“Die K1 hat BigBrother erfunden,” erklärt Gohlke mit zu lauter Stimme, “und jetzt beschaffen sie sich mit der Fußball-WM die Kohle für den nächsten Coup!”
Ich schüttele besorgt die leere Medoc-Flasche neben dem krakeelenden Freund. “Die Kommune 1? Teufel, Langhans, Kunzelmann, die kiffenden Ur-Kommunarden, die Uralt-Anarchos?” - “Und Uschi Obermeier!” ergänzt Gohlke mit feministischer Ehrfurcht. “In Moabit, in der Stephanstraße!”
“Sind die nicht vor tausend Jahren schon ausgezogen?”, ich krame im Gedächtnis ein paar Kapitel Berliner Szene-Geschichte zusammen, “Teufel ist Fahrradbote, Langhans Talkshow-Erotiker… und die Obermeier… keine Ahnung!”
“Die Leute sind raus,” raunt Gohlke, “aber die Kommune lebt!” Er tippt bezaubert auf den Powerbook-Monitor vor sich. Immmobilienscout24.de hat eine neue Sonderseite eingerichtet, Unterkünfte zur Weltmeisterschaft, möblierte Wohnungen, Apartments, rappelvolle Notunterkünfte für schröpftbare Fußballfans. Die K1… ein Fußballverein? Aber nein, Gohlke hat in der Fülle des Angebots die Scout-ID 36475088 ausgespäht. Ein gewisser Stephan la Barré - (Gohlke zwinkert mir verschwörerisch zu - la Barré, die Barrikade, natürlich ein Codename!) - bietet die ehemaligen Kommuneräume als Gruppenunterkunft für Fußballfans an. Mit “Sitzgelegenheit für bis zu 12 Personen” (”Am längsten hat Teufel gesessen”, frischt Gohlke mein schwächelndes 68er-Gedächtnis auf, “obwohl er ja ein Alibi, genauer das B-libi, hatte!”). Die Hooligan-Pension verfügt sogar über eine kleine Bibliothek mit Standardwerken aus der damaligen Zeit - Gohlke ist fast versucht, sich da auf einen Bildungsurlaub einfach mal einzumieten für 99 Euro am Tag. Alte Jahrgänge der “883″, der “Blues”, unbeschlagnahmte Hefte der “Radikal”, druckfrische Restauflagen aus PPZahls Druckmaschine… das klingt nach Erholung von der schnöden Gegenwarts-Lektüre.
“Am besten”, Gohlke streicht fast zärtlich mit dem Zeigefinger über den Flachbildmonitor, “am besten gefällt mir die kleine Hommage an Frau Obermeier, der kultivierte Handkuss für die freie Liebe!”. Ich lese das Angebot stirnrunzelnd noch mal, und wahrhaftig, da ist es, sicher kaum goutiert vom Normalo-Fußballfan - das ausklappbare Schlafsofa von deSede. Weißes Spaltleder, Chrombeine, 220 mal 240 Liegefläche: Es lebe die Kommune - der Kampf geht weiter!
(No. 31, 26.12.2005)