Archive for March, 2006

U-Bahn nach Alcatraz

Friday, March 31st, 2006

Berlin hat Probleme mit Gewalt an Schulen, die CDU denkt laut über massive Maßnahmen nach. Schon will Friedbert Pflüger, ambitionierter Spitzenkandidat bei der nächsten Wahl, gewalttätige Schüler umgehend abschieben. Die Frage ist: Wohin? Nach Alcatraz? Die Türkei kommt eher nicht in Frage; die meisten Schüler sind - trotz aller unübersehbaren Sprachbarrieren - gebürtige Berliner.
Eine praktikable Lösung bieten auch hier mal wieder die Berliner Verkehrsbetriebe. Hinter verschlossenen Türen wird sicher schon über ein cooles, unbrennbares Ghettoticket für Busse und Bahnen nachgedacht, das nur innerhalb von Neukölln und Kreuzberg gilt. Für die Fahrt in den zivilisierten Teil der Welt müssen Kontrollpunkte passiert werden, an denen die Ghettokids entwaffnet, gereinigt und mit einem Crashkurs sprachtauglich gemacht werden.
Der Maßnahmenkatalog wächst stetig; heimlich starren unterdessen alle nach Charlottenburg, Schöneberg und Pankow - sobald die Randale da auch losgeht, könnte sich herausstellen: die Probleme liegen woanders - und das Ghetto ist überall …
(No. 68, 31.03.2006)

As if Feminism never happened

Wednesday, March 29th, 2006

“Tolerante Frauen lachen da vielleicht drüber”, sagt Gohlke und hält die neue GALA meterweit von seinem Kopf weg, “ICH bin feminismussozialisiert und prüde und finde das schlichtweg degoutant.” Ich mustere eine Weile staunend die beiden Hunde, die da großäugig für den Dessoushersteller Mey das Topmodel geben, und entdecke schließlich die dünne Headline unten rechts: ‘Möpse mögen Mey’. Der Copytext schwadroniert anspielungsreich über Möpse, Körbchen und Halter, und irgendwie schimmert alle paar Silben die schenkelklopfende Werbeagentur durch, die sich bei ihren testosteronischen Scherzen vermutlich noch tabubrechend modern vorkam. Hm. Wo ist die Message? Who is the Zielgruppe? Gohlke zeigt mit dem Daumen auf sich selbst. “Auch Männer lesen Gala. Die lachen sich über die Möpsesprüche einen ab. Und denken beim nächsten Mal beim Mitbringselkauf nicht an den treuen Blick der Liebsten… sondern an die kleine Hundedressurnummer danach.” (No. 67, 29.03.2006)

Walk like an egyptian

Monday, March 27th, 2006

“Stell Dir vor”, sagt Gohlke und schiebt naserümpfend den ‘Focus’ auf die äußerste Ecke des Kneipentischs, “jetzt haben sie doch tatsächlich heimlich in Merkels Wohnzimmer gefilmt. Mit einer Überwachungskamera der Mumienwächter vom Pergamon-Museum. Wahrscheinlich monatelang. Es ist nur niemandem aufgefallen, weil es in den anderen Ausstellungsräumen gar nicht soooo anders aussieht.”
(No. 65, 27.03.2006)

Remittenden Rock

Monday, March 27th, 2006

Ehrlich mal, man kann einen Autoren auch mit einem Verkaufspreis hinrichten. Habe da anno 99 ein nettes Buch geschrieben, unterschätzte kleine Mord-und-Totschlag-Geschichte, very berlinoise, anspielungsreich, pointenlastig, all das. Und jetzt? Jetzt wird das Ding bei Amazon für 0,01 Euro angeboten. (Nein, Gohlke, nicht inklusive Porto!). Für 80 Euro könnte ich die ganze Startauflage aufkaufen. Aus den Bücherbergen könnte ich mir, sagen wir mal, ein Bett bauen. Ein Sofa. Einen Schützengraben. Ist das jetzt das Ende der Buchpreisbindung… oder wollte nur niemand das Ding LESEN?
(No. 66, 27.03.2006)

