Archive for April, 2007

RAF à porter

Monday, April 23rd, 2007

Das Interview mit Ex-Terrorist Peter-Jürgen-Boock im neuen Spiegel ist ein wahrhaft schockierendes zeitgeschichtliches Dokument. Auf die Frage, ob von der RAF neben Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer noch andere symbolische Opfer ins Auge gefasst worden seien, nennt Boock Karl Lagerfeld.

Moment mal, … Karl Lagerfeld? Der Modemacher, der Pseudofotograf, der Stutzer mit dem Zopf?

Kein Zweifel, der Bundesnachrichtendienst hat eine neue Strategie. Nachdem die RAF jahrzehntelang nicht wirklich totzukriegen war, soll sie nun nachträglich zur betriebsblinden Dada-Truppe umgedeutet werden. Oder muss jetzt etwa auch der gewaltsame Tod von Rudolph Moshammer und seinem Hund Daisy neu aufgerollt werden?

(No. 155, 23.04.2007)

Zehn Meter

Monday, April 23rd, 2007

Auf der Heerstraße sowieso, die ist gelb, Theodor-Heuß-Platz auch vereinzelt, aber das Allerverrückteste: Ich habe auf dem KUDAMM Raps wachsen gesehen. Wenn irgend ein grünes Wiesenkraut bei uns einwandert, kriegt’s kein Schwein mit, aber beim Raps ist das anders, denn der ist GELB, den sieht man. Wo das Zeug her kommt? Aufgewirbelt von den vorbeiknallenden Autos, eingeschleppt von Vögeln, hochgerissen in den Himmel von den Orkanböen. Das streut kilometerweit.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit – wer hat sich eigentlich DEN Namen ausgedacht? –  hat eben einen Freilandversuch für 667 gentechnisch veränderte Kartoffellinien genehmigt. Auch im sachsen-anhaltinischen Gatersleben und Baalberge werden die manipulierten Knollen jetzt ausgesetzt. Aber macht Euch nicht in die Hosen, Freunde, es gibt “bei Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen keine Risiken für Mensch und Umwelt”, sagt das Bundesamt. Der Betreiber, die BASF Plant Science, muss mit seinen Gentech-Potatoes zum nächsten Acker einen Sicherheitsabstand einhalten.

Zehn Meter.

Hoffentlich spielt kein Igel Golf mit den Dingern.

(No. 154, 23.04.2007)

Via Triumphalis

Thursday, April 19th, 2007

Berlin hat eine große Geschichte, und weil die irgendwann in Trümmer gefallen ist, wird es höchste Zeit, sie wieder hinzustellen. Notfalls aus der eigenen Tasche bezahlt, weil der Denkmalschutz sowieso pleite ist und, weil demokratisch kontrolliert, auch allerhand Profanbauten vor dem Zahn der Zeit zu schützen hat.

So denken offenbar einige findige Bürger und picken sich jetzt die Zuckerbäcker-Rosinen aus dem Trümmerberg. Das Strickmuster ist funktionabel, es wird ein Verein gegründet, ein Werbetreibender gesucht – und die Baustelle verschwindet für Jahre hinter den bezahlten Werbebannern von Telekom, Samsung oder Alice, der Halbnackt-Telefonistin.

Darum feiern nun allerhand großdeutsche Großbauten Wiederauferstehung. Das Charlottenburger Tor von 1909 wurde schon wieder flott gemacht; jetzt folgen die im Bombenkrieg zerstörten, 23 Meter hohen Steinkandelaber. Dass der phallische Bombast wegen der heutigen Straßenbreite nicht am ursprünglichen Standort nachgebastelt werden kann, sondern dort, wohin ihn die Nazis beim Bau ihrer Via Triumphalis seinerzeit gerückt haben, stört in Berlin niemanden.
Hauptsache groß!

(No. 153, 19.04.2007)

Unüble Nachrede

Wednesday, April 18th, 2007

Rückblickend waren Oettingers Worte über den verstorbenen Marinerichter Filbinger unüble Nachrede. Endlich ist es auch verpönt, den Leuten Gutes nachzusagen! Wer Heinos Wirken fürs deutsche Liedgut “beachtlich” nennt, den neuesten Spritfresser von Mercedes eine “automobile Innovation” und Nutellas Süßpaste “grundgesund”, der gehört so lange über die Titelseiten gejagt, bis er bitter bereut und das Gegenteil behauptet.

(No. 152, 18.04.2007)

Calendula

Sunday, April 1st, 2007

Vorgestern nacht in Tangermünde, tiefe Atemzüge schon aus dem Nachbarbett, deshalb leise und ohne Licht ins Zimmer getappt, am Waschbecken nach Zahnbürste und Zahnpasta getastet. Todmüde! Im Dunkeln ratsch ratsch die Zähne geschrubbt, halb eingepennt dabei, bis der irgendwie unangenehm butterige Geschmack sich durch den Halbschlaf gekämpft hatte: Brrrr, statt Zahnpasta die fette Calendula Nachtcreme erwischt. Morgen unbedingt im Drogeriemarkt nach Zahnbürsten mit LED-Leuchte fragen!

(No. 151, 02.04.2007)

Handtuch

Sunday, April 1st, 2007

Bloß kein Knockout in der zweiten Runde – denkt an die Werbekunden: Showtime bei RTL!

Die Akteure sind hinlänglich bekannt, Maske, Hill, Sauerländer, Wolke, im Publikum zu Recht vergessene Showgrößen wie Roberto Blanko. Wo war eigentlich Don King - beim Friseur? Rocky Rocchigiani ist einschlägig verhindert, dafür darf der stereotype Schreihals Michael Buffer sein hundert mal zu oft gehörtes, von ihm urheberrechtlich geschütztes (und deshalb hier nicht voll ausschreibbares) “Are You ready to ******” in die Münchner Olympiahalle tremolieren.

Schreckliche Musik allerorten, peinlich zersägte Nationalhymnen; für Maske filetiert Sarah Connor Mitch Leighs feines Musical “Man of la Mancha” – ihr gerät der “Impossible Dream” zu einem buttercremigen Rührstück, das dem Comeback-Kandidaten schon vor dem Endsieg die Tränen in die Augen treibt.

Vom Kampf selbst ist nicht viel zu sehen, weil die Kamera vor allem das teuer bezahlte McFett-Logo auf dem Ringboden im Auge behält und deshalb die Boxer meist von oben zeigt. Slow Motion? Pustekuchen, in den Pausen wird für französische Autos geworben. Werner Schneider, weit außerhalb der 20-Fuß-Kante des Rings, funkt Runde für Runde kleine Bewertungs-Icons als letzte SOS-Zeichen eines Moderatoren-Urgesteins; sein diensthabender Kollege Tobias Drews schwächelt sich lauwarm durch den Abend.

Am Ende, als Zuschauer hat man längst das Handtuch geworfen, rollen dann die Millionen – 1,2 Kampfkasse für Hill, 3 für Maske, 16 Millionen Zuschauer für RTL, das noch tags darauf begeistert den boxenden “Gentleman” (uff!) in Overath bei Köln verortet, dem jetzigen Wohnort. Pech für das brandenburgische Treuenbrietzen, Maskes Geburtsstädtchen, das sich nun weiterhin damit trösten muss, dass “Treuenbrietzen” in der zweiten Strophe des Liedes “Sabinchen war ein Frauenzimmer” vorkommt, weil es sich so einigermaßen auf “besitzen” reimt …

(No. 150, 02.04.2007)