Archive for May, 2006

Zurück bleiben

Thursday, May 25th, 2006

Morgen wird Berlins neuer gläserner Hauptbahnhof eingeweiht; am Bahnhof Zoo ist jetzt schon alles zappenduster.

Vor dem Spätkauf-Supermarkt “Ulrich” hat sich die lokale Multitoxikologen-Szene aufgebaut wie für ein Gruppenfoto; man liegt und kniet in vollgepissten Hosen auf dem Gehweg und brüllt die verwahrlosten Hunde an. Im Supermarkt lange Schlangen an allen Kassen; fahrige Familienväter und einsame Männer mit roten Köpfen schieben den Sprit über das Rollband. Fünfzehnjährige Mädchen zeigen Arschfalte und weiße Handtäschchen; rotäugige, betäubte Riesenkerle im Schlepp, die einsilbig Röhrgeräusche machen. Vatertag in Berlin, die Alkoholregale leergeräumt wie nach einer Plünderung. Draußen wankt eine Schulklasse aus Niedersachsen vorbei, alle hackezu, einer kotzt auf ein Auto, das an der roten Ampel hält, und wird von den gröhlenden anderen mitgezogen.

Ich checke die Windrichtung und stelle mein Rad an einer Ecke ab, wo der Uringeruch nicht zu sehr beisst. In Kürze verlässt hier der letzte ICE den Bahnhof, während sie drüben im Niemandsland den neuen Glaspalast, originelle Idee, mit einer Lasershow abfeiern. Der letzte ICE, Abfahrt Berlin Zoologischer Garten, zurück bleiben bitte: Alle Tickets längst verkauft - jetzt wird zurück geblieben. Vielleicht lässt sich bei “Ulrich” noch eine Flasche ergattern, denke ich, und gehe rein.
(No. 84, 25.05.2006)

Von Bären und Bayern

Tuesday, May 23rd, 2006

Der Braunbär, der aus Norditalien nach Bayern eingewandert ist, hat elf Schafe gefressen: Eigentlich kein Grund zur Aufregung, denn das tut der ganz normale bajuwarische Bergbauer auch. Bauern waren noch nie Freunde der Bären, deshalb hilft es wenig, diese brummenden, nur mit Untertiteln zu verstehenden Urviecher vor die Kamera zu zerren.
Und den Bären werden wir wohl auch nur noch als zotteligen Kadaver zu sehen bekommen, seitdem der bayrische Umweltminister Schnappauf dessen Verhalten mit dem klaren Instinkt des natürlichen Konkurrenten als “nicht artgerecht” diagnostiziert hat. Stimmt: richtige Bären gehen nicht durch die Holzwand in den Hühnerstall, sondern benutzen die Türklinke und respektieren etwaige Verbotsschilder.

Ist es nun gefährlich, sich im Bayernwald aufzuhalten? Und wie – denn das Volk ist bewaffnet und auf den Beinen; verhinderte Amokschützen, Hobbyjäger, Mittelalterfans und Wehrsportgruppen haben sich aufgemacht, Meister Petz eins aufs Fell zu brennen. Und das kann jeden treffen. Etwaigen Kollateralschäden folgt dann posthum ein kluges “er war durch sein nicht artgerechtes Verhalten nicht sofort als Spaziergänger zu erkennen”.
(No. 83, 23.05.2006)

No-Go Dir einen!

Monday, May 22nd, 2006

No-Go-Areas, in denen Nazis Schwarze hauen: Das ist Fakt, und es ist auch erlaubt, darüber zu sprechen. “Machen Nazis unsere WM kaputt?” fragt die BZ schon gewohnt antifaschistisch. In der Eistruhe neben den Zeitungen gibts Nogger und ein dubioses Fifa-Eis (mit Stadionrasengeschmack?). Wer weiß, ob die Eisbranche nicht längst einen neuen Millionseller in die Kühltruhen konzipiert: Nicht Nogger, sondern NOGO, brauner Schokoüberzug, gefällige Baseballschlägerform. Es gibt schließlich kaum eine schlechte Nachricht, mit der sich nicht ein bisschen Umsatz machen ließe!
(No. 82, 22.05.2006)

