Der trostloseste Ort der Stadt liegt an der Südseite des neuen Hauptbahnhofs. Hier werden sie hinausgespült aus dem rauchfreien Bahnhof, in den Nieselregen gestellt von einer Gastronomie, die für sie weder Sitz- noch Stehplätze hat: Die Raucher. Mit klammen Fingern und ständigen Blicken auf die Uhr machen sie ein paar eilige Züge an den kleinen weißen Papierröhrchen, während sich andere Reisende missbilligend vorbeischieben. Desillusioniertheit liegt wie Kohlgeruch in der Luft, man macht sich nichts vor, man spricht nicht miteinander, man raucht. Klar, jeder könnte aufhören, aber nicht jetzt, nicht bei dieser hektischen Zigarette vor dem Morgenzug, dem rauchfreien.
Es gibt andere trostlose Orte in Berlin, die ramponierten Verkehrsadern Neuköllns – aber da liegen gutbürgerliche Viertel in Reichweite als Hoffnung und Ziel. Oder den Abschiebeknast; doch da sorgt die Ungerechtigkeit wenigstens ab und an für Empörung. Hier, unter der schicken Glasfassade des Hauptstadtbahnhofs, gibt es keine Ungerechtigkeit, jeder ist dafür, auch die Raucher selbst. Sie geben sich selbst die Schuld, sie hassen sich für die kleine Demütigung, treten mit einer unwirschen Geste die Kippe aus (und sehen sich sofort um, ob es auch dafür Prügel setzt) und hasten dann wieder hinunter in den donnernden Tunnel, in die fauchenden Züge, die Lautsprecheransagen einer Welt, die keinen Platz mehr für sie hat.
(No. 199, 17.12.2007)