Archive for February, 2006

Nix sehen, Tenöre: das Telesinging

Thursday, February 23rd, 2006

Als Gohlke sich den Zeh mit dem Autositz geklemmt hatte und nicht laufen konnte, hat er so ganz nebenbei das Telesinging erfunden. Oder gibts das schon? Bis dahin war Gohlke mittwochs immer zur “Freien Republik” gegangen, einer Art linksradikalem Männergesangverein. Die Radikalität hatte im Alter nachgelassen und die Teilnehmerzahl auch, weil die Leute immer weniger Zeit hatten neben ihren sonstigen Beschäftigungen als Manager, Zirkusdirektor oder Hartz-IV-Empfänger. Nur Gohlke war jedes Mal dabei gewesen, und als es diesmal nicht ging, kam ihm die Idee mit dem Telesinging. Telesinging ist einfach, preiswert und wird sich ausbreiten wie nix Gutes. So gehts: Man vereinbart mit allen Mitsängern eine beliebig ausgedachte sechsstellige Zahl, in Gohlkes Fall 883 883, Datum und Uhrzeit. Zur vereinbarten Zeit ruft einer der Mitsänger beim Telefonkonferenzanbieter VOICEMEETING an (01803-665511) und reserviert kostenlos die vereinbarte sechsstellige “Raumnummer”. Dann rufen alle anderen an und geben ebenfalls die Raumnummer ein. Minutenpreis pro Kopf: 9 Cent.

Schon sind alle zwanzig Mann über eine gemeinsame Telefonleitung in toller Klangqualität verbunden und können los singen. Sogar Klausi ist aus La Palma dabei, tolle Sache! Ruhe, meine Herren! Eins, zwei, einszweidreivier: “Wenn Euch die Leute fragen, lebt der Hecker noch, dann könnt Ihr ihnen sagen: Ja, der lebet noch. Er hängt an keinem Baume, er hängt an keinem Strick - sondern an dem Glauben an die freie Republik!”
(No. 49, 23.02.2006)

Die Grippe mit dem Vogel Part One

Tuesday, February 21st, 2006

“Kauf Sagrotan-Aktien, Trottel!” sagt Gohlke zu mir, “wenn der erste sterbende Schwan in Bayern aufschlägt, werden sie die AUTOBAHNEN tränken mit dem Zeug!”
Ich weiß nicht, ob der Mann recht hat. Seine bisherigen Aktientipps waren völlige Blindgänger, und eigentlich interessiere ich mich auch gar nicht für Desinfektionsmittel-Aktien, sondern für Mode.
Da werde ich auf www.pandemie.com fündig. Cooles Modehaus mit der Haute Couture der Vogelgrippe-Vorsorge. Erster Eindruck: Die Modefarbe der Saison ist Blau, Wellensittich-Blau. Da haben wir zum Beispiel die Dräger-Halbmaske, futuristisches Design, stolze 27 Euro, aber mehrmals verwendbar. Die Einwegmasken dagegen sind eher schlichtes Understatement; die Piccola FFP3V (15 Stück für 95 Euro) ist ein extrem leichtes Modell und deshalb auch beim Sex oder Freizeitsport zu tragen. Moment: Freizeitsport, open air - da sollte ich mir vielleicht lieber einen Ganzkörperschutz gönnen. Der Tritex Pro Einwegoverall ist das Modell der Wahl: natürlich blau, cooles dreilagiges SMS-Material. Nein, das hat nix mit Telefonieren zu tun, das sollte man wegen der Handyviren eh besser lassen, sondern steht für “spunbond-meltblown-spunbond”. Das wird wohl so ein Geheimagenten-Verein sein. Jedenfalls kosten 3 Stück lächerliche 12 Euro. Jeden Tag einen frischen Overall anziehen, für 120 Euro im Monat aussehen wie aus dem Entenei gepellt: Ich sollte schon jetzt nichts anderes mehr tragen. Und damit Gohlke mich auch weiterhin mit Namen und schutzbehandschuhtem Handschlag begrüßt, werde ich mir Namen, Titel und Funktion auf die blaue Brusttasche drucken lassen. Vogelgrippe ist wirklich very fashionable.
(No. 48, 21.02.2006)

