Archive for September, 2006

Die Polen

Friday, September 29th, 2006

Ich hatte ja gedacht, klar, die Polen ersteigern meine Kangoo-Sommerreifen (mehr war von der Kiste nicht übriggeblieben nach dem Crash), die Polen kommen mit dem zusammengeflickten Zaporosch über die Grenze, tiefergelegt durch all den Ramsch im Kofferraum, Kofferraumdeckel festgebunden mit Bindfaden, haben wahrscheinlich nicht genug Euro dabei und wollen statt dem Höchstgebot was weniger zahlen. Werd die gar nicht ins Haus lassen, wer weiß was die noch so interessiert in der Bude - die kriegen die Reifen vor der Tür gestellt und fertig. Wenn sie überhaupt kommen, die Polen, die Mail war ja etwas wirr, schlechtes Deutsch das. Was wolln die überhaupt mit Kangooreifen? ‘nen Kangoo geklaut und rübergeschleppt wahrscheinlich, letzten Winter… jetzt kriegen sie keine Ersatzteile da drüben.

Dann hielt oben an der Straße ein Geländewagen, blitzendes Teil, Original-Jeep, aber so die Schönheitschirurgen-Variante. Aluminiumanhänger, schick. Stiegen zwei Mann aus und liefen die Haustüren ab, und ich dachte erst, da hat sich einer vertan, es gibt noch ‘ne zweite Keithstraße in Lichterfelde, die ist nobler. Dann sah ich das Nummernschild und wußte, das sind sie. Händeschütteln. “Ich roll Euch die Reifen zum Wagen”, bot ich an, aber das haben die Jungs selbst gemacht, hatten extra nagelneue Handschuhe dabei. Der eine drückte mir drei Zwanziger in die Hand. “Dreiundvierzig”, habe ich gesagt, “aber mach vierzig, ich kann nicht wechseln.” Er hat den Kopf geschüttelt und gelacht und mir auf die Schulter geklopft und den dritten Zwanziger wieder dazugesteckt. Und der andere kam vom Auto zurück und zog zwei volle Hände aus der Flanelljacke, und ich bin richtig zusammengezuckt, aber es waren nur zwei Dosen Tatra-Bier für mich, eiskalt, wahrscheinlich hatten sie einen Kühlschrank im Auto, irgendwo zwischen den beiden Blondinen auf der Rückbank in der Konsole.

Dann waren sie weg und ich rechnete nach, ob ich die Reifen nicht zu billig verkauft hatte. Ich verkaufe auch nix mehr an Polen, ich traue denen nicht, irgendwas ist immer.

(No. 112, 29.09.2006)

Eine Fliege essen

Saturday, September 23rd, 2006

Als Kind war die Vorstellung, eine Fliege zu essen, für mich der reinste Horror. Ich habe Blattsalat um Blattsalat durchkämmt, ich habe den Glauben an meine Mutter verloren (”Natürlich habe ich den Salat gewaschen, Kind!”), und ich bin nachts schreiend wach geworden mit dem Gefühl, eben eine Spinne verschluckt zu haben.

“Eene meene Mausespeck, in hundert Jahren ist alles weg”, sagt ein Kinderreim, und obwohl von den hundert Jahren erst siebenundvierzig um sind, bin ich geneigt, das zu glauben. Ich esse rohen Fisch (Sushi!), rohes Fleisch (Carpaccio!). 
Und auch meine Angst vor dem Fliegenessen ist weg; eben habe ich eine kleine, tote Obstfliege gegessen, weil es mir zu lästig war, sie auf dem Salatteller beiseite zu schieben. 

Nein, ich finde noch nicht, dass weibliche Teenager “zum Anbeissen” aussehen. Vielleicht mit hundert. 

(No. 111, 23.09.2006)

Rosa Hemd

Friday, September 22nd, 2006

Gohlke ist beim letzten Essen (im “Maultäschle”, Charlottenstraße, mittags - rappelvolle Kultadresse) die Rote Bete beim Durchschneiden vom Teller geflutscht, und das weiße Hemd sah aus, als hätte er mit einem Selbstmordattentäter diniert und nicht mit mir.

Heute mittag hatte er ein rosa Hemd an und roch wie nach einer Nacht im Humidor.
“Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, die nächste Zigarre erst Weihnachten zu rauchen?”, stichelte ich, aber ich schätze, das war die falsche Frage.
“Hast DU mir nicht die Rote-Bete-Maultaschen empfohlen damals?”, fuhr er mich an, “Das Zeug färbt wie Sau! Dreimal gewaschen, bis das ganze Hemd rosa war. Findest Du, dass ich schwul aussehe?”

Eigentlich hatte ich mir über Gohlkes sexuelle Orientierung bisher kaum Gedanken gemacht, und er hatte schon schwuler ausgesehen als heute.
“Hast Du’s mal mit einer Wäscherei versucht?”, wollte ich wissen, und prompt hielt mir Gohlke den Ärmel unter die Nase.
“Ich HABE eine Wäscherei gleich nebenan. Die wird von zwei Kettenraucherinnen gemacht. Und weil ich den Abholzettel nicht gleich wiedergefunden habe, hing das Hemd ein paar Tage im Rauch.”

