“Tadamm tadamm”, gröhlt Gohlke sehr betrunken im donnernden Akkord der E-Gitarren, “tadamm tadamm”, und natürlich weiß ich, was jetzt kommt, es ist Rio Reiser, es ist Freund Gohlke, und sie singen “ich bin nicht frei und ich kann nur wählen welche Diebe mich bestehlen welche Mörder mir befehlen”… eigentlich hatten wir uns diese vollrauschigen Ton-Steine-Scherben-Exzesse verboten, als wir 40 wurden, als es irgendwie unschick wurde, die wegen Ruhestörung anrückenden Ordnungshüter mit einem scheppernden Underground-Sound zu begrüßen: “Der Mariannenplatz war blau soviel Bullen waren da, und Mensch Meier musste husten, das war wohl das Tränengas…”
Heute macht Gohlke mal eine Ausnahme, er ist fast fünfzig, auch wenn er gerade etwas anderes behauptet (”ich bin über zehntausend Jahre alt, und mein Name ist Mensch”), und er muss wissen was er tut. Dann entdecke ich das fette Paket mit stapelweise CDs, das Beste von den Scherben, 13 Scheiben, 140 Songs, 30 unveröffentlichte. Eingewickelt ist das Konvolut in eine Seite aus der BZ, ausgerechnet in eine BZ-Seite vom 5. August, und während Gohlke mit Rio und den Scherben den etwas holperig gereimten Rauchhaus-Song intoniert – “und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt: Das Georg-von-Rauch-Haus hat eine Bombenwerkstatt”, nehme ich Springers heißes Blatt in die Hand und lese eine Plattenkritik just über das, was da im Hintergrund läuft. “Lang erwartete CD-Box”, steht da, “Rio… gilt noch immer als einer der ganz Großen der deutschen Rockmusik”, “wie aktuell diese Musik noch immer ist, beweist die Box mit dem Gesamtwerk”.
Und ich halte es erst für eine Fälschung der Spaßguerilla, aber nein, es ist wirklich der alte Haßgegner BZ, der das schreibt, und während Gohlke die Luftgitarre gegen die Wand schlägt und wieder und wieder “Keine Macht, tadadadamm, für niemand!” brüllt, ziehe ich unbemerkt und nachdenklich die Wohnungstür hinter mir zu.
(No. 99, 09.08.2006)