Archive for November, 2005

Statistische Methoden

Monday, November 28th, 2005

“Unfassbar, wie viele Leute in den Mülltonnen nach Essbarem suchen”, sage ich zu Gohlke und deute auf einen jungen Mann, der mit einer Taschenlampe in eine Mülltonne leuchtet, während wir im Doppeldeckerbus vorbeikariolen. Gohlke würdigt die hagere Gestalt keines Blickes; er schüttelt missbilligend den Kopf.
“Dein Herz fürs Soziale schlägt heftig… aber an der falschen Stelle”, belehrt er mich. “Der Mann ist ein hochbezahlter Fahnder vom VdC.”
“VdC?” Ich grüble. Die Abkürzung habe ich noch nie gehört. “Veteranen des Cyberspace?”
Gohlke schnauft resigniert. “Verband der Cigarettenindustrie. Das ehrwürdige C im Namen täuscht über die hochmodernen Recherchemethoden hinweg. Die Burschen stöbern nämlich leere Zigarettenschachteln aus dem Müll, um sie auf Steuerbanderolen zu untersuchen…”
“…und dann mit genetischem Fingerabdruck die illegalen Schmuggelraucher zu überführen?”
“Science-Fiction! Quatsch, die Schachteln werden schlicht gezählt. Damit man weiß, wie hoch der Anteil an Schmuggelware ist. Fast 17 Prozent zur Zeit! In den neuen Ländern, wo an jedem Supermarkt ein paar Vietnamesen stehen, gibts sogar über 30 Prozent Schwarzraucher.”
Ich staune. Der Mann hat Kenntnisse!
Draußen zieht der Tiergarten vorbei. Ein Typ mit Vollbart liegt im fettigen Armeeschlafsack trotz der Kälte unter einem Busch.
Ich grinse wissend und stupse Gohlke an, “Sieh mal, der Bursche testet sicher die Isoschicht moderner Freizeittextilien… oder er hat eins von diesen empfindlichen Erdstrahlungsmessgeräten im Dauertest. Gohlke? Oder hat’s was mit der stadtweiten Kleintierzählung zu tun?”
Aber Gohlke, völlig entspannt im Schlingern des Doppeldeckerbusses auf der vorderen Sitzreihe ganz oben, schläft tief.
(No. 24, 28.11.2005)

Days of Stihl

Wednesday, November 23rd, 2005

Wenn die Kinder mal wissen wollen, womit wir diese große, schöne Welt kaputtgemacht haben: Mit diesem Laubpuster da drüben auf der anderen Straßenseite. Deutscher Meisterbetrieb, japanischer Minivan mit Klebebuchstaben, drei Mann in schreiend bunten Overalls und mit Ohrenschützern. Astsäge, Laubpuster, Rasenmäher - feinste Technik von Stihl. Damit rücken sie dem gefallenen Laub zu Leibe und pusten mit ohrenbetäubendem Lärm und einer Stunde Zeitaufwand das leuchtende, nasse Zeug zu einem Haufen. Der wird dann mit einem kaum weniger lauten Riesenstaubsauger (”ssssss…hopfff”) in einen Laubsack gesaugt, automatisch verknotet und mit dem Minivan und den Männern im Overall weggekarrt.

“Ein Laubhaufen! Darf ich da reinspringen?” kräht das kleine koreanische Kind, das auf meiner Seite der Straße am Fenster vorbeiläuft. “Mach nicht, da ist Undescheiße drin!” antwortet die Mutter in leicht unvollständigem Deutsch. Wahrscheinlich hat sie recht, aber wenn demnächst die Hunde auch von Stihl sind - röhrende, orangefarbene Plastikteile, die nur noch Abgas exkrementieren und auf Befehl an der Ampel “Sitz” machen - dann sind die Laubhaufen wieder unsere, und dann hält uns nix mehr, Baby!
(No. 23, 23.11.2005)

Googlehupf

Monday, November 21st, 2005

“Ist was mit dem Essen?” will Gohlke wissen, und ich darf ja nicht meckern, esse dreimal die Woche bei ihm und habe ihm noch nicht einmal was Selbstgekochtes vorgesetzt. Also schlucke ich tapfer den Bissen runter und schüttele enthusiastisch den Kopf, grinse und frage mit beiläufigem Ton “Is’n das?” Gohlke macht eine vage Geste rüber zur Schrankwand, zum Bett, zum Schreibtisch, wo der Computer steht. “Googlehupf.”

