Archive for October, 2007

Vorreiter

Monday, October 29th, 2007

Die Parteiführung hat’s nicht gewollt, aber die Mehrheit der Delegierten des Hamburger Parteitags hat es trotzdem beschlossen: Die SPD ist für ein Tempolimit von 130 auf deutschen Autobahnen. Ist das jetzt schon die ökologische Vorreiterrolle, die unser Land weltweit einnehmen will?

Nicht ganz. Denn außer Malta hat längst ganz Europa ein Limit auf den Highways (und – richtig, Schnellmerker! – die Autobahndichte auf Malta geht gegen null). Auch bei den großzügig gestatteten 130 km/h wäre in etlichen anderen europäischen Ländern schon die Pappe weg.

Immerhin geht die große soziale Volkspartei nun mit einem klaren Votum der Basis in die Gespräche mit dem Koalitionspartner. Wahrscheinlich ist unterm Gaspedal ja noch etwas Luft und man kann sich gemeinsam mit der Automobilindustrie und Minister Tiefensee auf ein etwas höheres Limit einigen.

180 auf deutschen Autobahnen und eine Übergangszeit von 20 Jahren: Problem gelöst, Genossen, was steht jetzt an? Kinderalkoholismus? Ein Ausschankverbot für 8-jährige wäre konsensfähig. Mindestens für harte Sachen!

(No. 191, 28.10.2007)

Textbaustein

Monday, October 29th, 2007

“Werte Reisende, auf Gleis 9 hat Einfahrt der verspätete ICE 643 nach Berlin Ostbahnhof über Berlin Spandau und *Berlin Hauptbahnhof*.” - Die Durchsage auf dem Bahnhof in Hannover kommt unverkennbar vom Band, eine junge Frauenstimme. “Berlin Hauptbahnhof” geht ihr eine halbe Oktave höher über die Lippen; die Mitreisenden grinsen über die komische Euphorie, die der Name dadurch kriegt. Dabei ist es nur so, dass der Textbaustein “Berlin Hauptbahnhof” ein paar Jahre nach den übrigen angefertigt wurde. Vielleicht von einer ganz anderen Frau gesprochen, vielleicht nach dem Betriebsfest mit einem Glas Sekt intus.

Im Speisewagen bestelle ich einen Salat mit Sonnenblumenkernen und eine Suppe. Und ein Glas Sekt, in einer etwas höheren Tonlage, die dem verbissen fuhrwerkenden Tischkellner aber nicht auffällt.

(No. 190, 27.10.2007)

Unweltzone

Tuesday, October 23rd, 2007

Berlin macht diese Umweltzone, Kudamm, Tauentzien, so diese Ecke. Qualmende alte Diesel dürfen da nicht mehr rein. Schon regt sich der Volkszorn: All die armen kleinen Handwerker mit ihren kleinen alten Lieferwagen, nagen sie nicht sowieso am Hungertuch? Die schönen rassigen Oldtimer, die wir Pfingsten so gern im Konvoi den Kudamm runter flanieren sehen…. da müsst’ man doch ‘ne Ausnahme machen? Historische Doppeldeckerbusse, Rolf Eden mit seinem Rolls Royce: das ist doch Berlin! Polizei, Krankenwagen, die kriegen auch nicht so schnell neue Autos, die dürfen weiter fahren. Und Touristen, die sollen ja auch nicht wegbleiben. Überhaupt, die Welt wird doch gar nicht in Berlin kaputtgequalmt, sondern irgendwo in der Braunkohle in der Lausitz…. DA könnte man doch mal ’ne Umweltzone machen.
(Außer für die Kohlelaster, die müssen natürlich weiter da reinfahren. Die sind ja schließlich nicht zum Vergnügen da!)

(No. 189, 23.10.2007)

Irrtümer

Saturday, October 20th, 2007

Was macht eigentlich Bärbel Bohley, 1989 Mit-Initiatorin der DDR-Bürgerrechtsbewegung, 1993 Gysi-Beschuldigerin, 1994 Bundesverdienstkreuzträgerin, 2002 FDP-Bundestagswahlkampf-Unterstützerin? Sie baut Zisternen für bosnische Flüchtlingsfamilien, um denen die Rückkehr in ihre Region zu erleichtern. Bärbel Bohley sitzt auch mit uns im Billigflieger aus Split nach Berlin, wohnt in der Nähe der kroatischen Stadt, betreut ihre Projekte, eine umtriebige Ex-Promi, die Tina trotzdem gleich erkennt hinten im Flieger. Bärbel Bohley hat eine Internetseite, auf der es eine Rubrik IRRTÜMER gibt – noch ohne Inhalte, aber wow, immerhin, ich irre, also bin ich…

Mir dagegen wird, selbst schuld, die kleine Flasche Sliwowitz weggenommen, die ich blödsinnigerweise im Handgepäck dabeihabe. Kein nobler Brand aus dem Robinienfass, aber eine sympathische kleine Flasche für sechsundfünfzig Kune, die irgendwie amtlich aussah im Supermarkt in Split. Ich dachte, ich könnte das versiegelte und ungeöffnete Ding à la Duty Free mitschleppen, das war natürlich ein Irrtum.

