbühel bis Rejkjavik gab. Einfach eine schwarze Fläche. Dr Text war knapp wie auf den anderen Postkarten: “Ich schaffe den Mistkerl. Der Mertens-Puppe geht der Saft aus.” Matthias verstand kein Wort, aber das dunkle Motiv, die noch dunkleren Andeutungen und vor allem die völlige Abwesenheit des Reformators sprachen eine deutliche Sprache. Jemand wie Paula verschickte keine Postkarten ohne Briefmarke, wenn nicht höchste Eile geboten war. Matthias brach der Schweiß aus. Er warf einen unsicheren Blick in den drehbaren Spiegel auf der Erbkommode. In seinen besten Augenblicken wäre er als Held der Arbeit durchgegangen – als Tarzan war er ein Rohrkrepierer. Aber das war jetzt egal. Paula brauchte seinen stählernen Leib (oder war das Hartgummi?), um einen Schild zu haben gegen die feindlichen Kugeln. Paula brauchte seinen starken Arm auf diesem gefährlichen Weg, und, Matthias räusperte sich, seine Ritterlichkeit und seine ungebrochene Liebe zu dieser Frau verlangten äußersten Einsatz. Wenn seine hundertfünfzehn Kilo jemals für eine richtige Sache auf die Waagschale geworfen werden konnten, dann jetzt und hier. Er seufzte und dachte mit einem plötzlichen Schüttelfrost nochmal an die möglichen Gefahren.
Dann nahm Matthias den langen, blanken Kellerschlüssel vom Haken und polterte die Holzstiegen hinunter in den Keller. Ein kleiner Verschlag mit einem Vorhängeschloß markierte sein Allerheiligstes im ansonsten wenig benutzen Mieterkeller, und er pfriemelte eine Zeitlang mit dem kleineren Schlüsselchen an dem Schloß herum. Schließlich öffnete sich quietschend die rauh gehobelte Tür, und Matthias griff mit beiden Händen nach dem länglichen Paket, das da im Dunkeln lang; verschnürt in eine halbe Rolle Ölpapier und vorne und hinten solide verknotet.
Matthias sah sich unruhig um auf seinem Weg hinauf, aber die anderen Mieter rochen wahrscheinlich die Gefahr und blieben in ihren Löchern. Oben in der Küche wickelte er das Paket auf, und da lag er wie neu in seinen Händen, der sündteure “Ideal”-Spaten, das Kultgerät jedes Gärtners. Aus einem Stück geschmiedet, mit einem schier unzerbrechlichen Holzstiel und extra langem Schaft über den gefährlichen Knickpunkt direkt über dem Blatt hinaus. Matthias hatte das Ding Monate vor Paulas achtundzwanzigstem Geburtstag bei Eisenwaren Schmidt in der Ulandstraße gekauft, aber dann war die Trennung dazwischen gekommen und er hatte ihn ihr nie geschenkt. Der Spaten war sowieso eine sehr intime Angelegenheit gewesen, ein ehernes Versprechen auf eine solide Zukunft mit Grund und Boden und dem kleinen Haus auf dem Land, von dem Paula an manchen verträumteren Abenden geschwärmt hatte. Aber diese Zukunft hatte es dann nie gegeben, und Matthias hatte den Spaten in den dunklen Mieterkeller gesperrt und selten daran gedacht.
Heute war die Stunde des Idealspatens gekommen. Eine gefährliche Waffe in den Händen eines Profis, das war das schwere Gerät ohne Frage. Und Matthias würde keinen Augenblick zögern, davon Gebrauch zu machen. Er warf einen weiteren Blick in den Drehspiegel und sah eigentlich doch fast schon wieder ein bißchen wie Bruce Willis aus. “Probleme? Ich liebe Probleme!” knurrte Matthias, gab einem imaginären Bösewicht imaginären Zunder mit dem sehr realen Spaten und machte sich dann mit dröhnenden Schritten auf den Weg.

31.
Burmeester war mit der Frühschicht drangewesen, aber “Frühschicht” war eigentlich das falsche Wort dafür. Die fing nämlich um zwei Uhr morgens an, die Frühschicht, und das war selbst für abgebrühte Stahlarbeiter verdammt früh. Aber Burmeester war kein Stahlarbeiter, sondern die rechte oder linke Hand des Chefs, und auch wenn Enthusiasmus nicht mehr so ganz das richtige Wort war: Hängengelassen hätte Burmeester den Chef nie.
Er hatte also den Radiowecker auf eins gestellt, sich ein kleines Nickerchen genehmigt (auf dem Sofa, den Fernseher ohne Ton) und war dann gutgelaunt in den Dienstwagen gestiegen, den er mit nachhause nahm, wenn er Frühschicht hatte.
Meist fing die Frühschicht vor Mertens’ Domizil damit an, daß die Verdachtsperson sich unverhofft “näherte” und die Wohnung “betrat”. Beides war präzise Berichtsprache, aber für das paschahafte, aus der Hüfte geschobene Vorwärtsschlendern des Maklers irgendwie nicht ganz ausreichend. Oft genug hatte die Verdachtsperson eine Dame in Begleitung, deren angeschickertes Gelächter Burmeester in seinem rollenden Beobachtungsstand ein sehnsüchtiges Zittern im Nacken bescherte.
