Brandenburger Pisse
Sunday, October 30th, 2005Abends stellt mir Gohlke eine Flasche kaltes Budweiser hin, fein schäumendes, köstliches Zeug und nicht die letzte Flasche dieses Abends.
“Holla, politisch unkorrekt Bier saufen?” frotzele ich, und Gohlke legt sein dackelfaltiges Gesicht in noch mehr Dackelfalten. “Ich habs ja versucht,” grunzt er. “Fuffzehn Jahre habe ich’s versucht. Bier aus Dessow, aus Brandenburg, aus Pritzwalk, aus Rathenow. Ich kann die Plörre nicht mehr sehen!” Er schüttelt angewidert den Kopf und setzt die Flasche plötzlich mit einem Scheppern auf den zerkratzten Rauchglastisch. “Außerdem haut das alles gar nicht mehr hin. Die Idee ist ja richtig: Wir tun was gegen die Umweltzerstörung und lassen nicht mehr fette Laster voller Bayernbier oder Tschechenbier quer durchs Land fahren. Wir trinken Bier von hier, am besten aus dem eigenen Kaff, das wir mit der Schubkarre aus der Brauerei holen können.”
“Genau!” proste ich ihm zu und sehe mich suchend um. “Hast Du noch ‘ne Schubkarre? Wir brauchen Nachschub!”
Gohlke stemmt sich ächzend hoch und holt noch zwei Bud aus dem Kaltmacher.
“Ich sag’s doch: Die Idee ist richtig. Aber es gibt kein Bier mehr aus unserem Kaff und aus dem nebenan auch nicht. 1995 war ich noch zum Bockbieranstich in Rathenow, da wurde das Bier noch da gebraut. Nette kleine Backsteinbrauerei Ecke Goethestraße. Ein Jahr später schmeckte das Zeug irgendwie anders, und hinten auf dem Etikett stand sehr klein was von Preussenpils Pritzwalk oder so. Und die Brauerei in Rathenow war dicht. Noch ein Jahr später hieß das Gesöff immer noch Rathenower… wurde aber bei Paulaner in Bayern gebraut. Schmeckte nicht schlecht, hatte aber nix mehr mit dem eigentlichen Ding zu tun. Und wenn ich die Lastwagen auf der Autobahn weniger machen will, hilfts ja auch nicht viel, wenn “Nachbardorf” draufsteht und das Bier in Uruguay gebraut wird.”
“In Uruguay?” irgendwie komme ich nicht mehr mit. “Ist das noch im Wirkungsbereich des deutschen Reinheitsgebots von Fuffzehn Sechzehn? Wie das Pier Summer vie Winter auf dem Land sol geschenkt und prauen werden…”
Gohlke winkt ab. “Jedenfalls ist mir seitdem egal, wo das Bier herkommt. Man weiß es ja doch nicht. Ich trinke wieder Budweiser. Was mein Schwiegervater ausm Osten über Ostbier gesagt hat, hat irgendwie Hand und Fuß.”
Ich runzle fragend die Stirn.
“In der DDR war alles Scheiße. Außer dem Bier. Das war Pisse.”
(No. 16, 30.10.2005)