Zurück bleiben
Thursday, May 25th, 2006Morgen wird Berlins neuer gläserner Hauptbahnhof eingeweiht; am Bahnhof Zoo ist jetzt schon alles zappenduster.
Vor dem Spätkauf-Supermarkt “Ulrich” hat sich die lokale Multitoxikologen-Szene aufgebaut wie für ein Gruppenfoto; man liegt und kniet in vollgepissten Hosen auf dem Gehweg und brüllt die verwahrlosten Hunde an. Im Supermarkt lange Schlangen an allen Kassen; fahrige Familienväter und einsame Männer mit roten Köpfen schieben den Sprit über das Rollband. Fünfzehnjährige Mädchen zeigen Arschfalte und weiße Handtäschchen; rotäugige, betäubte Riesenkerle im Schlepp, die einsilbig Röhrgeräusche machen. Vatertag in Berlin, die Alkoholregale leergeräumt wie nach einer Plünderung. Draußen wankt eine Schulklasse aus Niedersachsen vorbei, alle hackezu, einer kotzt auf ein Auto, das an der roten Ampel hält, und wird von den gröhlenden anderen mitgezogen.
Ich checke die Windrichtung und stelle mein Rad an einer Ecke ab, wo der Uringeruch nicht zu sehr beisst. In Kürze verlässt hier der letzte ICE den Bahnhof, während sie drüben im Niemandsland den neuen Glaspalast, originelle Idee, mit einer Lasershow abfeiern. Der letzte ICE, Abfahrt Berlin Zoologischer Garten, zurück bleiben bitte: Alle Tickets längst verkauft - jetzt wird zurück geblieben. Vielleicht lässt sich bei “Ulrich” noch eine Flasche ergattern, denke ich, und gehe rein.
(No. 84, 25.05.2006)