Fleischhauer
Monday, April 28th, 2008“Bringste morgen fünf Mark mit” hatte Fleischhauer gesagt, nichtmal drohend, fast beiläufig, ganz ohne die Konsequenzen des Nichtbefolgens auch nur anzudeuten. Es war ja sowieso klar, was die Konsequenzen waren. Ich war in der sechsten, Brillenträger, Fleischhauer war einen Kopf größer als ich und ein Killer.
Fünf Mark hatte ich nicht, keiner hatte die. Ich bekam fünfzig Pfennig Taschengeld die Woche, das reichte für Pommes Frites nach dem Schwimmen (heute sage ich “Pommes” dazu, damals “Fritten”: so hieß das im Sauerland 1968).
In der ersten Nacht lag ich wach und heulte vor Angst, aber morgens war Fleischhauer nicht im Schulbus, und an den folgenden Tagen schaffte ich es, unsichtbar zu bleiben, vorne einzusteigen wenn er hinten einstieg, mich auf dem Pausenhof in den Schatten der Kastanien zu drücken, immer den Schutz der Gruppe zu suchen.
Einmal waren meine Eltern abends weg, und ich war sicher, dass Fleischhauer gleich an der Tür klingeln würde, sehr böse wegen der langen Warterei.
Aber Fleischhauer kam nicht.
So vergingen die Wochen in Angst, Vergessen und immer neuem Erschrecken und neuer Angst. Bis ich in einer großen Pause am Getränkeautomaten stand, um Waldmeisterlimonade zu kaufen, und plötzlich tippte mir einer auf die Schulter und ich drehte mich um. Es war Fleischhauer. Sein Gesicht war ausdruckslos.
“Lässte mich vor” sagte er, kein Fragezeichen hinterm Satz, und ich kippte mehr aus der Reihe als dass ich beiseite trat.
Der Kerl hatte längst vergessen, dass ich ihm fünf Mark schuldete. Er sagte den ganzen Tag solche Dinge, zu jedem, und kam prima über die Runden damit.
(No. 224, 28. April 2008)