Dann geschah meist lange Zeit nichts, und auch diesmal hatte sich vier lange Stunden lang nichts gerührt, außer daß – er hatte erst seinen Augen nicht getraut – ein Wildschwein den Bürgersteig entlanggetrottet gekommen war. Das Vieh war keine Vision (Burmeester mit seinem wortspielerprobten Kreuzworträtselverstand hatte gleich eine “Viehsion” daraus gemacht): Die Russen waren schuld. Beziehungsweise die Abwesenheit der Russen. Vor dem Fall der Mauer hatte nämlich nicht nur der betonierte anti-imperialistische Schutzwall verhindert, daß die Schwarzkittel auch Dahlem heimsuchten, sondern auch die kasernierten russischen Soldaten. Die durften zwar mit den Einheimischen nicht sprechen, aber jagen durften sie, und gejagt wurde alles im Berliner Umland, was da kreuchte und fleuchte. Wildschweine und Rehe, Hasen und sogar Eichhörnchen. Der Ausleihkollege aus der VII hatte erzählt, wie die Russen bei Hochwasser in den Flutfeldern der Havel gestanden hatten, Hechte angelockt hatten mit Taschenlampen, die sie vorne an ihre Gewehre gebunden hatten. Wenn die Hechte über die Wiese kamen, peitschten die Schüsse. Die Anwohner der kleinen Dörfer hatten sich nicht aus den Häusern getraut, und Fisch hatte immer seltener auf ihrer Speisekarte gestanden.
Jedenfalls kamen die Wildschweine heutzutage sogar nach Westberlin, und Burmeester hatte dem unförmigen, trotzdem erstaunlich wendigen Tier eine ganze Zeitlang zugesehen, wie es die Vorgärten abgegrast, den Mittelstreifen an der Kreuzung aufgerissen und schließlich das Weite gesucht hatte.
Gegen fünf war die Straßenreinigung durchgekommen und kurz darauf ein zweiter dunkler Schatten, größer als das Wildschwein, aber auf seltsame Weise ähnlich. Burmeester hatte sich in seinem Wagen klein gemacht, um nicht gesehen zu werden, aber der Schatten hatte zielstrebig auf seiner Höhe die Straßenseite gewechselt, war direkt vor seinem Wagen an Mertens’ Zaun getreten, um sich zu vergewissern, daß drinnen alles ruhig war. Und während Burmeester geräuschlos, aber hektisch im Handschuhfach nach Taschenlampe, Dienstausweis und Waffe gekramt hatte, war der schwere Schatten blitzschnell um den Wagen herumgeglitten und hatte die Beifahrertür aufgerissen, ehe Burmeester “Halt, stehenbleiben” hätte sagen können. Es war Harrer, der da mit bleichem Gesicht, aber offenbar blendender Laune seinen Besuch abstattete. Harrer mit einer Brötchentüte und einer Jubiläums-Fleischwurst unter dem Arm. Er hatte eine komische blaue Glasflasche dabei, und als Burmeester ihn fragte, wieso er morgens um fünf schon mit dem Saufen anfing, hatte Harrer dröhnend gelacht.
“Mensch Bure,” so nannten sie ihn alle auf dem Revier, “ich seh’ schon, daß Du nie Wasser säufst. Kiek doch mal auf’s Etikett!”
Tatsächlich, das war Mineralwasser, aus Wales eingeflogenes Designerwässerchen für Angeber und Neureiche. Burmeester wollte eben zur Gehaltserhöhung gratulieren, da fiel ihm ein, wieso der Alte hier war. Auf den Tag genau vor fünfundzwanzig Jahren hatten sie das erste Mal zusammen gearbeitet, Harrer und er. Und weil Champagner im Außendienst tabu war – im Nicht-Außendienst natürlich eigentlich auch, aber sie hatten eine Flasche Schnaps im Schrank –, hatte Harrer eben das teuerste Mineralwasser gekauft, das er finden konnte. Fünfundzwanzig Jahre! Burmeester kramte seinen Führerschein raus, in dem noch immer ein Foto von damals klebte. Harrer hatte kein Foto von früher dabei, aber Burmeester erinnerte sich noch gut an den jungen Vorgesetzten, den er damals gekriegt hatte. Der Chef hatte noch seine eigene Nase gehabt und ultrahart ausgesehen; richtig standfester Geradeausbulle. Immerhin, Burmeester staunte, eine Pulle mit den Zähnen aufmachen konnte der Alte immer noch. Sie frühstückten in aller Ruhe, während draußen die ersten Leute zur Arbeit gingen und bei Mertens immer noch Ruhe herrschte. Harrer hatte ein paar Geschichten von früher erzählt, bei denen Burmeester sich außergewöhnlich blöde angestellt hatte, und Burmeester hatte die vier Rüffel aufgezählt, die Harrer sich während seiner Dienstzeit wegen seines unverbesserlichen Dickkopfs eingehandelt hatte. Sie hatten sich gegenseitig beglückwünscht, mit heiler Haut so alt geworden zu sein; dann hatten sie sich gegenseitig Beileid ausgesprochen aus dem gleichen Grund. Es war eine richtig nette Stunde gewesen, sie hatten sich um Kopf und Kragen gequatscht und viel gelacht. Dann hatte Burmeester eine Pinkelpause gemacht, und als er wieder in den Wagen stieg, war der Chef eingeschlafen. Burmeester grinste. Das war auch so eine Stärke vom Alten: der konnte praktisch aus dem Stand einschlafen tagsüber; am liebsten in den Dienstbesprechungen mit den Oberbullen, den Kerlen, die keine Uniformen trugen. Burmeester starrte noch eine Weile in das fette, im Schlaf verkrampft energische Gesicht mit der falschen Nase, dann seufzte er und lenkte sein Augenmerk wieder auf den Verkehr auf Straße und Bürgersteig.
