Archive for October, 2006

Neben der Spur

Tuesday, October 31st, 2006

Die beiden Hauptangeklagten im Berliner Bankenskandal, angeklagt des Millionenbetrugs, sind nicht verhandlungsfähig; sie haben ernste psychische und physische Probleme und bleiben der Anklagebank und eventuellen langen Haftstrafen fern.

“DIE psychischen Probleme kenn’ ick”, hatte Gohlke damals gesagt, “die hätt’ ich auch, wenn ich in den Knast sollte!”

Doch nachdem nun einer der beiden angeklagten Immobilienmanager als Teilnehmer des Berlin-Marathons einen gesundheitlich äußerst fitten Eindruck gemacht hat, sieht die Sache anders aus. Auf krank machen und dann vor einer Million Zuschauern die Sportskanone geben: Der Mann MUSS doch psychisch irgendwie neben der Spur laufen!

(No. 119, 31.10.2006)

Schädelschänder

Thursday, October 26th, 2006

JEDER verurteilt Leichenschändung, ich auch. Kegeln mit Köpfen, wie es jetzt Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gemacht haben: Sowas darf einfach nicht vorkommen.
(Außer vielleicht im Kino, im Van-Damme-Film “Double Team”, wo der Basketballstar Rodman ebenfalls mit Schädeln wirft. Oder im Computerspiel “UnrealTournament”, wo fliegende Totenschädel noch der harmloseste Thrill sind.)

Hey, in einer über-realen Welt der Straßenkämpfe, Selbstmordbomber und Heckenschützen, Käfighaltung im Männerzelt, immer unter Druck und weit und breit kein Ventil: Kann es da nicht vorkommen, dass man einen zufällig vorbeirollenden Totenschädel mit Van-Damme-Stimme anspricht: “Hey Glatzkopf, DU machst mir keine Probleme mehr!”?

Nein, menschenverachtend und zynisch sind nicht solch dämlich-makabren Ausrutscher – sondern die Erwartung, unsere “Demokraten in Uniform” könnten den Horror ihres Alltags immer nur wegstecken, ohne irgendwann bei irgend einem Anlass schlichtweg Scheiße zu bauen.

(No. 119, 25.10.2006)

Polizeisportfest

Thursday, October 19th, 2006

Architekt Kleihues baut dem Bundesnachrichtendienst einen klandestinen Palazzo Prozzo an der Chausseestraße. Die 2.800 Räume gruppieren sich um eine zentrale, monumentale Halle. Man fragt sich: Was macht ein Geheimdienst mit einer monumentalen Halle? Haushohe Abhörantennen konstruieren? Geheime Fallschirmabsprünge über Unterschicht-Vierteln üben?

Der wahre Grund ist vermutlich viel banaler: Der BND will beim nächsten Polizeisportfest den blöden Schupos zeigen, was ‘ne Harke ist, und mit seiner Motorradstaffel eine achtstöckige Menschenpyramide aufführen. Und da braucht man monumental viel Platz zum Üben!

(No. 117, 19.10.2006)

Schicht

Monday, October 16th, 2006

Sie arbeiten für unerträgliche drei Euro fuffzich die Stunde, sie haben Hunger und erfrieren im Winter: Aber “Unterschicht” mögen Müntefering und viele andere Sozialdemokraten die 8 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht nennen, die nach einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung bis zum Hals “in unsicheren Arbeitsverhältnissen, einer prekären Lebenslage und sozialer Lethargie” stecken.

Nach den “Problemfilmen” der Siebziger, den “Problemzonen” der Achtziger, den “Problembären” und, tote Kinder pflastern ihren Weg, den “Problemfamilien” der Gegenwart: Wie wär’s denn mit “Problemschicht”? Da würde mal wieder mustergültig mit dem Finger auf die gezeigt, die die Probleme haben… und nicht auf die, die sie ihnen machen!

(No. 116, 16.10.2006)

Alles wird besser

Sunday, October 15th, 2006

Na bitte, es macht wieder Sinn, an den Sieg der Vernunft zu glauben, ans Happyend der Weltgeschichte. Der überzeugendeste Beweis: Die Maggi-Flasche. Früher, als wir Kinder waren, hatten die Maggiflaschen rote Hütchen, von denen man nach dem Kauf oben ein Stück abgeschnitten hat – fertig. Das hat prima funktioniert. Dann hat Maggi den Flaschen einen unnötigen, unschönen Deckel verpasst und den Ausgießer irgendwie verändert, und damit fing das Drama an. Die Hälfte des Inhalts landete nicht in der Suppe, sondern lief am Flaschenhals runter. Klebrige braune Verklumpungen am Rand, immer Maggi an den Fingern: Ein klassischer Fall von Überdesign, ein enttäuschender Abschied von einer Ikone unserer Kindheit.

