Archive for January, 2008

Parkrebellen

Friday, January 25th, 2008

Was ist eigentlich aus der neuen Mode-Sachlichkeit geworden, die Wolfgang Joop (63) vor zwei, drei Jahren propagierte und als devoter Hofschneider gleich der Kanzlerin zu Füßen legte? “Ganz tief in meinem Herzen bin auch ich Ossi gewesen”, tönte das modische Wunderkind damals.

Diese Zeiten sind offenbar vorbei. Derzeit ist Joop eher als illegaler Radler und Hundelaufenlasser im wachschutzbesetzten Potsdamer Weltkulturerbe unterwegs. Vielleicht ein verkrampfter Mediencoup zur Lancierung einer (dann wohl mehr Wessi- als Ossi-)Casualwear-Kollektion für urbane Parkrebellen?

Man will’s gar nicht wissen…

(No. 205, 25.01.2008)

Kein Platz

Friday, January 25th, 2008

Der trostloseste Ort der Stadt liegt an der Südseite des neuen Hauptbahnhofs. Hier werden sie hinausgespült aus dem rauchfreien Bahnhof, in den Nieselregen gestellt von einer Gastronomie, die für sie weder Sitz- noch Stehplätze hat: Die Raucher. Mit klammen Fingern und ständigen Blicken auf die Uhr machen sie ein paar eilige Züge an den kleinen weißen Papierröhrchen, während sich andere Reisende missbilligend vorbeischieben. Desillusioniertheit liegt wie Kohlgeruch in der Luft, man macht sich nichts vor, man spricht nicht miteinander, man raucht. Klar, jeder könnte aufhören, aber nicht jetzt, nicht bei dieser hektischen Zigarette vor dem Morgenzug, dem rauchfreien.
Es gibt andere trostlose Orte in Berlin, die ramponierten Verkehrsadern Neuköllns – aber da liegen gutbürgerliche Viertel in Reichweite als Hoffnung und Ziel. Oder den Abschiebeknast; doch da sorgt die Ungerechtigkeit wenigstens ab und an für Empörung. Hier, unter der schicken Glasfassade des Hauptstadtbahnhofs, gibt es keine Ungerechtigkeit, jeder ist dafür, auch die Raucher selbst. Sie geben sich selbst die Schuld, sie hassen sich für die kleine Demütigung, treten mit einer unwirschen Geste die Kippe aus (und sehen sich sofort um, ob es auch dafür Prügel setzt) und hasten dann wieder hinunter in den donnernden Tunnel, in die fauchenden Züge, die Lautsprecheransagen einer Welt, die keinen Platz mehr für sie hat.

(No. 199, 17.12.2007)

piss & pay

Thursday, January 24th, 2008

In Köln stoßen die Versuche des Ordnungsamtes, die darbende Stadtkasse mit einer neuen Bußgeldart zu füllen, an natürliche Grenzen. Fast zwölfhundert Narren wurden letztes Jahr am Rande des karnevalistischen Treibens beim Wildpinkeln erwischt und mit jeweils 35 Euro zur Harnröhre gelassen. Personalmangel dürfte eine Vervielfachung der Einnahmen verhindern.

Jetzt sollte umgehend über Videoüberwachung und vorhergehende Kennzeichnungspflicht nachgedacht werden. Eine sechsstellige Kennziffer, vielleicht als Tattoo, müsste ausreichen. Für die bei Zugvögeln übliche Beringung fehlt bisher noch die rechtliche Grundlage.

(No. 204, 24.01.2008)

Vorbereitet

Thursday, January 24th, 2008

Abendliches Stöbern im Online-Angebot des Tagesspiegels; Artikel: “Terror-Warnung erreicht die Hauptstadt”. Vier Araber sollen beim Ausspähen jüdischer Einrichtungen festgenommen worden sein; wachsende Unruhe in der jüdischen Gemeinde.