Neun Uhr siebenundzwanzig war dann die Diercksen aufgetaucht, und Burmeester hatte den Alten wachgerüttelt. Sie waren Paula eine gute Stunde lang unbemerkt gefolgt, ohne zu verstehen, was die Frau im Schilde führte. Vom Süßwarenstand zur Kneipe, von dort ins Zoogeschäft… Burmeester hatte schon geseufzt bei der Vorstellung an die heftige Nachrecherche, die da auf ihn zukam. Auch Harrer hatte unzufrieden geknurrt und war zweimal drauf und dran gewesen, auszusteigen und das Mädchen zur Rede zu stellen. Dann waren die ersten Schaulustigen in Mertens’ Straße gekommen, und Burmeester hatte das Fenster auf der Fahrerseite ein bißchen runtergekurbelt. Michael Jackson? Harrer hatte höhnisch gegrinst. “Da kannste mal wieder sehen, wie schlampig Du hier Dienst schiebst, Bure. Hier könnte halb Hollywood reinmarschieren, und du würdest es nicht merken!”
Ein paar Minuten später war klar, was die Diercksen da angeleiert hatte, und Harrer lehnte sich gähnend in seinem Sitz zurück. Sie hatten sicher nur die Hälfte mitgekriegt von dem kleinen Privatkrieg, den diese Verrückte da gegen den Platzhirsch und Jaguarbesitzer Peer Mertens führte – aber was er gesehen hatte, war ganz schön clever gewesen.
Während Mertens verstört im Vorgarten auftauchte und beim besten Willen keine Autogrammkarten mit reinnehmen wollte, telefonierte Harrer ein bißchen Verstärkung herbei. Fünfhundert Mann mußten genügen, und Miß Moneypenny, die im wahren Leben Müntebecker hieß, ließ sich die Zahl buchstabieren, so irrwitzig klang das, was der Chef eben berichtete.
Am Ende der Straße – den Verbrecher zieht es nunmal tatsächlich zum Schauplatz des Verbrechens zurück – war die Diercksen aufgetaucht, aber Harrer hatte für den Moment jedes Interesse an ihr verloren. Die Diercksen war sicher, solange Mertens sicher war. Und Mertens würde seine Wohnung in den nächsten zwei Tagen kaum verlassen können…
Sekunden später hatte Harrer seine Lageeinschätzung korrigieren müssen, denn jetzt war ein zweites bekanntes Gesicht hinter der Diercksen aufgetaucht: Hasso Hinreuther, einer der Entlastungszeugen vom Savignyplatz, Mertens’ engster Vertrauter und ganz sicher nicht zufällig ein paar Schritte hinter der Kleinen. Harrer seufzte, knuffte Burmeester mit dem Ellbogen und deutete auf die Diercksen. “Bure, wir haben zu tun. Wir nehmen die Dame hoch. Zu fuß, anders kommen wir hier nicht raus. Und jetzt hopp, mein Gutester, die Kleine hat Vorsprung!”

32.
Auf dem Heimweg war Paula wie beschwipst. Sie hatte den Kerl drangekriegt. Für die nächsten paar Tage allemal. Der Drecksack würde nicht mehr aus der Wohnung kommen, ohne seine teuren Edelunterhosen an die Souvenirjägerinnen zu verfüttern, die ihn für Michael Jacksons dunkleren Bruder halten würden oder für seinen Manager oder für irgendwas, das Jacko schon mal die feuchte Hand geschüttelt hatte. Und sie konnte in Ruhe nachdenken, vielleicht mit diesem naseweisen Bullen reden, Pläne schmieden oder nach Südamerika in Urlaub fahren… für die nächsten dreißig Jahre. Wie alt wurden Makler eigentlich? Na, egal, jetzt schien die Sonne auf ihr kleines Leben, die Vögelein zwitscherten auf den Bäumen, und Paula gönnte sich ein “Magnum Mandel”, das ihr sonst zu sehr nach Gips schmeckte. Mertens war vorerst aus dem Spiel, und die blöde Mertens-Puppe würde sie in die Mülltonne werfen und einfach irgendwie von vorne anfangen. Basta.