Mit Karstadt im Kongo

Wednesday, March 22nd, 2006

Man muss doch immer wieder Respekt haben vor diesen Werbefuzzis - wie sie Trends erahnen, Stimmungen auf den Punkt bringen, intuitiv ihre Treffer landen …
Aktuelles Beispiel: Die heutige Karstadt-Beilage im Tagesspiegel. Während sich die Politik noch uneins ist, ob sie mit 1.500 Mann in einem westeuropagroßen Land wie dem Kongo wirklich viel mehr machen kann als ein paar Erzbergwerke humanitär zu beschützen, haben die schlauen Karstadt-Werber schon einen ganzen Modetrend daraus gezimmert. “Lässig im Kolonial-Stil” heißt es flott auf der Titelseite, und seitenstark werden dann “die Farben Afrikas” beworben. Von Blondinen, versteht sich. Gute deutsche Mädels unter fremder Sonne, im Herzen marschieren wir mit Euch!
(No. 64, 22.03.2006)

Best Ager

Tuesday, March 21st, 2006

Männer kennen viele gute Gründe, die für einen Hut sprechen. Das wohlgeformte Stück Filz schützt vor Sonne, Kälte und spöttischen Blicken aufs schüttere Haupthaar. Große Vorbilder wie Humphrey Bogart, John Wayne oder Indiana Jones sind ohne Hut kaum denkbar. Ein Hut verkörpert die letzte Bastion guten Handwerks. Hüte sind treu, wohlriechend, keiner Mode unterworfen und widerstehen jedem Wetter.
“Trotzdem”, sagt Gohlke, “müssen wir ein Leben lang gegen die Versuchung kämpfen, einen Hut zu tragen. Der Tag, an dem Du nachgibst, ist der Tag, an dem Du vom Mann zum… äh… Best Ager geworden bist.”
(No. 63, 21.03.2006)

Tantal

Monday, March 20th, 2006

“Letztlich,” sagt Gohlke, “letztlich hat unser bevorstehender Militäreinsatz im Kongo ja auch was mit Verbraucherfreundlichkeit, mit Kundenorientiertheit zu tun.”
Ich staune. Gohlke kramt in der zerbeulten Jacke nach dem Steinzeithandy und schwenkt das ramponierte Teil vor meiner Nase.
“Weißt Du, was da drin ist?”
Ich mutmaße.
“Die längst vergessen geglaubte Telefonnummer Deiner einzigen Jugendliebe?”
Gohlke schnauft verächtlich.
“Da ist Tantal drin!”
Ich bin irritiert.
“Tantal? Aber hieß sie nicht Almut, Deine Jugendliebe?”
Gohlke birgt den Kopf zwischen den Armen und murmelt nur noch mit dumpfer Stimme durch die Jackenärmel.
“Tantal ist ein Edelmetall. 80 Prozent der Vorräte gibts im Kongo. Das Zeug kostet 400 Euro pro Kilo, und der Weltmarktführer im Tantal-Handel, die Bayer-Tochter Starck in Goslar, mußte in den letzten Jahren ein Heidengeld ausgeben, um an den Stoff ranzukommen. Ruandische Rebellentruppen, kannibalische Stämme, ausländische Söldnertrupps… jeder konnte Dir für kurze Zeit für teures Geld den Zugriff auf das Coltan-Erz, aus dem man Tantal gewinnt, garantieren. Immer mit der Waffe in der Hand! Vier Millionen Tote hat der Spaß schon gekostet. Das Ein-Euro-Handy ist ein Mordsgeschäft!”

