Abends begrüßt mich Gohlke an der Tür mit einer albernen Stirnlampe auf dem Kopf. Seine Wohnung liegt im Dunkeln. “Hast Du die Vattenfall-Rechnung für Werbung gehalten, und sie haben Dir den Strom abgestellt?” will ich wissen, aber Gohlke legt den Finger an die Lippen und führt mich ins Wohnzimmer.
Dort gibt es Rotwein, sozusagen als Blindverkostung, und Gohlke raunt mir zu “Warte einen Augenblick, dann hörst Du es auch!”. Wir schweigen.
Es piept. “Da! Da! Verdammt, da war es, Du hast es auch gehört, oder?”
Der Mann klingt etwas überspannt, aber das Piepen hat er sich nicht eingebildet, und meine Zustimmung lässt ihn fast heulen vor Freude.
“Und - was glaubst Du, was es ist?”
Ich überlege kurz. “Dein Handy muss aufgeladen werden.” Gohlke grunzt Ablehnung.
“Ein Digitalwecker?” - “Habe ich nicht. Ich weiß nicht, woher dieses Scheiß-Piepen kommt!”"
Nach und nach kommt das ganze Martyrium ans Licht. Mitten in der Nacht hat es angefangen. Piep. Gohlke ist kurz wach geworden, aber nachdem es bei dem einen Ton geblieben war, hat ihn der Schlaf wieder übermannt. Bis morgens um 5, da wird der regelmässig wiederkehrende Ton allmählich zur Plage. Gegen jede Gewohnheit steht Gohlke um fünf Uhr auf und sucht sein Handy. Aber das ist okay. Der Geschirrspüler meldet “Spezialsalz nachfüllen”, doch der Piepton, der Minuten später zu hören ist, kommt aus einer ganz anderen Ecke der Wohnung. Die Waschmaschine, die jeden absolvierten Waschgang mit durchdringendem Piep-piep-piep meldet, ist aus. Der Toaster auch.
Vormittags kommt der Klempner-Notdienst. Die Heizungsrohre machen alle möglichen Geräusche, aber kein Piepen. Und der Klempner, der auch auf sehr laut gesprochene Fragen kaum reagiert, kann das Piepen nicht hören. Nachmittags ist der TV-Notdienst da, aber da hat Gohlke schon selbst den Fernseher vom Stromnetz getrennt und das Piepen trotzdem noch gehört. Eher aus der Küche. Oder aus dem Flur.
Können Glühbirnen piepen? Gibt es ein Tier auf dem Hängeboden … eine… Piepmaus? Arbeiten die Korken in den Rotweinflaschen? Sind Wanzen der CIA in den Lenôtre-Baguettes aus dem KaDeWe versteckt? Oder quietschen die Holzdübel in den Ikeaschränken - wegen der Luftfeuchtigkeit?
Schließlich schaltet Gohlke die Sicherung aus, um jede elektrische Verursachung auszuschließen, legt sich mit seiner Stirnlampe auf den Teppichboden und versucht, das Piepen, das er inzwischen für ein rein psychisches Problem hält, wegzumeditieren. Oder, im Nichterfolgsfall, gleich morgen früh einen Tinnitusspezialisten aufzusuchen. So liegt er, als ich an der Tür klingele.
Gemeinsam machen wir dann noch die eine oder andere Flasche Rotwein auf, und Gohlke raucht eine von diesen gräßlichen “Maria Manzini”-Zigarren, von denen er im “Zauberberg” gelesen hat und die es dann tatsächlich bei eBay gab. Und da, mitten im dicksten Zigarrenqualm, geht das Scheißding los, direkt über uns, irgendwo in der abgehängten Decke. Wir kratzen mit dem Korkenzieher ein Loch in den Rigips. Ein verstaubtes 5-Euro-Teil aus dem Baumarkt kommt zum Vorschein, der Rauchmelder des Vormieters, mit einem Aufkleber fett beschriftet: “Über unzureichenden Batterieladezustand informiert Sie ein regelmässig wiederkehrender Signalton. Bitte ersetzen Sie die Batterie binnen 30 Tagen. Ihr Gerät bleibt in diesem Zeitraum einsatzbereit.”
(No. 44, 13.02.2006)