Als sie oben die Wohnungstür aufschloß, hörte sie den dicken Hausmeister ein paar Stufen hinter sich auf der Treppe, und in einem unangebrachten Überschwang von Freundlichkeit drehte sie sich um, um ihm einen schönen Vormittag zu wünschen. Aber es war nicht der verdammte Hausmeister, sondern ein sehr großer, sehr blasser Mann mit einem sehr bösen Blick, der ihr ohne ein weiteres Wort an die Kehle ging und sie hinterrücks in ihre Wohnung kippte. Paula sah bunte Kringel vor den Augen und verlor kurz das Bewußtsein, als sie mit dem Hinterkopf auf den Velours krachte. Noch immer war der Scheißkerl über ihr und zerrte sie jetzt rüber ins Badezimmer. Paula holte tief Luft für einen ihrer selbsthilfegruppenberüchtigten schrillen Schreie, aber Hasso mußte selbst mal so eine Gruppe besucht haben und schlug ihr mit einer ganz unangestrengten Handbewegung seine widerliche behaarte Faust ins Gesicht. Paula sackte weg, und Hasso ließ kurz los, um mit einer Hand das Badewasser einlaufen zu lassen. Paula durchfuhr ein zweiter Schreck, noch schlimmer als der erste, als ihr klarwurde, daß der Typ gekommen war, um sie umzubringen, sie zu ersäufen wie eine junge Katze; und dieser Schreck brachte sie wieder auf die Beine, eben als Hasso sich ihr wieder zuwandte. Sie hatte keine Chance gegen seinen elastischen, zielstrebig agierenden Körper, der sie jetzt an die Wanne riß und mit einem kurzen Ruck hochhob. Paula strampelte um ihr Leben und fegte das Transistorradio vom Bord ins Wasser. Mit einem fauchenden kleinen Knall sprang die Haussicherung raus.
Hasso war selbst zusammengezuckt und lachte jetzt schallend.
Er ließ Paula zum Radio in die Wanne platschen und griff das kitschige Badehandtuch aus dem Regal, das Matthias ihr damals auf dem Markt in Puerto Pollença gekauft hatte. Und während Paula noch das geschluckte Wasser aushustete und versuchte, in der glitschigen Emaillewanne Halt zu finden, hatte Hasso seine Hand schon in das Handtuch gewickelt und schubste sie mit schnellen, gut gezielten Punchs immer wieder zurück ins höher werdende Wasser, zurück zum Transistorradio und seinem langen schwarzen Stromkabel, das wie ein Elektroaal über den Wannenboden rutschte. Und Paula schluckte wieder Wasser und hustete und kämpfte sich hoch und bekam Nasenbluten vom nächsten Schlag und einen irren, schmerzhaften Schluckauf. Durch die Panik und die Schmerzen und das wieder und wieder erfolglose Aufbäumen hindurch ahnte sie wieder die massige Gestalt des Hausmeisters, der durch den Stromausfall mitten in seinem Nachmittagsfernsehprogramm gestört worden war und der jetzt schwitzend und ächzend die Treppe hinunterstiefelte zum Keller. Der eben in diesem Augenblicken in seiner schmudelligen Blaumannhose, die er zum Unterhemd trug, nach dem langen Schlüssel zum Elektrokeller kramte, zu dieser einzigen Stahltür im muffig riechenden Gewölbe, hinter der sich die blitzblanken neuen Sicherungskästen befanden mit der großen, schwarzen, tödlichen Hauptsicherung, an die er in wenigen Augenblicken – JETZT! – nein, aber gleich – die Hand legen würde. Paula kämpfte sich hoch und rutschte unter einem neuen Schlag Hassos wieder tief ins Wasser zurück. Die Schmerzen spielten keine große Rolle mehr, die Panik war allgegenwärtig, und sie strampelte nach Leibeskräften an gegen den über sie gebeugten riesigen Männerkörper mit der umwickelten Hand, der sie Schlag für Schlag mehr schwächte, tiefer hineinsinken ließ in das eiskalte Wasser, in das letzte kurze Zappeln, den letzten sekundenlangen Widerstand.
Mertens hatte eine ganze Zeitlang fassungslos aus dem Fenster gestarrt auf den Tumult, der sich da draußen abspielte. Die Menge hatte fotografiert und unverständliche Sprechchöre skandiert, sie hatte applaudiert, als er aus der Tür gespäht hatte und war jetzt gerade dabei, vielkehlig irgendeinen Schlager zu singen. Schließlich hatte er Darius angerufen, und einmal mehr war er verblüfft, wie informiert der froschige, asketische Anwalt mal wieder war. “Offenbar hast du in den letzten zwei Stunden kein Radio mehr gehört”, erklärte Darius mit dieser charakteristischen Stimme, bei der man nie wußte, ob der Kerl einen nicht insgeheim auslachte, “deine Adresse ist der absolute Geheimtip auf mindestens fünf Sendern – und alle haben Michael Jackson als erste bei Dir gesehen.” Mertens fluchte so laut, daß draußen begeisterte Pfiffe ertönten. “Die verdammte Diercksen! Na warte, dieser Fotze wird Hasso den H – ” – aber in genau diesem Augenblick hatte der Anwalt aufgelegt, und Mertens erinnerte sich mit roten Ohren an die uralte Vereinbarung zwischen ihnen, bestimmte Dinge grundsätzlich nie am Telefon zu besprechen. Er rief wieder an, und Darius erwähnte die Unterbrechung mit keiner Silbe. “Hör zu, Peer, ich schicke Dir meinen Wagen. Hintenran, an die Sackgasse vor dem Haus deiner Nachbarn. Ich lass’ den Fahrer dreimal hupen, und dann mußt Du rennen.” Mertens knurrte Zustimmung und legte auf. Die Diercksen war tot, toter als tot. Er würde ihr zeigen, wohin solche Faxen bei ihm führten. Er würde Hasso zurückpfeifen… und es selber tun. Er ganz allein. Im Affekt. Kein Richter der Welt würde ihn bestrafen können nach allem, was sie an Psychoterror mit ihm aufgeführt hatte. Ein Wunder, daß er nicht längst mit einer Knarre in einen Kindergarten gerannt war, um ein Blutbad anzurichten. Oder waren momentan eher Altersheime modern? Ganz egal, ein Blutbad mußte her, sofort. Peer rannte ins Bad, spülte sich den Mund mit giftigblauem Mundwasser aus und hatte einen Ständer vor Wut.