Und jetzt, ganz plötzlich, ganz ohne Massendemonstrationen und Geiselnahmen, ganz aus freien Stücken, sind plötzlich auf den Maggiflaschen neue Hütchen drauf. Die dritte Generation. Und was soll ich sagen, das Ding sieht immer noch bekloppt aus… aber es funktioniert. Es funktioniert sogar frappierend gut. Ich habe die halbe Flasche auf ein hartgekochtes Ei gekippt: Null Randerscheinung! Der diesjährige Nobelpreis für Werterhalt: An Maggi!

(No. 115, 15.10.2006)

Beim Italiener

Saturday, October 14th, 2006

Gohlke war beim Italiener, im VAPIANO am Potsdamer Platz, und ist erschüttert. Nicht (wie sonst beim Italiener) über das Essen, das ganz passabel war, sondern über das ganze Drumrum. Am Eingang gibts eine Chipkarte, innen sind fünf Essensausgaben, man stellt sich an, bekommt sein Essen – und der Betrag wird auf die Chipkarte gebucht. Am Ausgang gibt man die Karte ab und bezahlt den aufgelaufenen Betrag. Selbstbedienung, bargeldlos, der Laden brummt.

Allerdings war Gohlke da, als nebenan im Cinemaxx “Der Teufel trägt Prada” anlief, und dem spontanen Andrang überschwenglicher, amüsierwilliger Zickenkriegerinnen war das VAPIANO definitiv nicht gewachsen. Es waren mehr Gäste da, als es Chipkarten gab. Das sorgte für Schlangen. Und die viel zu vielköpfige Horde an, tja, will man sie wirklich Köche nennen: an Aufwärmern, Einrührerinnen, Nacherhitzern kam mit dem Frischgekoche nicht nach. Das sorgte ebenfalls für Schlangen. Wer als Familie kam, sah sich unversehens getrennt wie beim morgentlichen Hektik-Frühstück. “Wo ist Papa?” - “Der steht beim Salat an.” “Holst Du mir noch mal einen Pinot Grigio?” - “Stellen wir uns erstmal gemeinsam beim Cappuccino an?”.

Hocherotische Abhilfe, aber schnell vergriffen: Die handtellergroßen, rot blinkenden Alarmleuchtvibrier-Ufos. Wenn die Pizza fertig ist, blinkt und vibriert das Ding, und man fädelt sich zurück in die Schlange. Ohnehin sorgen die wirren Bestuhlungskonzepte und der Mangel an großen Tischen für allerhand Neukonstellationen. “Würden Sie, während ich mich bei der Pasta anstelle, auf meinen, äh, öh, Vibrator aufpassen?”

Gohlke, wie gesagt, war erschüttert. Nicht so sehr über den bizarren Versuch, einen digitalen Meilenstein auf dem Weg zum preisübersichtslosen Null-Personal-Shopping zu setzen, sondern über das moderne Italien, das hier endlich die dumpfen Gondoliere und bastumwickelten Chiantiflaschen abgelöst hat. Aufgeregtes Parlare an der Hockerreihe, ein dreister Taschendieb hat die Chipkarten vertauscht und sich auf Fremdchips vollgefressen; ruckzuck etablieren sich postneapolitanische Parallelwährungen (”Bringen Sie mir für dreifuffzich einen Pinot Grigio mit? Ich find’ meine Karte nicht mehr!”) – und ist es nicht verdammt sexy, mit aufgeblasenem Brustkorb am Nebentisch vorstellig zu werden, mit dem Zeigefinger gegen die Chipkarte zu klopfen und ein gutturales “Na, tauschen Sie mein Stück Plastik gegen ein Glas ziemlich trockenen Protzekko” auszustoßen?… Va piano: DAS ist Italien!

(No. 114, 13.10.2006)

Endgeil vergnüglich

Monday, October 2nd, 2006

“Deutsch for sale” verkündet der SPIEGEL in seiner aktuellen Titelgeschichte und karrt wortgewaltig und mit der Inbrunst des Apokalyptikers alle zusammen, die sich derzeit der “Verlotterung” der deutschen Sprache entgegen stemmen: Philologen und Philosophen, Wortschatzheber im Altvorderen, Anglizismenjäger und Bedenkenträger jeglicher Couleur.

Es stimmt schon, die deutsche Sprache kennt viel nuanciertere Begriffe als ein neuzeitlich-aufgeregtes “geil” oder “cool”. Der Spiegel macht’s gleich vor und zitiert die Initiatorin einer Karikaturen-Auktion mit einem grunddeutschen Adjektiv: “Es wird bestimmt vergnüglich”. Auch Wiglaf Drostes Buch über die Wurst (wurstelt er noch, oder schreibt er schon?) ist “vergnüglich facettenreich”. Und T.C.Boyles neuester Roman “Talk Talk” ist gar ein “zeitloses Vergnügen”. Kein Wunder, es geht um eine Gehörlose, die (vergnüglicher Luxus!) vom altklugen Gezeter des SPIEGEL verschont bleibt.

(No. 113, 02.10.2006)