Archive for June, 2006

Maskottchen

Monday, June 26th, 2006

“Bär Bruno ist nun doch erschossen worden”, sagt Gohlke ein bisschen traurig, “die FIFA hatte ja bis zuletzt versucht, ihn als neues WM-Maskottchen an Stelle dieses glücklosen Plüschlöwen anzuwerben. Aber seitdem Frau Merkel bei jedem Spiel auf der Tribüne sitzt, ist die Maskottchenfrage zugunsten der Bundeskanzlerin entschieden.”

(No. 90, 26.06.2006)

Ein Liter! Wie geil!

Tuesday, June 20th, 2006

Drei Neonazis sind dann doch dabei gewesen heute nachmittag unter den 700.000 an der Berliner WM-Fanmeile. Ziemlich pickelige, hühnerhalsige Exemplare, kaum ausstaffiert, weil die halbe Million Deutschland-Fahnen eh nicht zu toppen war. Sind direkt vor der Einsatzhundertschaft an den Holocaust-Stelen vorbeimarschiert und haben mit erhobenem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger “Wie geil! Wie geil! Wie geil!” skandiert.

Jörg Reitbacher-Stuttmann hat das auch schon mal gerufen, in der deutschen “Southpark”-Folge 107 aus dem Jahr 2000, als Cartman zum Halloween als Hitler geht. Die deutsche Übersetzung wollte dem Synchronsprecher das wortgetreuere Original nicht zumuten und übersetzte “An Adolf Hitler Costume! Sieg heil! Sieg heil!” mit dem kongenialen “Wie geil!”. Dass das die Nazis jetzt kurzerhand als juristisch nicht belangbaren Code zweckentfremden, ist frech.

Immerhin reicht das bisschen Bildung über Trash-Trickfilme wie Southpark nicht hinaus; sonst hätte man sich auch schon den genialen Zeichner Tomi Ungerer gegriffen, der als Kind im Elsass in das im Klassenzimmer geforderte “Heil Hitler!” mit einem dünnstimmigen “Ein Liter!” einstimmte…

(No. 89, 20.06.2006)

Wir brauchen Erfolge

Friday, June 16th, 2006

Allmählich kriegen wir ein Rechtfertigungsproblem. Als klar war, dass der italienische Braunbär nicht nur Angriffe auf die deutsche Fleischindustrie fährt, sondern auch Passstraßen und Autobahnen angreift, war die Stimmung in der Bevölkerung gut. Wir haben unsere Interventionspläne ruckzuck durch die Gremien gekriegt; niemand hat ernsthaft Wirtschaftssanktionen gefordert. Alle haben unsere Jungs gefeiert, als sie mit ihren Fallschirmen und Mörsern in die Hubschrauber gestiegen sind. Österreich und Italien haben den Einmarsch unserer Gebirgsjäger wie gelähmt hingenommen, und bei den Partisanenkämpfen in den Seitentälern wurden auch nicht mehr Journalisten erschossen als sonst wo.

Jetzt, zwei Monate nach diesen ersten Schritten, wird die Weltöffentlichkeit langsam unruhig. Der Braunbär sei längst tot oder von vorne herein eine Erfindung gewesen, heißt es; wir würden ihn in einem illegalen Geheimgefängnis auf Sylt seit Wochen verhören. Verdammter Scheiß, deshalb brauchen wir jetzt Erfolge, und ich will, dass Ihr jedes blöde Erdloch aushebt, um diesen Mistkerl endlich zu finden. Bringt mir jedes beschissene Murmeltier, das Ihr findet – wir müssen sicher sein, dass uns der Bursche nicht in irgend einer Verkleidung entwischt!

(No. 88, 16.06.2006)

