Archive for May, 2007

Innere Werte

Tuesday, May 29th, 2007

Schlank, hübsch, schlau? Von wegen, der SPIEGEL sieht den Deutschen hinter die hagere Fassade und entlarvt die Leichtgewichte als Betrüger. “Außen schlank, aber innen voll Fett” heißt der neueste Trend, den das Hamburger Nachrichtenmagazin besorgt ausmacht. Da hilft es nicht mehr, federfüßig auf die Waage zu steigen: Diätpillen müssen her! Auch die Schönheitschirurgen stimmen in das Geschrei ein – außen ganz ansehnlich, innen ein häßlicher Kotzbrocken: Jeder ist ein Fall fürs Skalpell. Und wer bislang als Intellektueller durchging, sollte sich nicht in Sicherheit wiegen; selbst ein SPIEGEL-Abo schützt nicht davor, in Wahrheit ein debiler Dödel zu sein.

(No. 161, 28.05.2007)

Basset

Thursday, May 24th, 2007

Ganz sicher den schwersten Job im deutschen Fernsehen hatte heute abend der ARD-Sportreporter Hajo Seppelt. Der musste, nachdem die letzten Tränchen weggetupft und die letzten Bussis verteilt waren bei “Germany’s next Top-Model”, sein zerknautschtes, kampflos der Schwerkraft ausgesetztes Gesicht in die Kamera halten. Das sah nach all den perfekten Körpern und maskenhaften Schönheiten seltsam menschlich aus. Schuld war natürlich nicht Seppelt, der wahre Dinge über Doping im Sport verlauten ließ, sondern all die gestylten Gesichtchen davor. Trotzdem brachen die Teenies vor der Glotze in brüllendes Gelächter aus, konnten aber auf Befragen nicht sagen, an welche noble, alte französische Hunderasse der Berliner Dopingexperte sie gerade so fatal erinnerte.

(No. 160, 24.05.2007)

Smells like G8 spirit

Wednesday, May 23rd, 2007

Dass die Polizei vor dem G8-Gipfel Duftproben bekannter Streetfighter nehmen will, um ihre Hundestaffel nicht zu viele Unbeteiligte beißen zu lassen, empört die Öffentlichkeit. In “Das Leben der Anderen” hatten wir über dererlei antiquierte Stasitricks noch gestaunt; jetzt tauscht das halbe Land das Deo gegen die Hohlraumversiegelung: Mein Geruch gehört mir!

Dabei ist auch die Industrie am Duft von Freiheit und Antiglobalisierung interessiert. “Flower Bomb” von Victor & Rolf, “Agent provocateure” von Vivienne Westwood und die Pflegeserie “Revolution” signalisieren ganz klar: Widerstand ist sexy. Wahrscheinlich stehen die Herren Joop und Lagerfeld schon parat, um die Duftproben der Demonstranten in Flaschen zu füllen. Der Geruch der Globalisierungsgegner: Ein Megaseller, weltweit!

(No. 159, 23.05.2007)

Grüne Kiste

Tuesday, May 8th, 2007

Die Telekom hat der Berliner Polizei ausrangierte Telefonzellen geschenkt, damit die Schupos vor gefährdeten Objekten nicht mehr so frieren und nicht nass werden. Die Polizei hat die Zellen grün gestrichen, aber die Schupos finden die Dinger peinlich und setzen sich auch weiterhin lieber der Witterung aus.
Jetzt ist cooleres Produktdesign gefragt. Ein moderner blauer Anstrich mit Alu-metallic-Strichellinie wie in der neuen Polizeiuniform-Sommerkollektion könnte Wunder wirken. Vielleicht sollte man auch ein Martinshorn aufs Dach schrauben, um den Zellen mehr amtlichen Respekt zu verschaffen. Oder liegts gar nicht an der Optik, sondern nur an den dürftigen Ausstattungsmerkmalen? Geheimverhandlungen mit Dixie sind Gerüchten zufolge im Gange; dort liegen noch etliche alte Dixieklos auf Halde.

(No. 158, 08.05.2007)

The Camp

Sunday, May 6th, 2007

Christian Klar war bei Köhler, jetzt wird’s ernst –  nächste Woche entscheidet die Jury, ob er das Camp verlassen muss oder weiter bei “Germany’s last Top-Terrorist” mitspielen darf. Längst gefeuerte Kandidaten wie Boock versuchen, ihn von außerhalb der Mauer zur harmlosen Lusche zu machen; Klar steuert mit antikapitalistischen Grußadressen gegen. Ob das reicht, wird sich zeigen; immerhin baut die Bildzeitung ihn aus alter Treue weiter zum Erzbösewicht auf, zumal die sonstigen Exkandidaten kaum noch für Schlagzeilen gut sind. Eva Haule und Birgit Hogefeld sind noch im Rennen – Germany’s last Top-Terrorist: Eine Frau?

(No. 157, 06.05.2007)

Wurscht

Friday, May 4th, 2007

Die Dylanesen, die Bobologen, die unzerrüttbaren Fans, die aus jeder Setliste eines Konzerts eine Marienerscheinung machen, die jagen einem stinknormalen Konzertbesucher wie mir ja mächtig Angst ein. Bob Dylan dekonstruiert sein Lebenswerk, bringt zersplitterte, höhnische Perversionen der Greatest Hits zu Gehör: Das muss gut finden, wer kein Mainstream-Banause sein will. Das breiige Polka-Gerumpel auf der Bühne: Ein genialischer Mix aus Vaudeville und Honkytonk. Die monoton bellende Kläfferstimme: der noch immer glühende Hass eines virilen Altmeisters. Das beharrliche Nicht-Kommunizieren mit den Zuschauern in der beileibe nicht ausverkauften Berliner Max-Schmeling-Halle gestern abend: Pure Konzentration auf die Musik.

Also lausche ich angestrengt ins arhythmische Gepolter, meine hier und da eine Textzeile zu erkennen, und mime Begeisterung. Unglaublich subtil, wie der Mann sich zweimal die falsche Mundharmonika greift und in der falschen Tonlage loströtet. Zweifellos eine erbarmungslose Abrechnung mit der allmächtigen Musikinstrumenteindustrie. Oder eine versteckte Hommage an Schönberg, Varese und die Atonalen. Oder ist Bob Dylan schlichtweg wurscht, was er da macht?

The answer, my friend,….

(No. 156, 03.05.2007)