Archive for the 'No Gohlke, no cry' Category

Hämangiom

Tuesday, December 4th, 2007

Wie ein Enthüllungsfoto wirkt die ganzseitige Anzeige auf der Rückseite der VANITY FAIR –  Gorbatschow auf der Rückbank einer Limousine. “Auf der Rückfahrt von einer Konferenz” ist das Bild untertitelt. Durchs Rückfenster sieht man die endlose Tristesse der Berliner Mauer. Neben dem Mann im Wollmantel: Eine fette, halb geöffnete Louis-Vuitton-Tasche.
Die obszöne Fotomontage ist makellos. Nur das asymmetrische Hämangiom auf der Stirn stört die Ästhetik. Hätte man da nicht das Logo des Nobeltaschenmachers hinretuschieren können?

(No. 197, 04.12.2007)

Holmes

Sunday, December 2nd, 2007

Die wahre Größe des Kosmos (”Hör auf, mir wird jetzt schon schwindelig”, sagte Erik) – die wahre Größe des Kosmos sieht man ja eigentlich an den Sachen, die richtig groß sind und trotzdem scheißklein aussehen. Zum Beispiel der Komet HOLMES. Ende Oktober ist das Ding plötzlich explodiert und hat seine Helligkeit verfünfhunderttausendfacht. Wusch! Die Explosion hat den kleinen Steinklumpen zu einem mächtigen Staubgebilde aufgeblasen. Nach ein paar Wochen übertraf Holmes’ Größe die der Sonne, und SPIEGEL ONLINE kündigte an, dass der kleine Komet vor Weihnachten am Himmel größer aussehen würde als der Vollmond.

Nun ja. Gestern abend war der Himmel überm Obstgarten voller Sterne, und irgendwo zwischen Cassiopeia und dem Fuhrmann, irgendwo im Perseus rechts oberhalb des Großen Wagens… da musste er sein, der Holmes, der kosmische Superlativ.

Stimmt, da war er, der Komet, eine trübe, fast unsichtbare Lichtwolke, ein blasses Stückchen Nix vor dem überwältigenden, sternenvollen Himmel, durch den Sternschnuppen zischten und verirrte Treibstofftanks längst vergessener Russenraketen, ein Himmel voller Zugvögel und kältezitternder Mücken, ein Himmel mit Nebel, der vom See hoch zog und mit Hundegekläff aus dem Nachbarsgarten. Zwei Airbusse aus Moskau und Tokyo kreuzten überm Obstgarten ihre Wege, die Straßenlaternen flackerten sirrend in der Nacht, im Gras dufteten die letzten faulenden Äpfel, und aus dem Haus drang Gelächter, Gläserklirren, Zigarettenrauch.
Holmes sah aus wie ein Fettfleck auf der Tapete in Gottes Treppenhaus; ich war mächtig beeindruckt.

(No. 196, 02.12.2007)

Mindestgebot

Monday, November 19th, 2007

Ledertasche, Arafat, R.T. und Erdbeernase sind keine lustige Kinderbande – sondern Spitznamen, die manchem ehemaligen DDR-Häftling noch jetzt eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Im Cottbusser Knast hatten Wärter wie “Arafat” und “R.T.” – für “Roter Terror” stand das Kürzel im Häftlingsjargon – ein Schreckensregime errichtet; erst 10 Jahre nach Mauerfall wurden die Mißhandlungen im hoffnungslos überfüllten Gefängnisbau aus der Nazizeit mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet.

Jetzt haben ehemalige Knastinsassen die Chance, die Aufarbeitung ihres Traumas selbst in die Hand zu nehmen. Cottbus, schon seit Jahren dem belasteten Erbe nicht gewachsen, trennt sich kurzerhand vom blutigen innerstädtischen Filetstück in der Bautzener Straße. 47.000 Quadratmeter kommen am 8. Dezember unter den Hammer; die Immobilie umfasst unter anderem drei Haftgebäude, einen Hochsicherheitstrakt, Werkstätten, eine schmucke Direktorenvilla. Einen Gedenkstein für die Opfer von Gewaltherrschaft gibts gratis dazu. Wenn Immobilienhaie durch den als “altlastverdächtig” eingestuften Boden abgeschreckt werden, könnte das 1889 gebaute Ensemble zum Mindestgebot von 9.000,- Westmark pardon Euro den Besitzer wechseln. Die dürften, die Metallpreise sind gestiegen, schon durch das Einschmelzen des Stacheldrahts zu erzielen sein, der die umlaufende Gefängnismauer krönt.

(No. 194, 20.11.2007)

Go, Millau!

Tuesday, November 13th, 2007

Die Woche nach der Martinsgans ist alljährlich die Zeit banger Erwartung. Wen werden die Gourmet-Bibeln Michelin und Gault-Millau diesmal aufs Siegertreppchen heben? Beim Gault-Millau wurde das Geheimnis gestern schon gelüftet; Klaus Erfort aus Saarbrücken ist mit 19 von 20 Punkten der Koch des Jahres.

Notorische Tierschützer wie PETA werden dem Mann postwendend das Gesundheitsamt auf den Hals hetzen, denn Erforts Spezialität ist die Zubereitung von Teilen kranker Tiere. Medizinal-Küche als nächste Mode nach der Molekular-Küche eines Ferran Adria? Mitnichten; die Rede ist hier von Steatosis Hepatis, der krankhaft vergrößerten Fettleber, die freilich im “Gästehaus Erfort” wohlklingender als Gänsestopfleber auf den Teller kommt.