Ich bin verdattert. Ist mein Handy schuld an tausend Toten täglich? Aber Gohlke winkt ab.
“Jetzt wird alles gut. Wir schicken unsere Jungs hin. Die sorgen für ein bisschen Demokratie, ein bisschen weniger Tote.”
Er zwinkert und hält wieder sein altes Handy hoch.
“Und für stabile Lieferbeziehungen mit ‘ner gewählten Regierung! Tantal wird billiger - dann kann ich mir auch endlich ein neues Gerät leisten. Ist ja wirklich kein Zustand so. Da ist nicht mal ‘ne Kamera drin in dem blöden Teil!”
(No. 62, 20.03.2006)

Für immer Mallorca

Sunday, March 19th, 2006

Letzte Nacht ist Gohlke schweißnass aufgewacht. Im Traum hatte er im Urlaub den Personalausweis verloren. Erst bei der Rückkehr an der Grenze ist es ihm aufgefallen, und der Bundesgrenzschützer bittet ihn in eine kleine, zellenartige Schreibstube, in der auf einem Pult ein dicker Stapel Papier liegt. Der Deutsche Einbürgerungstest. Als angeblichem Bundesbürger wird ihm das doch wohl nicht schwer fallen? Bei Frage 74 nach den “Elementen der sozialen Sicherung” kommt Gohlke ums Verrecken nicht auf Hartz IV, und, tja, schon sitzt er im Abschiebebus und wird ohne Widerspruchmöglichkeit zurückgebracht nach Palma de Mallorca.
(No. 61, 19.03.2006)

Tunnelblick

Sunday, March 19th, 2006

“Achtung Achtung, bitte verlassen Sie den Tunnel in Richtung Kemperplatz!” Ich drehe mich im Laufen kurz um und sehe zurück, die schwach beleuchtete schmale Röhre entlang, in der die Spaziergänger, am Eingang aufgehalten, jetzt spärlicher werden. Am Kemperplatz bin ich reingerannt in den Tiergartentunnel, der heute, ein paar Tage vor der Eröffnung, nur für Fußgänger geöffnet ist und für Läufer wie mich.
Ich trabe weiter, immer noch umbrüllt von mehrfachen Lautsprecherechos, aus denen sich jetzt sehr widersprüchliche Anweisungen heraushören lassen. Egal, nach zwoeinhalb Kilometern wird wohl der Lehrter Bahnhof in Sicht kommen, da will ich raus. Monotone Enge hier unten; alle paar Meter haben sie entschlossen blickende Jungmänner mit schwarzen Bomberjacken hingestellt: Das suggeriert Sicherheit. Mir nicht. Zusammen mit den Lautsprecherechos entsteht eine Atmosphäre wie in irgendeinem Nazi-SciFi-Film.
“Was heißen denn die Zahlen unter den Notausgangsschildern, 28 links, 62 rechts?” Die erste Bomberjacke zuckt die Achseln; die zweite weiß: “Entfernung zum nächsten Notausgang!”. Jetzt bin ich beruhigter; hatte schon gedacht, hier würde im Atomkriegsfall nach Alter sortiert, weil der Tunnelraum nicht für alle reicht.
(No. 60, 19.03.2006)

Was auch immer Sie vorhaben, mein Führer

Sunday, March 12th, 2006

“Na bitte, jetzt ist es vorbei mit der deutschen Bescheidenheit!” strahlt Gohlke und klatscht mir den neuen SPIEGEL 11/06, Seite 53, auf den Tisch. Ich runzele, besorgt über den Geisteszustand des Freundes, die Stirn und sehe mir die aufgeschlagene ganzseitige Anzeige der Salzgitter AG an. “Was auch immer Sie vorhaben” steht da; eine hochästhetische Fotomontage zeigt eine fette stählerne Autobahnbrücke, die von Westen her ‘direttisime’ auf dem Gipfel des Matterhorns endet.

“Eine Autobahn zum Matterhorn?” Ich staune. “Aber das liegt doch gar nicht in Deutschland?”
“Noch nicht, mein Lieber, noch nicht! Aber als das Hüttenwerk Salzgitter 1937 fürs Kanonengießen gebaut wurde, lagen Polen und Österreich auch noch nicht in Deutschland …”
“Will Merkel mit deutschen Kanonen die Schweiz überfallen?”
“Ach was, die Salzgitter AG ist ein ganz friedlicher Stahlmulti. Vielleicht hatte die Marketingabteilung einfach noch ein paar alte Fotomontagen in der Schublade … aus der Zeit, als die Bude noch ‘Reichswerke Hermann Göring’ hieß!”
(No. 59, 12.03.2006)