Darius’ Wagen hupte dreimal, und Mertens spurtete über sein etwas liebloses Stück Garten, setzte mit einem eleganten Grätscher über den Jägerzaun der Nachbarn und hielt kurz inne. Eine ganze Armada an Journalisten und Fotografen war hier aufgezogen, und die meisten rappelten sich schon auf, zückten ihre meterlangen Objektive und brüllten Interviewfragen durch den friedlichen Dahlemer Nachmittag. Peer Mertens brüllte wie ein Fremdenlegionär und trat und schlug sich eine Bresche durch die Bande. Dann sah er vor sich die weit geöffnete Fahrertür von Darius’ Jaguar, den sich der Anwalt seinerzeit gleichzeitig mit seinem angeschafft hatte. Der Bürogehilfe hatte sich dezent verdrückt, aber der Schlüssel steckte. Mertens brachte die Kiste auf Touren, während die Jacksonfans seitwärts auf die Bürgersteige hechteten. Im Handschuhfach lag angeschaltet Darius’ etwas überkandideltes Nokia-Handy 2110 Ascent. Darius hatte sich natürlich einen sündteuren Import besorgt und allein für das Vogelaugenahornimitat fünfundzwanzig britische Pfund extra bezahlt. Mertens grunzte zufrieden, streckte sich entspannt in die Länge, lenkte lässig mit links und wählte Hassos Nummer.

33.
Paulas Nase blutete, und das Badewasser sah aus wie die Requisite eines Serienkiller-Films. Aus den Augenwinkeln sah Paula noch immer die Mertens-Puppe auf dem Schemel hocken und irgendwie zufrieden herüberstarren. Das Biest hatte ihr kein Glück gebracht – aber vielleicht war es Glück, daß gerade jetzt das Handy in Hassos achtlos auf den Boden gerutschter Jacke bimmelte und der Scheißkerl kurz seinen Griff lockern mußte, um ranzugehen. Paula riß sich hoch und schleuderte das Radio samt Kabel gegen die Kachelwand über dem Spülbecken, gerade in dem Augenblick, als das Licht aufflackerte und mit einem kratzigen Zischen im nassen Apparat der zweite Kurzschluß den Stromstoß auch schon wieder beendete. Hasso schien jetzt doch aufs Telefonieren verzichten und nach dem elektrischen Fehlschlag auf einfachere Methoden zurückgreifen zu wollen und machte einen wütenden Sprung zur Wanne hin. Paula wich halbwegs aus und fiel auf den Frottee-Badevorleger, und wieder war Hasso über ihr und streckte seine Ekelpranken nach ihr aus. Aber diesmal kam es nicht zu dem geplanten Würgegriff, und Paula sah aus den Augenwinkeln etwas Seltsames, Schwarzes pfeilschnell durchs Zimmer schwirren und Hasso mit einem heftigen Knirschen in der Seite treffen. Ein schmächtiger junger Mann, offenbar nur mit dem Inhalt einer Tube schwarzer Schuhcreme bekleidet, war wie Spiderman durch das halboffene Fenster geglitten und klebte jetzt an Hasso wie ein Leguan an der Fliege. Der Killer war in die Knie gegangen und schien etwas verdutzt zu sein über die fettige Umarmung. Der Schwarzbemalte drückte seine beiden Daumen in Hassos Augenhöhlen und keuchte. Paula verschlug es erst die Sprache, dann nutzte sie die Gelegenheit endlich für ihren dezibelstarken Jahrhundertschrei. Der Leguan erstarrte für einen Augenblick in der Bewegung. Hasso kam auf die Beine, stapfte mit dem Angreifer vor der Brust halbblind durchs Badezimmer und rannte dann mit solcher Wucht gegen die Wand, daß Paula die Rippen des verrückten Retters splittern hörte. Der Leguan fiel ab wie Baumrinde, und Hasso brauchte keine große Kraft, um den bemalten Helden hochzuheben und durchs offene Fenster hinaus in die starre Stille der Seitenstraße zu werfen.