Ich ließ den Blick zum Nachbartisch gleiten; da saß niemand. “Steht Dir gut, das Rosa und der Rauchgeruch. So männlich! So’n kleiner Drei-Tage-Bart würde prima dazu passen.” Ich wollte ihm noch gönnerisch über die Wange streicheln, aber da hatte der Mistkerl mich schon ganz unschwul in die Finger gebissen.

(No. 110, 22.09.2006)

Nichtzähler

Tuesday, September 19th, 2006

92 % seiner Leserinnen und Leser, sagt der “Tagesspiegel”, empfänden sich als nicht von Wahlplakaten beeinflussbar. Das sind wahrscheinlich die gleichen Leute, die Cola Zero nur wegen des guten Geschmacks und den überteuerten Neuwagen wegen ihres technischen Sachverstandes kaufen.

Immerhin konnten 42 % auch von noch so vielen Plakaten nicht zum Wählen bewegt werden. In manchen Berliner Straßen sollen wegen der geringen Wahlbeteiligung schon eine Handvoll NPD-Stimmen für einen Platz im Bezirksparlament gereicht haben.

Noch mehr als die Nichtwähler haben die Nichtzähler gefehlt – zum Beispiel in Pankow. Da haben etliche Wahlhelfer ihr Ehrenamt unehrenhafterweise einfach sausen gelassen und sind nach Hause gegangen oder von vorneherein dort geblieben. Nach sechs Stunden Auszählen auch noch den Wahlleiter anrufen und das Ergebnis mitteilen?
Och nö – das bisschen Demokratie hat Zeit bis morgen…

(No. 109, 19.09.2006)

Witwe auf Eis

Monday, September 18th, 2006

Kein Brot da, kein Tee, keine Milch. Und kein anderes Getränk, das das Wort verdient. Gohlke schwingt sich aufs Fahrrad, ein fahrlässig restauriertes “Westfalen”-Rad aus Vorkriegsjahren, und brettert durch die Nacht zu Ulrich am Zoo.

Der Spätkauf wird gerade dichtgemacht, Gohlke drängt sich an den Putzfrauen vorbei, greift dies und das aus den Regalen, Olivenöl, Niveacreme, Prosecco, und – weil der nicht kalt ist – eine teure Flasche vom Feineren, Veuve Cliquot, die Witwe aus dem Kälteschlaf. Schnell eine große Tüte: die Wachmänner kennen hier kein Pardon; wenn Ulrich zu macht, wird zu gemacht.

Draußen auf der Straße am Rad, das Stahlrolleau wird scheppernd hinter ihm heruntergelassen, macht es ratsch, zäng, die Tüte reißt, und ein tierischer Knall lässt die Schlafsackgestalten an der dunklen Ecke zum Amerikahaus aus dem Halbschlaf zucken. “Scheiße!” entfährt es Gohlke, denn so laut knallt nur ein schön kalter Schampus.

Zuhause im Treppenhaus besieht er den Schlamassel, Olivenöl, Nivea, Prosecco, alles eine heillose Brühe voller Scherben. Nur die Witwe hat wie durch ein Wunder überlebt, und Gohlke fischt den kühlen Glaskörper andächtig aus der zerfetzten Tüte.

Wie eine Marienerscheinung bestaunt er oben in der Wohnung den dunklen Korpus und das strahlend orangefarbene Etikett, legt die kühle Schönheit noch ein Weilchen ins Tiefkühlfach, damit sie sich von all dem Schrecken erholt.

(No. 108, 18.09.2006)

ad hoc

Tuesday, September 12th, 2006

Unbemerkt haben neue Produkte die Supermarktregale erobert, und in Kürze wird der Trend seinen Namen bekommen: MimiCris, CamouFlavr, HiddenTwins…. was auch immer. Die Rede ist von Produkten mit Doppelnutzen. Deodorants mit Enthaarungswirkung, Zahnpasta, die satt macht. Tolle Shampooflaschen, die zu autoerotischen Umwegen auf dem Weg zum Haupthaar geradezu einladen. Wer jemals Hustensaft wegen des geilen Geschmacks glasweise getrunken hat, wer jemals Wassermelonen nur zum aus-dem-achtzehnten-Stock-fallen-lassen gekauft hat, weiß, was ich meine. Ohnehin schätzen Experten, dass achtzig Prozent aller Zeitschriften, vierundsiebzig Prozent aller Autos und bis zu neunundzwanzig Prozent aller Lebenspartner im Grunde jenseits des eigentlichen Nutzungszwecks eingesetzt werden. Vielleicht sollten wir uns von produktbezogener Zweckbestimmung völlig verabschieden und jeweils ad hoc entscheiden, was wir mit dem sündteuren Ding, das wir gerade wegen seiner rubbeligen Oberfläche, der pinkfarbenen Henkel und des bezaubernden Lächelns gekauft haben, später mal anfangen wollen….