“Gugelhupf?” Ich staune den diffusen Matsch in der Silitpfanne an. “Ist das kein Kuchen?” - Gohlke korrigiert: “Googlehupf. Wie die Suchmaschine!” Und auf mein verblüfftes Starren hin fährt er fort: “Ist doch ganz einfach. Du siehst nach, was noch im Kühlschrank ist - heute Leberwurst, Joghurt, Ingwer und Bier - , gibst alle Worte bei Google ein und wartest, was kommt. Im Internet gibts für ALLES ein Rezept! War auch ganz leicht zu kochen. Das Bier hätten wir eigentlich dazu trinken sollen, aber Du hast ja Rotwein mitgebracht, da hab’ ich’s mit reingekippt. Schmeckt irgendwie… apart, meinst Du nicht?” - “Eindeutig!”, bestätige ich und beäuge skeptisch den rotbraunen Klecks auf dem Teller mit seinen seltsamen Bläschen und dem stechenden Geruch. “Apart ist das richtige Wort. Schon verrückt, das Internet, man findet dauernd was Neues. Aber irgendwie… mal was anderes!”
(No. 22, 21.11.2005)

Tötet Buddy Overstreet!

Sunday, November 20th, 2005

Ebays größte Umsätze werden natürlich von Nostalgikern gemacht. Leute, die als Kind eine Dampfmaschine hatten, mit der sie nie gespielt haben, und die jetzt ihren eigenen Kindern auch eine Dampfmaschine schenken wollen, mit der die dann ebenfalls nie spielen. Leute, die sich sehnsüchtig an die grandiosen Tage erinnern, als das Fernsehprogramm nachts mit dem Testbild endete (gibts das Testbild eigentlich auch schon auf DVD?) und wo zwischendurch auch mal fünf Minuten Pause gemacht wurde, in denen nichts gesendet wurde. Eine DVD mit Folgen von “Immer, wenn er Pillen nahm” geht mittlerweile für satte 60 Euro über den virtuellen Tresen; “Renn, Buddy, renn” (”Tötet Buddy Overstreet!”) oder “Gilligans Insel” dürften kaum weniger bringen. Ob man sich das Zeug heute wirklich noch ansehen will, ist unklar – wahrscheinlich schaut man kurz rein und stellt die DVD zu all den verpassten Kinofilmen und den großen Filmklassikern von “Rosemary’s Baby” bis “Blow Up”, die man irgendwann an einem verregneten Winterabend mal in Ruhe ansehen wird. Das muss ein verdammt langer, verregneter Winter werden… aber natürlich waren auch die Winter früher anders; Schnee gabs meterhoch, den kann man leider nicht bei eBay ersteigern. Oder doch? Aber hallo, Freunde - die Schneekanone YETI vom österreichischen Schneeprofi Reiter Thomas, Startpreis 2099 Euro, macht 20 Kubikmeter Schnee pro Nacht. Das müsste reichen, um Euren schnuckeligen Reihenhausgarten ruckzuck in ein Tiefschneeparadies zu verwandeln. Dann schnell noch einen Elektrokamin ersteigern, Startpreis ein Euro. Glotze anschalten, schön nostalgisch Persiko trinken (”aus Sammlung meines verstorbenen Vaters, ab ein Euro” - ein epochal klebriges Zeug) - und immer rein mit den ollen Kamellen. “Belphegor” mit Juliette Gréco, das “Königlich-bayrische Amtsgericht”, Wanninger und Hoss Cartwright und Maxwell Smart. Und Pierre Brice. Und Raumpatrouille Orion. Ja, die Welt war übersichtlich anno 66, und wer sich wirklich mal die Mühe macht und die ganzen alten Kultserien ansieht, stellt fest: Fernsehen in den Sixties hatte weniger Personal, weniger Farbe, weniger Drive – aber eigentlich war es schon genau so bekloppt wie heute.
(No. 21, 20.11.2005)