Unter dem Artikel in einem Kasten: Google-Anzeigen, vom Server offenbar inhaltsbezogen generiert. Im Angebot: Leichentaschen, komfortable 221 x 107 cm groß, Reißverschluß von beiden Seiten, Dokumentenfach, wahlweise weiß oder schwarz, für günstige 22,87 Euro. Mindestabnahme: 25 Stück. Der österreichische Anbieter verkündet stolz: “Dieses Modell wird für die Fußball-Europameisterschaft 2008 verwendet!”

Sicherheitsprobleme? Wir sind vorbereitet!

(No. 203, 19.01.2008)

Keiner bleibt allein

Wednesday, January 16th, 2008

Von wegen Anonymität der Großstadt, Vereinsamung und Isolierung – alles Quatsch! In Wilmersdorf hat ein Einbrecher einen seit Wochen toten Rentner entdeckt. Na bitte: Jeder wird gefunden, keiner bleibt allein!

(No. 202, 16.01.2008)

Quäl mich

Wednesday, January 16th, 2008

Das Erstaunliche ist doch: Es geht immer noch schlimmer. Zum Beispiel für die Pendler aus dem Berliner Umland. Vorbei die Zeit der eleganten Stahlrösser, die in den Zwanziger Jahren den Katzensprung von Berlin nach Rathenow in einem luxuriösen, kellnerumschwirrten halben Stündchen erledigten. Unter einer Dreiviertelstunde geht seit Jahren gar nix.
Dafür wurden die Speisewagen abgeschafft und defekte Kaffeeautomaten aufgestellt, aus denen, wenn nicht die “Defekt”-Leuchte brennt, brackige Brühe tröpfelt.
Schlimm? Steigerungsfähig!
Weg mit dem Personal an den Bahnhöfen, das gutmütig noch die dämlichsten Fragen beantwortete und auch in größter Hektik brav die Karten ausgab… auch hier gibt es nur noch Automaten, die den immer gleichen Geldschein wieder und wieder ausspucken und irgendwann einfach nur noch passende Münzen nehmen.
Übel?
Entspannt Euch, Leute. Zum Beispiel bei den zahlreichen Halts auf freier Strecke. Ein paar hundert Meter vor dem heimischen Kleinbahnhof heißt es “Werte Reisende, die Weiterfahrt verzögert sich wegen eines Überholvorgangs”. Nein, nein, nicht die unbenutzbar verstopfte Toilette oder die defekte Klimaanlage werden überholt: Ein halbvoller ICE faucht auf dem Nebengleis an den gedrängt stehenden Pendlern vorbei.
Und damit die verspätet in den Feierabend zuckelnden Reisenden (haben “Zug” und “zuckeln” nicht ethymologisch sowieso den gleichen Ursprung?) die Warterei auf den Bahnsteigen richtig goutieren können, stellt die Bahn unlängst klar: Ganz anders als in anderen Bundesländern gibts in Berlin/Brandenburg auch bei Verspätungen über einer Stunde keinen Teil des Fahrpreises zurück.

Der Tarif könnte schließlich sowieso mal wieder erhöht werden – bei einer professionell arbeitenden Domina am Stuttgarter Platz ist die halbe Stunde Quälerei schließlich auch nicht unter fuffzig Euro zu haben!

(No. 201, 16.01.2008)

Standardantwort

Saturday, January 5th, 2008

Erst mittags, unterwegs zum Supermarkt, lesen wir die nächtliche SMS. Sohnemann, sentimental aufgewühlt und womöglich beschwipst, schwört seiner Mutter ewige Liebe. “Oooch, süß,” sagt Tina am Lenkrad, “schreib’ ihm zurück, dass ich ihn auch liebe.”
“Kannst Du Dich nicht mit einem Textbaustein bedanken”, frage ich daumenfaul und lese vor, was ihr Nokia an Standardantworten anbietet: “Ja”, “Nein”, “Danke”, “Gratuliere” und, Treffer: “Ich liebe Dich auch”!

(No. 200, 05.01.2008)