Hocherotisch

Monday, February 20th, 2006

“Hier,” sagt Gohlke und wedelt mit der Tageszeitung fast die Kaffeetasse vom Tisch, “die haben ‘ne 70jährige Bankräuberin für drei Jahre in den Knast geschickt. Sie hat insgesamt nur 8.000 Euro erbeutet, weil die Kassiererinnen sie wegen ihres fortgeschrittenen Alters nicht ernst genommen haben. Ich kann das verstehen. Würdest Du nachkochen, was Alfred Biolek so zusammenrührt? Und wann hast Du das letzte Mal ein Buch gekauft, das Dir Reich-Ranicki empfohlen hat? Der Mann könnte eine Pistole auf mich richten und lauthals “Hocherotisch!” schreien… ich würde den Schinken nicht kaufen!”
(No. 47, 20.02.2006)

Eine derartige Granate

Wednesday, February 15th, 2006

Heute Nacht bin ich mit Angstschweiß aufgewacht. Ich war im Traum Fernsehmoderator bei der Fußball-WM; im Halbfinale war in der 88. Spielminute Gleichstand zwischen Iran und England. Die Iraner spielten mordsmässig gut und waren jetzt in der Offensive. Erst kam eine schnelle Mischung aus aggressivem Killerdribbeln und immer wieder wirklich hochexplosiven Schüssen, dann unterliefen sie endgültig die gegnerischen Geschwader und stürmten. Die Engländer kippten ins Gras wie die Pappkameraden, ein richtiges Massaker war das; der Mittelstürmer der Iraner hatte das Tor im Visier und WAMM bombte er in einem geradezu selbstmörderischen Durchmarsch dem englischen Torwart eine derartige Granate rein, dass echt die Fetzen flogen. Das Stadion tobte vor Begeisterung! Und ich starrte wortlos und schwitzend auf den handschriftlichen Merkzettel, den mir der Chef vor dem Spiel zugesteckt hatte und auf dem in Großbuchstaben IRAN = KEINE GEWALT, NICHT “SCHIESSEN”, NICHT “BOMBE”! stand, damit ich nicht mit einer ungeschickten Formulierung irgendwo draußen in der Welt Tumulte auslöste… 
(No. 46, 15.02.2006)

Artaud

Tuesday, February 14th, 2006

1989 waren wir in einem illegalen Kreuzberger Veranstaltungsort am Südstern, im Blockshock. Das Theater Antonin Artaud spielte, tja, was eigentlich? Archaische Sache jedenfalls, gepeinigte Sklaven, ein schwerer, mit Schweiß und Peitschenhieben über die Bühne bewegter Sarg. Darin eine schöne, junge, nackte Frau, deren bleicher Körper sich aufzubäumen scheint unter den dumpfen Trommelschlägen. Genauer besehen: Nicht unter den Trommelschlägen, sondern unter dem mürben Geruch, der sich nun ausbreitet unter den gebannt Zuschauenden. Aus seltsamen Seilen wird die würgende Nackte da gezerrt, aus nassen, halb gefüllten Schweinedärmen, deren halb verdauter Inhalt - egal, das ist große Kunst, Anarchie, Brechen von Tabus. Wir sind beeindruckt.
“Der da hat den schwersten Job, die anderen haben schon Feierabend” sagt Gohlke und zeigt auf einen wildmähnigen Nackten, der noch lange nach dem Theaterstück am Tresen lehnt. Doch da kommt die Inhaberin des Etablissements durch die Küchentür, sieht den Mann und springt auf ihn los: Der Typ ist ein kiezbekannter Exhibitionist, ein Trittbrettfahrer der großen Kunst, einer, der seinen Pimmel überall reinhängt, wo im Off-Theater ein Fetzen nackter Haut gezeigt wird. “Ich bin Artaud, Artaud!” stammelt der Unbekleidete, dann expediert ihn die Pendeltür nach draußen.
(No. 45, 14.02.2006)

Pipers at the Gate of Dawn

Monday, February 13th, 2006

Abends begrüßt mich Gohlke an der Tür mit einer albernen Stirnlampe auf dem Kopf. Seine Wohnung liegt im Dunkeln. “Hast Du die Vattenfall-Rechnung für Werbung gehalten, und sie haben Dir den Strom abgestellt?” will ich wissen, aber Gohlke legt den Finger an die Lippen und führt mich ins Wohnzimmer.
Dort gibt es Rotwein, sozusagen als Blindverkostung, und Gohlke raunt mir zu “Warte einen Augenblick, dann hörst Du es auch!”. Wir schweigen.

Es piept. “Da! Da! Verdammt, da war es, Du hast es auch gehört, oder?”

Der Mann klingt etwas überspannt, aber das Piepen hat er sich nicht eingebildet, und meine Zustimmung lässt ihn fast heulen vor Freude.
“Und - was glaubst Du, was es ist?”
Ich überlege kurz. “Dein Handy muss aufgeladen werden.” Gohlke grunzt Ablehnung.
“Ein Digitalwecker?” - “Habe ich nicht. Ich weiß nicht, woher dieses Scheiß-Piepen kommt!”"

