Wenn schwäbische Kneipenwirte und ostfriesische Taxifahrer berlinern, vastehste, dett ist sonderbar. Man fragt sich “was will der Kerl mir signalisieren – dass er einer vom Volk ist, ‘n richtja Kumpel? Oder hält er mich für zu blöd für Hochdeutsch? Hat der ‘n Tick, ‘n Minderwertigkeitsgefühl, will er seinen eigenen Slang hinter so’n paar Berliner Sprachbouletten vaklausuliern oda watt?”
Richtig ins Rutschen kommt die Liebe zur Muttersprache, wenn der vermeintliche Volks-Sprech zur Politparole wird. Schlimmstes Beispiel zur Zeit: Die Plakate der Tempelhof-Gegner. Die Werbekampagne der Tempelhof-Befürworter sah nach Geld aus, großformatig, moderne Farben, sentimentale Argumentation à la “Kein Landeverbot für Rosinenbomber” oder so. Gut gemacht für einen reichlich fragwürdigen Anlass.
Die Tempelhof-Gegner dagegen haben das Plakatformat halbiert, zuviel Text in zu kleiner Schrift draufgepackt, vom Auto aus nicht lesbar … und dann die Sprechblasen mit Pseudoberlinerisch zugemüllt. “Ick fliege uff Berlin, aba nich von Tempelhof” sagt eine alte Dame. “Flieje” und “Balin” hat man sich noch verkniffen, schon so wird das Ding nur eine Laterne weiter schon getoppt, wo ein Mann mit gelbem Bauhelm verkündet: “Ick zahl doch nich für’n Vip-Flughafen”. Aha, ein Berliner, das sieht man am “ick”. Und ein Arbeiter, das sieht man am Bauhelm. Schon ist sie da, die Authentizität… mit der Betonung auf “au!”. Berlinernde Bauhelmträger hatten wir zuletzt im sozialdemokratischen Wahlkampf anno schnarchundsiebzig, und schon der war weder sexy noch erfolgreich.
Herrschaftszeiten, wenn einem angesichts der größten innerstädtischen Freifläche (einem idealen Volkspark, Riesenflohmarkt, Abenteuerspielplatz, Volkssportplatz für Beachvolleyball, Badminton, Freestyle-Biking, einem riesigen Freilufttheater, Fahrradkino, einer Openairbühne oder einem Skulpturenpark und und und) nichts anderes einfällt, als den Leuten auf der Straße zu signalisieren, dass man sie für SPRACHBEHINDERT hält, dann ist die Bruchlandung vorprogrammiert … und verdient.
(No. 215, 17.03.2008)