Archive for February, 2007

Hoppla die Stadt

Tuesday, February 27th, 2007

Toyota hat für den neuen Auris ALLE 200.000 Werbeflächen Deutschlands gebucht, aber was auffällt, sind nicht die cool-eleganten Auto-Motive… sondern die Abwesenheit von allem anderen: Den ballerigen BSR-Plakaten, dem plakativen Sondermüll vom Mediamarkt, dem Werbegebell von Saturn, von Baumärkten, Waschmittelherstellern, Fastfoodketten, Handyherstellern.

Jetzt, wo der ganze bunt brüllende Ramsch mal für ein paar Tage durch ein fast sanftes Einheitsbild ersetzt wurde, wird die Stadt wieder sichtbar. Statt Großflächen sehen wir Häuser, statt Citylightpostern Bushaltestellen und Straßenkreuzungen aus dem Werbenebel auftauchen. Berlin atmet auf; schon sehen die ersten Kids von ihren Navigationsgeräten auf und entziffern verblüfft ein Straßenschild: “Bülowstraße… stand das vorher auch schon da?”

(No. 142, 27.02.2007)

Model Beirut Recital

Friday, February 23rd, 2007

Berlin, Postbahnhof: Velvet-Underground-Mitbegründer John Cale, fast 65 Jahre alt, flirrt hemdsärmelig und hektisch über die Bühne. Der Saal hat sich langsam gefüllt, und wer ein sonores Alterswerk zum Zurücklehnen erwartet hat, wird mit einem Brachialsound in die Gegenwart gewuchtet, der mehr einem havarierten Flugzeugträger ähnelt als dem wohlpräparierten Nachlass einer Singer/Songwriter-Legende.

Cale, hühnerhalsig und mit punkig selbstgerupftem Haupthaar, zelebriert das Inferno anfangs mit der lässigen Ironie eines Mannes, der schon alles gesehen und alles gemacht hat. Doch das Publikum geht mit, schon von der ersten aufjaulenden Gitarre an, und nach ein paar Minuten ist der gebürtige Waliser im weißen Hemd und Kravatte restlos im Thema. Was folgt, ist ein mehr als zweistündiger Parforceritt durch Stile, Favourites und Versuche. Cale kannibalisiert das “Heartbreak Hotel” zu einem überspannten Vocoderfragment, feiert den “Chinese Envoy” als fragile Latino-Assoziation und unterbricht jede aufkommende Nostalgie-Schwelgerei mit gnadenloser Dekonstruktion.

Zur zweiten Zugabe packt John Cale noch die Viola aus und sägt, auf den Tag 20 Jahre nach dem Tod des Velvet-Underground-Paten Andy Warhol, ein stoisch-elegantes “Venus in Furs” in die kalte Nacht über dem Postbahnhof.

Nebenan drängen sich die Kräne über der Baustelle der Anschutz-Arena; hier sollen ab 2008 zwei Millionen Besucher jährlich mit Eishockey, Revues und musikalischem Mainstream bespielt werden. John Cale ist dann mit seiner “Live Circus Tour” längst weitergezogen; er schrammt in den kleinen Hallen dem siebzigsten Geburtstag entgegen und weiß nicht erst seit heute: “Life and death are things You just do when You’re bored”…

(No. 141, 22.02.2007)

Nur ein toter Hosenscheißer ist ein guter Hosenscheißer

Tuesday, February 20th, 2007

Springers “BZ” meldet alarmiert: “RAF-Terroristin spaziert durch Berlin”. Nein, das ist kein Aufruf zum Geldsammeln, um einer offenbar verarmten terroristischen Fußgängerin ein Busticket zu spendieren… hier wird mit verwackelten Fotos und detektivischen Details Angst geschürt. Natürlich ist Eva Haule, 52, die als Freigängerin eine Fotoschule besucht, momentan weder bewaffnet noch mit dem Umsturz des Systems beschäftigt. Wahrscheinlich haben sie 21 Jahre harte Haftbedingungen auch zu müde dazu gemacht. Könnten wir uns, wenn schon nicht auf den Begriff “Fotografieschülerin” oder “Freigängerin”, wenigstens auf das kleine Wort “ehemalige” Terroristin einigen? Oder ist man, was man vor langen Jahrzehnten mal war, für immer?