Harrer und Burmeester hatten wie gewöhnlich die ganze Zeit gequatscht, und das rächte sich jetzt. Was im Auto eine lockere Plauderei gewesen wäre, ein kurzer Wortwechsel von fünf Minuten, war zu Fuß ziemlich bald in das konditionsschwache Hecheln zweier abgekämpfter Marathonläufer übergegangen. Sie konnten nicht mehr. Zwei alte Bullen im gestreckten Galopp, dabei noch philosophische Probleme wälzend: das konnte nicht gutgehen. Das mit den philosophischen Problemen war eine Spezialität von Burmeester; Harrer war immer wieder überrascht, wie der eher etwas unterbelichtet wirkende Kollege täglich dreimal sein bißchen Verstand an abstrakten Fragestellungen schärfte. Diesmal ging es um die alte Redewendung “die Angst, daß mir der Himmel auf den Kopf fällt”, und Burmeester entwickelte eine düstere Theorie, nach der der aufrechte Gang überhaupt erst als Rebellion gegen solche Urängste und ihre Verfechter möglich geworden sei. Harrer amüsierte sich einigermaßen über die Vorstellung von schwarzgewandeten Hohepriestern, die auf allen Vieren herumrutschten, ihre Untertanen Demut lehrten und eben die Furcht davor, der Himmel könne ihnen eines Tages auf den Kopf fallen. “Der Traum vom Fliegen”, schwadronierte Burmeester unterdessen munter drauflos, “ist doch nichts anderes als ein titanisches Anrennen und Gegenstemmen gegen diese uralte Angst. Hinauf gegen die Wolken, und wären sie auch aus Beton; aufwärts zu den Sternen, und stieße man auch gegen einen Stahlhimmel und stürzte zerschmettert zu–….” Weiter kam er nicht. Durch die Straße gellte ein Schrei. Harrer hatte unter dem Schwall der Worte versonnen in den etwas übertrieben gestalteten Frühsommerhimmel gestarrt und machte jetzt schlagartig einen Satz seitwärts. Er riß den Kollegen so heftig am Jackenärmel mit sich, daß Burmeester der Länge nach hinschlug. Der Leguan klatschte vor ihnen auf den Gehweg wie ein Altkleidersack, und Harrer kam das walisische Blubberwasser wieder hoch, das sie vorhin getrunken hatten. Das Haus der Diercksen, keine Frage. Er riß die Dienstwaffe aus dem Halfter und wartete nicht auf Burmeester, der beim Sturz die Brille verloren hatte und eben verdutzt neben dem Leguan kniete. Weg von der Straße, ehe ihm der Himmel auf den Kopf fallen konnte oder noch mehr noch schwärzere Männer. Harrer hustete vor Angst und merkte, wie ihm unter der Nasenprothese der Schweiß ausbrach. Die Diercksen war eine rotzfreche Göre, aber ein kleines Bißchen Genugtuung hatte ihm ihr Vergeltungsfeldzug doch auch verschafft. Wenn hier gestorben wurde, hörte der Spaß auf. Der Fahrstuhl war irgendwo oben unterwegs. Harrer hustete noch einmal, holte außer Atem zweimal kurz Luft und rannte los.

34.
Matthias war wie ein Soldat zum Hinrichtungsplatz gestolpert, den Ideal-Spaten geschultert, den Kopf voller böser Vorahnungen. Nicht mal die Brille aus dem Eisfach hatte etwas an seiner Angst ändern können. Wahrscheinlich verkroch er sich einfach viel zu oft hinter seinen Büchern oder in all den edlen Restaurants – das wirkliche Leben beunruhigte ihn mit seiner schrillen Farbigkeit. Auch heute war die Welt wieder in gleißendes Licht getaucht; jedes Detail sah wie ein nutzloses Sonderangebot aus, billig zu haben, grell und lautstark. Matthias mochte das nicht. Über seinem Schädel schwebte eine drohende kleine schwarze Wolke, und jede rote Fußgängerampel schien es auf ihn abgesehen zu haben. Sogar der Himmel sah aus, als hätte Steven Spielberg seine Finger im Spiel gehabt: Übertrieben rötliche Federwolken, ein dunkles, tiefes Türkis; am Horizont türmte sich ein Tornado auf, oder gab es in Berlin keine Tornados?
Paulas Schrei fuhr ihm in die Glieder, als er keine fünf Hausnummern entfernt war, und dann ging alles ganz schnell – der Sturz aus dem Fenster, der ältere Mann, der mit einer Waffe in der Hand auf dem Gehweg kniete, irgendwie kurzsichtig in die oberen Geschosse zielte und dabei “Halt, Polizei, kommen Sie mit erhoben Händen runter, sonst kommen wir rauf!” brüllte. Matthias fuhr der Schreck in die Haarspitzen, aber es war nicht Paula, die dort lag, sondern ein nackter Neger oder etwas ähnlich Ungewöhnliches. Oben in Paulas Badezimmerfenster zeigte sich für eine Drittelsekunde eine Gestalt, und Matthias erschrak nochmal. Der Kerl war riesig. Es war scheißegal. Er hatte gewußt, daß etwas schiefgehen würde, jetzt mußte er das Beste daraus machen. Matthias griff den Spatenstiel mit beiden Fäusten und stürmte vorwärts ins Treppenhaus. Der Fahrstuhl war oben, und keine zwei Stockwerke vor ihm schnaufte jemand die Treppen hoch, der noch konditionsschwächer war als er selbst. Der Geruch des Treppenhauses brachte Matthias ruckartig wieder auf den Teppich. So roch Paulas Treppenhaus, und er war lange nicht mehr hiergewesen. Verliebt war er hier hochgestiegen, verschlafen oder achtlos runtergekommen einige Jahre lang. Er kannte hier jede Ritze. Eben riß oben jemand Paulas Tür auf, dann das alte Schutzgitter vor der Fahrstuhltür und dann die Fahrstuhltür selbst. Und der Schwächling auf der Treppe rief jetzt auch “Halt, Polizei”. Und dann fiel ein Schuß, der sogar hier unten noch die Briefkästen scheppern ließ.
