Archive for November, 2006

Mein Name ist Vogel, Jürgen Vogel

Thursday, November 30th, 2006

Ich sehe mir den neuen Bond-Film nicht an. Ich habe Angst, dass da auch Jürgen Vogel mitspielt, der spielt nämlich in ALLEN Filmen mit, die dieses Jahr ins Kino kommen.

(Nix gegen Vogel, aber mit rechten Dingen geht das nicht zu. Entweder ist das ‘ne subtile Form der Filmförderung – “Jungs, ihr kriegt leider keine Knete für Euern etwas abenteuerlichen Streifen, aber wir schicken Jürgen vorbei als Sachspende, dann sehen sich die Leute das Ding schon an” – …

Oder irgendeine Bundes-Ethik-Kommission oder so was hat erkannt, dass das Überangebot an Unterhaltung dazu führt, dass wir morgens in der U-Bahn nicht mehr miteinander sprechen können, weil jeder was anderes im Fernseher gesehen hat.
“Haste gestern abend diesen Spielfilm gesehen?” - “Mit Jürgen Vogel?” - “Genaaaaau!”)

(No. 127, 30.11.2006)

Rentner hauen

Thursday, November 30th, 2006

“Im Prinzip”, sagt Gohlke, “isses ja richtig, wenn die Fernsehsender sich verstärkt um die neuen Alten kümmern, um uns Best Agers ab 40. Aber irgendwie reicht es doch nicht, die nächsten fuffzich Jahre immer nur die alten Helden zu verheizen. Am Wochenende hat sich Axel Schulz (38) verkloppen lassen, im März ist Henry Maske (42) an der Reihe: Das trifft zwar keine Unschuldigen, aber irgendwann ist einfach Sabbat. Muhammad Ali ist nicht mehr satisfaktionsfähig, Max Schmeling ist tot: Allmählich muss Schluss sein mit den ständigen Wiederholungen!”

(No. 126, 29.11.2006)

Wohlpräpariert

Monday, November 20th, 2006

Jeder einsame Tierpräparator hat seinen Berufskodex. Ein Eichhörnchen ist ein Eichhörnchen, und so sollte es auch dargestellt werden. Nicht auf einem Bein schlittschuhlaufend; nicht mit flinken Pfoten einen Taschenrechner bedienend und nicht mit senkrechter Rute in einem Pornoheftchen blätternd. Das wäre Kitsch, widernatürlich, unwürdig für das kleine Stückchen Leben, das so ein ausgestopftes Eichhörnchen mal gewesen ist.

Gunther von Hagens sieht das nicht ganz so eng. Wer bei ihm einen Plastinierungsvertrag unterschreibt, geht das Risiko ein, nach dem Ableben eingefroren und zur Gaudi des zahlenden Publikums öffentlich in Scheiben gesägt zu werden. Oder fortan als nackte, bierbäuchige Parodie auf Rodins “Denker” auf einem Museumssockel zu sitzen, die eigenen Hoden in der ausgestreckten Hand.

Was keinem Tierpräparator in den Sinn käme, wird bei von Hagens als künstlerische Freiheit reklamiert. Oder als wissenschaftlich motiviertes Lehrstückchen. Oder es dient der Arbeitsplatzbeschaffung. Dabei ist der Mann bei allem argumentativen Hakenschlagen eigentlich ganz simpel gestrickt. Er will doch nur ein bisschen Gott spielen. Schließlich ist Gott auch kein gerichtlich abmahnbarer Titel, wie dieses kleidsame “Professor” vor dem Namen von Hagens’, das, schade, schade, im September zweitinstanzlich vom Heidelberger Landgericht kassiert wurde.

(No. 125, 20.11.2006)

Street Poetry

Sunday, November 19th, 2006

Mittags liest Gohlke bei Nicole die BZ. Kaufen würde er sich “sowas” nicht, aber je länger ich mir dieses journalistische Fremdgehen ansehe, um so mehr sehe ich beim alten Kumpel Aufweichungstendenzen, die mir Sorgen machen.
“Ist doch Quatsch”, meint Gohlke dazu, “man muss seine Vorurteile auch mal beiseite legen können, mindestens in der Mittagspause. So schlimm isses doch gar nicht mehr! Nach der Wahl hat die BZ die grüne Spitzenkandidatin ganz verliebt ‘Mama Grün’ getauft. Zum Beispiel.”
“Aber bei Sexualstraftätern heißt es dann wieder ‘Sperrt ihn in das tiefste Loch’… wie letzte Woche”, kontere ich kraftlos. Gohlke lächelt nachsichtig. “Bei Sex denken die Jungs an Loch, das kommt denen ganz automatisch in den Kopf. Aber hast du gelesen, wie sie den Kerl dann genannt haben? ‘Das Dachmonster’. Was für eine Wortschöpfung! Mittwoch war die Rede von 5000 ‘Geisterbeamten’. Partygirl Kader Loth wird zur ‘Kaderstrophe’, Aktfotograf LaChapelle ist ‘der Silikonator’, ‘Grinsi-Klinsi’ gewinnt für uns die WM… Mann, wenn Du ein bisschen Gefühl für den Wortschatz hast, musst Du doch merken, dass das GANZ GROSSE POESIE ist, was da abgeht!”

