Archive for August, 2008

Dutschkes Preußen

Friday, August 29th, 2008

In einem Jahr, das mit vielen schlechten Filmen und immer gleichen Fotostrecken an das glorreiche 1968 erinnert, die Zeit der Studentenrevolte, mutet es fast schon sympathisch antizyklisch an, dass die seit vier Jahren privatisierte Wohnungsbaugesellschaft GSW ihren Haupteingang aus der frisch getauften Rudi-Dutschke-Straße in die benachbarte Charlottenstraße verlegt hat. “Wir wollten nicht unter der Adresse eines zotteligen Studentenrabauken firmieren, der unsere Gewinnmaximierung auf Kosten der Mieter bestimmt zum Kotzen gefunden hätte” – das wäre eine schmissige Begründung für den originellen Schritt gewesen.

Stattdessen murmelt eine Unternehmenssprecherin etwas Flaues von politischer Neutralität. Dabei taugt Sophie-Charlotte von Hannover, die Namensgeberin der Charlottenstraße, da nur bedingt als Symbol. Oder ist die machtversessene Monarchie des frühen Preußens mit ihrem Faible für Staatsbankrott und Intrige der neu ausgerichteten GSW ein politisches Leitbild?

Mensch Rudi, Glückwunsch, die biste los!

(No. 231, 29. August 2008)

Sicher sicher

Thursday, August 21st, 2008

Die vielen brennenden Betten besoffener Raucher – 2.000 sterben jährlich in der EU darin – haben es nötig gemacht, aber auch sonst ist es eine gute Idee: Die selbsterlöschende Zigarette ist spätestens 2011 gesetzlicher Standard. Ein paar hunderttausend weitere Leben ließen sich retten, wenn die Zigarette nicht erst NACH dem Rauchen, sondern schon auf der Hälfte ihrer Länge ausgehen würde. Und wie wäre es mit korkenzieherresistenten Weinflaschenverschlüssen? Autos ohne Motor? Das Leben wäre einfach sicherer, wenn unsere Küchenmesser keine Klinge, sondern zwei Griffe hätten.

(No. 230, 21. August 2008)

Dancing across the water

Tuesday, August 19th, 2008

“I wish it would be darker” verkündet Neil Young in der Spandauer Zitadelle; man weiß gar nicht, ob er von da oben das weißhaarige Publikum meint, dem schon vor etlichen Jahren der letzte Joint in ein Bierfass gefallen sein dürfte. Damit es kein ödes “Greatest Hits”-Gegniedel wird, werden die Greatest Hits gleich freiwillig abgearbeitet, My my helpless Cowgirl in the free damage done.
Weil draußen noch immer milde Dämmerung die kunstvoll beleuchteten Burgmauern verkitscht, sorgt der Mann einfach selbst für Dunkelheit. Und liefert eine fulminante Zwölf-Minuten-Version von “Powderfinger”, die mit ihrem flirrenden Hass und dem ganzen Schmerz des Verlustes klarstellt, was goldgierige Desperados mit Staatsauftrag schon immer in dieser Welt angerichtet haben: “he came dancing across the water, Cortez Cortez, - what a killer!”

Beim Rausgehen ist vom Übers-Wasser-Tanzen keine Rede, durchs enge Zitadellentor passen die Leute nur trüppchenweise. Der nicht ganz kleine Anteil von Komatrinkern steckt senkrecht in der Menge und kann nicht umfallen. Everybody knows: This is nowhere.

(No. 229, 19. August 2008)