Archive for September, 2007

Amongst Butterflies

Friday, September 21st, 2007

Paul Weller gestern abend im Berliner Schillertheater: Yes, so will man mit 48 auch aussehen. Obwohl, dieser leichte Schwabbelring um die Hüfte, – Wellfleisch? Der Abend ist akustisch, doch Weller und sein gitarrenakrobatischer Sklave Steve Cradock brettern mit so viel Verve und Lautstärke durch ein alles andere als meditatives Programm, dass kein Mensch Schlagzeug oder Horn-Section vermisst. Geschickt im Publikum verteilt: Betrunkene Engländer, die begeistert Sprechchöre skandieren. Stadionatmosphäre! Zwischendurch nervtötende Elegien am Piano, dann wieder die befreiende Rückkehr zum Saiteninstrument: augenzwinkernde Psychedelik, komplizierte Popschnitzereien und fröhlicher Hackbrettrhythmus als Wechselbad… und immer wieder Wellers schmerzgewohnte Stimme, die alte Punk-Hohlformeln wie “Future” halb angewidert, halb einfordernd in die mitzuckende Menge schleudert.

(No. 185, 21.09.2007)

So einen Schädel

Monday, September 17th, 2007

Der tschechische Speedwayfahrer Matej Kus hat es erlebt – ihm fuhr Freitag bei einem Unfall ein Motorrad über den Kopf, und für zwei ansonsten erinnerungslose Tage sprach Kus fließend englisch – , eine Norwegerin, die während des zweiten Weltkriegs nach einer Kopfverletzung plötzlich einen deutschen Akzent hatte, wurde aus dem Dorf gejagt, und auch sonst sorgt das “Foreign Accent Syndrome” für eine ganze Menge babylonischer Verwicklungen.

Die junge Dame aus Bristol, die 2004 als Französin aufwachte, teilt mit: “Plötzlich als Französin aufzuwachen ist schrecklich.” Auf den NPD-Direktkandidaten, der nach einem leichten Schlag auf den Hinterkopf fliessend türkisch spricht, wartet die Fachwelt übrigens bislang noch vergebens.

(No. 184, 17.09.2007)

How the West Was Won

Thursday, September 13th, 2007

15 Verletzte in der Hysterie einer nächtlichen Berliner Kaufhauseröffnung, 20 Millionen Kartenbestellungen für die Londoner Led-Zeppelin-Reunion, morgen früh bürgerkriegsähnliche Zustände bei der Eröffnung von McDonalds erster Kreuzberger Filiale: Das Volk sind wir! Wenn irgendeiner “Da lang!” schreit, sind wir ganz vorne dabei…

(No. 183, 13.09.2007)

Hanging on / Wo ist Fossett?

Thursday, September 6th, 2007

Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen, aber der andere der zwei Kerle lebt ja noch:
Luciano Pavarotti ruhe sanft, Lou Reed dagegen steht leichenstarr und ehrfurchtsvoll neben dem Sangesfürsten und singt, ergriffen vom eigenen Genie, “Perfect day” als Duett.

Im Hintergrund wallen Streicher, Pavarottis Englisch verschmiert die gemeißelten Sätze zu einem wüsten Brei, Lou Reed selbst muss leiden wie ein Hund. Aber der Größenwahn kennt keinen Selbstekel, das Orchester hebt das Duo in den schmelzenden Bombast des Rock-Olymps, und da geht es um Größeres als um die Qualen des Publikums, das die italienische Fernsehaufzeichnung bei YouTube längst weitergeklickt hat.

“It’s just a perfect day, I would like to spend it with You”: Wahrhaftig, das wäre die Höchststrafe – Pavarotti, Reed und ich auf dem gleichen Planeten ist schon schwer genug zu ertragen…

(No. 181, 06.09.2007)

Wo ist Fossett?

Ist doch klar, dass der Abenteurer, Weltumsegler und, ähem, “Yachtsman” Fossett nicht einfach einen Herzinfarkt kriegt und stirbt. Er verschwindet einsam im Sonnenuntergang über der Wüste, ein Mann und sein Sportflugzeug, ein großer Abgang. Von unten rollt der Abspann ins Bild, Musik klingt auf. Das Ende. Das Ende?

“Steve ist ein zäher alter Stiefel”, weiß sein Freund und Mitmillionär Richard Branson – ja, auch das gehört zum Mythos. Vielleicht kriecht Fossett noch irgendwo durch die Wüste, als hochdekorierter Ehrenpfadfinder weiß er, unter welchem Stein die schmackhaftesten Eidechsen sitzen (knacks), niemand ist so zäh wie er.

Schon stricken Verschwörungstheoretiker ihre Geschichten, ein Marketing-Masterplan steckt dahinter, eine neue Rekordjagd, die Lancierung eines neuen Produkts.
Wahrscheinlich Eidechsenmüsli…

(No. 182, 06.09.2007)

Gegenfragen

Wednesday, September 5th, 2007

“Eine Curry, scharf, Pommes” sagt Gohlke, das ist doch eigentlich eine ziemlich klare Ansage, und Berlins drittbeste Pommesbude sollte nicht gleich zusammenbrechen unter der intellektuellen Anforderung dieser Bestellung.
Aber nein, es herrscht Spezialistentum, wir sind in Berlin, “einfach” heißt hier “hin ohne Rückfahrkarte”.

“Scharfe Soße oder scharf gewürzt?”, schallt es über den Tresen zurück, “was drauf?” meint die Pommes, “Gabel oder Piekser?” kommentiert schon im Voraus Gohlkes Tischmanieren.

Aber heute nicht, Arschloch, nicht mit Gohlke.
Der lehnt sich über den Tresen und sieht dem Wurstmaxen ohne Blinzeln in die Augen.
“Hamse Abitur oder was? Ne scharfe Curry mit Pommes willich, keine Gegenfragen!”

(No. 180, 05.09.2007)