(No. 124, 19.11.2006)

Beherrschbar

Sunday, November 19th, 2006

Die GRS, die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, ist nicht nur nach eigenem Bekunden “Deutschlands zentrale Fachinstitution” zum Thema Atomkraft. Auftraggeber sind Bundesministerien, Kraftwerkbetreiber, andere Forschungseinrichtungen. Das weiß natürlich auch Göran Lundgren, Unternehmenssprecher von Vattenfall in Stockholm. “Ich verstehe nicht, wo solche Behauptungen herkommen”, sagt Lundgren trotzdem zum Bericht des SPIEGEL, das schwedische Atomkraftwerk Forsmark wäre am 25.7. 06 nach GSR-Untersuchungen nur 18 Minuten von einem GAU entfernt gewesen. Dabei liegt doch auf der Hand, wo solche Behauptungen herkommen. Direkt aus der innersten Brennkammer des strahlenden Haufens Sondermüll, der in Schweden und anderswo noch immer als beherrschbarer Beitrag zur Energiegewinnung angesehen wird. Oder ist “beherrschbar” nur ein anderes Wort für “der Umfang des Publicity-Schadens ist kleiner als unser PR-Etat”?

(No. 123, 19.11.2006)

ICE Rathenow

Sunday, November 19th, 2006

Majestätisch gleitet der ICE “Rathenow”, 382 Tonnen Stahl, 185 Meter lang, 28 Waggons, auf seinem Weg nach Hamburg durch den Bahnhof Spandau. Auf dem Bahnsteig stehen ein paar hundert Rathenower, aber die dürfen nicht rein in den Zug, denn in Rathenow wird nicht gehalten. Die Stadt der Optik, gut 70 km westlich von Berlin, war jahrelang eine Baustelle, als die ICE-Trasse gebaut wurde; jetzt teilt das stählerne Band die Stadt in zwei Hälften, und die ICEs und neuerdings auch der Interregio zischen mit Getöse vorbei, ohne für die erduldeten Unbequemlichkeiten “Dankeschön” zu sagen. So ist das mit dem Berliner Umland, anno 1928 wurde die Strecke in 31 Minuten bewältigt, heute ist fast das Doppelte angesagt, wenn eine der albernen, blödsinnig tutenden Regionalbahnen vorbeigeschwankt kommt.
Der ICE “Rathenow” ist längst am Spandauer Vorstadthorizont verschwunden, da kommt über den Lautsprecher die Durchsage, dass die Züge nach Rathenow bis auf Weiteres umgeleitet werden wegen eines Personenunfalls. Die Reisenden werden gebeten, über Gesundbrunnen zu fahren. “Gesundbrunnen”, murmeln die Rathenower, “wo soll das denn nun schon wieder sein?” – aber dann herrscht wieder die dumpfe Ergebenheit, mit der sie alles erduldet haben, was die Gesamtdeutsche Bahn mit ihnen in den letzten Jahren so getrieben hat. Rathenow, das Havelstädtchen, ist irgendwo auf der Strecke geblieben.

(No. 122, 19.11.2006)

Komödienstadl

Tuesday, November 14th, 2006

Apropos YouTube: Ziemlich beliebt sind dort derzeit Kurzfilmchen à la “Drei Jahre in einer Minute”. Eine Japanerin, ein Australier, ein Eskimo (es gibt hoffentlich noch Eskimos?) – irgendwer stellt eine Kamera in den Flur und setzt sich jeden Morgen für ein Foto davor. Klick. Jeden Tag. Nach nur drei Jahren ist ein 60-Sekunden-Filmchen entstanden, in dem das Milchbubi-Gesichtchen mit wechselnden Haarschnitten oder Lippenstiften durch die Zeit rattert.

Das sieht lustig aus, aber wer große Erkenntnisse erwartet, sollte sich noch zwei, drei Jahrzehnte gedulden… denn erst dann ist sie zu sehen, die zitternde Hand des Todes, die das Fleisch auf den Wangen runzelt, die Tränensäcke aufquellen lässt und die Ohrläppchen auf den Kragen baumeln. Dann werden aus nichtssagenden, knopfäugigen Fremden nichtssagende, kurzsichtige alte Fremde. Wenn es YouTube dann noch gibt. Was unwahrscheinlich ist. Schließlich haben weitaus mitreißendere Formate auch schon nach kurzer Zeit das Zeitliche gesegnet… nur Langeweile ist unsterblich: Sabine Christiansen… oder der Komödienstadl. Auf den könnte man tausend Jahre die Kamera richten, ohne auch nur die Spur einer Veränderung zu bemerken. Vielleicht ist das schon das ganze Erfolgsrezept!

(No. 121, 14.11.2006)

Deutschland sucht den Superselbstmord

Friday, November 10th, 2006

Über hundert Schaulustige drängen sich am Dienstag ums Lörracher Rathaus und zücken die Fotohandys: “Geil, da springt eine vom Dach!”
Der begeisterte Mob applaudiert und johlt. Obdachlose hauen sich mit Jugendlichen, die mit anfeuernden Sprechchören die junge Frau zum Sprung bewegen wollen; Scheiben klirren, Flaschen fliegen. Es gibt eine rabiate Massenschlägerei mit vierzig Beteiligten. Die Polizei wird nur mit Verstärkung von Bundes- und Bereitschaftspolizei Herr der Lage – sechs teilweise schwer verletzte Polizeibeamte und etliche Festnahmen sind das Fazit der Straßenschlacht.

Nach dreieinhalb Stunden gibt die verhinderte Selbstmörderin ihren Plan entnervt auf: Vom Dach zu springen ist die eine Sache; als Videoclip der Woche bei youtube.com zu enden, eine andere.

(No. 120, 10.11.2006)