Archive for December, 2005

ZwoDoppelnullSechs

Saturday, December 31st, 2005

Früher wollte ich Märtyrer werden; jetzt habe ich einen Mehrtürer. Ich bin der perfekte Familienvater, ich kann die unterschiedlichen Legosteine an dem Geräusch erkennen, das sie im Staubsauer machen. Ich wäre reif für Gottschalk, wenn sie mal eine Sendung als Hörspiel senden würden. Ich habe mich auch letztes Jahr zu meinem Vorteil entwickelt - wenn es ein Vorteil ist, in der U-Bahn einen Platz angeboten zu bekommen. 2006 wird ein Superjahr, … wenn sie endlich den Rückenrasierapparat erfinden!
(No. 32, 31.12.2005)

Der Kampf geht weiter

Monday, December 26th, 2005

“Die K1 hat BigBrother erfunden,” erklärt Gohlke mit zu lauter Stimme, “und jetzt beschaffen sie sich mit der Fußball-WM die Kohle für den nächsten Coup!”
Ich schüttele besorgt die leere Medoc-Flasche neben dem krakeelenden Freund. “Die Kommune 1? Teufel, Langhans, Kunzelmann, die kiffenden Ur-Kommunarden, die Uralt-Anarchos?” - “Und Uschi Obermeier!” ergänzt Gohlke mit feministischer Ehrfurcht. “In Moabit, in der Stephanstraße!”
“Sind die nicht vor tausend Jahren schon ausgezogen?”, ich krame im Gedächtnis ein paar Kapitel Berliner Szene-Geschichte zusammen, “Teufel ist Fahrradbote, Langhans Talkshow-Erotiker… und die Obermeier… keine Ahnung!”
“Die Leute sind raus,” raunt Gohlke, “aber die Kommune lebt!” Er tippt bezaubert auf den Powerbook-Monitor vor sich. Immmobilienscout24.de hat eine neue Sonderseite eingerichtet, Unterkünfte zur Weltmeisterschaft, möblierte Wohnungen, Apartments, rappelvolle Notunterkünfte für schröpftbare Fußballfans. Die K1… ein Fußballverein? Aber nein, Gohlke hat in der Fülle des Angebots die Scout-ID 36475088 ausgespäht. Ein gewisser Stephan la Barré - (Gohlke zwinkert mir verschwörerisch zu - la Barré, die Barrikade, natürlich ein Codename!) - bietet die ehemaligen Kommuneräume als Gruppenunterkunft für Fußballfans an. Mit “Sitzgelegenheit für bis zu 12 Personen” (”Am längsten hat Teufel gesessen”, frischt Gohlke mein schwächelndes 68er-Gedächtnis auf, “obwohl er ja ein Alibi, genauer das B-libi, hatte!”). Die Hooligan-Pension verfügt sogar über eine kleine Bibliothek mit Standardwerken aus der damaligen Zeit - Gohlke ist fast versucht, sich da auf einen Bildungsurlaub einfach mal einzumieten für 99 Euro am Tag. Alte Jahrgänge der “883″, der “Blues”, unbeschlagnahmte Hefte der “Radikal”, druckfrische Restauflagen aus PPZahls Druckmaschine… das klingt nach Erholung von der schnöden Gegenwarts-Lektüre.
“Am besten”, Gohlke streicht fast zärtlich mit dem Zeigefinger über den Flachbildmonitor, “am besten gefällt mir die kleine Hommage an Frau Obermeier, der kultivierte Handkuss für die freie Liebe!”. Ich lese das Angebot stirnrunzelnd noch mal, und wahrhaftig, da ist es, sicher kaum goutiert vom Normalo-Fußballfan - das ausklappbare Schlafsofa von deSede. Weißes Spaltleder, Chrombeine, 220 mal 240 Liegefläche: Es lebe die Kommune - der Kampf geht weiter!
(No. 31, 26.12.2005)