Der Zöllner hatte vor sich eine große Mülltonne, da flogen sie rein, all die Schweizer-, Butterfly-, Wurf- und Schnitzmesser; klong klong deng, kein Pardon, wer sowas ins Handgepäck packt, kann sich nicht auf einen Irrtum berufen. Mein Sliwowitz, immerhin, wurde weit behutsamer seitwärts vom Zöllner in ein kleines Regalchen gestellt. Womöglich wurde hier, hatte der Mann in Uniform nicht sofort so ein professionelles Glitzern im Blick, eine fachgerechte Entsorgung nach Feierabend ins Auge gefasst.

Ist ja auch gut, wenn hochexplosive Flüssigkeiten wie mein Sliwowitz (47 % Alkohol!) aus den Billigfliegern rausgehalten werden. Sicherheit geht nunmal vor, auch Frau Bohley soll ungefährdet ankommen in der Hauptstadt aller Deutschen. Sicherheit geht vor? Irrtum: Eben, zuhause beim Wäschewaschen, fiel mir aus dem Handgepäck mein altes Pfadfindermesser entgegen, das rasiermesserscharfe mit der Blutrinne. Das war bei aller Konzentration auf Hochprozentiges wohl glattweg übersehen worden. Natürlich bestand für die Bohley keine Sekunde Gefahr, nicht durch mich, der ihren mäandernden Weg durch deutschen und anderen Alltag ja eher fasziniert nachvollzieht. Und ihr, den Zöllnern dieser Welt und mir selbst auch gerne mal das Recht auf Irrtum zuspricht.

(No. 188, 18.10.2007)

Gefühlsduselei

Monday, October 8th, 2007

Meinungsforscher von Emnid haben’s herausgefunden: Zum ersten Mal sind mehr Deutsche für als gegen eine Verlängerung der Atomkraftwerks-Laufzeiten. Emnid-Chef Schöppner hält das für ein Indiz einer rationaleren Einstellung nach der “emotionalen Sicht, die seit Tschernobyl dominiert hat”.

Die größte von Menschen verursachte Umweltkatastrophe der Welt…. eine Gefühlsduselei? 40% der Gesamtfläche Europas wurden mit Cäsium-137 kontaminiert, 1,5 Mio. Hektar Land sind unbrauchbar gemacht worden, 356.000 Menschen wurden umgesiedelt, 92,7% der 400.000 zur Schadensbeseitigung eingesetzten Liquidatoren sind bis heute erkrankt, mit mehr als 30.000 zusätzlichen Krebstoten in ganz Europa ist zu rechnen.

Da konnte man schon kurzfristig etwas emotional werden. Aber jetzt überzeugen uns wieder rationale Argumente, “rational” mit “R” wie “Reibach”.
Atomkraft ist wieder kontrollierbar, – das Gedächtnis hat nunmal eine kurze Halbwertzeit…

(No. 187, 08.10.2007)

Park Ost Park West

Friday, October 5th, 2007

Tag der Deutschen Einheit in Potsdam, Heiliger See: Der Park ist verbarrikadiert wie… äh…. nein, dieser geschmacklose Vergleich verbietet sich gerade heute. Es gibt auch keinen Schießbefehl, sondern eine Zickzackschleuse, um reinradelnde Ausflügler wie uns zum Absteigen zu zwingen. Der Park ist hier nämlich, wortreiche Schilder erklären das, “Schiebebereich”. Wer trotzdem radeln will, schiebt Frust: Die Parkwächter kommen zu dritt und sind nicht gerade für Laissez-Faire berühmt. Die ganze Hochsicherheitsnummer schützt mitnichten die schnuckeligen Ufergrundstücke von Joop und Jauch und Jott-weiß-wem-noch, sondern ein Unesco-Weltkulturerbe ersten Ranges. Und weil die Neandertaler auch kein Fahrrad kannten, müssen wir als Erben… oder so.

Drüben im Westen sieht man den Umgang mit der Natur entspannter, doch auch hier ist Radfahren unmöglich: Auf den Uferwegen des Grunewaldsees werden Hunde als Bodendecker eingesetzt, man erkennt den Waldboden nicht mehr unter dem Gewimmel von Schwanzwedlern jeden Kalibers. Es wird gekläfft, geknurrt und geschissen, dass an Weiterradeln nicht zu denken ist. Toute Berlin, Momentchen: Ganz West-Berlin drängelt sich hier am umlandfernsten Punkt im guten, alten Westen. Modehund der Saison sind mannshohe Mastiffs mit 90 Kilo Lebendgewicht, unter denen all die Zehlendorfer Dackel einfach durchlaufen können. Die sonst selbst gerne mal etwas bissigen Hundehalter sind heute auffallend entspannt und lächeln sich gegenseitig aufmunternd zu. “Wir Wessis müssen zusammenhalten”, heißt das. Unten am See kopulieren zwei Terrier; man ist ja unter sich.

(No. 186, 05.10.2007)