Archive for February, 2008

Wonder Wonder

Tuesday, February 26th, 2008

“Sanctorum Mater” heißt eine neue Direktive des Vatikans, die gerade bei den Katholiken Furore macht. Sie mahnt, bei Heiligsprechungen künftig mehr “Strenge und Nüchternheit” walten zu lassen.

Mal davon abgesehen, dass Nüchternheit und Heiligsprechung nicht gerade sinnverwandte Begriffe sind (ein bisschen gaga muss man schließlich schon sein, um an Wunder zu glauben): Offenbar ist es in der Vergangenheit bei der Kandidatenkür wüster zugegangen als bei “Deutschland sucht den Superstar”. Wahrscheinlich haben sich auch im Vatikan allerhand durchgeknallte Pseudoheilige beworben, die Wein in Wasser verwandeln oder bei der letzten Grillparty einen brennenden Dornbusch im Garten hatten. Klare Ansage vom heiligen Stuhl: Das reicht nicht für den Recall!

Aber auch Papst Benedikt XVI, kurz B16, muss sich wohl mehr an Jurymitglied Dieter Bohlen orientieren und öfter mal einen Bewerber barsch abbürsten. Seit Beginn seiner Amtszeit hat er ganze Reisebusse von Anwärtern ins Heiligsein durchgewunken; ein Pensum von fast 600 Kandidaten, für das sein Vorgänger JP2 noch knapp zehn Jahre gebraucht hatte.

Masse statt Klasse: so wirds nix mit dem Superwunderstar, Holy Daddy!

(No. 211, 26.02.2008)

Ich glaube an Dich

Tuesday, February 26th, 2008

Mit Tina im Auto, plötzlich Musikgedudel, Azad: “Ich glaube an Dich”. Verdammter Klingeltonterror! Ich peile auf dem Armaturenbrett nach dem Handy, beuge mich vor zu Tinas Handtasche, suche hektisch unter dem Sitz, im Handschuhfach. Nichts.

Tina kann kaum weiterfahren vor Lachen. Sie hat den Zeigefinger noch immer am Radioschalter. Ach richtig, Musik aus dem Radio, das gabs ja auch noch.

(No. 210, 26.02.2008)

OstzoneWorld

Tuesday, February 26th, 2008

Im Veneto will der umstrittene Impressario Jürgen Kahl seine EuroWorld errichten; eine komprimierte Ausgabe Europas mit allem, was wir da toll finden: Eiffelturm, Big Ben, Reeperbahn. Aber warum in die Ferne schweifen, hier in Berlin wird Tempelhof dichtgemacht, und alle Flughafengegner ringen um die richtige Vision für die gigantische innerstädtische Leerfläche. Vielleicht kann Kahl uns da die Ostzone wiederaufbauen? Das Goethehaus zu Weimar, die Müritzer Seenplatte, ein bisschen Potsdam, ein paar Meter Tangermünder Stadtmauer, einen Keller mit emsigen Erzgebirgsschnitzern. In den Kneipen wird gesächselt und Broiler, Sättigungsbeilage und Letscho verspeist, durch die Kopfsteinpflastergassen rollen (Elektro!-)Trabbis, und in Dresden beißen sie sich in den Arsch, weil sie die Frauenkirche dort und nicht hier nachgebastelt haben. Das wird urst geil!

All die abgehalfterten Promis werden aus dem Kälteschlaf geholt: Die Puhdys singen “Alt wie ein Baum”, Karat singt “Über sieben Brücken”, und sogar Helmut Kohl ist da und schüttelt Hände. Ringsum: Die blühenden Landschaften, von denen damals die Rede war. Kirschblüte Werder das ganze Jahr!

Das Ding wird vom Start weg der Megakracher. Anfängliche Kritiker bekommen als sozialkritisches Element noch eine No-Go-Area, wo Neonazis zu jeder vollen Stunde ein original Hoyerswerdaer Asylantenheim abfackeln. Wir bauen eine Mauer um die ganze OstzoneWorld, die Grepos am Übergang sind schon Teil des Happenings. Die Chinesen werden Schlange stehen; kein Mensch braucht mehr in das öde Brachland zu fahren außerhalb von Berlin.

