Archive for September, 2008

Der steinerne See

Thursday, September 18th, 2008

Eindrucksvoll ist es geworden, das neue Denkmal zur Erinnerung an die 22.000 von den Nazis gequälten und ermordeten Sinti und Roma. Direkt am Reichstag ist ein unkrautüberwuchertes Stück Brachland gewachsen, die Stadt hält inne. Umgestürzte Reste von Bauschildern, textlos, zeigen die Sprachlosigkeit des Grauens. Im Bauzaun stecken leere Colaflaschen, wohl eine antiimperialistische Geste. Zwei Plastiktüten mit Müll, Babywindeln, Haushaltsabfällen, wie zufällig hinüber geworfen: Ikonografie der Gegenwart. Eine künstlerische Installation, die betroffen macht.

Oder, Moment mal, sollte das etwa noch gar nicht der Steinerne See sein, für den Dani Karavan im Februar endlich den Startschuss der Bundesregierung erhielt… sondern ganz normaler Hauptstadt-Vandalismus? Soll die beschämende Pseudo-Baustelle künftige Catering-Kosten der Einweihung niedrig halten, weil mit jedem weiteren Jahr die Zahl der einzuladenden Überlebenden kostenwirksam sinkt?

(No. 237, 18. September 2008)

No Country for Old Men

Tuesday, September 16th, 2008

In der Videothek Grunewaldstraße. Der Laden ist fast leer. Keine Ausleihkarte beim Wunschfilm.
“Haben Sie noch ‘No Country for Old Men’?” frage ich die kaugummikauende Bedienung. Sie sieht nach.
“Einer ist noch da, aber die Karte muss dann die Dame hinter Ihnen haben.”
Ich drehe mich um. Junge blonde Frau.
“Na, ist doch schön, wenn sich noch jemand für alte Männer interessiert”, kalauere ich schwach.
“Alte Männer?” fragt die Kundin.
“Na, ‘No Country for Old Man’,” ich deute auf die Karte in ihrer Hand, “‘Kein Land für alte Männer’.”
Sie sieht kurz auf die Karte, dann an mir herunter. Streckt mir die Karte hin.
“Nehmen Sie ruhig. Ich will sowieso lieber ‘Open Water Zwei’.”

(No. 236, 16. September 2008)

Klimaschutz? Losfahren!

Monday, September 15th, 2008

Deutschlands Autobauer retten die Welt. Das war überfällig: Den Hybrid-Hype verpennen, auf Deutschlands Autobahnen 300 fahren wollen und mit immer fetteren Geländewagen das Klimagas auf dem Level von General Rommels Wüstenarmee halten, macht auf Dauer irgendwie unbeliebt.

Deshalb streut man jetzt in Millionenauflage großmäulige Flyer unters Volk, die für Öko-Image sorgen sollen. “Klimaschutz einfach gemacht: Einsteigen und losfahren!” ist das verblüffend leicht zu befolgende Rezept der selbsternannten Öko-Automobilisten. Das mit abstrusen Vergleichen und Zahlen herumnebelnde Blabla-Blättchen enthält aber zumindest einen wahren Satz: “Klimaschutz beginnt bei uns schon, bevor man den Schlüssel im Zündschloss dreht” … und endet Sekunden später beim Losfahren, möchte man als aufmerksamer Leser hinzufügen.

(No. 235, 15. September 2008)

Oma Obama

Friday, September 12th, 2008

Man muss sich ja auch klarmachen, dass inhaltslose Texte regelrecht Menschenleben fordern. 
Eben melden die Nachrichtenagenturen in aller Ausführlichkeit, dass im Vorgarten von Obamas Oma jetzt Polizisten zelten, nachdem ihr gestern eine Glühbirne gestohlen wurde.

Das ist keine Nachricht, das ist ein Mordversuch: Wenn weltweit nur 80 Millionen Menschen diese Minutennachricht lesen, werden insgesamt 152 Lebensjahre dafür verbraucht. Daraus könnte man zwei volle Menschenleben machen!

Bleibt zu hoffen, dass die Glühbirnendiebe schnell geschnappt werden. Zweimal lebenslänglich für diese Verbrecher!

(No. 234, 12. September 2008)

Happy Landing

Friday, September 12th, 2008

Europäische, auch deutsche Raumfahrt: Tadaaaa! Der Himmel reisst auf, der silbrige Flugkörper verliert an Höhe, die technische Lautsprecherstimme zählt die Sekunden bis zur Landung: Vier, Drei, Zwei. Das All wurde bezwungen, die gefährliche Mission gemeistert. Rumms, Landung.

Da! Was hiefen die Lastkräne aus dem schimmernden Bauch des Sternengleiters? Neue Elemente, neue physikalische Gesetze, überwältigende Erkenntnisse? Nun ja…. fast.

260 Liter Urin, 830 Kilo Müll wurden durch europäischen Entdeckergeist mit dem interstellaren Müllwagen aus dem All geholt.
Im All drückt die Blase fortan etwas weniger: Operation PissOff succeeded!

(No. 233, 05. September 2008)

Tourettesyndrom

Tuesday, September 2nd, 2008

Irgendwann wird es passieren, das weiß ich genau. Ich habe es einfach nicht mehr lange unter Kontrolle. Bisher habe ich es immer noch selbst als erster gesehen und schnell gelöscht, es ist mir krass peinlich, schließlich habe ich weder mit Fäkalsprache viel am Hut, verkackenscheißendammtnochmal, noch habe ich meine Jugend unter der Softieknute der Frauenbewegung vergessen. Aber jetzt, wo die Tastaturen immer dünner werden und die Augen immer schlechter, wird es passieren; ich sehe das kommen. Dann werden sich alle von mir abwenden, mich im Regen stehen lassen als semipornografischen Verbalmacho. Dabei habe ich nur, irrtümlich! ich schwöre!, zwei Tasten gleichzeitig erwischt, das “t”, das ich wollte, und das “z”, das nicht sollte…. benachbarte kleine Tastchen, und ich habe es nicht bemerkt. Und dann steht es da. Fotzografie.

Iiih. Ich weiß. Man mag es nicht mal lesen. Mir dagegen ist es vertraut, ich habe es schon hundert mal geschrieben, sofort gesehen und peinlich berührt gelöscht.
“Liebe Frau Brechmüller, für das PR-Bildnis Ihrer geschätzten Geschäftsführerin kann ich Ihnen einen besonders versierten Fotzografen empfehlen”: Wusch, Job weg.
Es wird passieren. Ich bitte um Mitleid. Es ist stärker als ich.

(No. 232, 02. September 2008)