Lass leuchten das Ding

Thursday, May 18th, 2006

Die Presse ist des Lobes voll: Das ramponierte Gaslaternenmuseum im Tiergarten wird saniert. Ist ja auch eine nette Sache, die fast hundert Laternen aus vielen deutschen Städten und allen Zeiten. Ein romantischer Lichterbummel am Landwehrkanal: Großer Dank an die selbstlosen Sponsoren GASAG und WALL AG, die die 100.000 Euro für die Sanierung übernehmen.
“Selbstlos, Du Armleuchter?” schnaubt Gohlke, “hast Du Dir die Baustelle mal angesehen? Da werden nämlich nicht nur umgefallene Laternen wieder aufgestellt. Direkt an der Kreuzung hinterm Schleusenkrug hat der chronische Wohltäter WALL ein City-Light-Poster aufgestellt - so einen leuchtenden Plakatkasten. Und der wird nicht mit Gas betrieben, sondern mit den Euros der Zigarettenindustrie!”
Manchmal bin ich zu arglos, ich gebe es ja zu. Gohlke macht grummelnd ein Glas Gurken auf. “WALL sahnt im bisher werbefreien Tiergarten ab, und das ist nur der Anfang. Im Schloßpark wird freiwilliger Eintritt kassiert, letzte Woche haben sie am Landwehrkanal die Radfahrer gezählt, und heute früh wurden mit Streifenwagen die Penner aus den Büschen gepflückt.” Gohlke schluckt eine ganze saure Gurke mit einem Happs. “Die Stadt ist doch längst voll mit Werbung, da gibts kein Wachstum mehr. Jetzt muss werbliches Brachland erschlossen werden! In den städtischen Parks ist noch jede Menge Platz. Ist doch auch abends sicherer für einsame Frauen, wenn alle paar Meter so’n Leuchtkasten leuchtet!” (No. 81, 18.05.2006)

Hauptsache Bilder!

Tuesday, May 16th, 2006

Wissenschaftler arbeiten am ultimativen Geilmacher, schreibt der ‘Spiegel’. Einem Nasenspray. Du machst pff pff und willst es sofort. Mit dem Erstbesten, der es auch will. Abgetörnte, aber zahlungskräftige Alte kriegen wieder Spaß am Sex, das ist die Vision.
Ich bin da skeptisch. Das Zeug wird doch ruckzuck in irgendeiner Drogenküche nachgebaut, und wenn Du dann in der Pizzeria neben dem Schmuddelpuff eine Quattro Stagione isst, hast Du plötzlich eine Nachspeise im Sinn, die Dich nebenan die Tür einrennen lässt. Sie werden den Geilmacher ins Parfum und in Wellnessdrinks mischen, als Kaugummi unters Volk bringen, beim Kirchentag Terroranschläge damit verüben.

Es wird kein Entrinnen mehr geben, aber weil Dauergeilsein auf Dauer alles andere als geil sein wird, stumpfst Du irgendwann ab. Du entwickelst eine Toleranz-Unempfindlichkeit oder so. Sie können Dir das Zeug esslöffelweise verabreichen, es passiert nix mehr. Niente.

Dann sind wir wieder da, wo wir jetzt sind, bis die nächste ungeile Sauregurkenzeit kommt und der ‘Spiegel’ einen Anlass braucht, ein paar nackte Brüste abzubilden. Dann kramen sie wieder in der alten Sexkiste… nach Koro, der chinesischen Penisschrumpfangst; nach digitalem, roboteroperiertem Genitalpiercing… oder dem nächsten ultimativen Geilmacher. Hauptsache Bilder!
(No. 80, 16.05.2006)

Ein kleines bisschen Karies

Friday, May 12th, 2006

“Natürlich hatte die Sache mit dem Zahnarzt noch ein Nachspiel; zwei genauer gesagt.

In der ersten Praxis war ich nur zwanzig Minuten gewesen. Kudammnähe, ramponiertes Siebziger-Jahre-Ambiente, hübsche junge Zahnärztin mit Tennisschuhen, zerlesene Zeitungen im Wartezimmer, alte, lieblos gerahmte Poster an den Wänden. Trotz Schmerzen nix gefunden, Zahnfleischentzündung vermutet, zwei Prophylaxetermine notiert.

Die zweite Praxis war in Premnitz im Westhavelland. Notdienst am Ostersonntag, ein Wartezimmer voller Schmerzpatienten. Noch eine hübsche junge Zahnärztin, aber zielstrebig. Zwei Röntgenaufnahmen, eine Füllung sicherheitshalber, dann den Weisheitszahn ganz hinten gezogen, dessen Wurzeln strahlenförmig auseinandergingen. Gute Arbeit; anderthalb Stunden hat das Ganze gedauert, aber die hatte die Ruhe weg, obwohl noch ‘ne Menge Leute nach mir kamen.”

