Archive for December, 2007

Auf die Nüsse

Sunday, December 16th, 2007

Mit einer Lesebrille dauert das Frühstück dreimal so lange. Man kann nämlich die Zutatenlisten auf den Lebensmitteln lesen. Zum Beispiel bei den Schokoladen-CLUSTERS von Nestlé. Da sind laut Packungsaufdruck “leckere Mandel-Nuss-Nuggets” drin, eine “besonders geschmackvolle Kombination aus Hasel-, Wal-, Pecannüssen und Mandeln”. Wohl wahr! Allerdings relativiert sich beim Lesen der Zutatenliste der Eindruck, auf knackige Nusssplitter zu beissen, doch ein bisschen. Haselnüsse und Mandeln sind nämlich nur mit 0,3% vertreten; Pecan- und Walnüsse bringen es sogar nur auf 0,1%. Homöopathische 0,8 Prozent reichen, um den “Nuss-Mandel-Stückchen” in CLUSTERS ihren Namen zu geben.

Dürfen die das? Offenbar. Eine andere, mit süßen 29,3% vertretene Zutat taugt nun mal nicht als Namensgeber… wer frühstückt schon gern ZUCKERS?

(No. 198, 16.12.2007)

Hämangiom

Tuesday, December 4th, 2007

Wie ein Enthüllungsfoto wirkt die ganzseitige Anzeige auf der Rückseite der VANITY FAIR –  Gorbatschow auf der Rückbank einer Limousine. “Auf der Rückfahrt von einer Konferenz” ist das Bild untertitelt. Durchs Rückfenster sieht man die endlose Tristesse der Berliner Mauer. Neben dem Mann im Wollmantel: Eine fette, halb geöffnete Louis-Vuitton-Tasche.
Die obszöne Fotomontage ist makellos. Nur das asymmetrische Hämangiom auf der Stirn stört die Ästhetik. Hätte man da nicht das Logo des Nobeltaschenmachers hinretuschieren können?

(No. 197, 04.12.2007)

Holmes

Sunday, December 2nd, 2007

Die wahre Größe des Kosmos (”Hör auf, mir wird jetzt schon schwindelig”, sagte Erik) – die wahre Größe des Kosmos sieht man ja eigentlich an den Sachen, die richtig groß sind und trotzdem scheißklein aussehen. Zum Beispiel der Komet HOLMES. Ende Oktober ist das Ding plötzlich explodiert und hat seine Helligkeit verfünfhunderttausendfacht. Wusch! Die Explosion hat den kleinen Steinklumpen zu einem mächtigen Staubgebilde aufgeblasen. Nach ein paar Wochen übertraf Holmes’ Größe die der Sonne, und SPIEGEL ONLINE kündigte an, dass der kleine Komet vor Weihnachten am Himmel größer aussehen würde als der Vollmond.

Nun ja. Gestern abend war der Himmel überm Obstgarten voller Sterne, und irgendwo zwischen Cassiopeia und dem Fuhrmann, irgendwo im Perseus rechts oberhalb des Großen Wagens… da musste er sein, der Holmes, der kosmische Superlativ.

Stimmt, da war er, der Komet, eine trübe, fast unsichtbare Lichtwolke, ein blasses Stückchen Nix vor dem überwältigenden, sternenvollen Himmel, durch den Sternschnuppen zischten und verirrte Treibstofftanks längst vergessener Russenraketen, ein Himmel voller Zugvögel und kältezitternder Mücken, ein Himmel mit Nebel, der vom See hoch zog und mit Hundegekläff aus dem Nachbarsgarten. Zwei Airbusse aus Moskau und Tokyo kreuzten überm Obstgarten ihre Wege, die Straßenlaternen flackerten sirrend in der Nacht, im Gras dufteten die letzten faulenden Äpfel, und aus dem Haus drang Gelächter, Gläserklirren, Zigarettenrauch.
Holmes sah aus wie ein Fettfleck auf der Tapete in Gottes Treppenhaus; ich war mächtig beeindruckt.

(No. 196, 02.12.2007)