Archive for January, 2006

Jenes höhere Wesen, das wir verehren

Tuesday, January 24th, 2006

Das Unwort des Jahres ist eine feine Sache und seine Jury eine ehrenwerte Institution. Vom “Separatorenfleisch” bis “Angebotsoptimierung” werden schon seit 15 Jahren sprachliche Hinterlistigkeiten herausseziert und bloßgestellt. Jedes Jahr kommen neue hinzu. Das Unwort des Jahres ist mithin, um selbst ein Unwort (das Zweitplatzierte von anno 95) zu gebrauchen, eine echte “Altenplage” geworden.

Weit moderner ist der Trend, den eigenen Markennamen zum Unwort oder besser zum Unbenutzungswort zu machen. “Cartier” hat damit angefangen, indem es verdatterten eBay-Krämern, die billigen Modeschmuck “garantiert nicht von Cartier” feilboten, die Benutzung des noblen Wortes untersagte.

Ausgerechnet das “Bremer Sozialgericht”, bislang nicht gerade durch die Herstellung von Kronjuwelen aufgefallen, schlug in die gleiche Kerbe und bedrohte arglose Blogger mit der (Unwort 4/98:) “Moralkeule” der Namensanmaßung.

Und auch “Heidi Klums” rühriger Vater möchte so viel Trend nicht verpassen und verbietet die lizenzlose Benutzung des töchterlichen Markennamens. Gute Idee, Herr Klum. Aber Sie könnten noch weiter gehen. Cooler Vorreiter war doch “Prince”, der seinen eigenen Namen nicht mehr hören wollte und sich fortan als “the artist formerly known as prince”, kurz t.a.f.n.a.p., huldigen ließ. Griffig-einprägsame Kürzel wie “Deutschlands unbestrittenes Mega-Model”, kurz D.u.M.-M., hat bislang in deutschen Landen noch niemand unter Markenschutz gestellt. Da wäre noch was zu copyrighten!

Zugegeben: Ganz so neu ist die Namensunbenutzung auch nicht. In Heinrich Bölls ganz zu Unrecht vergessener Kurzgeschichte “Dr. Murkes gesammeltes Schweigen” wird der Markenname “Gott” von einem Radiosender konsequent durch “jenes höhere Wesen, das wir verehren” ersetzt. Und im weiteren Verlauf der Geschichte sogar durch, der Titel nimmt es vorweg, bedeutungsvolles Schweigen.
Das wäre eigentlich, für die Cartiersozialgerichtklums dieser Welt, eine mißbrauchsfreie, nie ehrenrührige, eine wahrhaft würdevolle Alternative: Schweigen, jetzt und immerdar …
(No. 38, 24.01.2006)

Hamsterfriedhof

Thursday, January 19th, 2006

Gohlke war als Schaulustiger an der japanischen Botschaft, wo Greenpeace einen toten Wal aufgebahrt hatte zum Ärger der harpunenschwingenden Japaner. “Wenn ich mal tot bin”, sinniert er, “legst Du mich auch zur Abschreckung vor das Lottogeschäft gegenüber. Zeitlebens habe ich da meinen Lottoschein ausgefüllt, und wenn ich jemals gewonnen hätte, wäre es ganz anders mit mir gekommen. Teureren Wein, erlesene Genüsse aus dem Bioladen, Wohnräume mit Luft und Licht hätte ich mir leisten können. Damit wäre ich steinalt geworden. Gegen diese Ungerechtigkeit des Lottogeschäfts würde ich gern mit meiner Aufbahrung demonstrieren.”
“Ach was, als Lottogewinner hättest Du nur die falschen Freunde kennengelernt, Erbschleicher und habgierige Millionärsbräute. Die hätten Dich eher früher ins Grab gebracht.”
Gohlke denkt kurz darüber nach. “Egal - leg mich auf jeden Fall hin. Die Berliner machen doch aus jedem Hamsterfriedhof einen Wallfahrtsort; da wer’nse sich einen komischen Vogel wie mich ja wohl auch ankieken…”
(No. 37, 19.01.2006)

Schief gelaufen

Monday, January 16th, 2006

„Essen wollte ich ihn, töten wollte ich ihn aber nicht” hat der Mann klargestellt, der gerade als “Kannibale von Rothenburg” vor Gericht steht. Es gelingt selten, den Zeitgeist so schnörkellos auf den Punkt zu bringen. Wir wollten nur einen kuscheligen Nerzmantel kaufen, keine Kleinsäugetiere häuten. Wir wollten gar keine spielenden Kinder überfahren, sondern nur mal sehen, was die zweihundert Pferdestärken so an Beschleunigung bringen. Und wir wollten auch keine irakischen Hochzeitsgesellschaften bombardieren, sondern nur unsere Ölvorräte sichern. Unsere Absichten sind harmlos, und wenn wir gewusst hätten, wie schief das alles läuft, wären wir ganz sicher aufs Allerfriedfertigste zuhause geblieben.
(No. 36, 16.01.2006)