Gohlke gehört nicht zu den Leuten, die über oder unter der Brille durchsehen beim Lesen – er hält das Papier auf Abstand.
“Hier sind die Rechnungen. Neunzig Euro für Westberlin. Premnitz: Fünfundachtzig und ein paar Zerquetschte. Inklusive Feiertagszuschlag, abzüglich Ostabschlag von 10%.”
Gohlke nimmt die Brille vom Kopf und deutet auf mich. “Und bevor es bei Dir mit den Zahnschmerzen los geht und Du Dich in irgend eine Patientenfalle in Charlottenburg verirrst: Die Bahnkarte nach Premnitz kostet ‘n Zehner; das holst Du mit einem kleinen bisschen Karies ratzfatz wieder raus!”
(No. 79, 12.05.2006)

Winter of ’78

Friday, May 12th, 2006

Am ersten warmen Abend sitze ich mit Gohlke bei Häagen Dasz auf dem Kudamm und sehe mir die Leute an, die vorbeilaufen. Die Berliner haben sich frei gemacht, Miniröcke, tiefe Decolletés, schulterfreie Tops, Männer mit kurzen Hosen und bleichen Beinen dominieren die Szene. Gohlke seufzt. “So sindse, die Berliner. Wenn einer laut ‘Sommer!’ ruft, fängt der Massenstriptease an. Und bei der ersten Schneeflocke lassen sie den Lenker los und rutschen in den Straßengraben.” Gohlke verschluckt mit einem Happs eine Kugel Tofu-Negra-Trüffel-Schokochips-Karameleis mit Gourmettopping für irrwitzige zwoachtzig.
“Dabei waren früher die Winter viel härter als heutzutage. Anno Achtundsiebzig… DER war hart! Schnee meterhoch, die haben die Autos mit Panzern aus den Schneewehen gezogen. Da habe ich noch im Wedding gewohnt. Abrisshaus, letzter Mieter. Kaum zu heizen. Am Ende habe ich den Küchenfußboden verfeuert, und das Klo von obendrüber hatte einen Wasserrohrbruch und ist voll gelaufen. Alles sofort gefroren… irgendwann nachts ist dann der ganze Eisklotz mit einem irren Lärm durch die Decke gebrochen. Ich wäre fast erfroren damals. Seitdem ist für mich der erste warme Tag jedes Jahr irgendwie… geil.”
Er sieht ein bisschen verlegen an sich runter. Die kurze Lederhose wirkt angestaubt und könnte ein paar Nummern weiter sein. “Meinst Du, ich muss mir die Beine rasieren?”
(No. 78, 012.05.2006)

Gone Gone Goya

Tuesday, May 2nd, 2006

“Goya”, sagt Gohlke, “nicht der Maler, sondern der Disco-Palast am Nolli: Zu das Ding! Dabei haben’s alle gut gefunden. Vor allem wir alten Hasen. Konnten ja sonst kaum noch irgendwo hin. Früher bist Du in den angesagten Läden kaum am Türsteher vorbeigekommen, jetzt hätten Dich die Kerle am liebsten mit Gewalt reingetragen. Zur Happy Hour, wo das Gläschen Prosecco nur happyge sechs Euro gekostet hat. Oder zum Einheitsmenü am zwanzig-Meter-Tisch, nette Reminiszenz an die WG-Vergangenheit, das. Nein nein, wenn Du mich fragst, hat Peter Glückstein alles richtig gemacht, was man richtig machen konnte. Zahlungsfähige Zielgruppe, geschichtsträchtige Kultstätte, Kohlhoff als Innenarchitekt, schön coole neubürgerliche Üppigkeit…. Kronleuchter zum Hochkurbeln… dazu der Volkssturm der Berliner Quasiprominenz, die als Erstaktionäre dem Fußvolk zuriefen ’seht her, ich verbrenne meine Ersparnisse für diesen Schuppen, Ihr könnt es auch’: Das zumindest hat ja auch hingehauen. Nee Du, aufs ‘Goya’ lasse ich nix kommen, schade, dass das Ding jetzt zu ist.”

“Warst Du denn mal drin?” will ich wissen, aber Gohlke winkt unwirsch ab.
“Wozu? Mir einen netten Abend machen? Ick bin Balina - wenn’s nix zu ärgern jibt, geht mir der Scheiß nix an!”
(No. 77, 02.05.2006)

Tango Morales

Tuesday, May 2nd, 2006

Gohlke hat einen roten Kopf und eine nasse Stirn, und seine Kleidung wirkt heute noch derangierter als sonst.
“Um Himmels willen, bist Du in eine Mai-Randale geraten?” will ich wissen, aber der verschwitzte Freund winkt erschöpft ab. “Das war der Tango!” Ich bin entsetzt. “Tango! Du? Hast Du, weil Evo Morales die Erdgaskonzerne aus Bolivien gejagt hat, Dein südamerikanisches Temperament entdeckt?”
Gohlke schüttelt wie betäubt den Schädel. “Im Gegenteil. Ich habe die völlige Abwesenheit von Temperament entdeckt. Man sagt ja, der Tango wäre der vertikale Ausdruck eines horizontalen Bedürfnisses… das einzige horizontale Bedürfnis, das diese aufgeblasene Zappelei bei mir weckt, heißt Mittagsschlaf!”
(No. 76, 02.05.2006)