Nach und nach kommt das ganze Martyrium ans Licht. Mitten in der Nacht hat es angefangen. Piep. Gohlke ist kurz wach geworden, aber nachdem es bei dem einen Ton geblieben war, hat ihn der Schlaf wieder übermannt. Bis morgens um 5, da wird der regelmässig wiederkehrende Ton allmählich zur Plage. Gegen jede Gewohnheit steht Gohlke um fünf Uhr auf und sucht sein Handy. Aber das ist okay. Der Geschirrspüler meldet “Spezialsalz nachfüllen”, doch der Piepton, der Minuten später zu hören ist, kommt aus einer ganz anderen Ecke der Wohnung. Die Waschmaschine, die jeden absolvierten Waschgang mit durchdringendem Piep-piep-piep meldet, ist aus. Der Toaster auch.

Vormittags kommt der Klempner-Notdienst. Die Heizungsrohre machen alle möglichen Geräusche, aber kein Piepen. Und der Klempner, der auch auf sehr laut gesprochene Fragen kaum reagiert, kann das Piepen nicht hören. Nachmittags ist der TV-Notdienst da, aber da hat Gohlke schon selbst den Fernseher vom Stromnetz getrennt und das Piepen trotzdem noch gehört. Eher aus der Küche. Oder aus dem Flur.
Können Glühbirnen piepen? Gibt es ein Tier auf dem Hängeboden … eine… Piepmaus? Arbeiten die Korken in den Rotweinflaschen? Sind Wanzen der CIA in den Lenôtre-Baguettes aus dem KaDeWe versteckt? Oder quietschen die Holzdübel in den Ikeaschränken - wegen der Luftfeuchtigkeit?

Schließlich schaltet Gohlke die Sicherung aus, um jede elektrische Verursachung auszuschließen, legt sich mit seiner Stirnlampe auf den Teppichboden und versucht, das Piepen, das er inzwischen für ein rein psychisches Problem hält, wegzumeditieren. Oder, im Nichterfolgsfall, gleich morgen früh einen Tinnitusspezialisten aufzusuchen. So liegt er, als ich an der Tür klingele.

Gemeinsam machen wir dann noch die eine oder andere Flasche Rotwein auf, und Gohlke raucht eine von diesen gräßlichen “Maria Manzini”-Zigarren, von denen er im “Zauberberg” gelesen hat und die es dann tatsächlich bei eBay gab. Und da, mitten im dicksten Zigarrenqualm, geht das Scheißding los, direkt über uns, irgendwo in der abgehängten Decke. Wir kratzen mit dem Korkenzieher ein Loch in den Rigips. Ein verstaubtes 5-Euro-Teil aus dem Baumarkt kommt zum Vorschein, der Rauchmelder des Vormieters, mit einem Aufkleber fett beschriftet: “Über unzureichenden Batterieladezustand informiert Sie ein regelmässig wiederkehrender Signalton. Bitte ersetzen Sie die Batterie binnen 30 Tagen. Ihr Gerät bleibt in diesem Zeitraum einsatzbereit.”
(No. 44, 13.02.2006)

Kreuzworträtsel

Sunday, February 12th, 2006

Am Nebentisch wird über den Iran gesprochen und an unserem Tisch auch.
Das Atomprogramm, die offensive Leugnung des Holocausts und der irgendwie dadaistische Vorschlag, Israel abzureißen und halbenwegs zwischen München und Salzburg wieder aufzubauen, dazu das unverhohlene Drohgrunzen der Amerikaner: Keine Frage, da braut sich was zusammen. Wer einen Krieg gegen den Iran führen will, hat allerdings zuallererst ein Marketingproblem zu lösen: Der Name des projektierten Erzbösewichts ist alles andere als einprägsam.
“Saddam” war ein fettes böses Wort; “Osama” als luzides Superbrain haben wir uns sofort merken können, aber wer kennt 13 waagerecht, iranischer Präsident, 14 Buchstaben? Der Nebentisch druckst eine Zeitlang herum, Almali… Alimahdi…, und gibt dann auf, und auch Gohlke und ich widmen uns nach kurzem, ergebnislosem Grübeln kopfschüttelnd wieder dem Havelzander.
(No. 43, 12.02.2006)

Burgernähe

Wednesday, February 8th, 2006

Manchmal wird große Architektur ja erst beim Abriss richtig sichtbar. Wenn man an der Lücke sieht, was einem fehlt. So wird es uns beim ICC ergehen, Berlins ungeliebtem Kongresszentrum, das man als jahrzehntelanger Häßlichfinder inzwischen richtig lieb gewonnen hat. Der Palast der Republik ist ein zweiter Kandidat - aber vielleicht ist der auch wirklich nur häßlich. Zur Not stellen wir in 40 Jahren eine Palastattrappe hin und sammeln für den Wiederaufbau, Freunde!