Matthias erstarrte und hielt den Spaten im Anschlag wie ein Bajonett. Der Fahrstuhl kam runter, und der Bulle oben schien auch wieder runterzurennen, viel zu langsam, viel zu abgekämpft. Dritter Stock; da klapperte immer die Tür. Zweiter Stock. Matthias zitterte am ganzen Körper, und das makellose, unbenutzte Stahlblatt des Spatens klirrte an der vibrierenden Fahrstuhltür. Erster Stock. Matthias konnte schon den unteren Rand der Kabine sehen, als er die Idee hatte, aber dann ging alles ganz schnell. Das Stahlblatt paßte prima in den ausgebeulten Schlitz
zwischen den beiden Schutzgittertüren. Und auch der Eichenstiel brach nicht unter seinem Gewicht. Zwei Zentimeter ließ sich das Schutzgitter auseinanderdrücken, eine halbe Sekunde dauerte das ganze, dann kam der Notstop. Der Notstop kam so plötzlich, daß der Schweinehund im Fahrstuhl sich auf den Arsch setzte, und Matthias schrie vor Glück wie ein Ochse.
Wenig später kam auch der Bulle runter, und der von der Straße kam rein, aber da war Matthias schon die Treppe hochgehetzt, hatte Paulas Wohnungstür offen gefunden und war ohne Luft und panisch ins Badezimmer gerannt.
Paula lag in der Badewanne und war ganz, ganz still. Sie hatte die Augen ganz weit aufgerissen und den Mund leicht geöffnet. Das Badezimmer sah aus wie ein Metzgerei-Alptraum. Überall Wasser und Blut und verstreute Kleidungsstücke. Die Trümmer eines Radios. Eine Lederjacke mit einem bimmelnden Telefon drin. Matthias stolperte hinein in das Chaos und konnte nicht glauben, was er sah. Paula rührte sich nicht, aber als Matthias sich wie in Zeitlupe zitternd in ihr Blickfeld schob, atmete sie mit einem krächzenden Ruck aus, als hätte sie seit dem gellenden Schrei die Luft angehalten. Matthias glitt aus auf dem nassen, blutigen Badezimmerboden und fiel mit klirrendem Spaten gleich neben die Wanne. Paula schrak zusammen und lachte schrill, und Matthias wischte sich die verschwitzten Haare aus der Stirn, starrte sie verstört an und murmelte:
“Das tut gut, erstmal duschen nach dem Stress, was Kleine?”

34.
Hasso hatte eins im Leben noch nie getan. Er hatte noch nie im Leben sein Handy bimmeln lassen, ohne ranzugehen, wenn der Chef ihn anrief. Beim dritten vergeblichen Versuch bekam Mertens Sodbrennen, und er mußte mit einem Ruck einem Radfahrer ausweichen, den er durch die dezent blaugetönten Scheiben des Jaguars zu spät bemerkt hatte. Etwas war schiefgegangen, sonst hätte Hasso sich längst gemeldet, und wenn etwas schiefgegangen war, dann fuhr er gerade in die falsche Richtung. Dann sollte er Paulas Wohnung vermeiden und ein bißchen Sommerurlaub machen in irgendeinem exotischen fernen Land wie Thüringen. Peer Mertens wählte Darius’ Handynummer, aber verdammtnochmal, das hier war ja Darius Handy, da kam er nicht weit.
Der Jaguar fuhr am Ernst-Reuter-Platz zwei, drei unschlüssige Ehrenrunden… und gab dann Gas Richtung Osten. Mertens kramte die Sonnebrille aus dem Handschuhfach, die er selbst Darius letztes jahr von den Bahamas mitgebracht hatte. Die konnten ihn alle mal. Die Bullen, die Diercksen. Hasso. Sogar Darius, dieser Spießer. Wo waren die Freunde, wenn man sie brauchte, hä? Vorübergehend nicht erreichbar. Mertens lachte wütend auf und scheuchte einen zitronenblauen Lada von der dunkelblauen Piste. Die Sonne ging unter an einem fernen blauen Horizont im Rückspiegel weit hinter ihm, und die Tachonadel stieg ans Ende der Scheibe wie eine kraftvolle, siegessichere Errektion.

