Archive for March, 2007

Kümmerling

Thursday, March 29th, 2007

Freitag gehts los, die Berliner CDU, momentan durch die Landowsky-Affäre eher mit Gerichtssälen, Bankvorstandsetagen und Bewährungshelferbüros in Verbindung gebracht, kommt raus aus Gerichtsaktenmief und Stimmungstief und schickt ihr “Kümmermobil” durch die Straßen der Stadt.

Wen das kümmert? Hoffentlich Herrn und Frau Jedermann, denn die sollen sozusagen in freier Wildbahn zu Nöten und Sorgen befragt werden. Wäre das nicht auch zu Fuß gegangen? Nein, denn der typische Berliner befindet sich die meiste Zeit im Stau, da kommt man als Fußkümmerer nicht hin. Im McDonalds-Drive-In, bei Protestfahrten gegen das Innenstadt-Fahrverbot für Killerdiesel oder beim frühlinghaften Cabrioparken auf Busspuren: DA trifft man sie, die wahren, die echten Berliner, die der armen CDU zur Zeit ignorant den Auspuff zeigen. Ein Zehntel der Mitglieder kam der Partei allein durch den Bankenskandal abhanden, und wenn der “Kümmermobil”-Einsatz in Lichtenberg an den dortigen 9,6% Wählerstimmen nix ändert, dann wird das Gaspedal durchgetreten, bis endlich wieder Wilmersdorf in Sicht ist…

(No. 149, 30.03.2007)

Aus Eisbärenfell

Wednesday, March 21st, 2007

Oooch, ist der niiiiedlich: Sonst eher etwas grobschlächtigeren Blättern wie BILD und BZ liegt heute ein tolles Tierposter bei, das Berlins jüngstes Zoo-Wunder, den kleinen Eisbären Knut, zeigt. Zum Knuddeln!

Doch längst nicht jedem kleinen Pelzträger widmet die Boulevardpresse gleich eine Doppelseite. Am Wochenende beginnt in Kanada wieder die alljährliche Robbenjagd – wobei “Jagd” ein freundlicher Begriff für das Totschlagen oder lebendige Häuten der zwischen 12 und 90 Tage alten Robbenbabys ist.
Ein anachronistisches Ritual? Nein, eine lukrative Tötungsindustrie. 335.000 Robbenbabys wurden letztes Jahr von der kanadischen Regierung als Fangziel genehmigt; dieses Jahr liegt die Quote wegen der erfreulich hohen Nachfrage noch deutlich höher.

Das aufgebauschte Interesse an Knuddel-Knut entlarvt sich angesichts solcher Zahlen schnell als zynische Pseudo-Tierliebe.

(No. 148, 21.03.2007)

Endlich enthitlert

Monday, March 12th, 2007

Die niedersächsische SPD-Politikerin Saalmann will Hitler nachträglich die deutsche Staatsbürgerschaft wieder wegnehmen. Mensch, Isolde, eine geniale Idee! Deutschland wäre mit einem Schlag die Ursache schlimmer Schuldgefühle los. Wo wir schon mal dabei sind, könnten wir auch weitere Erzbösewichte wie Göring, Goebbels usw. an interessierte Gastgeberländer verschenken. Und ein paar notorischen Gutmenschen wie Mutter Teresa, Martin Luther King oder Mahatma Gandhi die deutsche Staatsbürgerschaft ehrenhalber verleihen. Hinterher steht Deutschland echt cool da, und wir dürften völlig enthitlert endlich stolz darauf sein, deutsch zu sein.

(No. 147, 12.03.2007)

Flatrate-Fieber

Monday, March 12th, 2007

Das Koma-Saufen, das momentan alle Berliner Parteien gemeinsam verbieten wollen, weil ein Jugendlicher nach 52 Tequila ins Koma gefallen ist, ist ja nur die Spitze der Flatrate.

PizzaHut bietet “All You can eat” für Fünfneunzig, und an guten Tagen sind die Bürgersteige vor den Schnellfressstuben voll mit halbverdaut ausgekotzten Fett- und Käseresten.

Schon denken Apotheken über die Pillen-Flatrate nach; eine preiswerte Möglichkeit, sich die Jahresdosis an Grippeschutz, Empfängnisverhütung und Abführmitteln in einem einzigen, preiswerten Rutsch einzuverleiben.

“All You can fuck” eines stadtbekannten Dumping-Bordells scheiterte unlängst an schwächelndem Desinteresse des Publikums.

Auch die vom Bildungssenat initiierte Bildungs-Flatrate, bei der Grundschüler mit dem Lockspruch “All You can learn” animiert werden sollten, sich in einer Doppelstunde mit dem gesamten deutschen Bildungskanon beschießen zu lassen, stieß bisher auf wenig Interesse.