Einsnull

Thursday, June 15th, 2006

Bin eben wieder übern Wittenbergplatz gegangen, wogende Menschenmassen, bunte verschwitzte T-Shirts aller fußballspielenden Länder der WM, irres Geschrei, hunderte von Deutschlandfahnen, tausende Fahnen überhaupt … und als ich mittendrin war, am engsten, heißesten Punkt – sind ja sowieso heftige vierunddreissig Grad heut draußen; im Gewühl noch mal zwanzig Grad mehr – habe ich die Luft angehalten und versucht, das alles zu hassen. Das hier und die nächtlichen hupenden Autos und die dicken Typen mit den Bierbäuchen und dem Bundesadler auf der Brust. Die Parolenbrüller, Schlachtenbummler, Lautstarksinger. Ich hab versucht, es zu hassen, Nationalismus darin zu sehen, kriegsvorbereitende Handlungen, Chauvinismus, Steinzeit. Es ging nicht. Beim besten Willen nicht. Da waren nur ein paar hunderttausend gut gelaunte Fans, euphorisch, überschwänglich, die in allen Sprachen aufeinander einlachten, sich verbrüderten und verschwesterten und verschlachtenbummelten. Und ich stellte mir all die brasilianisch-schwedischen, die togolesisch-iranischen, amerikanisch-tschechischen Babys vor, die eben im Tiergarten im Schatten der Büsche gezeugt wurden. Die Hunderttausend ausgetauschten Zettel mit Telefonnummern. “You swedish?” brüllt mir ein lachender Schwarzafrikaner ins Ohr, und ich lache und schreie irgendwas zurück, und schon haben wir die T-Shirts getauscht, seins viele Nummern größer als meins, irgendwas Buntes; aber ich habe keine Zeit, mich an den Geruch und das Gefühl zu gewöhnen, da steht schon eine Kroatin vor mir und deutet mit einem strahlenden “Ghana? Ghana?” auf meine Brust. Vielleicht ist es auch gar keine Kroatin, oder vielleicht bin ich auch ein Kroate, als ich Sekunden später ihr rotweißkariertes Top über den verstrubbelten Kopf ziehe. Ich bin Pole, Deutscher, Italiener. Es steht einsnull für uns!
(No. 87, 15.06.2006)

Das Ponderosa-Prinzip

Wednesday, June 7th, 2006

“Sieh mich nicht so an, ich WEISS dass ich fett bin”, sagt Gohlke grantig, “aber beim besten Willen: ich KANN nicht joggen. Auf der Straße ist es indiskutabel, und rund um den Tiergarten haben sie einen Zaun gestellt mit Wachtposten an den paar Eingängen. Keine Ahnung warum. Ich habe die Jungs da gefragt, freundliche Glatzköpfe mit schmucken schwarzen Uniformen, und die haben sich vor Hilfsbereitschaft fast überschlagen. Was ja sowieso schon verdächtig ist mitten in Berlin. Jedenfalls: Der Tiergarten ist eingezäunt… und keiner weiß warum. ‘Aus Sicherheitsgründen’, heißt es. Gut und schön; die Passanten werden auf Waffen und Wurfgeschosse durchsucht, aber wessen Sicherheit wird da geschützt? Es ist doch keiner da in den Büschen im Tiergarten. Und wenn auf der Fan-Meile am 17. Juni ‘ne Bombe hochgeht, wär’s auch besser, wenn die Leute in den Wald rennen könnten und nicht gegen den Zaun. Oder soll der Tiergarten selbst geschützt werden vor der Vollpisserei, die wir schon von der Loveparade kennen? Auch nicht, es darf ja, waffenfrei, jeder rein. Den Blaseninhalt werden sie wohl kaum messen können.”
Gohlke kratzt sich am Kopf, das immerhin lassen seine fleischigen Arme noch zu.
“Wenn Du mich fragst, geht’s da um das Ponderosa-Prinzip. Die Fußballfans sollen auf dem 17. Juni bleiben! Die Kuhherde wird in die Melkgasse getrieben und gemolken. Da darf kein Rindviech seitlich ausbrechen und sich ‘ne Flasche Bier im Unterholz kaufen. Die Berliner Gastronomie-Mafia braucht jeden Mann an den Bierzapfpistolen, da können nicht noch illegale Schwarzhandels-Desperados in den Büschen gejagt werden. Erstaunlich ist nur, dass die Behörden da mitspielen. Oder haben die Berlins größten Park heimlich an die FIFA vermietet?”
Gohlke seufzt anklagend und reibt sich den beachtlichen Bauch. “Jedenfalls siehst Du ein, dass während der Fußball-Weltmeisterschaft an SPORT absolut nicht zu denken ist!”
(No. 86, 07.06.2006)

Zurück bleiben (2)

Tuesday, June 6th, 2006

Die zwei jungen Kerle, die den Reinickendorfer Jimmy H. (23) auf Veranlassung seiner Exfreundin (18) erstochen haben, wurden nun doch noch geschnappt. Es sind zwei Deutsche (17, 19). Die 2. Mordkommission hatte erstmal nach zwei südländischen Männern gefahndet, räumt aber ein, dass die einsilbige, reduzierte, ghettohafte Ausdrucksweise der beiden Tatverdächtigen sie zunächst auf die falsche Fährte gelockt habe.

Na bitte, es klappt doch mit der Integration – sooo groß ist der sprachliche Unterschied zwischen jugendlichen Migranten und ganz normalen Reinickendorfer Muckibuden-Prolls gar nicht mehr!
(No. 85, 06.06.2006)