Archive for August, 2006

Folter

Monday, August 28th, 2006

“Der reinste Horror,” schimpft Gohlke, “entführt, dann jahrelang in einem niedrigen Raum festgehalten werden, ohne Kontakt zu den Eltern, ständige sadistische Quälereien, – hinterher keine Entschuldigung, kein Schmerzensgeld für die erlittene Folter!”
“Immerhin ist der Typ vor den Zug gesprungen, als sein Opfer entkommen war”, beschwichtige ich den aufgebrachten Freund und hole Luft für weitere Details aus der Entführung von Natascha Kampusch.
Gohlke winkt ab.
“George Bush ist wohin gesprungen? Blödsinn! Die machen fleißig weiter in Guantanamo. Wegen einem unschuldig fünf Jahre lang verschleppten Bremer unterbricht der nichtmal seinen Nachmittagsschlaf!”

(No. 103, 28.08.2006)

Meuchelmöbel

Tuesday, August 22nd, 2006

“Auf diesem Sofa plante er den Massenmord”, titelt die BZ heute. Das große Foto zeigt ein plüschiges gelbes Ungetüm, fleischige Armlehnen, plumpe Chippendale-Füße – eine monströse Scheußlichkeit. Wir atmen auf, endlich hat sich Deutschlands oberster Sittenwächter der wahren Ursache des Terrorismus angenommen, des Haushalt- und Möbeldesigns. Jetzt kann alles nur besser werden! Schulbänke, von denen unsere Zöglinge zu Massenvergewaltigungen und Amoklauf aufbrechen; enge Ikea-Schubladeneinsätze, in denen Kannibalen pedantisch ihre Metzgermesser horten: An den Pranger damit! Der Angriffskrieg gegen Tupperware und Teflonpfannen geht in die entscheidende Phase, Formel-1-Bettwäsche und Dreiviertelhosen haben ausgespielt. Draußen auf den Straßen: Endlich Massenerschießungen von weißen Kunststoff-Gartenstühlen!

(No. 102, 22.08.2006)

Nach Hausfrauenart

Saturday, August 19th, 2006

Ursprünglich ist es wahrscheinlich gar kein Business-Konzept gewesen: vier bis fünf Punks, ein Schäferhund, ein paar Flaschen Bier, ein Wascheimer und Putzwerkzeug. An den Kreuzungen, bei Rot, wurden die haltenden Autos abgeklappert: einmal Windschutzscheibenputzen einen Euro. Manche hielten das für Betteln, für Nötigung, andere freuten sich über den preiswerten Service oder bezahlten ihren Obolus aus Mitleid. Richtiger Tatendrang kam bei der Putztruppe selten auf, das mitgebrachte Wischwasser wurde auch immer schwärzer, und je später der Abend wurde, um so mehr rückte auf der belagerten Kreuzung das Biertrinken in den Vordergrund.

Das rief die zweite Generation auf den Plan, diensteifrige Putzkolonnen aus Polen, die fleissig und flink zwischen den Grünphasen die Kolonnen abklapperten. Sie machten ihren Job weit besser, dafür griff hier das Mitleidskonzept nicht, die angebotene Dienstleistung wurde in Anspruch genommen oder, eher, abgelehnt. Letztlich dürften die Umsätze gegenüber den Erfindern ähnlich gewesen sein.

Seit ein paar Nächten ist zwischen Prinzenstraße und Halleschem Tor, an der Kreuzung am Patentamt, nun der vorläufige Endpunkt der Entwicklung zu bewundern – eine agile “Best Agerin”, graue Haare, wirrbunte, spießige Kittelschürze. Da gibts das Fensterputzen wie bei Muttern, den schnellen Wisch zwischendurch nach Hausfrauenart, und das Gelächter über den unverhofften Einsatz bei Rot wirkt Wunder. Der Laden läuft, mancher Sympathie-Euro kommt auch rüber, und die resolute Dame erledigt ihren Job auf der Straße mit einer Nonchalance, in der das totgeglaubte Wirtschaftswunder fröhlich Auferstehung feiert…

(No. 101, 19.08.2006)

It’s a wonderful virtual life

Tuesday, August 15th, 2006

“Das Leben wird immer virtueller”, sagt Gohlke, “Cola Zero ist auf allen Plakaten zu sehen, aber null erhältlich in den Bars. Johannes Heesters singt mit 102 Jahren im Admirals-Palast immer noch Hitlers Lieblingssong aus der ‘Lustigen Witwe’ – klarer Fall von Geriatrika-Doping. Und das miefige Macho-Parfum Axe wirbt für exotische Sexstellungen mit Aufblaspuppen. Während ich mir den Kopf nach all den Riesenplakaten an den Häuserwänden verrenke, habe ich in Hundescheiße getreten - wenigstens die war echt!”