Achtung Umleitung

Thursday, January 12th, 2006

“Früher,” sagt Gohlke, und ich frage mich, wie viele seiner Tiraden ich schon anhören musste, die mit “früher” begannen, aber meinen erzürnten Gegenüber scheint die Angst, als Nostalgiker zu gelten, nicht weiter einzuschüchtern, “früher hat man, wenn man umgezogen ist, einen Postnachsendeantrag gestellt. Formlose kleine Sache, ‘ne Postkarte ausgefüllt, unterschrieben, zack das wars.”
“Ist das heute anders?” Ich scheine schon zu lange in meiner Wohnung zu leben, die Welt verändert sich, und ich glaube immer noch, es gäbe Postnachsendeanträge.
“Natürlich nicht. Aber hast Du mal Deine Briefe angekuckt? Die Hälfte bringt Dir gar nicht mehr die Post, sondern die PIN AG. Zwei, drei kommen mit DHL. FedEx wirft Dir auch was ein.” Ich brumme Zustimmung. Gohlkes Stimme zittert. “Und dann bekommst Du plötzlich einen Brief von einer hochseriösen großen Anwaltskanzlei, die Dich mit verschärfter Kerkerhaft bedroht wegen irgendwelchen Acht Euro Fuffzich. Dabei hast Du nicht mal die Rechnung gekriegt, geschweige denn die Mahnungen, weil Dir niemand gesagt hat, dass Du an die PIN AG, an DHL und FedEx und TNT und die Fahrradkuriere und Privatzusteller auch Nachsendeanträge schicken musst, um Deine paar Briefe auch weiterhin zu kriegen.”
Ich bin verblüfft. Der Mann hat recht. Er geht unschuldig in den Schuldnerknast, weil die Briefe jetzt von ganzen Geschwadern verfeindeter Briefträger abgeworfen werden. “Hast Du bezahlt? Hast Du alle Nachsendeanträge ausgefüllt, um so was künftig zu vermeiden?”
Gohlke nickt eifrig, und sein Doppelkinn macht regelrecht ein Geräusch dabei. “Acht Stück habe ich ausgefüllt mit ‘ner alten Schreibmaschine vom Trödel. Und zum Einwerfen bin ich extra nach Hamburg gefahren.”
“Nach Hamburg? Aber Du bist doch nach Tiergarten umgezogen!”
“Ich schon. Aber die Anwaltskanzlei, DIE sitzt in Hamburg. Und ich wollte sie doch bitteschön nicht auf die Idee bringen, dass ich es war, der ihre ganze Post nach Buxtehude umgeleitet hat…”
(No. 35, 12.01.2006)

Gutes Handwerk

Friday, January 6th, 2006

In Sachsen-Anhalt haben Unbekannte mit einem Bagger einen Geldautomaten aus einer Bank geklaut. Radio SAW interviewt die Anwohner. Eine Frau aus dem Nachbarhaus äußert Sympathie. In den letzten drei Jahren habe es vier Aufbrech-Versuche gegeben, meist mit Hämmern und Sägen, oft über längere Zeiträume. Einmal wurde mittags drei Stunden gebohrt und mit einer mitgebrachten Flex plus Notstromgenerator geschnitten und getrennt. Zuletzt war mitten in der Nacht Kunststoffsprengstoff im Einsatz; dem Dackel von Frau Dobmeier im Ersten ist das Trommelfell geplatzt. Der Baggereinsatz dagegen war kurz und überraschend geräuscharm. Die Nachbarin hat sich die aufgeklebte Telefonnummer des Fahrzeugs aufgeschrieben, aber nicht an die Polizei weiter gegeben. Gute Handwerker sind schwer zu finden.
(No. 34, 06.01.2006)

Schlüssig bewiesen

Monday, January 2nd, 2006

“Rechne’s Dir doch mal aus, ” sagt Gohlke und haut mit der zusammengefalteten Zeitung auf den Tisch, “jeder Deutsche sitzt täglich 41 Minuten im Auto. Die Hälfte sind Kinder und Alte, die gar kein Auto haben. Macht 82 Minuten für den Rest. Zehn Prozent sind gerade krank, noch mal zehn Prozent sind die Pappe gerade temporär los. Mitgezählt? 98 Minuten. Und dann gibts ja unter den gesunden, verkehrstauglichen Erwachsenen nicht nur Autofahrer, da sind ja auch noch locker 30 Prozent Radfahrer, Fußgänger und Millionäre mit Chauffeur dabei. Und man kann die Berufskraftfahrer nicht mitzählen, wir wollen ja was über den normalen Autofahrer erfahren. Macht zusammen noch mal 38 Minuten. 5 Prozent der Autos sind gerade kaputt, 1,2 Prozent geklaut. 8 Prozent der Deutschen sind gerade im Urlaub, besoffen oder so unter Drogen, dass es mit dem Fahren einfach nicht mehr klappt. Summasummarum… warte mal…”, Gohlke rechnet mit den Fingern bis drei Stellen hinterm Komma, “alles in allem sitzt der typische Deutsche täglich dreieinhalb Stunden im Auto. Was macht er da? Er fährt. Wohin?”
Mir schwirrt von all den Zahlen der Kopf. Ich habe keine Ahnung.
Gohlke ist in seinem Element. “Du hast keine Ahnung, aber ich sag’s Dir. Er fährt von Tankstelle zu Tankstelle auf der Suche nach dem billigsten Benzin. Warum braucht er so viel billiges Benzin?” Gohlke lächelt siegessicher und sieht für einen Moment wie ein durchgedrehter Pauker aus der Feuerzangenbowle aus: “Weil er so viel Auto fährt, Du Trottel!”
(No. 33, 02.01.2006)