Archive for March, 2008

Wommes

Friday, March 28th, 2008

Die Geschichte des Katers muss neu geschrieben werden. Nein, nicht die von “Wommes”, dem fetten schwarzen Stück Katze von Tante Rosa aus Haarlem – sondern die Geschichte des Alkoholkaters, dieser selbst verschuldeten Mischung aus bohrendem Kopfschmerz, heftigem Unwohlsein und wackeligem Kreislauf.

Selbst verschuldet? Das ist neuerdings die Frage. Unabhängige Prüflabore haben nämlich stichprobenhaft 40 Weine auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln getestet, darunter sechs Bio-Weine. Das Ergebnis: In ausnahmslos allen 34 konventionellen Weinen waren Pestizide nachweisbar; sauber waren nur 5 von 6 Bioweinen.

Stammt der dröhnende Schädel am Morgen danach also womöglich gar nicht von der Überdosis, sondern von hochwirksamem Pflanzengift, das sonst die fettesten Brummer von den Reben knallt? Eine Frage, der wir uns gleich heute abend mit einem ausufernden, streng wissenschaftlichen Selbstversuch, Projektname Wommes, widmen werden.

(No. 218, 28.03.2008)

Altgeschlafen

Thursday, March 20th, 2008

Ina wird alt, allerdings nur auf einer Seite. Morgens zeigt sie mir die Falten rund um ihr linkes Auge. Die kommen davon, dass das Kopfkissen die Haut da stundenlang zusammenschiebt. Ich schätze, für diese wissenschaftliche Erkenntnis gibt es endlich den Nobelpreis: Alt und runzlig wird man nicht vom Stress, sondern im Schlaf.

(No. 217, 20.03.2008)

Ossobuco

Wednesday, March 19th, 2008

Thermen im Europacenter: uff, manche Menschen will man lieber nicht nackt sehen. Neben mir auf der Holzbank liegt eine makellos geformte, aber mit stümperhaft mäandernden Ornamenten beschriftete junge Frau. “Können Sie das Tattoo bitte ablegen, hier ist Nacktzwang”, möchte ich ihr zumurmeln, aber da kommt schon ein muskulöser, braungebrannter Djinn und schüttet Melisse auf den Ofen, dass mir die Sinne schwinden.

Am Morgen danach bringt die BZ eine Doppelseite zum Thema “Berlin sucht das Super-Tattoo”. Klempner Tom trägt ein Bild seiner Tochter spazieren, Mike hat Laurel und Hardy auf dem Oberarm, Kassiererin Nicole präsentiert Mutter Edda auf der nackten Haut, komplett mit Lesebrille und Dauerwelle. Was denkt ein Lover, der auf dem Rücken seiner Eroberung ein lebensechtes, leicht vorwurfsvoll blickendes Bild der Schwiegermutter vorfindet?

Wim Delvoyes Art Farm in China, auf der Schweine mit Louis-Vuitton-Muster herumlaufen, mausert sich unterdessen vom Happening zum Häppchen. Keine Frage, dass ein Schnitzel mit Logo-Kruste bald auch auf unseren Tellern landet. Ich nehme mein Ossobuco alla Milanese nur noch handsigniert vom Sternekoch; so’n Arschgeweih vom Industrieferkel lasse ich mir nicht mehr unterjubeln!

(No. 216, 19.03.2008)

Sprachbouletten

Monday, March 17th, 2008

Wenn schwäbische Kneipenwirte und ostfriesische Taxifahrer berlinern, vastehste, dett ist sonderbar. Man fragt sich “was will der Kerl mir signalisieren – dass er einer vom Volk ist, ‘n richtja Kumpel? Oder hält er mich für zu blöd für Hochdeutsch? Hat der ‘n Tick, ‘n Minderwertigkeitsgefühl, will er seinen eigenen Slang hinter so’n paar Berliner Sprachbouletten vaklausuliern oda watt?”