Mehr Glück hat der Berlin-Pavillon an der Straße des 17. Juni, am S-Bahnhof Tiergarten. Der war anno 57 für die Interbau entworfen worden, aber so cool die Architekten Fehling/Gogel/Pfannkuch ihren Job auch gemacht haben: Irgendwie verschwand das gute Stück immer hinter den eigenen Bauausstellungs-Stellwänden. Jetzt leistet Burger King Entwicklungshilfe und hat das Fifties-Kultobjekt erst mal gründlich entkernt. Plötzlich ist die irre Holzdecke sichtbar, der Pavillon wird transparent und lernt das Fliegen. Die Burger-Nähe ist wohlbekömmlich… und wir Architekturfreunde warten sehnsüchtig auf eine Nordsee-Filiale in der bisherigen Neuen Nationalgalerie und den Quelle-Shop ganz oben im Fernsehturm.
(No. 42, 08.02.2006)

Zakopane

Wednesday, February 8th, 2006

Wer Europa von A bis Z kennen will und schon in Aachen war, muss nach Zakopane. Am besten im Winter. Pferdeschlittentaxis und Snowmobils kämpfen um die Vorherrschaft auf Pisten und Straßen; die Hohe Tatra ist weiß und felsig, aber unten im Tal wabert der Braunkohlensmog.

Beim Skispringen tragen die Zuschauer schrille Hüte in den Nationalfarben, und oben in der Bergstation wird das warme Bier mit dem Strohhalm getrunken.

Danach heißt es “Schussfahrt ins Tal”, und wer im Weg steht, wird von den Kanten der gemieteten Carving-Ski (mit Schuhen 8 Euro am Tag) in zwei Teile geschnitten. Ein Teil schreit “nix wie weg!”, der andere Teil saugt in Holzbohlenhäusern gierig den Duft der Piroggen ein und hört der Dreimannkapelle zu, die im rustikalen Restaurant die Salatbuffetschlange mit aufdringlich perfekten Oldie-Imitationen beharkt.

(No. 41, 08.02.2006)

Zur Sonne, zur Freiheit

Tuesday, February 7th, 2006

Gohlke hat ein Argumentationsproblem. Argentischer, chilenischer, amerikanischer Rotwein ist bisher spurlos an ihm vorbeigegangen, weil er es aus ökologischen Gründen unerträglich fand, eine Pulle Roten quer durch die Welt zu fliegen, während im Badischen, notfalls in Südtirol, allemal in Frankreich - also jedenfalls gleich um die Ecke - die Weinberge mit den köstlichsten Trauben voll hängen. Punkt. Das ging ein paar Jahrzehnte gut; jetzt hat Gohlke gehört, dass der argentinische Wein mit dem Frachtschiff kommt. Der Transport einer Flasche von Cordoba zum Hamburger Hafen kostet sieben Cent. Eine Flasche schlechter Trollinger ist für das Dreifache per Lastwagen auf deutschen Autobahnen unterwegs. Ist das ökologischer?

Abends treffe ich Gohlke in einem Zustand von Auflösung. Er hat einen Müllbeutel mit Szeneliteratur vollgestopft und vor die Tür gestellt, alles getrunken, was sich noch in der Speisekammer fand, und singt unbeholfen Arbeiterlieder von einer ziemlich zerkratzten Hannes-Wader-Schallplatte mit. Ich staune. “Was ist los, übst Du für ein Klassentreffen?”

Gohlke summt mit Inbrunst die “Moorsoldaten” zuende, kippt den letzten Rest aus dem Glas hinunter und schüttelt den Kopf. “Ich werde Sozialdemokrat. In Kreuzberg.” Nun beginne ich doch, mir Sorgen zu machen um den Freund, aber dann dämmert es mir. Seit 1968 wird auf dem Kreuzberg wieder Wein angebaut. Das säuerliche Gesöff hat allerdings nicht nur geschmacklich einen Haken: die kümmerlichen 300 jährlichen Flaschen kommen nicht in den Handel, sondern werden an die Seilschaft verteilt. Um ein paar zu ergattern, muss ein Parteibuch her, und auch wenn Freund Gohlke ein Mann mit Prinzipien ist: Für eine vinophile Nahversorgung würde er sogar zum Sozialdemokraten!
(No. 40, 07.02.2006)