Die BZ-Redakteure Jochen Gößmann und Benjamin Tiling, von denen das miese kleine Stück Beschattungsjournalismus stammt, waren zum Beispiel vor 23 Jahren, als Eva Haule zur RAF stieß, vermutlich noch pickelige pubertäre Rotzbengel. Sind sie das heute noch? Ist man, wenn man mit zwei Jahren ein Hosenscheißer war, für immer ein Hosenscheißer? Ist erst ein toter Hosenscheißer ein guter Hosenscheißer?

Nein, nein, mit anderen Täterprofilen geht sogar die BZ weit zimperlicher um. Edmund Stoiber zum Beispiel, der künftig ehemalige bayrische Minsterpräsident, ist schon jetzt, satte 224 Tage vor dem verdienten Ende seiner Amtszeit, mit dem honorigen Attribut “scheidend” versehen worden. “Der scheidende Minsterpräsident spaziert durch Berlin”: Mehr Terror war selten!

(No. 140, 20.02.2007)

Von Pappe

Monday, February 19th, 2007

Was mit den Homosexuellen im Dritten Reich gemacht wurde, was die Nazis mit den Zigeunern angestellt haben, das war nicht von Pappe. Pappe (und nicht Granit) ist allerdings heute, über 60 Jahre danach, noch jedes Gedenken an diese Greueltaten. Streitereien über die Inschrift soll es zu verdanken sein, dass seit 1997 am Reichstag nur ein ramponiertes Bauschild steht, wo längst ein steinerner See des israelischen Künstlers Dani Karavan an 500.000 tote Sinti und Roma erinnern sollte. Eine ganz ähnliche Papptafel weist ein paar hundert Meter weiter darauf hin, dass der Deutsche Bundestag 2003 die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an verfolgte Homosexuelle beschlossen hat. 6.000 Schwule und eine unbekannte Zahl von Lesben wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die coolen norwegischen Plastiker Elmgreen und Dragset sollen die Skulptur entwerfen.

“In der Baubrangsche,” meint Gohlke, “stelln’se auch immer solche Pappschilder auf, wenn für die pappjemkinschen Dörfer schon mal Käufer gefunden werden sollen. Ob das Ding überhaupt gebaut wird, kann man sich dann ja noch überlegen. Also warten wir mal ab, was für die Zigeuner und die Schwulen wirklich rumkommt dabei. Ich glaub’ an Granit erst, wenn ich ihn sehe. Zum Beispiel” – er deutet auf die weiten steinernen Schwünge des nahen Bundeskanzleramts – “‘gleich nebenan bei Angelas Loch Nest!”

(No. 139, 19.02.2007)

Lentz

Saturday, February 17th, 2007

Die Vergreisung der Gesellschaft rollt an, und ihr Hauptquartier ist das “Lentz”, eine Szenekneipe am Stuttgarter Platz.

Zwischen ramponierten Nachtclubs und Backpacker-Hotels ist der früher mal schwer angesagte Laden ins Altwerden geschlingert, und wer heutzutage unüberlegt reinstolpert, denkt zuerst an eine Klonfabrik, so frappierend ähnlich sehen sich die hundert Gäste mit ihren grauen Schädeln und den aus der Mode gekommenen Designerbrillen.

Alle sind hier gut 50 Jahre alt; der Raum wird geheizt mit den Wechseljahre-Hitzewallungen der Damen, während sich die Herren über die Tische hinweg anbrüllen, weil sie ihre Hörgeräte aus Eitelkeit nicht benutzen. Lange Schlangen vor dem Männerklo, wo das Pinkeln wegen Prostata zu einer endlosen Zeremonie wird. Alle trinken Bier und Wein in großen Mengen; wer als erster mit dem Rauchen aufhört, ist ein Weichei. Nein, es ist nicht Arroganz, wenn alle dauernd den Kopf in den Nacken legen und mit der Nasenspitze zur Decke weisen: Man sieht unter der Brille durch, um im Nahbereich etwas erkennen zu können.

Die Gespräche drehen sich um Bandscheibenvorfälle, Arterienverkalkung und andere Anzeichen körperlichen Verfalls, und wenn die asiatische Kellnerin, die mit stoischer Gelassenheit dauernd jedem irgendwas zu trinken hinstellt, einen weißen Kittel trüge, dann wäre das Charlottenburger Szene-Siechenheim perfekt…

(No. 138, 17.02.2007)