Archive for June, 2007

Wallenstein

Monday, June 25th, 2007

Mitten im Neuköllner Rollbergviertel, einem sozialen Kriegsgebiet, wo hoher Ausländeranteil und Arbeitslosigkeit die Bausünden der 70er Jahre füllen, hat ein katholischer Warlord seine Zelte aufgeschlagen: Wallenstein (leiernd, fahrig, dann wieder hochexplosiv: Klaus-Maria Brandauer) treibt seine Kindersoldaten (an Krücken mit Bänderriss: Alexander Fehling) in den Untergang, starrt irritiert in die Sterne und kann die Zeichen doch nicht deuten, bis ihn die Mörder Buttlers (störrisch und verletzt: “Motzki” Jürgen Holtz) und Piccolominis (Peter Fitz) meucheln.

Im Zeltlager indes geht es gesittet zu während der zehnstündigen Aufführung des Berliner Ensembles; die Gastronomie klappt reibungslos, man smalltalkt über Nackenstarre vom langen Sitzen und ordert noch eine Weißweinschorle. Nur in den bretterbodigen Toilettenzelten, wo Intimität nur ein Stück Plane ist und der Blasendruck die Wände wackeln lässt, bekommt man ein Gefühl für die wirkliche Welt. Das Wursteln der legendären alten Männer (Regie: Peter Stein) findet auf der Bühne statt, hier weht in der letzten Pause vor dem Untergang kühler Nachtwind durch die Giebel. “Die Sonnen also scheinen uns nicht mehr, fortan muss eignes Feuer uns erleuchten” …

(No. 168, 25.06.2007)

Those tchechs, again

Friday, June 22nd, 2007

Ein hochtabuisiertes Thema, über das hier eigentlich kein Wort fallen sollte, ist die Tatsache, dass in den Zügen der Bahn seit einiger Zeit jede Ansage auch auf englisch kommt. Oder, und da fängt das Tabu schon an, in dem, was das jeweilige Zugpersonal dafür hält.

Nun haben manche von uns in der Schule russisch gelernt oder eigentlich mal als Zugschaffner angefangen, nicht als Dolmetscher – deshalb verbietet sich eigentlich jeder humorige Seitenhieb auf das Gedruckse und Gewürge, das da mitunter über die Loudspeaker kommt. Allerdings bietet die Internationalität auch eine echte Chance:
“Werte Zugestiegene aus Dresden, unser Zug hat zur Zeit 25 Minuten Verspätung. Grund ist,” (bedeutungsvolles Luftholen), “die verspätete Übergabe auf tschechischer Seite.”

Kurze Pause. Banges Warten. Erneutes Luftholen im Lautsprecher. Na bitte, es geht nicht. Die kleine dramatische Zuspitzung, mit der Tschechien als Ganzes eben zur Verspätungsursache erklärt wurde – nicht die großdeutsche Reichsbahn ist schuld, die Tschechen haben uns mal wieder den Fahrplan versaut – diese kleine transportlogistische Dolchstoßlegende kriegt die Zugführerin in englisch nicht so richtig rübergebracht. Stattdessen holpert sie den Standardtext herunter und schaltet ab.

Was, genau besehen, den Internationalisierungswahn der Bummelbahn in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Lässt es sich vielleicht einrichten, dass in einigen Abteilen künftig bitte nur noch englisch angesagt wird, und sei es auch noch so holprig? Man wäre irgendwie erleichtert.

(No. 167, 22.06.2007)

Partneraktion

Thursday, June 21st, 2007

“Ich hatte Schiss vor der Darmspiegelung”, berichtet Golhke, “dann war da in der Berliner Zeitung ‘ne Anzeige, virtuelle Darmspiegelung, nur von außen im CT. War mir aber zu teuer, dreihundert Euro das Ding. Zwei Tage später inserierte der gleiche Arzt nochmal: Große Partneraktion, virtuelle Darmspiegelung zu zweit nur fünfhundert Euro.”

“Bist Du hingegangen?” will ich wissen und bestelle jetzt doch was Stärkeres.

“Mit wem denn?”, jetzt flackert sowas wie Selbstmitleid unter Gohlkes Augenbrauen durch, “erst wollte ich ja auf gut Glück hin und zusehen, dass ich im Wartezimmer einen finde, mit dem ich mir den Tarif teile…. aber dann sitzen da nur so alte Säcke, und aus dem Wartezimmerlautsprecher dudelt’s ‘Zwei Ärsche im Viervierteltakt’…. ich wollte auch gar nicht fragen, ob man da nacheinander in die Röhre geschoben wird… oder gleichzeitig!”