Esst Feldmais

Thursday, December 22nd, 2005

Die Zukunft sieht - mindestens aus lizenzvertraglicher Sicht - rosig aus. Die Sportschau darf auch in den kommenden drei Jahren über die Bundesliga berichten; Gott hat den Urheberrechtsstreit gegen die Katholische Kirche verloren, die auch weiterhin ohne Tantiemen das “Vater unser” beten lassen darf, und der Versuch der Stadtwerke von Wuppingerrohde-Bellingen, den Verbrauch von Regenwasser durch private Rasenflächen mit einer Quadratmetergebühr zu belegen, wurde abgewiesen, weil die Stadtwerke noch nicht über die Technik verfügen, nicht interessierte Kunden von der Regenwasserverteilung auszuschließen. Das alles lässt hoffen.
Nur das Thema “Fußball-Weltmeisterschaft” liegt uns noch ein bisschen auf der Gallenblase. Das heißt: “Fußball-Weltmeisterschaft”, und da fängt das Problem schon an, “Fußball-Weltmeisterschaft” dürfen wir gar nicht dazu sagen. Wenn wir nicht vorher eine kostspielige Lizenz gekauft haben. Der Bäcker mit seinen Weltmeisterbrötchen, der Schaufensterdekorateur mit dem WM-Ball, die Kneipe mit der Live-Übertragung: Alles lizenzlose Rechteschänder, die jetzt zur Kasse gebeten werden. Ob “Feldmais, der schaffts!” wegen lautmalerischer Ähnlichkeit auch verboten werden kann, wird in einem Musterprozess gegen die Duden-Redaktion gerade geprüft.
(No. 30, 22.12.2005)

Von Greisen und Kröten

Wednesday, December 21st, 2005

Früher, als Kind, habe ich im Zoogeschäft für acht Mark ‘ne Schildkröte gekauft.Heute kosten Schildkröten 150 Euro, aber dafür kommen sie mit allerhand Extras - zum Beispiel mit einem Personalausweis mit Bild. Kein Scheiß! Das Krötenbaby wird auf einen Kopierer gelegt, weil jede Schildkröte ein anderes Fahrgestellmuster hat. Dann gibt es jede Menge Papierkram zum Thema Artenschutz. Jedes Tier darf nur einmal verkauft werden und muss Eltern haben, die auch schon in Deutschland geboren wurden. Als ob man mit der Schildkröte sprechen wollte! Zwei Wochen nach dem Kauf bekommt man einen Einschreibe-Brief von der Meldestelle. “Sie haben ein unter Tierschutz stehendes Lebewesen in den Geltungsbereich unserer Meldestelle eingeführt” steht da, als ob man die paar Meter von Tempelhof nach Schöneberg mit dem Safari-Jeep zurückgelegt hätte. Und dann folgt gleich die massive Drohung: “Wenn Sie das Tier nicht binnen zwei Wochen bei uns anmelden, begehen Sie einen Verstoß gegen geltendes Recht.” Donnerwetter, der Staat macht sich stark für das kleine vierbeinige Ding mit Deckel!
“Dein Terrarium riecht man schon bis ins Treppenhaus,” beschwere ich mich bei Gohlke, “solltest du das mal sauber machen?”
“Das ist nicht das Terrarium,” korrigiert Gohlke mich, “oben im vierten ist ‘ne Rentnerin gestorben. Die lag zwei Monate in der Wohnung. Keiner hat’s gemerkt.”
(No. 29, 21.12.2005)