Volle Särge meldet dagegen Grieneisen mit der eben eingeführten Grabstätten-Flatrate. “Einer zahlt, und alle kratzen ab” kam schon als Fernsehspot gut an und führt derzeit gerade in dichter besiedelten Stadtteilen zu einem letalen Run aufs Familiengrab.

(No. 146, 11.03.2007)

Darwin aus Darmstadt

Monday, March 12th, 2007

“Der wirtschaftliche Aufschwung ist ein zartes Pflänzchen, das will gegossen sein”, sagt Gohlke, “gegossen mit Subventionen und Sondergenehmigungen. Für unrentable Fehlinvestitionen ist da kein Platz! Wenn ein Kandidat die Kohle nicht wieder reinspielt, die ich in ihn investiert habe…. dann ist es besser, die Kohle gar nicht erst reinzustecken in den Mann!”

Er wedelt mit einer seiner derzeit vier täglichen Zeitungen. “Hier, das Sozialgericht in Darmstadt: die wissen, wie’s geht. Verweigern Hartz-IV-Empfängern den Zuschuss zur Brille. Was braucht denn einer Krücken, Brillen, Hörgeräte, wenn er dann doch nur in der Fußgängerzone schnorren geht, weil unsere globalisierte Arbeitswelt keinen Platz mehr für ihn hat?
Gosse ist Gosse, auch ohne Sehhilfe!
Darwinismus, Dein Zuhause sei Darmstadt!”

(No. 145, 11.03.2007)

Zitterpartie

Wednesday, March 7th, 2007

Nehmen wir mal an, Sie fliegen in einem ziemlich neuen Flugzeug, das im Jahr 2000 den Jungfernflug hatte. Ein altes russisches Fabrikat mit eigentlich für andere Flugzeugtypen entwickeltem amerikanischem Steuersystem.

Nach sieben Jahren verzeichnet das Logbuch genau einhundertundeine Panne. Immer wieder treten Flüssigkeiten aus – in Mengen bis zu 20.000 Litern –, die Kühlung schaltet sich aus, einzelne Triebwerke werden zwischendurch heruntergefahren. Fehlfunktionen beim Steuersystem sind an der Tagesordnung. Eine der Turbinen läuft seit anderthalb Jahren wegen irreparabler Schäden nur noch mit 85% Leistung. Es gibt unkontrollierbare, ohrenbetäubende Lärmentwicklungen, zu heiße Luft im System, Risse an den Rotorblättern, heftige Kurzschlüsse.

Ehrlich mal, würden Sie mit dem Ding fliegen?

Aber keine Bange, wir sprechen hier von keinem Flugzeug. Wir sprechen vom tschechischen Atomkraftwerk Temelin, 470 km südlich von Berlin. Wenn’s bei Südwind kracht, ist die radioaktive Wolke in einem halben Tag hier.

(No. 144, 07.03.2007)

Psühsch!

Tuesday, March 6th, 2007

Dieses ständige Lamentieren über den dürftigen Wortschatz der Jugend ist schwer zu ertragen. Klar, die gedankenlose Nichtbenutzung schöner deutscher Worte wie “Onomatopöie”, “Eklektizismus” oder “Fimose” raubt dem Jungvolk jede ziseliertere Ausdrucksmöglichkeit.

Dafür kommen alle paar Monate aparte kleine Neuschöpfungen auf den Markt, die sich ratzfatz verbreiten, zum Standard werden und das quicklebendige Jungdeutsch uneinholbar vom verschnörkelten Geblubber der Altvorderen abgrenzen.

Kleines Beispiel? “Psühsch”, von drei unabhängig voneinander Befragten zwischen 11 und 17 Jahren identisch buchstabiert und benutzt. Psühsch heißt so viel wie “sehr erstaunlich!”, ein Ausruf zustimmender, positiver Überraschung. Hat “psycho” (”Ist ja irre!”) Pate gestanden? Das ist schwer zurückzuverfolgen.

Und falls sich schon die ersten Werbeagenturen für eine feindliche Übernahme des neuen Worts rüsten, um sich mit schmissigen Headlines juvenilen Käuferschichten anzubiedern (”Pepsi mit Extra-Zucker… psühsch ist die süß!”) – zu spät, Freunde, die nächste Wortschöpfung ist schon im Landeanflug.

Diesmal ist es wieder eins der beliebten Wortrecyclings, mit dem (wie anno 1988 bei “geil”) anders belegte Begriffe gekapert und gegen den Wortsinn gedreht werden: “mies” – wie meist in diesem Umfeld gedehnt, also “miehs”, ausgesprochen – meint schlichtweg “gut” oder “besonders”.

Na bitte, die deutsche Sprache kommt vorwärts: Echt mies!

(No. 143, 06.03.2007)