Archive for February, 2010

Säufersonne

Tuesday, February 23rd, 2010

Wissenschaft ist nicht nur dazu da, Nervengas zu mixen oder Klonschafe zu basteln - sie kann auch wertvolle Beiträge leisten zu einem lebenswerteren Alltag für uns alle.

Der aktuelle SPIEGEL etwa schreibt von der neuen wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Rotwein vor Sonnenbrand schützt. Wohlgemerkt nur bei innerer Anwendung und erst ab Mengen von drei Gläsern, die innerhalb einer halben Stunde vor dem Sonnenbad eingenommen werden müssen. Wahrscheinlich wäre der streng wissenschaftliche Beweis noch signifikanter ausgefallen, wenn alle Probanden im Vollrausch auch den Strand gefunden oder den Versuch nicht nachts durchgeführt hätten.

Aber gleichviel, vor allem für uns blasshäutige Rothaarige tun sich jetzt faszinierende wissenschaftliche Perspektiven auf. Etwa die, sich die nächste Pulle 1997er Lynch Bage Cinquieme Cru als Hautkrebsprophylaxe kurzerhand von der Krankenkasse bezahlen zu lassen. Laguiole-Korkenzieher hält ab sofort ohne Zuzahlung jede Apotheke bereit.

(No. 264, 23. Februar 2010)

Dieser Zug endet hier

Tuesday, February 16th, 2010

Reisen! Diesmal verreckt schon der Linienbus im karnevalistischen Treiben einer sonst nicht gerade als Hochburg des Frohsinns wahrgenommenen Stadt namens Hagen, und der Zug ist weg.
Eine Stunde später dann kein ICE, sondern eine archaisch schwarze, mit “Ersatztriebfahrzeug” beschriftete Lokomotive. Umsteigen in Hamm in einen weiteren technologischen Museumszug. Mächtige, muffige Salonsessel in der ersten Klasse; wohlige Erleichterung - aber auch das irritierende Gefühl einer Reise in die Vergangenheit, eine Zeit, als Reisen noch ein Abenteuer war und das Durchkommen ungewiss.

Kurz vor Berlin Halt auf freier Strecke, Knacken im Lautsprecher: “Werte Reisende, auf der vor uns liegenden Reststrecke wurden Teile der Oberleitung gestohlen, die Weiterfahrt ist derzeit nicht mehr möglich”. Draußen Dunkelheit. Ein romantischer Eisenbahnraub? Oder bloß moderner Stromdiebstahl?

(No. 263, 16.Februar 2010)

Sittiche

Monday, February 8th, 2010

Wenn jetzt herauskäme, dass der Wellensittichverein in, sagen wir mal, Castrop-Rauxel jahrelang Dutzende von Tieren bestialisch gequält hätte, dann wäre die Empörung in der Öffentlichkeit groß. Und wenn der Vereinsvorstand mit sorgenumwölkter Stirn zugeben würde, von der Tierquälerei gewusst, vereinsinterne Rügen aber für ausreichend gehalten zu haben, wäre er den Job im Nu los. Die Bildzeitung würde kurzerhand fordern, die unsittlichen Sittichfreunde als kriminelle Vereinigung einzubuchten.

Die Jesuiten vom Berliner Canisius-Kolleg kommen glimpflicher davon. Über 30 Fälle von sexuellem Mißbrauch Schutzbefohlener fanden statt, aber neben kircheninternen “Untersuchungen” wurde die Einschaltung der Staatsanwaltschaft offenbar jahrzehntelang nicht für nötig befunden. Dutzende Kinder ein Leben lang traumatisiert - ein Fall für den Beichtstuhl?

Höchste Zeit, den mittelalterlichen Usus zu säkularisieren und auch die Mitwisser mit den Vorzügen modernen Strafvollzugs bekannt zu machen!

(No. 262, 8.Februar 2010)