Archive for January, 2007

Pistenpapst

Wednesday, January 31st, 2007

Der Vatikan hat’s zugegeben: Über 100 Mal ist der verblichene Papst Johannes Paul II., mit Zeitungen bedeckt auf dem Rücksitz eines kardinalen Dienstwagens liegend, an der mißtrauischen Schweizer Garde vorbei ins Freie entfleucht und hat jenseits der vatikanischen Enge des Castel Gandolfo dem Skisport gefrönt. Sind nun die senilen Gebrechen des jahrelang siechenden Religionsführers neu zu bewerten? Prellungen, Stauchungen, die scheuernden Male des Tellerlifts – war die große Pose des leidenden Glaubensmannes am Ende ein profaner Muskelkater? Der Stuhl Gottes auf Erden – ein Sessellift?

(No. 137, 31.01.2007)

Frachter, Finder, Strandpiraten

Wednesday, January 24th, 2007

“Was machen die mit dem Zeug?” ist eine der meistgehörten Fragen am Strand von Branscombe, wo in den letzten Tagen Tausende von Menschen die angespülten Container der havarierten MS Napoli knackten und bergeweise Babywindeln, BMWs und Bordeauxweine davontrugen. Die Antwort ist immer die gleiche: “Das wird alles bei eBay versteigert.”

Es wird, wird es nicht? Ein Blick auf die englischen Seiten des Auktionshauses zeigt tatsächlich eine ganze Reihe betrachtenswerter Fundstücke – Fundstücke klassischen britischen Humors, genauer besehen…

Mit Auktion 160077548080 wird zunächst das Plündern selbst professionalisiert: Ein “CC Watkins” versteigert einen gebrauchten Einkaufswagen mit gut getarntem Rost-Effekt – wegen der Gitterstruktur ideal zum Transportieren tropfnasser Güter.

“Buysumstuff2007″ kann darüber nicht lachen; er hat die massive Umweltverschmtzung im Auge, die von den ebenfalls angespülten Giftcontainern ausgeht, und versteigert deshalb für einen guten Zweck den ganzen Giftmüll en bloc mit Auktion 270082727848 für einen Cent Mindestgebot.

Dass jemand die giftigen Blechkisten wirklich ersteigert und wegräumt, hält “Freddyfish4″ allerdings für blanke Utopie. Er ist Realist und denkt in Auktion 170073911787 über eine pragmatische Umnutzung des Strandguts nach. Sein Meistbietender erhält einen der leeren Container zum Umbau als Wochenendhaus… mit dem Tipp, sich von den angespülten ölverklebten Keksen zu ernähren und ein romantisches Strandfeuer aus leeren Barriquefässern zu machen.

Der humorvolle Umgang der Briten mit ihrer jüngsten Umweltkatastrophe ist beeindruckend; kommerziell erfolgreich dagegen ist er nicht: Ernstmeinende Bieter haben all diese Angebote bisher nicht gefunden. Vielleicht, weil sie das profane Beutemachen der Strandpiraten zum Happening umdefinieren? Dabei liegt im Immateriellen auch der Schlüssel zum finanziellen Erfolg, das beweist “joetoast247″ in der Auktion 320075014940. Joe versteigert das Beste, was sich an Branscombe Bay finden ließ… eine ganz normale kleine Muschel. So viel Naturliebe wird belohnt – mit einem derzeitigen Höchstgebot von mehr als 10 britischen Pfund.

(No. 136, 24.01.2007)

Symbolismus

Sunday, January 21st, 2007

“Natürlich gehts nicht um Biermann, diese selbstverliebte Tränendrüse”, erklärt mir Gohlke, der heute einen seiner ungnädigen Tage zu haben scheint; “klar hatte der Mann seine goldenen Jahre damals, klar hat er die Latte immer hoch gehängt und sich in eine Reihe mit Kästner, Brecht, Tucholsky gestellt. Aber sind Kästner, Brecht, Tucholsky Ehrenbürger von Berlin geworden? Nee. Und hätten sie’s nicht noch vor olle Biermann verdient? Siehste!”
Ich murmele ein paar schwache Einwände, Kästner war nur 18 Jahre in Berlin, Tucholsky ist in Schweden gestorben, Brecht in Augsburg geboren…. aber Freund Gohlke ist in seinem Element, da stoppt ihn nix.

“Biermann ist ein Symbol, das wurde zur Gretchenfrage, da gabs für die Sozis keinen Notausgang. Wowi hat echt abgekotzt! Überhaupt sind Symbole wieder schwer gefragt. Demnächst kannst Du Dich mit Deinen alten Apo-Onkels an der Springer-/Ecke Dutschkestraße treffen. Heut ist die CDU baden gegangen, die wollten die Straßenbenennung nach Rudi Dutschke noch bürgerbegehrenstechnisch, sozusagen außerparlamentarisch, kippen. Det war nischt!”

