Archive for August, 2007

Urknall

Tuesday, August 28th, 2007

Im Sternbild Eridanus gibts ein etwa eine Milliarde Lichtjahre großes Loch. Da ist nix, keine Sterne, keine Planeten, keine Notausgangbeschilderung. Das Loch ist etwa sechs bis zehn Milliarden Lichtjahre von uns weg. Der Beweis für seine Existenz: Die Hintergrundstrahlung dieser Region ist ein Millionstel Grad kühler als ringsum. Als Ursache des Lochs wird eine Unregelmässigkeit beim Urknall angenommen.

Hm. Ich als kosmischer Banause frage mich jetzt den ganzen Tag schon: Was machen wir mit dieser Information? Muss der offenbar nicht ganz korrekte Urknall wiederholt werden…. und was kostet mich das als Steuerzahler?

(No. 179, 28.08.2007)

Hair

Monday, August 27th, 2007

Es gibt uninspirierte Namen für Werbeagenturen (meist konfuse Buchstabenkombinationen), es gibt schrecklich uninspirierte Namen für Immobilienfirmen… und es gibt den reinen Wahnsinn von Friseurladennamen. Warum? möchte man fragen. Haben die sich alle mit der Schere in den Kopf gepiekst? Jedenfalls gibts keine Branche mit einem so ausgeprägten Hang zum schlechten Wortspiel. “Haargenau” und “Haarspalter” sind harmlos; “Hin und Hair”, “Frauchen’s Hairchen” oder “Hair her!” zeigen schon eher, was den Figaros so aus dem Kopf wächst. “Haireinspaziert” ist die Parole bei “MacHair”… und der liebe “Hairgott” schaut zu.
Das tut weh bis in die Haarspitzen. Schnell eine Dauerwelle, “Hairnando”!

(No. 178, 27.08.2007)

Sprachmunition

Thursday, August 23rd, 2007

Andrej H., Soziologe an der Berliner Humboldt-Uni, sitzt im Knast. Er hat vor fast zehn Jahren in einem wissenschaftlichen Text die Begriffe “Gentrification” und “Reproduktion” verwendet, die sich jetzt in Texten einer “militanten gruppe (mg)” wiederfinden, die derzeit allerhand Fuhrpark von Bundeswehr, Behörden und sonstigen unbeliebten Zeitgenossen in die Luft sprengt. 

Mal abgesehen davon, dass diese Abschreiberei wirklich unterirdisch ist (Menschenskinder, habt Ihr denn keine eigenen Worte?): “Gentrification” ist schon ein ziemlich scharfes Teil von  stadtsoziologischer Analysemunition. Davor muss wahrhaftig jeder in Schutzhaft genommen werden. Nicht, dass das Prinzip der Stadtteilveredelung plötzlich zum Allgemeinwissen gehört und der prekäre Pöbel durchschaut, wie im “kreativen Schmelztiegel” genau das Süppchen brodelt, in dem er selbst dann gargekocht wird… 

(No. 177, 23.08.2007)

Bombay revisited

Thursday, August 23rd, 2007

“Siehste,” sagt Tina, dämpft die Stimme und beugt sich herüber am Frühstückstisch im Billighotel auf Ischia –
“siehste, die Ex-Ostler haben uns längst eingeholt, am Nachbartisch quatschen sie von ihrem Trip nach Bombay, und wo hast Du mich hier hingeschleppt?”
Sie würdigt das umliegende Last-Minute-Angebot mit einem Blick, der noch acht Tische weiter die Kellner ohnmächtig umsinken lässt.
Ich dagegen bin ganz Ohr und lausche auf das Geschnattere am Nebentisch.
“Jedenfalls können sie auch 28 Jahre nach dem Mauerfall besser sächsisch als italienisch”, unterrichte ich die Süße mit nachsichtigem Lächeln, “oder würdest Du die historischen Lavaruinen drüben auf dem neapolitanischen Festland nicht auch eher Pom-pe-ii aussprechen?”

(No. 176, 23.08.2007)

’s Ländle

Wednesday, August 22nd, 2007

Strafzettel in der Schöneberger Barbarossastraße: Da war ein absolutes Halteverbot; Lieferzone für ein Lebensmittelgeschäft, das vor vier Jahren zugemacht hat. Zugemacht hat auch Ulrich am Zoo ab 22 Uhr, seitdem die großen Züge am Bahnhof Zoo nicht mehr halten. Beim Länderspiel Deutschland-England gibt es Bandenwerbung für Hörmann Garagentore, und in der Qualifikationsliste für die Fußball-Europameisterschaft steht Wales auf Platz 5. Wales? Globalisierung is over, Provinzialismus is on… nach der nächsten Pisastudie werden die Schulstunden mit der Eieruhr gemessen, und die Bundeskanzlerin nimmt Dialekt-Unterricht, weil sie das Schwäbeln des Nationaltrainers so kuschelig findet.

(No. 175, 22.08.2007)

Gewissensnähte

Wednesday, August 22nd, 2007

Wirklich, ich stehe dazu, ich mache es manchmal, ich kaufe was bei H&M. Keine Ahnung, ob das noch altersgemäß ist; und natürlich schüttele ich selbstmissbilligend den Kopf, wenn “Made in Bangladesh” oder “Made in India” auf dem Etikett steht. Aber, hey, geiles Zeug mitunter. Hier, das T-Shirt, langärmelig mit Knopfleiste, oliv (und “Made in Turkey”, – sieht irgendwie paramilitärisch aus) – aber: angeblich Bio-Baumwolle, sanftes weiches Zeug. Vierundzwanzigneunzig, komisch, dass H&M immer für einen Billigladen gehalten wird: wahrscheinlich ist es mein erstes Fünfzig-Mark-T-Shirt ever.

H&M also, und mir ist das nicht peinlich. Nur: Die Brüder haben vorne außen drauf ein scheckkartengroßes weißes Etikett genäht; das muss da weg. Das geht nicht. Ich zahle nicht 25 Euro, um dann Reklame zu laufen für ein Billiglohnlandprodukt, das nicht mal billig war.

H&M muss geahnt haben, was ich vorhabe; das Etikett ist ringsrum und zusätzlich über Kreuz festgenäht. Die Ecken sind mit Extrazwirn extra befestigt. Auf dem Etikett steht voll Hohn “Stitched for strength”, und man muss wahrhaft stark sein, engelsgeduldig stark, um gaaanz langsam ohne Löcher zu machen den letzten Beweis zu tilgen, dass man es gegen jedes bessere Wissen doch wieder gemacht hat. Ein T-Shirt gekauft. Von H&M.

(No. 174, 05.08.2007)