Von wegen die Missetätern

Monday, November 14th, 2005

“Ehrlich jetzt”, sagt Gohlke, “ich will nicht als Erbsenzähler gelten, der hier dauernd den Duden schwingt. Und ich hab auch nix dagegen, mal im Internet so richtig ausgenommen zu werden. Aber bitte nicht so!” - “Was ist los? Hast Du den Scrabblewettbewerb in der ZEIT schon wieder verloren?” – “Die ZEIT!” schnaubt Gohlke, “die geben sich wenigstens einen Rest von Mühe. Aber lies mal diesen Scheiß hier!” Er wedelt mit einer ausgedruckten E-Mail.

“Online-Banking ihrer Bank - die Aufmerksamkeit!” steht da. “…haben wir die Verordnung bekommen, die Online-Konten von unserer Bank zu prüfen.” “Klingt etwas holprig,” räume ich ein. “Vielleicht ein Umschüler?” Gohlke hustet empört. Ich lese weiter. “Die Tageskonten werden von wegen die Missetätern für die Geldwäsche der gestohlenen Mittel verwendet”. “Missetätern? Moment mal,” jetzt wirds mir auch klar, “das Ding ist eine Fälschung!” Gohlke steht polternd auf und streckt mir die Hand entgegen. “Herzlichen Glückwunsch. Ich hatte schon gedacht, ich wäre der einzige in diesem Sonnensystem, der einen Bankbrief von dem Gestotter einer Übersetzungsmaschine unterscheiden kann.”

“Hast Du das Deiner Bank gemeldet?” Gohlke winkt ab. “Vergiss es. Versuch mal, jemanden von Deiner Bank ans Telefon zu kriegen! ‘Wenn Sie eine Überweisung machen wollen, drücken Sie bitte die Zwei!’ Nee nee, mein Lieber, diese Zeiten sind vorbei. Die Bank spricht nicht mehr. Sie hat Automaten dazwischen geschaltet. Du kannst sogar die Sprache wählen. ‘Drücken Sie 4 für deutsch, please press 3 for english, alles da: türkisch, polnisch, ukrainisch.”

“Wie machen die das?” will ich wissen. – “Mit Übersetzungsmaschinen natürlich, Traumtänzer!” Gohlke starrt mich eine Weile an, fixiert dann wieder stirnrunzelnd die ausgedruckte, zerknüllte E-Mail in seiner Faust.

“Hm. Ich werde da mal hingehen und nach dem Rechten sehen, schätze ich. Nicht, dass die mein Konto dichtmachen, weil ich nicht auf die Mail geantwortet habe.”
(No. 20, 14.11.2005)

The Night they drove old Dixi down

Wednesday, November 9th, 2005

Das Dixiklo vor der Tür würde ich schon gerne umkippen. Bisher hatte mich eher die Sorge um die Umwelt davon abgehalten - wer weiß denn, was so rausläuft aus einem alten, vergessenen Dixiklo? Die Handwerker, die das Ding aufgestellt haben, sind nämlich schon lange weg. Ich hatte das blassblaue Scheißding von Anfang an beargwöhnt; letzten Sommer, als es richtig heiß wurde, habe ich die Wohnung nur hintenrum betreten, um nicht an dieser fliegenumsurrten Sondermülldeponie vorbei zu müssen. Als Handwerker hätte ich sofort einen Darmverschluss.

Irgendwann sind die Handwerker dann jedenfalls abgezogen; wie immer mit einem riesigen Getöse morgens um 7 und, nachdem alle wach waren, darauf folgender zweistündiger Frühstückspause. “Nehmt Euer Scheißhaus mit!” habe ich ihnen noch hinterhergerufen. Aber wahrscheinlich hatten sie das Ding selbst auch nur gemietet, und ich habe das Monatsende abgewartet und auf einen kleinen Dixilastwagen mit Hebekran gehofft. Nach einem Vierteljahr (kann man Baustellenklos auch quartalsweise mieten?) habe ich im Branchenbuch nachgesehen und ein paar Anbieter abtelefoniert. Die Gespräche waren immer sehr kurz. “Farbe?” - “Hellblau.” - “Unsere sind rot. Tschüss.” Nach ein paar Versuchen habe ich das Gespräch schon mit “Haben Sie hellblaue Dixiklos?” begonnen, aber gleich der erste hat mich gefragt, ob es auch rosa sein darf mit Gardinchen, eingebautem Fernseher und Plüschsitz. Da habe ich aufgegeben.