Gohlke klatscht sich auf die Schenkel. “Biermann, Dutschke… alles Symbole!” Er beugt sich weit vor, hebt die Hand an den Mund und raunt mir verschwörerisch ins Ohr: “Aber Vorsicht, Kumpel, Vorsicht…. die Gegenseite schläft nicht! Stoiber fällt auf die Nase, und was hat die Christiansen abends in der Talkshow an? Hö? Na?”

Herr im Himmel, ich habs nicht gesehen, aber mein oberster Symbolwärter liefert die Auflösung postwendend:
“Ein oberbayrisches Trachtenjankerl!”

(No. 135, 21.01.2007)

Äpfel und Birnen

Wednesday, January 10th, 2007

Merkel und Glos sagen: Wir machen uns von russischem Erdöl unabhängig, indem wir zur Atomenergie zurückkehren. Starke Idee!
Was Erdöl mit Atomkraft zu tun hat?
Nix. Mit Erdöl wird kein Strom gemacht, mit Atomkraft fahren keine Autos.

Was Atomkraft mit Unabhängigkeit zu tun hat?
Nix. Uran wird nicht in Deutschland abgebaut, sondern zu 100% im Ausland. Russland, Usbekistan, Kasachstan mischen da kräftig mit.
Auch den Atommüll verbuddeln wir bisher nicht in deutscher Erde.

Wir machen uns von der alljährlichen Grippewelle unabhängig, indem wir die Bevölkerung mit AIDS infizieren:
Starke Idee, Frau Merkel. Man merkt schon, Sie haben mal Physik studiert.

(No. 134, 10.01.2007)

Beuys, don’t cry

Wednesday, January 3rd, 2007

Ausgerechnet dem notorischen Kunstfledderer Saatchi musste es einfallen, jetzt ist es da und, ja verdammt, es funktioniert: YourGallery (http://www.saatchi-gallery.co.uk/yourgallery/) ist genau das, was Flickr.com für Fotografen wie Dich und mich und YouTube für Videofilmer wie Dich und mich ist. Eine weltweite Online-Gallerie für Künstler. Wie Dich. Und mich. Und jeden, der sich dafür hält.

“Jeder ist ein Künstler” hat Josef Beuys ganz richtig geahnt, und jetzt bricht sie auch schon über uns herein, die Bilderflut. Wahrhaftig: jede/r malt. Es ist gar keine Briefträgerin, die morgens die Post bringt, sondern eine Konzeptkünstlerin, die die Stadt mit einem Spinnennetz von hyroglyphischen Fußspuren überzieht. Die Männer in den blauen Overalls sind als Installateure getarnt, aber was sie installieren, ist eine Installation. Ist Kunst.

Wer in YourGallery herumstöbert, merkt freilich schnell: das Meiste ist verzweifeltes Epigonentum. Es sind gerade mal acht Millionen junger Talente angetreten, knapp zweitausend Rembrandts und ganz sicher nicht mehr als drei- bis vierhundert Leute von der Güte eines Picasso. Sie werden den Weltkunstmarkt revolutionieren, aber höchstens für die nächsten paar tausend Jahre. Dann sind wir im Künstlerverzeichnis über den Anfangsbuchstaben A hinausgekommen und werden mal sehen, was es bei B zu entdecken gibt.

(No. 133, 03.01.2007)

Überfahren

Tuesday, January 2nd, 2007

Die milliardstel Prozente der Wahrscheinlichkeitsrechnung, göttliches Wollen oder dubiose Parallelwelten in der Quantenmechanik: Irgendeine verrückte Erklärung muss man schon bemühen für den Unfall, in den in der Silvesternacht Zug 5018 der Berliner S-Bahn verwickelt war.

Der hatte im Bahnhof Wuhletal zwei Jugendliche auf den Gleisen erfasst.
Daniel H. und sein Kumpel kamen, schwer verletzt, mit dem Leben davon.

Später wurde der Unglückszug zur Weiterfahrt ins Betriebswerk freigegeben, doch nur einen S-Bahnhof weiter, in Biesdorf, überrollte der gleiche Zug erneut einen Jugendlichen, der im Gleisbett stand, diesmal mit tödlichen Folgen. Auch das neue Opfer hieß Daniel H.

Vielleicht hat Gott zu Weihnachten ‘ne neue Eisenbahn geschenkt bekommen und Überfahren geübt.

(No. 132, 02.01.2007)