Gohlke war beim Italiener, im VAPIANO am Potsdamer Platz, und ist erschüttert. Nicht (wie sonst beim Italiener) über das Essen, das ganz passabel war, sondern über das ganze Drumrum. Am Eingang gibts eine Chipkarte, innen sind fünf Essensausgaben, man stellt sich an, bekommt sein Essen – und der Betrag wird auf die Chipkarte gebucht. Am Ausgang gibt man die Karte ab und bezahlt den aufgelaufenen Betrag. Selbstbedienung, bargeldlos, der Laden brummt.
Allerdings war Gohlke da, als nebenan im Cinemaxx “Der Teufel trägt Prada” anlief, und dem spontanen Andrang überschwenglicher, amüsierwilliger Zickenkriegerinnen war das VAPIANO definitiv nicht gewachsen. Es waren mehr Gäste da, als es Chipkarten gab. Das sorgte für Schlangen. Und die viel zu vielköpfige Horde an, tja, will man sie wirklich Köche nennen: an Aufwärmern, Einrührerinnen, Nacherhitzern kam mit dem Frischgekoche nicht nach. Das sorgte ebenfalls für Schlangen. Wer als Familie kam, sah sich unversehens getrennt wie beim morgentlichen Hektik-Frühstück. “Wo ist Papa?” - “Der steht beim Salat an.” “Holst Du mir noch mal einen Pinot Grigio?” - “Stellen wir uns erstmal gemeinsam beim Cappuccino an?”.
Hocherotische Abhilfe, aber schnell vergriffen: Die handtellergroßen, rot blinkenden Alarmleuchtvibrier-Ufos. Wenn die Pizza fertig ist, blinkt und vibriert das Ding, und man fädelt sich zurück in die Schlange. Ohnehin sorgen die wirren Bestuhlungskonzepte und der Mangel an großen Tischen für allerhand Neukonstellationen. “Würden Sie, während ich mich bei der Pasta anstelle, auf meinen, äh, öh, Vibrator aufpassen?”
Gohlke, wie gesagt, war erschüttert. Nicht so sehr über den bizarren Versuch, einen digitalen Meilenstein auf dem Weg zum preisübersichtslosen Null-Personal-Shopping zu setzen, sondern über das moderne Italien, das hier endlich die dumpfen Gondoliere und bastumwickelten Chiantiflaschen abgelöst hat. Aufgeregtes Parlare an der Hockerreihe, ein dreister Taschendieb hat die Chipkarten vertauscht und sich auf Fremdchips vollgefressen; ruckzuck etablieren sich postneapolitanische Parallelwährungen (”Bringen Sie mir für dreifuffzich einen Pinot Grigio mit? Ich find’ meine Karte nicht mehr!”) – und ist es nicht verdammt sexy, mit aufgeblasenem Brustkorb am Nebentisch vorstellig zu werden, mit dem Zeigefinger gegen die Chipkarte zu klopfen und ein gutturales “Na, tauschen Sie mein Stück Plastik gegen ein Glas ziemlich trockenen Protzekko” auszustoßen?… Va piano: DAS ist Italien!
(No. 114, 13.10.2006)