(No. 100, 15.08.2006)

Die letzte Schlacht gewinnen wir

Wednesday, August 9th, 2006

“Tadamm tadamm”, gröhlt Gohlke sehr betrunken im donnernden Akkord der E-Gitarren, “tadamm tadamm”, und natürlich weiß ich, was jetzt kommt, es ist Rio Reiser, es ist Freund Gohlke, und sie singen “ich bin nicht frei und ich kann nur wählen welche Diebe mich bestehlen welche Mörder mir befehlen”… eigentlich hatten wir uns diese vollrauschigen Ton-Steine-Scherben-Exzesse verboten, als wir 40 wurden, als es irgendwie unschick wurde, die wegen Ruhestörung anrückenden Ordnungshüter mit einem scheppernden Underground-Sound zu begrüßen: “Der Mariannenplatz war blau soviel Bullen waren da, und Mensch Meier musste husten, das war wohl das Tränengas…”

Heute macht Gohlke mal eine Ausnahme, er ist fast fünfzig, auch wenn er gerade etwas anderes behauptet (”ich bin über zehntausend Jahre alt, und mein Name ist Mensch”), und er muss wissen was er tut. Dann entdecke ich das fette Paket mit stapelweise CDs, das Beste von den Scherben, 13 Scheiben, 140 Songs, 30 unveröffentlichte. Eingewickelt ist das Konvolut in eine Seite aus der BZ, ausgerechnet in eine BZ-Seite vom 5. August, und während Gohlke mit Rio und den Scherben den etwas holperig gereimten Rauchhaus-Song intoniert – “und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt: Das Georg-von-Rauch-Haus hat eine Bombenwerkstatt”, nehme ich Springers heißes Blatt in die Hand und lese eine Plattenkritik just über das, was da im Hintergrund läuft. “Lang erwartete CD-Box”, steht da, “Rio… gilt noch immer als einer der ganz Großen der deutschen Rockmusik”, “wie aktuell diese Musik noch immer ist, beweist die Box mit dem Gesamtwerk”.

Und ich halte es erst für eine Fälschung der Spaßguerilla, aber nein, es ist wirklich der alte Haßgegner BZ, der das schreibt, und während Gohlke die Luftgitarre gegen die Wand schlägt und wieder und wieder “Keine Macht, tadadadamm, für niemand!” brüllt, ziehe ich unbemerkt und nachdenklich die Wohnungstür hinter mir zu.

(No. 99, 09.08.2006)

Schwischenfall

Wednesday, August 9th, 2006

Zwischenfall im Atomkraftwerk: Eine von vier Nachkühlpumpen, die die drohende Überhitzung der Brennstäbe verhindern soll, springt nicht an. Die zweite springt an, geht aber nicht wieder aus. Ursache bei beiden und einer dritten Pumpe: defekte Schalter. Vier Pumpen, drei Pannen: Im Krisenfall hängt der GAU vom Funktionieren der letzten Pumpe ab.

Hat da jemand Schweden gerufen? Von wegen Schweden. Die Rede ist von einem Ereignis im AKW Brokdorf am 26. März 2005. “Das kann bei uns nicht passieren!”, beschwichtigen nach dem schwedischen Zwischenfall jetzt Stromkonzerne und atomare Durchhalte-Energiepolitker. Stimmt, wir werden nicht (schwedisch:) “SKIT!!!” brüllen, wenn uns der erste Meiler um die Ohren fliegt. Sondern auf gut Deutsch “SCHEISSE!!!”.

(No. 98, 09.08.2006)

Der Fluch der Karibik Teil Drei

Sunday, August 6th, 2006

“Aber apropos Kuba,” meint Gohlke und ähnelt mit der übel qualmenden Maria Manzini für Augenblicke frappierend dem siechen Chefe, “findest Du’s nicht schrill, wie die Amerikaner gerade in der Karibik versuchen, mit den ganz ollen Kamellen des kalten Krieges Fidels öde Darmgeschichte zu einem Blockbuster zu machen?
Leider sind die meisten Hauptdarsteller dieses B-Movies, Männer wie Ronald Reagan oder der exilkubanische Millionär Jorge Mas Canosa, schon unter der Erde… aber das Drehbuch von damals ist immer noch das Einzige, was Hollywood einfällt. Castro schwächelt – schon ruft Condi Rice in den Propagandasendern Radio Martí und TVMartí zu Veränderungen auf. Sehr sexy mit spanischen Untertiteln… das Mädel ist ganz sicher keine Fehlbesetzung.
Dutzende CIA-Agenten in Havanna sind auf Entzug gesetzt und werden ohne Alk und Drogen so aggressiv, dass es bestimmt in den nächsten Tagen zu den ersten Schießereien kommt.
Zur Filmmitte hin sind ein paar gewalttätige Übergriffe auf britische oder amerikanische Bürger geplant. Das bringt ein bisschen Action rein!

Trotzdem wird der Film ein schrecklicher Flop. Die Zuschauer sind da mit Billigairlines hingeflogen und fanden das klasse, wie es war. Wenn jetzt plötzlich an jeder Ecke ein McDonalds aufmacht, kann ich doch gleich nach Mallorca fliegen. Cuba ohne Castro ist alles andere als ein Kassenschlager!”

(No. 97, 06.08.2006)

Eule mit Enddarm

Tuesday, August 1st, 2006

“Glaub bloß nicht, dass die Welt modern und neu ist,” droht mir Gohlke abends, als wir mit seiner rollenden Zumutung Richtung Kreuzberg schaukeln, “das meiste, worüber Du Dich alltags wunderst, gibts schon ein paar hundert Jahre als plattdeutsches Sprichwort.”
“Momentchen,” insistiere ich, “dass die Exilkubaner Fidels Darmkrebs auf der Straße feiern, ist ja wohl ein ziemlich moderner Partyanlass.”
Gohlke verdreht die Augen, weicht mit schlafwandlerischer Sicherheit ein paar Mülltonnen aus, die unversehens auf dem Gehweg stehen, und kommentiert mit bodenständigem Knurren: “Watt dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall!”

(No. 96, 01.08.2006)