Richtig ins Rutschen kommt die Liebe zur Muttersprache, wenn der vermeintliche Volks-Sprech zur Politparole wird. Schlimmstes Beispiel zur Zeit: Die Plakate der Tempelhof-Gegner. Die Werbekampagne der Tempelhof-Befürworter sah nach Geld aus, großformatig, moderne Farben, sentimentale Argumentation à la “Kein Landeverbot für Rosinenbomber” oder so. Gut gemacht für einen reichlich fragwürdigen Anlass.

Die Tempelhof-Gegner dagegen haben das Plakatformat halbiert, zuviel Text in zu kleiner Schrift draufgepackt, vom Auto aus nicht lesbar … und dann die Sprechblasen mit Pseudoberlinerisch zugemüllt. “Ick fliege uff Berlin, aba nich von Tempelhof” sagt eine alte Dame. “Flieje” und “Balin” hat man sich noch verkniffen, schon so wird das Ding nur eine Laterne weiter schon getoppt, wo ein Mann mit gelbem Bauhelm verkündet: “Ick zahl doch nich für’n Vip-Flughafen”. Aha, ein Berliner, das sieht man am “ick”. Und ein Arbeiter, das sieht man am Bauhelm. Schon ist sie da, die Authentizität… mit der Betonung auf “au!”. Berlinernde Bauhelmträger hatten wir zuletzt im sozialdemokratischen Wahlkampf anno schnarchundsiebzig, und schon der war weder sexy noch erfolgreich.

Herrschaftszeiten, wenn einem angesichts der größten innerstädtischen Freifläche (einem idealen Volkspark, Riesenflohmarkt, Abenteuerspielplatz, Volkssportplatz für Beachvolleyball, Badminton, Freestyle-Biking, einem riesigen Freilufttheater, Fahrradkino, einer Openairbühne oder einem Skulpturenpark und und und) nichts anderes einfällt, als den Leuten auf der Straße zu signalisieren, dass man sie für SPRACHBEHINDERT hält, dann ist die Bruchlandung vorprogrammiert … und verdient.

(No. 215, 17.03.2008)

Nischt wie adjöh

Monday, March 10th, 2008

Soirée Française in der Johann-Peter-Hebel-Aula, die Charlottenburg-Wilmersdorfer Grundschulen bringen ihre zahlenmässig schwächelnden Französischklassen über die Rampe. Die frankophile Werbetrommel soll gerührt werden, und der Saal ist knüppelvoll mit Bildungsbürgertum. Aufgeregte Grundschüler wuseln herum; ab Reihe fünf sitzen fotohandyblitzend die Eltern. “Toute Berlin” ist nicht angetreten zur Völkerverständigung: In Leos Klasse sind zwei Drittel Türken und Araber; hier sind 100 Prozent deutsch – na gut, da hinten sitzen ein paar Alibi-Chinesen. “Französisch macht Spaß”, verkündet der Direktor; in jeder Hauptschule hätte der Satz noch dröhnendes Gelächter hervorgerufen, hier wird nur empathisch zurückgenickt.

Dann schicken die Französischlehrerinnen – es scheint keine Männer zu geben in dem Beruf – ihre kleinen Marionetten in die Schlacht. Die sind süß oder schlaksig oder wie gelähmt; ein paar Minuten ist das nett zu sehen. Doch der Abend zieht sich, Absprachen wurden keine getroffen, deshalb haben alle Schulen die gleichen paar Stücke eingeübt. “Wir kriegen Noten!” hatte Leo vor dem Auftritt angekündigt; jetzt steht er oben auf der Bühne vor 500 Leuten und hat rote Ohren… das sieht nach drei minus aus. Die Einschüchterung der kleinen Akteure war offenbar wichtiger als die Mikrofontechnik; vom frankophonen Gemurmel der Mitschüler ist selbst hier vorne nichts zu verstehen.

“Oh Wilmersdorfer, oh Schloßstraße,” chargiert der krawallige Moderator, sicher ein Mathelehrer, drauflos, “kein Deutscher würde seine Einkaufsstraße besingen. Doch die Franzosen besingen die Champs-Élysées!” Charlottenburg-Wilmersdorf nickt. Dass Hildegard Knef anno 63 ihrem “Heimweh nach dem Kurfürstendamm” ein Chanson, pardon: Lied gewidmet hat, ist in diese polierte Linoleumfussbodengruft noch nicht vorgedrungen.