Oben im Badezimmer lagen sich Matthias und Paula in den Armen und weinten, und Paula malte mit dem Fuß Zahlen und Bilder in die verschmierten Fliesen, während eine ganze Wagenladung Polizei alles ausmaß und fotografierte, das Loch im Badezimmerfenster, die Höhe zum Bürgersteig, alles. Um Paula und Matthias schien sich niemand zu kümmern, aber das lag wahrscheinlich daran, daß die beiden Oberbullen noch unten am Fahrstuhl waren, und Matthias hätte die letzten drei Jahren eingetauscht gegen eine weitere Minute an diesem Ort zu dieser Zeit. Er war der Held, der Rambo mit dem Ganzblattspaten. Er war fett, er war unattraktiv, aber er war der richtige Mann am richtigen Platz gewesen, und Paula lag gerettet in seinen Armen, als hätte er sie aus King Kongs Klauen befreit. Eben hatte sie tatsächlich “Laß uns heiraten” geskrächzt, und auch wenn Matthias zu sehr Intellektueller war, um an die Dauerhaftigkeit dieses Wunsches zu glauben: Für diesen einen goldenen Augenblick lag ihre gemeinsame Zukunft vor seinen Augen wie eine achtspurige, stählerne Autobahnbrücke.
Der King Kong unten im Fahrstuhl machte seinem Namen alle Ehre. Er wütete, rüttelte schreiend an den klaustrophobisch engen Gitterwänden und wollte raus. Harrer und Burmeester hatten die Fahrstuhltür von einer schießwütigen Elitetruppe umstellen lassen, aber gegenwärtig ging es eher um die Frage, wann der schrecklich eingeschüchterte dicke Hausmeister endlich die verkeilte Kabine wieder ins Erdgeschoß holen könnte. Hasso drinnen war inzwischen zu einem dumpfen, gröhlenden Lachen übergegangen, und Harrer hatte den Kollegen vom, Revierjargon, “Erschießungskommando” bedeutet, still zu sein.
“Beweisstück!” schrie Hasso und lachte sich fast kaputt bei dem Wort.
“Sicherstellen!” gröhlte er, und dann folgte eine ganze Reihe wütender Schläge an die Kabinenwand, Splittern von Plastik und Platinen.
Paula hatte die Fassung wiedergefunden oben im Badezimmer und ließ sich von einer erschütterten Jungärztin ein paar kleinere Schrammen verbinden und das Blut von der Nase tupfen, als ihr Blick auf den leeren Hocker fiel in der Ecke neben dem Alibert.
“Matthias,”, so richtig war die Stimme noch immer nicht wieder da nach dem Schrei aller Schreie, “das Arschloch hat tatsächlich die Mertens-Puppe mitgenommen, das Handy, das ich beim Unfall gefunden hatte…”
Matthias zuckte die Achseln und deutete mit dem Daumen hinter sich Richtung Fahrstuhl.
“Das wird ihm kaum helfen, aber immerhin hat er seinem Boss die Treue gehalten bis zuletzt.”
Und Paula schüttelte stumm den Kopf und sah mit den nassen Haarsträhnen und den blutigen Kratzern im Gesicht wieder so aus wie die entschlossene Indianerin, die damals aus dem zerkratzten Handy die groteske Voodoopuppe gebastelt hatte.
“Ich hab’ dran geglaubt, ehrlich. Bis zum Schluß hab’ ich gedacht, ich kann den Kerl piesacken, bis er aufgibt.”

Der Kerl schwenkte eben mit dem Jaguar auf die Autobahn Richtung Dresden ein und merkte nichts von dem Dröhnen der Hiebe, mit denen Hasso das unnütze Handy, das verräterische Beweisstück wieder und wieder gegen die Fahrstuhlwand schlug. Mertens hatte Darius’ Nokia zwischen Schulter und Ohr geklemmt und wählte wieder und wieder Hassos Nummer. Der dramatische Himmel draußen hatte sich in einen soliden Gewitterregen gewandelt, und irgendwo in diesem kompliziert modernen Autoradio würde er sicher einen Straßenzustandsbericht finden. Die Straße glitzerte in einem nassen gleißenden Stahlblau; hinter den schwarzblauen Gewitterwolken kam eine kaltblaue Abendsonne raus. Das flache Land war vorbei, dunkle Hügelketten verloren sich in der Ferne.
“Der Teilnehmer, den sie gewählt haben”, sagte die Computerstimme im Hörer, “Das Beste von Heute” kündigte im gleichen Augenblick ein Radiosprecher an.
“Kriegt Ihr nicht!” heulte Hasso, und die Mertens-Puppe zerplatzte mit einem unspektakulären Knacken.
Mertens sah einen Sekundenbruchteil zum Horizont und trat das Gaspedal wieder durch, aber da war schon dieser verchromte Molkereilaster im Weg, der an der sanften Steigung einen Kollegen überholte. Zweihundertzwanzig minus achtzig sind immer noch hundertvierzig. Hundertvierzig sind sehr viel. Der schwere Wagen machte eine Leitplanke zu Wellblech und drei Kälber zu Waisen, und die Kühe waren blau und blau war der Himmel, den Mertens noch sah, bevor der Jaguar sich drehte und mit einem schwirrenden komplizierten Salto hinuntersegelte in eine makellos dunkelblaue Nacht.

© 1999 Martin Keune