Archive for March, 2009

Bed-In

Thursday, March 26th, 2009

Give Sleep a Chance: Die Schüler des John-Lennon-Gymnasium haben sich, ganz im Geiste des Namenspatrons, das Recht erkämpft, über den Schulbeginn abzustimmen. Sollen sie sich weiter mitten in der Nacht aus dem Bett quälen, um morgens um 8 auf der Langhaar-Matte zu stehen? Oder ist 9 Uhr früh genug für die öde Büffelei?
Bildungspolitiker aller Parteien starrten aufgeschreckt auf die Abstimmung, aber Peace, Brüder, es darf Entwarnung gegeben werden: Die Mehrzahl der Schüler möchte nämlich auch weiterhin Punkt 8 beim ersten Läuten strammstehen.

Was ist denn da passiert? Womöglich hat die Befragung, um den Unterrichtsablauf nicht zu gefährden, schon vor der ersten Stunde stattgefunden. Um 7 Uhr 50. Da waren die Verfechter des Bed-Ins leider noch äh indisponiert. Oh Yoko!

(No. 247, 26. März 2009)

Prince of Wales

Thursday, March 5th, 2009

Nebenan im Tiergarten lebt ein Mann, der immer die gleiche karierte Jacke an hat, einen filzigen Tirolerhut, immer offene, ausgetretene braune Holzfällerstiefel. Ich sehe ihn seit Jahren auf meinen Joggingrunden, und obwohl der Mann, der seine ganze Habe in einem voluminösen Knoten aus Plastiktüten mit sich trägt, das ganze Jahr über irgendwo zwischen den Büschen leben muss, ist er immer bewundernswert glatt rasiert.

Dem amerikanische Männermagazin “Esquire” scheint diese Stil-Ikone nicht zu Gesicht gekommen zu sein. Doch immerhin wurde der von ihm begründete Trend jetzt als krisenfest und zukunftsweisend identifiziert, als man in der jüngsten Ausgabe den Titel des “bestgekleideten Mannes der Welt” ausgerechnet an den britischen Thronfolger Prinz Charles verlieh. Die Juroren waren vor allem davon begeistert, dass der Prince of Wales in seinen 60 Lebensjahren sämtliche Modetrends konsequent ignoriert hat. Sein 18 Jahre alter Skianzug, die schon im Jahr des Kaufs unmodernen Zweireiher, die eklatanten Mißgriffe in der Farbkombination: Sehr eigenständig, sehr subtil, auch erfrischend antikommerziell.

Das finde ich auch. Nur traurig, dass der Mann im Park nicht für die Siegerehrung in die Staaten fliegen durfte. Ich werde ihm eine Ausgabe des “Esquire” auf seine Lieblingsbank legen, damit er weiß: Es ist prä-königlich, was er da macht.

(No. 246, 05. März 2009)

Verortet

Thursday, March 5th, 2009

Neue Digitalkameras haben jetzt GPS eingebaut und speichern bei jedem Foto auch den Ort, wo es gemacht wurde. Und Fotoarchive wie iPhoto für Mac identifizieren nach kurzer Lernphase ziemlich treffsicher, wer auf dem Foto abgebildet ist. GoogleMaps generiert dann zum Urlaubsfotoalbum gleich die passende Landkarte mit Reiseroute, Sehenswürdigkeiten und Aufenthaltsdauer. Und die Bildunterschriften: “Schnuppi und ich in Downtown Manhattan 1.3.2009″. Ein Klick veröffentlicht alles in Flickr, FaceBook oder wo Du willst.

Das ist toll, nicht nur für die vergessliche Schnuppi. In Kürze dürfte die Softwarerevolution auch anderen Kreisen gute Dienste erweisen. In unserem Briefkasten landen dann die Strafzettel der amerikanischen Bundespolizei (”Die Sichtung Ihrer Reiseroute ergab wahrscheinliche Geschwindigkeitsüberschreitungen an siebzehn Stellen”), Bußgeldbescheide von italienischen Stränden (”Attico Beach hat Nacktbadeverbot, 180 Euro”) oder lästigen Spam von Hotels, Bordellen und Casinos, die an der Route lagen und nächstes Mal besucht werden wollen.

Vor allem kann Tante Hedwig, die Schnuppis Traumreise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten großzügig mitfinanziert hat, ruckzuck feststellen, dass das gar nicht Downtown Manhattan ist, sondern Mannheim. Jetzt will diese geizige Schrapnelle tatsächlich ihr Geld zurück, das längst in weitere Unterhaltungselektronik investiert wurde!

(No. 245, 05. März 2009)