(No. 107, 12.09.2006)

Hirse

Tuesday, September 5th, 2006

Früher wollte Gohlke Literatur-Nobelpreisträger werden; jetzt textet er Headlines für Hirseflocken. Nein, nicht Headlines – Headline. Eine würde reichen. Es gibt, da ist Gohlke sicher, nichts Prosaischeres, nichts Schlichteres, als Hirseflocken. 
“Holde Hirse, herrsche” oder
“Hirse hilft!”? 
Nicht ganz koscher. 
“Es ist himmlisch. Es ist Hirse!”…. oder gleich ein gestoßseufzertes “Hirseluja!”?
Auch wenn Hirse eine der fünf heiligen Pflanzen im alten China war: ein bisschen hochgehängt für so ein profanes Gewächs. Was macht man eigentlich aus Hirse… Brei?
“Hirse, Baby, braucht Dein Brei!” …hm.
“Mehr Hirn, mehr Herz, mehr Hirsebrei!”
Ganz schön, aber auch ganz schön gaga, da geht der Kunde nicht mit. Hirn und Herz, Innereien, das geht bei einer eher ovo-lakto-vegetarischen Zielgruppe überhaupt nicht.
“Heimweh, Hunger, Hirsebrei!” Ja, denkt Gohlke, langsam wirds was. Aus der Küche kommt ein satter Duft nach Kinderstube.
“Hirse: gut zu Haut und Haaren” summt Gohlke vor sich hin,
“Der Hammer vom Himalaja”,
“Hirse hase huse, mach Brei mir süße Suse!”,
“Hasen würden Hirse haschen”… 
Gohlke schiebt sich ein Kopfkissen unters hirseschwere Haupt und macht ein Nickerchen.

Als er aufwacht, ist der Zettel leer. 
Wo waren wir stehengeblieben? 
Hirse… hm. Langweiliges Zeug das!

(No. 106, 05.09.2006)

Klarer Fall von Wiedergeburt

Monday, September 4th, 2006

Na bitte, die ganz großen Daseinsfragen erledigen sich im Internet von selbst. “Habe ich schon mal gelebt?” ist eine davon; www.schonmalgelebt24.com wirft sich selbstlos in die Servicebresche und bietet ein harmloses kleines Formular. Man muss nur Name, Adresse, Geburtsdatum eingeben, und schon hat man 96 Euro ausgegeben. Für nix.

Überrascht? Das ist ja gerade das Geheimnisvolle an der Wiedergeburt, Sie Depp, dass man sich partout nicht mehr daran erinnert, dass man in den letzten zwanzig Leben genau so schwachsinnig in die Falle getappt ist. Aus unserer Sicht: ein mehr als schlüssiger Beweis für die Wiedergeburtstheorie - und redlich verdiente 96 Euro für den Anbieter!

(No. 105, 04.09.2006)

Schluckauf

Friday, September 1st, 2006

Die Sache ist die: ich kann den Schluckauf wegmachen. Jeder kann es. Man muss Selbstsicherheit abstrahlen, sehr viel Selbstsicherheit. Man muss so tun, als hätte man schon tausende von Schluckaufs weggemacht. Dann kramt man in der Tasche, legt einen Euro auf den Tisch und sagt “so mein Lieber, weg isser, Du kannst ja nicht mal mehr schluckaufen, wenn ich Dir einen Euro dafür gebe!”

Zynische Werbeagenturbosse, die soll es ja geben, bieten der Grafikerin einen Euro mehr Stundenlohn, wenn sie noch einen einzigen Hickser hinkriegt. Nichts zu machen. Die Leute sagen “nee nee nee, Moment mal, gerade war er noch da, …”, aber so sehr sie in sich reinhorchen, um so weniger wird da geschluckauft. Er ist weg!

“Den Euro hätte ich gar nicht rausholen müssen,” sagt man dann leicht überheblich, “jede Wette, dass das bei Dir auch mit 20 Cent geklappt hätte”. Die meisten Leute sind ein bisschen düpiert, wenn ihr Schluckauf weg ist. Sie haben das Gefühl, dass man ihnen etwas weggenommen hat. Und man hat nicht mal dafür bezahlen müssen.

Es stimmt, ich habe eine kleine Schachtel zuhause, da sind die Schluckaufs drin, die ich den Leuten weggenommen habe. Jede Menge Kinderschluckaufs, aber auch ganz ausgewachsene Exemplare, niedliche, hochattraktive und ganz garstige. Sie können da mal reinsehen, wenn Sie wollen. Es ist nicht ganz ungefährlich. Aber andererseits: ich kann ihn wieder wegmachen, wenn Sie sich einen fangen.

Es ist nicht teuer.

(No. 104, 01.09.2006)