Bin eben wieder übern Wittenbergplatz gegangen, wogende Menschenmassen, bunte verschwitzte T-Shirts aller fußballspielenden Länder der WM, irres Geschrei, hunderte von Deutschlandfahnen, tausende Fahnen überhaupt … und als ich mittendrin war, am engsten, heißesten Punkt – sind ja sowieso heftige vierunddreissig Grad heut draußen; im Gewühl noch mal zwanzig Grad mehr – habe ich die Luft angehalten und versucht, das alles zu hassen. Das hier und die nächtlichen hupenden Autos und die dicken Typen mit den Bierbäuchen und dem Bundesadler auf der Brust. Die Parolenbrüller, Schlachtenbummler, Lautstarksinger. Ich hab versucht, es zu hassen, Nationalismus darin zu sehen, kriegsvorbereitende Handlungen, Chauvinismus, Steinzeit. Es ging nicht. Beim besten Willen nicht. Da waren nur ein paar hunderttausend gut gelaunte Fans, euphorisch, überschwänglich, die in allen Sprachen aufeinander einlachten, sich verbrüderten und verschwesterten und verschlachtenbummelten. Und ich stellte mir all die brasilianisch-schwedischen, die togolesisch-iranischen, amerikanisch-tschechischen Babys vor, die eben im Tiergarten im Schatten der Büsche gezeugt wurden. Die Hunderttausend ausgetauschten Zettel mit Telefonnummern. “You swedish?” brüllt mir ein lachender Schwarzafrikaner ins Ohr, und ich lache und schreie irgendwas zurück, und schon haben wir die T-Shirts getauscht, seins viele Nummern größer als meins, irgendwas Buntes; aber ich habe keine Zeit, mich an den Geruch und das Gefühl zu gewöhnen, da steht schon eine Kroatin vor mir und deutet mit einem strahlenden “Ghana? Ghana?” auf meine Brust. Vielleicht ist es auch gar keine Kroatin, oder vielleicht bin ich auch ein Kroate, als ich Sekunden später ihr rotweißkariertes Top über den verstrubbelten Kopf ziehe. Ich bin Pole, Deutscher, Italiener. Es steht einsnull für uns!
(No. 87, 15.06.2006)