Verbraucherschutz

Saturday, December 17th, 2005

Ich bin sauer. Männer haben ja sowieso kaum intime Accessoires, die im Alltagstaumel Halt bieten - ein altes Ronson-Feuerzeug vielleicht, einen Braun-Rasierer, aber sonst? - und da bricht meinem geliebten LaGuiole-Korkenheber mit schwarzem Horngriff doch verdammt nach 10 Jahren Treue die stählerne Seele! Irgend einem Nippes aus dem Billigkaufhaus traut man das zu, aber ein 300-Mark-Korkenzieher sollte ja wohl ein flaschenreiches Trinkerleben lang halten. Ich werde diese Burschen auf Schadensersatz verklagen!
“Das würde ich an deiner Stelle bleiben lassen,” warnt Gohlke und senkt mit einem Seitenblick die Stimme, “liest Du keine Zeitung?”
“Die Korkenzieher-Mafia?” Ich hatte die Entkorkungsbranche bislang für ein solides Handwerk gehalten.
“Schlimmer,” Gohlkes Stimme ist jetzt nur noch ein Raunen, “der neue Minister für Verbraucherschutz, Horst Seehofer. Bioförderung ist over, Gentechnik ist on - das ist bei dem die Devise. Man soll Agrarpolitik für die Bauern machen und nicht gegen sie.”
“Was hat das mit meinem kaputten Korkenzieher zu tun?”
“Verbraucherschutz unter Seehofer ist ebenfalls für den Verbraucher gemacht, nicht gegen ihn. Schließlich hast Du den Korkenzieher für sachgemäßen Gebrauch erworben. Und wie viele Flaschen haben allein wir zwei letzte Woche geleert, na? War das sachgemäß?”
Ich kriege rote Ohren und protestiere. “Das geht ja wohl den Seehofer nix an!”
Gohlke lacht höhnisch. “Allemal. Der hat die Änderung der Garantiebestimmungen sicher schon in der Schublade. Ohne aktuelle Leberwerte, suchtpsychologisches Gutachten und 24-Stunden EKG, das Jähzornanfälle ausschließt, kannst Du Deine Reklamation vergessen. Da steht der Schutz Deines Lebens als Krankenversicherungsbeitragzahler einfach über deinem Wunsch nach einem neuen Korkenzieher.”
(No. 28, 17.12.2005)

Hasta la vista, Baby

Sunday, December 11th, 2005

Es gibt ganz unterschiedliche Konzepte, um aus der Todeszelle rauszukommen. Man kann auf die Hilfe der katholischen Kirche bauen (Wesley Eugene Baker, am 6.12.05 hingerichtet), man kann auf Nachsicht wegen seiner Vietnam-Vergangenheit hoffen (Kenneth Lee Boyd, am 2.12.05 hingerichtet), den Drogenrausch zur Tatzeit anführen (John Hicks, am 29.11.05 hingerichtet), seine geistige Zurückgebliebenheit (Eric Nance, am 29.11.05 hingerichtet) oder schlichtweg seine Unschuld beteuern (Marlin Gray, am 26.10.05 hingerichtet). Stanley “Tookie” Williams hat in der Todeszelle Kinderbücher geschrieben, die die Kids von Streetgangs und Drogen fernhalten sollen. Ob ihm das heute nacht hilft, wenn Gouverneur Arnold Schwarzenegger in letzter Minute über sein Gnadengesuch entscheidet, ist zu bezweifeln. Der Österreichische Kampfmaschinendarsteller gibt auch im politischen Leben den Eisenfresser. Er wird “Tookie” das Hirn wegspritzen lassen und mit schmalen Lippen “Hasta la vista, Baby” knurren. Früher haben wir das an ihm geliebt. Im wahren Leben ist so viel Kino ein Grund, das Eintrittsgeld zurückzufordern und den Mann zurück in die Statistenrollen zu verfrachten.
(No. 27, 11.12.2005)

Fight for Your Right

Monday, December 5th, 2005

Die CIA-Männer, die in Italien den Iraker Abu Omar gekidnappt und via Ramstein/Germany in ein geheimes Folterlager transportiert haben, verballerten während der Aktion 120.000,- Euro in italienischen Nobelabsteigen. “Those guys don’t fight for America’s democracy”, sagt Gohlke, der wegen des schlecht übersetzbaren Bonmots in Englisch radebrecht, “they fight for their right to party!”
(No. 26, 5.12.2005)

Cherchez la Femme

Thursday, December 1st, 2005

Lars Heitmüller ist risikobereit. Er hat sich anno 1998 die Internet-Domain “www.bundeskanzlerin.de” gesichert, bis heute die monatlichen Kosten bezahlt und das Ding dann mit einer PR-wirksamen Demutsgeste Angela Merkel vor die Füße gelegt. Das ging durch die Presse und dürfte an Prestige die rund 300 Euro wieder einspielen, die die Domain in all den Jahren gefressen hat. Weil Heitmüller aber generell mehr Frauen in hohen Staatsämter sehen will, ist seine dauerhafte Bonität dennoch fraglich. “www.verteidigungsministerin.de” dürfte noch ein paar Jahre Hostingkosten verursachen; für “www.bauernverbandspräsidentin.de” wird sich auch kaum jemand finden lassen- und “www.fussballbundestrainerin.de” ist ja wohl bitte sehr von vorneherein im Abseits!
(No. 25, 1.12.2005)