(No. 166, 21.06.2007)

Regen

Thursday, June 21st, 2007

Taxi zum Hauptbahnhof. Es regnet seit Stunden, die Feuerwehr ist ausgerückt, in den Tunnels stehen abgesoffene Autos. Ein Erdbeerpflücker ist vom Blitz erschlagen worden, auf der Documenta ist der hölzerne Turm von Ai Wei Wei eingestürzt. Au weia! “Det is noch jarnüscht,” sagt der Taxifahrer, “damals uffm Mexikoplatz stand det Wasser zwo Meter hoch. Ick wollt über die Autobahn ausweichen, aber da war ooch anderthalb Meter”. Ich staune gebührlich und lehne mich aufatmend an das ramponierte Rückbankleder. Der Regen draußen wirkt harmlos gegen solche urbanen Tiefseeerzählungen. Erst wenn den Taxifahrern nichts mehr einfällt, ist der Weltuntergang nur noch eine Kurzstrecke entfernt.

(No. 165, 21.06.2007)

Richtig rocken

Monday, June 11th, 2007

Der Tagesspiegel filettiert einen Rockstar per Interview: Lou Reed war gar nicht in Berlin, bevor er “Berlin” veröffentlichte, sein heimliches Meisterwerk von anno drogenmals. Er hatte nur darüber gelesen. Wahrscheinlich sind auch seine Heroinerfahrungen blanke Phantasie, und von Sadomasochismus hat Reed aus einem Readers-Digest-Heftchen auf Mutters Nähtischchen erfahren.

Aber angeschnallt, Gentlemen, der Mann kann auch anders. Die neue Bühnenshow soll richtig rocken. Richtig rocken? Klar, so mit Schmeichelstreichern, schmuseweichen Bläsern, Schubidua-Chor und so. Richtig rocken eben, so wie damals auf Junk in Berlin …

(No. 164, 11.06.2007)

Nackt stirbt aus

Sunday, June 10th, 2007

Vor 30 Jahren war der Teufelssee im Grunewald textil und politisch befreite Zone. Hosenlos war Pflicht; ab und an ritten die Uniformierten ein und zerrten ein paar Nackte zur Personalienfeststellung in den Mannschaftswagen, bis der ganze politisierte Sonnenbrand-Mob die Wanne umringte, ins Schaukeln brachte und die Freilassung der Gefangenen erzwang. Man (und, schönes altes Wort, frau) stellte seine (ihre) körperlichen Gegebenheiten mit einer offensiven Grimmigkeit zur Schau. Wenn einer die Hose anbehalten wollte, wurde er (”Spanner, verpiss Dich!”) weggeschickt.

Heute ist der nudistische Standpunkt am Teufelssee schwer zu halten, und Schuld ist nicht mehr die Polizei. Das Jungvolk schwappt über die stadtnahen Seen, und diese jungen Leute kennen weder Anstand noch Respekt vor den kämpferischen Leistungen der runzeligen nackten Haudegen, die immer noch grimmig im Gras liegen, während um sie herum bunt bedruckte Bikinis von H&M und weite Shorts von C&A getragen und nicht abgelegt werden. Allmählich kommt sich seltsam vor, wer immer noch mit nacktem Arsch ins pullerwarme Wasser watet.

Einige alte Nacktbade-Generäle, die damals die wildschweinzerwühlte Wiese zäh verteidigt haben, stemmen sich dem Ansturm noch entgegen, aber ihre Tage sind gezählt. Längst ist die verschmorte Haut wie Origami gefaltet, der Hautkrebs hat die besten dahingerafft, und das tagelange Sitzen im feuchten Gras ist katastrophal für die Prostata.
Ganz Abgebrühte setzen auf Abschreckungswirkung und ziehen, nackt und drohend, schon oben am Parkplatz ihre Kreise. Doch immer häufiger geschieht es, dass ihre sonnengekrümmten Glieder allenfalls ein irritiertes “Papa, was hat der Mann da?”, meist aber nur mitleidiges Gelächter ernten…

(No. 163, 10.06.2007)

Das kleine Schwarze

Wednesday, June 6th, 2007

Zugegeben, die 50 schwer verletzten Polizisten, die nach der Rostocker Straßenschlacht am Wochenende in die Krankenhäuser gefahren wurden, kamen überwiegend aus dem schönen Städtchen Potemkin. (Jedenfalls meldet dpa eben, dass überhaupt nur zwei Mann stationär behandelt wurden und der ganz überwiegende Teil der vielen hundert Verletzten über Augenreizungen durch Tränengas klagte).

Trotzdem ist natürlich richtig: Der “schwarze Block” muss weg. Berlins Innensenator Körting geht das Problem pragmatisch an und will ganz einfach schwarze Kleidung bei Demos verbieten. Warum nur bei Demos? Auf jeder besseren Party nerven gestylte Werbefuzzis in ihren schwarzen Rollkragenpullovern und klobig-schwarzen Kassengestellbrillen. Die schwarzen Saccos verstellen das Buffet und lungern vor der Klotür rum. “Auseinandergehen, die Versammlung ist aufgelöst, ich mache von der Schußwaffe Gebrauch!”: Jawoll, Herr Innensenator, weg mit dem schwarzen Pack! Freies Geleit zur Prosecco-Bar!

(No. 162, 06.06.2007)