Archive for December, 2006

No Knock Situation

Wednesday, December 20th, 2006

Weihnachten ist das, was sie beim FBI eine “No Knock Situation” nennen. Bunte Lichterketten und Hartschaum-Elche umstellen dein Haus, wenn Du schläfst; Weihnachtsmänner mit Dauergrinsen gehen auf den Dächern der Nachbarhäuser in Position. Eine Adventskerze wird an Dein Türschloß gehalten, und bevor Du auch nur “Halleluja” sagen könntest, sind sie drin – Stutenkerle und Rauschgoldengel, die Heiligen Drei Könige und ihre Anstaltspackungen an Weihrauch, Myrrhen und schlechtem Marzipan. Sie stellen Tannenzweige auf den Tisch, schieben Stollen in den Kühlschrank und legen nervtötende CDs in den Player. Sie manipulieren Dein Fernsehprogramm. Sie verändern das Lebensmittelangebot von “Ulrich am Zoo”. Widerstand ist zwecklos, alle Adventskalendertürschokoladen auf einmal aufessen hilft nichts: Weihnachten ist da. Es gibt kein Entkommen.

Karibik? Vergiss es. Da sitzen sie im Kunstschneewirbel in den Robinsonclubs, engelflügelige Bikinimädels mit roten Mützen tanzen den Dschingelbell, und am Caipirinha steckt plötzlich keine Limette, sondern ein gottverdammtes Stück Spekulatius.

(No. 130, 19.12.2006)

Hasta la Vista, Baby (Part two)

Wednesday, December 20th, 2006

Der österreichische Schauspieler Arnold Alois Schwarzenegger, der nächstes Jahr 60 wird, Gouverneur Kaliforniens ist, im Januar ohne Führerschein einen Motorradunfall baute, der im mexikanischen Baja California vom Parlament wegen rassistischer Einwanderungspolitik zur unerwünschten Person erklärt wurde; der Mann, nach dem in seiner Heimatstadt Graz kein Stadion mehr benannt ist, der Mann, der vier Todeskandidaten mit ihrem Gnadengesuch gnadenlos unter die Giftspritze schickte: Dieser Mann hat im letzten Gouverneurswahlkampf keine überraschende Wandlung zum ökologischen Gutmenschen gemacht. Obwohl der von seiner Frau, der Kennedy-Nichte Maria Shriver, inspirierte Wahlkampf den Terminator überraschend als Emissionsbekämpfer und Umweltschützer erster Güte präsentierte.

Jetzt ist wieder Regierungsalltag eingekehrt, und der zeigt Arnie kernig und qualitätsbewusst wie eh und je. Während Kaliforniens Bundesrichter Jeremy Fogel die Hinrichtung per Giftspritze vorerst ausgesetzt hat, weil Schlamperei, Inkompetenz und Unkenntnis die Sache für die Delinquenten zu einer oft halbstündigen Tortur machen (und Gouverneur Jeb Bush im benachbarten Florida das Gleiche tat), glaubt Arnold an die totale Killerspritze – und will Wissenschaftler, Tötungsexperten und qualifiziertes Personal motivieren, die Hinrichtungen in Kalifornien, wo rekordträchtige 650 Häftlinge auf ihre Hinrichtung warten, zu einer letalen Leistungsshow der Superlative zu machen.

Der Terminator geht seinen Weg, und wenn die Technik versagt, müssen halt etwas größere Kaliber her…
(No. 131, 20.12.2006)

iBomb

Tuesday, December 12th, 2006

Ganz en passant hat Israels Ministerpräsident Olmert, gerade in Berlin zu Besuch, bei SAT 1 eingeräumt, dass Israel bereits Atomwaffen haben könnte. Einen Aufschrei der Empörung hat die launige Nebenbemerkung im Frühstücksfernsehen bisher nicht ausgelöst.

Ein anderer wenig zimperlicher Bombenbauer, der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad, grinst Gohlke beim morgentlichen Jogging durch den martialisch umstellten Tiergarten entgegen. “Danke, Herr Präsident” ist in großen Lettern ein Plakat unterschrieben, das ein Spiegel-Interview zitiert, in dem der Iraner den Holocaust zu einem deutschen “Recht, sich zu verteidigen” umdeutet.

Darf der das? Gohlke fragt zwei Polizeibeamte, die unter der Moltkebrücke patroullieren. “Das ist ein Spiegel-Zitat”, weiss der eine, “das ist schwierig”. Nun hat der Spiegel die Hetze seines Interviewpartners damals zwar abgedruckt, sich aber nicht mit einem fetten “Danke” zu eigen gemacht. Trotz dieses feinen Unterschieds machen die beiden Uniformierten wenig Anstalten, die dreissig Plakate, die das Spreeufer säumen, zu entfernen.

Es nieselt, der Knochenleim ist noch frisch. Gohlke legt los. Es dauert nur zwei Minuten, um den ganzen klebrigen Ramsch in die Tonne zu befördern. Die beiden Polizisten drehen ihm ostentativ den Rücken zu. “Hoffentlich ist kein Pollonium im Kleister”, ruft er zu ihnen hinüber. “Heutzutage weiß man nie!”, kommt die weise Antwort der Ordnungsmacht zurück. Gohlke wäscht sich die Hände in einer Pfütze. Heutzutage weiß man nie.

(No. 129, 12.12.2006)

Deep Fritz

Tuesday, December 5th, 2006

Deep Fritz, ein Computer, hat 4:2 gegen den Schach-Weltmeister Kramnik gewonnen. Okay, diese elektronischen Burschen planen die besseren Brücken, fliegen Handysatelliten ins All, treffen punktgenau eine irakische Hochzeitsgesellschaft mit der Fernlenkwaffe. Aber Schach? Eine Beschäftigung ohne offensichtlichen militärischen oder volkswirtschaftlichen Nutzen? Musste das sein?

Es bleibt wirklich nicht mehr viel, worin wir uns diesen Biestern überlegen fühlen können. Mein Laptop beherrscht rücksichtslos die neue deutsche Rechtschreibung, mein Auto rechnet mir unterwegs den Klimaschaden vor – selbst der Geschirrspüler behandelt mich wie einen Sechsjährigen und empfiehlt altklug nach dem Einräumen mit roter LED-Schrift “Tür schließen”.

Seitdem das Im-Stehen-Pinkeln nicht mehr en vogue ist, habe ich dem elektronischen Fuhrpark nur noch wenig voraus.

(No. 128, 05.12.2006)