Seitdem starre ich mit tiefem Groll auf das fahler werdende Plastikding vor der Haustür. Umkippen, anstecken - solche Fantasien gehen mir durch den Kopf. Momentan halte ich mich zurück, in Frankreich brennen jede Nacht die Autos, und ich will nicht, dass meine Tat irgendwelchen frustrierten Jugendlichen in die Schuhe geschoben wird. Man soll das brennende Klohaus als das erkennen, was es ist - als Fanal. Als Signal. Als… egal. Hauptsache, das Ding ist weg!
(No. 19, 09.11.2005)

Killertaste

Friday, November 4th, 2005

Handys sind mir egal (und nichts ist albernder als zwei Frauen, die sich gegenseitig ihre schicken neuen Teile zeigen!) - trotzdem habe ich mir neulich das neue Moto K EX 8000 gekauft. Wegen der Killertaste. Die fette krassgrüne Taste in der Mitte! Wenn einer anruft, der nervt, und genau besehen ist das jeder zweite Anrufer, dann drücke ich die Killertaste. Dann passieren völlig automatisch zwei Dinge. Erstens schaltet sich ein cooler hyperrealistischer VoiceDefractor ein, der Störgeräusche und Aussetzer produziert. “Hallo? Hallo? Die Verbindung ist tierisch schlecht!”, rufe ich dann laut, obwohl ich den Anrufer natürlich eigentlich perfekt verstehe. Der beginnt seinerseit mit Hallorufen, aber meine Stimme kommt nur noch ganz zerfetzt bei ihm an - das macht der Defractor. Nach einem letzten “Hallo?” ertönt das Besetztzeichen. Und schneller, als der Anrufer die Wiederwahl drücken kann, geht die Killertaste auf Speichermodus. Sie speichert die Nummer des weggedrückten Anrufers und bedient alle künftigen Anrufe dieser Rufnummer mit einem abwechslungsreichen Mix aus Absagen. Ich bin “temporaribly not available” - ein unglaublich entspannender Zustand! -, meine Nummer “ist uns nicht bekannt”, “vorübergehend nicht erreichbar”. Mein Favourit ist “Ihre Eingabe ist unvollständig”.

Unlängst habe ich eine der Nervensägen auf der Straße getroffen. “Du scheinst echt im Stress zu sein”, hat er gesagt, “man kommt ja absolut nicht durch.” “Genau… genau…” habe ich gelächelt. In der Hosentasche fühlte ich mein neues Moto K EX 8000 mit der fetten Killertaste in der Mitte.
(No. 18, 04.11.2005)

Das Alleräußerste

Wednesday, November 2nd, 2005

In Frankfurt hat ein Mann seine Frau mit dem Hammer erschlagen, ohne hinterher sagen zu können, wieso. Die Frau war da, der Hammer war da, er war da: So kam das. “Hochmodernes Konzept”, meint Gohlke, “aus dem gleichen Grund kaufen die Leute im Supermarkt ein neues Produkt. Sie sind da, der aufblasbare Gartengrill mit praktischer Selbstlöschvorrichtung zum Einführungspreis ist da…. bingo! Was da ist, wird genommen - deshalb betrügen Chefs ihre Ehefrauen mit der Praktikantin. Ganze Kriege werden so geführt.
Versuch mal, etwas nicht zu essen, das im Kühlschrank steht… ‘ne angebrochene Packung Eiskonfekt. Der Eiskonfekt ist da, Du bist da - da muss es einfach zum Alleräußersten kommen.”
(No. 17, 02.11.2005)