Wallenstein
Monday, June 25th, 2007Mitten im Neuköllner Rollbergviertel, einem sozialen Kriegsgebiet, wo hoher Ausländeranteil und Arbeitslosigkeit die Bausünden der 70er Jahre füllen, hat ein katholischer Warlord seine Zelte aufgeschlagen: Wallenstein (leiernd, fahrig, dann wieder hochexplosiv: Klaus-Maria Brandauer) treibt seine Kindersoldaten (an Krücken mit Bänderriss: Alexander Fehling) in den Untergang, starrt irritiert in die Sterne und kann die Zeichen doch nicht deuten, bis ihn die Mörder Buttlers (störrisch und verletzt: “Motzki” Jürgen Holtz) und Piccolominis (Peter Fitz) meucheln.
Im Zeltlager indes geht es gesittet zu während der zehnstündigen Aufführung des Berliner Ensembles; die Gastronomie klappt reibungslos, man smalltalkt über Nackenstarre vom langen Sitzen und ordert noch eine Weißweinschorle. Nur in den bretterbodigen Toilettenzelten, wo Intimität nur ein Stück Plane ist und der Blasendruck die Wände wackeln lässt, bekommt man ein Gefühl für die wirkliche Welt. Das Wursteln der legendären alten Männer (Regie: Peter Stein) findet auf der Bühne statt, hier weht in der letzten Pause vor dem Untergang kühler Nachtwind durch die Giebel. “Die Sonnen also scheinen uns nicht mehr, fortan muss eignes Feuer uns erleuchten” …
(No. 168, 25.06.2007)