(No. 209, 20.02.2008)

Berlinale Victim

Thursday, February 14th, 2008

Deutschlands hysterischste Filmpremiere, Madonna im Zoopalast, die Schlange der Kartenbesitzer geht bis zum Hardenbergplatz. Nachmittags hatte es Schlägereien unter den Pressejournalisten gegeben, weinende Filmkritiker, die nicht mehr in den überfüllten Saal der Pressevorführung kamen. Jetzt ruckelt die Schlange zentimeterweise vor, auf eine kleine Seitentür zu, aus der gerade ein nicht akkreditierter Pressefotograf geworfen wird. Hier rein dürfen, danach rübergeschattelt werden in den weißen Club, ins Bangaluu… jeder ruft noch ein paar Freunde an, um ganz beiläufig zu berichten, was er gerade macht.

Im Kino Stargymnastik: Bei jeder eintretenden Blondine springen tausend Menschen von den Sitzen und lassen ihr Fotohandy blitzen. Und da ist sie, sie lächelt, sie geht für uns auf die Bühne: Madonna!

Seitlich auf den Stufen eines Ganges sitzt, schwer atmend, schlecht riechend, ein ungepflegt wirkender Mann, der seine ganze Habe in ein paar Plastiktüten dabei zu haben scheint. Ein Berlinale-Victim, vom blauen Plüsch vertrieben durch den restlos überfüllten Saal, wo sonst mit einem Behindertenausweis für wenig Geld ein Tag in ungestörter, warmer Dunkelheit erkauft werden kann.

(No. 208, 13.02.2008)

Wer kommt

Saturday, February 9th, 2008

Im Hausflur hängt ein Schreiben an die “Anrainer”. Wegen eines Staatsbesuchs ist mit erheblichen Beeinträchtigungen zu rechnen. Bürgersteige sind abgesperrt, parkende Autos werden abgeschleppt, Taxistände und Bushaltestellen werden dichtgemacht. Drei Tage lang. Wegen eines Staatsbesuchs.
“Wer kommt denn da?”, will die alte Frau Lehmann wissen, und ich lese den Text noch einmal. Aber da steht nicht, wer kommt.
Da steht nur, was alles nicht geht, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Wer raus will aus dem Haus, muss sich nackt, mit erhobenen Händen und dem Personalausweis zwischen den Zähnen, am Fenster zeigen und wird dann mit einem blauen Müllsack überm Kopf an den Rand der Bannmeile geführt. Wer beim Essen die Gabel hebt, den treffen die Kugeln der Scharfschützen auf dem Dach gegenüber.

“Das steht da?”, will Frau Lehmann wissen, aber nein, das steht da nicht. Da steht kaum was, während sie draußen die Gullydeckel verplomben und Männer in schwarzen Trainingsanzügen stirnrunzelnd die Namen am Klingelbrett lesen, ob da auch niemand Osama heißt.

(No. 207, 07.02.2008)

Satellites of love

Friday, February 1st, 2008

Die bayrische Justizministerin will haftentlassene Pädophile mit Funkarmbändern beringen, per Satellit orten und so von Kindergärten fern halten. Sobald der Ex-Knacki eine verbotene Zone betritt, klingelt beim nächsten Streifenwagen das Handy.

Wie praktisch!
Generell könnte jeder Bundesbürger so ein Armband kriegen. Hooligans raus aus den Stadien, Selbstmörder runter von den Brücken, Krankfeierer zurück ans Fließband. Wer nicht spurt, wird gleich einkassiert. Ob das Kind ordnungsgemäß auf dem Schulweg ist und die Frau nicht beim heimlichen Lover, kann ich künftig auf dem Monitor checken.

Wenn ich den Einkommensteuerbescheid nicht pünktlich abgebe, gibts einen sanften Stromstoß am Handgelenk, der erst in Finanzamtsnähe nachlässt.
Und wenn ich im Alter zu viel Lebenszeit in den Parks und Zoologischen Gärten zubringe und für die Gemeinschaft zur finanziellen Last werde… ein zartes Knistern, ein kleiner Lichtbogen, ein schneller Tod, der wie Herzversagen aussieht.

(No. 206, 01.02.2008)