Archive for July, 2006

All Natural Girl

Monday, July 24th, 2006

Top-Model Tyra Banks plädiert neuerdings für die Authentizität von Fotos. Dass Grafikdesigner nach jedem Fotoshooting das Weiß der Augen entgilben, die Zähne strahlend und die Haut pickellos machen, empfindet sie als Lüge. Die Silhouette des Körpers in aller Natürlichkeit soll gezeigt werden; nicht digital aufgebürstete Turbokurven.
Tyra hat recht. Konsequenterweise sollte sie auch die Kosmetik weglassen. Rouge und Lippenstift, Lidschatten und gezupfte Augenbrauen: Alles Lüge. Die natürliche, echte Tyra befindet sich unter all diesem Rotz, und wahrscheinlich hat sie sogar Achselhaare.
PushUp-BHs, High Heels, Schmuck und Rolex-Uhren sind jetzt ebenfalls tabu.
Natürlich kann Natürlichkeit nicht heißen, ständig Rohkostsalate von irgendwelchen Bio-Nobelrestaurants zu mampfen. Natürlich ist, was alle tun. Hamburger, Schokoeis, ein Pro-Kopf-Verbrauch von jährlich 140 Litern Rotwein. Prost Tyra! Wir lieben Dich, so wie Du bist. Auch wenn wir Dich künftig in der Masse nicht mehr erkennen werden.

(No. 95, 24.07.2006)

Künstliche Intelligenz

Thursday, July 20th, 2006

Fünfzig Jahre nach Erfindung des Begriffs gibt es noch immer keinen Beweis für die Existenz von Kaah-iiih, Künstlicher Intelligenz. Oder doch? Ein erstes Indiz lässt uns aufhorchen: Ende dieses Jahres wird in Deutschland erstmals die Zahl der angemeldeten Mobiltelefone die der Einwohner übertreffen. Sollten unsere Handys angefangen haben, jetzt schon OHNE UNS miteinander zu sprechen? Behalten Sie Ihre Telefonrechnung im Auge!

(No. 94, 20.07.2006)

Z.Z.Top

Monday, July 10th, 2006

“Cooler Haarschnitt übrigens,” sagt der Italiener, während ich schon wieder nach vorne gehe, “wenn ich das nächste Mal bei Euch drüben in Paris bin, schleppst Du mich zu Deinem Friseur, okay? Und so’n Tattoo wie Du hätte ich auch gern… im Nacken…. das ist echt cool, Mann. Komm, zeigs noch mal, okay?” – Der Typ nervt, aber um ihm den Gefallen zu tun, drehe ich mich im Laufen um und senke kurz den Kopf, damit er die kleine algerische Arabeske unterm Haaransatz besser sehen kann. Boing, läuft mir der Typ volle Kanne mit der Brust gegen die Birne und wirft sich hin, und während mir noch der Schädel brummt, kommt der Referee angerannt, alarmiert von den Spannern, und hält mir die rote Karte vor die Nase. Siebenhundertfünfundachtzig Spiele auf dem Buckel, um ganz zuletzt von diesem kleinen italienischen Scheißer so ausgetrickst zu werden: was für ein Abgang…

(No. 93, 10.07.2006)

Blitzkrieg Bop 

Saturday, July 8th, 2006

Gohlke sieht gerupft aus; derangiert über alle Maßen. Er ist der unbedingten Meinung, dass die Gefahr ihre festen Standorte haben sollte, den Kongo, die Rütlischule, Proll-Discos wie das “Kudorf”. Außerhalb dieser No-Go-Areas hat, verdammt nochmal, Frieden zu herrschen. Und was man im Frieden gar nicht brauchen kann, als Berliner schon gar nicht, sind Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben. Die sind in der Großstadt als überwunden abgehakt.
Trotzdem ist Gohlke mitten im Frieden das Unfassbare zugestoßen. Er saß ganz friedlich im Café am Neuen See, oben türmten sich schwarze Wolken mit Wetterleuchten und ersten dicken Tropfen, unten unter den Kastanien gabs Bier vom Fass und eine geeiste Gurkensuppe mit Shrimps. Gohlke wähnte sich in Sicherheit, als plötzlich etwas geschah, das er zuerst für eine Eierhandgranate hielt, die unter seinem Tisch detonierte. Gleißende Helle, ein uriger Knall, Blätterrieseln. Die Gurkensuppe schwappte, Frauen kreischten, Stühle purzelten. In Gohlkes Biergartentisch hatte der Blitz geschlagen.
Gohlke kam, von versengten Hosenbeinen abgesehen, mit dem Schrecken davon, aber der saß tief.
“Da grüble ich jahrelang über meine Grabinschrift, wälze Roths ‘Hiob’ und Kästners ‘Fabian’ für und für… und dann machts ‘zapp’, und sie meißeln in den Stein sowas Profanes wie ‘Im Biergarten vom Blitz erschlagen’?” - Gohlke ist aus dem Konzept gebracht. Draußen schon wieder Donnern, die Keller laufen voll, Hagel fällt. Das Wetter macht einen Strich durch alle Begräbnisromantik…

(No. 92, 08.07.2006)

Körbchengrößen 

Tuesday, July 4th, 2006

Abends gabs den Plan, das Halbfinalspiel doch gemeinsam anzusehen, Fisch zu räuchern, Fleisch zu grillen, Fan zu spielen. 
“Ihr werdet mich nicht dazu bringen, ‘ne Fahne aus dem Fenster zu hängen”, habe ich den Frauen gesagt, “und von den ganzen Fan-Outfits fand ich auch nur diese chauvinistischen Fußball-BHs lustig. Aber auch sowas werde ich nicht tragen!”. “Du könntest UNS welche kaufen,” haben die Frauen gesagt, “merk Dir die Körbchengrößen 75B, 80C und 85B und schenk uns endlich Dessous, wie es jeder Mann tun soll.”

Ich habe mir mit zwei Bieren intus die komplizierten Kürzel gemerkt und bin ins Bett gegangen. Morgens war ich schon um 8 bei Nickels Fischstand auf dem Wittenbergplatz und habe Wolfsbarsch gekauft, 5 schöne kleine Fische, frisch geschuppt und ausgenommen. 

Nebenan hatte der Blumenhändler mit der Ochsenfroschstimme einen Fan-Bedarfs-Stand aufgemacht. 
“Schmückense mal Ihr Fahrrad, junger Mann!”, knarrte er mich mit seiner Ochsenfroschstimme an, “da muss ‘ne Fahne ran, wir spielen heute!”
“Fahne is’ nicht”, habe ich ihm bedeutet, “aber ham’se nicht drei von diesen Fußball-BHs?”
Der Ochsenfrosch hat einen Hals gekriegt wie ein Gurkenfass und über den ganzen Platz geröhrt. 
“BHs willer kaufen! Was machste denn mit drei BHS, hö? Selber anziehen?”
Meine Fischtüte verhedderte sich in den Speichen, während ich das Rad eilig weiter schob.
Die Ochsenfroschstimme dröhnte hinter mir her. Ich schwitzte.
“Drei Stück brauchste? Willste die übernanderziehn?”
Ich war zwanzig Meter weg, aber seine Stimme übertönte das Markttreiben bis hierher.
“Deutsche Möpse, Leute! Der Ball ist rund!”

Den Fisch habe ich in die Mülltonne geschmissen. Auf ARTE läuft heute abend eine Sozialthemendoku. Das klingt nach einem interessanten Fernsehabend.

(No. 91, 03.07.2006)