In der Pause kämpfen alle um das engagiert angerichtete, aber recht übersichtliche Büffet. “Komm, wir gehen Sushi essen!”, zische ich Leo zu, doch der traut sich nicht ohne Placet von Madame. “Das ist aber SEHR schade”, werde ich von seiner Französischlehrerin belehrt, aber ich habe einen Trumpf im Ärmel. “Leo und ich, wir müssen noch Klavier üben”, bleibe ich eisern, “morgen kommt die Klavierlehrerin, und Sie wissen ja, wie es mit der Kultur so ist… man muss auch ein bisschen arbeiten dafür!” Das passt in ihr Weltbild, und wir stieben davon wie zwei Schulschwänzer, lachend und hungrig und nischt wie adjöh.

(No. 214, 10.03.2008)

Bereit, aber nicht in der Lage

Thursday, March 6th, 2008

Der größte Feind unserer kämpfenden Truppen ist der jährliche Bericht des Wehrbeauftragten. Diesmal Schwimmringalarm: Unsere Armee ist zu fett. Jedenfalls fetter als der gleichaltrige Durchschnittszivilist. Leidet da nicht die Einsatzbereitschaft? Nein, sagt der Wehrbeauftragte. Stimmt, die Bereitschaft ist unverändert groß… aber man muss nicht nur wollen, sondern auch können. Die Luken im Panzer sind verflucht eng, stramme Geländemärsche mit Hüftspeck kaum zu bewältigen. Und steht unten links auf den Fallschirmen nicht auch warnend eine ganz schön dünne Kilo-Angabe?

Die Schuld für das Schwabbeln sieht der Wehrbeauftragte übrigens unter anderem im “Bürokratismus”, der unser Heer in die Schreibstuben zwingt. Wahrscheinlich Staatsbürgerkunde, Genfer Konventionen büffeln, was, Kameraden? Wissen macht fett, darauf noch ‘n Sixpack.

(No. 213, 06.03.2008)

Monsieur 10.000 Volt

Saturday, March 1st, 2008

Jetzt kommt der Übermensch aus der Steckdose: Elektroschockerweste anziehen, ein sanftes Kribbeln auf der Haut, ein angenehmes Wärmegefühl… und schon wachsen sie, die Bizeps, Trizeps, Quadruzeps. Eine halbe Stunde der neuen Muskelstimulation hat die Wirkung von 360 Fitnessstudiobewegungen, das Fett schmilzt auch dahin, das Herz trainiert Kondition und Belastbarkeit. Schweißtropfen? Nicht einer. Dein Studio an der Ecke bietet die krass erfolgreiche neue Zukunftstechnologie EMS längst an!

Was nicht trainiert wird, ist das kleine, lästige Fünf-Buchstaben-Wort, das gefundene Fressen für den inneren Schweinehund, der WILLE. Und so stehen sie dann muskelgeschwollen an der Rennstrecke, die kleiderschrankbreiten Eletrolurche. Die unbenutzten, blasigen Füße stecken in uneingelaufenen Teuerschuhen, man hat kein Gefühl fürs Tempo, keine Atemtechnik, sondern Seitenstiche und keinen Schimmer, wie schnell man jetzt überhaupt losläuft. “Warum muss ich mir das antun?” – auf die zentrale Frage (und ihre Antwort: “Weil ich es will!”) hat sie der Schwachstrom nicht vorbereitet. Dass Sport nicht Mord, sondern Motivation ist, und dass es die nunmal nicht aus der Steckdose gibt… diese Erkenntnis kommt den aufgebritzelten Muskelheinis erst, wenn das nächste Fitnessstudio viele Kilometer entfernt ist und sich zwischen ihnen und dem Ziel eine Piste dehnt, die nicht mit Muskelkraft, sondern mit einem kleinen Bisschen Mumm bewältigt werden will.

(No. 212, 29.02.2008)