Was macht eigentlich Bärbel Bohley, 1989 Mit-Initiatorin der DDR-Bürgerrechtsbewegung, 1993 Gysi-Beschuldigerin, 1994 Bundesverdienstkreuzträgerin, 2002 FDP-Bundestagswahlkampf-Unterstützerin? Sie baut Zisternen für bosnische Flüchtlingsfamilien, um denen die Rückkehr in ihre Region zu erleichtern. Bärbel Bohley sitzt auch mit uns im Billigflieger aus Split nach Berlin, wohnt in der Nähe der kroatischen Stadt, betreut ihre Projekte, eine umtriebige Ex-Promi, die Tina trotzdem gleich erkennt hinten im Flieger. Bärbel Bohley hat eine Internetseite, auf der es eine Rubrik IRRTÜMER gibt – noch ohne Inhalte, aber wow, immerhin, ich irre, also bin ich…
Mir dagegen wird, selbst schuld, die kleine Flasche Sliwowitz weggenommen, die ich blödsinnigerweise im Handgepäck dabeihabe. Kein nobler Brand aus dem Robinienfass, aber eine sympathische kleine Flasche für sechsundfünfzig Kune, die irgendwie amtlich aussah im Supermarkt in Split. Ich dachte, ich könnte das versiegelte und ungeöffnete Ding à la Duty Free mitschleppen, das war natürlich ein Irrtum.
Der Zöllner hatte vor sich eine große Mülltonne, da flogen sie rein, all die Schweizer-, Butterfly-, Wurf- und Schnitzmesser; klong klong deng, kein Pardon, wer sowas ins Handgepäck packt, kann sich nicht auf einen Irrtum berufen. Mein Sliwowitz, immerhin, wurde weit behutsamer seitwärts vom Zöllner in ein kleines Regalchen gestellt. Womöglich wurde hier, hatte der Mann in Uniform nicht sofort so ein professionelles Glitzern im Blick, eine fachgerechte Entsorgung nach Feierabend ins Auge gefasst.
Ist ja auch gut, wenn hochexplosive Flüssigkeiten wie mein Sliwowitz (47 % Alkohol!) aus den Billigfliegern rausgehalten werden. Sicherheit geht nunmal vor, auch Frau Bohley soll ungefährdet ankommen in der Hauptstadt aller Deutschen. Sicherheit geht vor? Irrtum: Eben, zuhause beim Wäschewaschen, fiel mir aus dem Handgepäck mein altes Pfadfindermesser entgegen, das rasiermesserscharfe mit der Blutrinne. Das war bei aller Konzentration auf Hochprozentiges wohl glattweg übersehen worden. Natürlich bestand für die Bohley keine Sekunde Gefahr, nicht durch mich, der ihren mäandernden Weg durch deutschen und anderen Alltag ja eher fasziniert nachvollzieht. Und ihr, den Zöllnern dieser Welt und mir selbst auch gerne mal das Recht auf Irrtum zuspricht.
(No. 188, 18.10.2007)