In Deutschland ist die tierquälende Stopferei längst verboten; internationale Gourmets freilich bekommen von dem archaisch erzeugten Zeug buchstäblich den Hals nicht voll. Dass ein Nachschlagewerk der Feinschmeckerbranche den im Saarland nahe liegenden “kleinen Grenzverzehr” noch immer nicht zum Knock-Out-Kriterium macht, disqualifiziert den Schmöker definitiv als Weihnachtsgeschenk.

(No. 193, 13.11.2007)

Talking is over, Communication is on

Friday, November 2nd, 2007

Zug aus Dresden, überfüllt, sechs freie Plätze für Rollstühle und Begleiter, aber kein Rollstuhl in Sicht. Ich überlasse dem turtelnden Rentnerpaar den Vierersitz mit Tisch und zwänge mich auf einen der rollstuhlbegleiterbevorzugenden Einzelplätze.

Schräg hinter mir: Ein einzelner Mann, über 70, der drei der Behindertenplätze mit Zeitschriften, Taschen und Kleidungsstücken belegt. Mit Geräuschen und unwirschen Gesten scheint er einem Missfallen Ausdruck verleihen zu wollen, schließlich klebt er im Vorbeigehen einen Aufkleber auf die Lehne vor meiner Nase, der ein Cartoon-Männchen mit heruntergelassener Hose zeigt und den Text: “Mit jedem Tag meines Lebens vergrößert sich die Zahl derer, die mich am Arsch lecken können”. “Das nehme ich gleich wieder weg!” kündigt er an; ich bin ganz versunken in meine Lektüre und brumme nur freundlich Zustimmung.

Nach drei Minuten ist er wieder neben mir und rupft den Aufkleber ab. “So weiß man, woran man ist!” verkündet er triumphierend und macht es sich wieder auf seinen drei Behindertensitzplätzen bequem.

Ein Dackel geht vorbei, eine Schaffnerin kommt mit Kaffee und bietet mir einen an. Zugfahren ist pure Entspannung.

(No. 192, 02.11.2007)

Vorreiter

Monday, October 29th, 2007

Die Parteiführung hat’s nicht gewollt, aber die Mehrheit der Delegierten des Hamburger Parteitags hat es trotzdem beschlossen: Die SPD ist für ein Tempolimit von 130 auf deutschen Autobahnen. Ist das jetzt schon die ökologische Vorreiterrolle, die unser Land weltweit einnehmen will?

Nicht ganz. Denn außer Malta hat längst ganz Europa ein Limit auf den Highways (und – richtig, Schnellmerker! – die Autobahndichte auf Malta geht gegen null). Auch bei den großzügig gestatteten 130 km/h wäre in etlichen anderen europäischen Ländern schon die Pappe weg.

Immerhin geht die große soziale Volkspartei nun mit einem klaren Votum der Basis in die Gespräche mit dem Koalitionspartner. Wahrscheinlich ist unterm Gaspedal ja noch etwas Luft und man kann sich gemeinsam mit der Automobilindustrie und Minister Tiefensee auf ein etwas höheres Limit einigen.

180 auf deutschen Autobahnen und eine Übergangszeit von 20 Jahren: Problem gelöst, Genossen, was steht jetzt an? Kinderalkoholismus? Ein Ausschankverbot für 8-jährige wäre konsensfähig. Mindestens für harte Sachen!

(No. 191, 28.10.2007)

Textbaustein

Monday, October 29th, 2007

“Werte Reisende, auf Gleis 9 hat Einfahrt der verspätete ICE 643 nach Berlin Ostbahnhof über Berlin Spandau und *Berlin Hauptbahnhof*.” - Die Durchsage auf dem Bahnhof in Hannover kommt unverkennbar vom Band, eine junge Frauenstimme. “Berlin Hauptbahnhof” geht ihr eine halbe Oktave höher über die Lippen; die Mitreisenden grinsen über die komische Euphorie, die der Name dadurch kriegt. Dabei ist es nur so, dass der Textbaustein “Berlin Hauptbahnhof” ein paar Jahre nach den übrigen angefertigt wurde. Vielleicht von einer ganz anderen Frau gesprochen, vielleicht nach dem Betriebsfest mit einem Glas Sekt intus.

Im Speisewagen bestelle ich einen Salat mit Sonnenblumenkernen und eine Suppe. Und ein Glas Sekt, in einer etwas höheren Tonlage, die dem verbissen fuhrwerkenden Tischkellner aber nicht auffällt.

(No. 190, 27.10.2007)

Unweltzone

Tuesday, October 23rd, 2007

Berlin macht diese Umweltzone, Kudamm, Tauentzien, so diese Ecke. Qualmende alte Diesel dürfen da nicht mehr rein. Schon regt sich der Volkszorn: All die armen kleinen Handwerker mit ihren kleinen alten Lieferwagen, nagen sie nicht sowieso am Hungertuch? Die schönen rassigen Oldtimer, die wir Pfingsten so gern im Konvoi den Kudamm runter flanieren sehen…. da müsst’ man doch ‘ne Ausnahme machen? Historische Doppeldeckerbusse, Rolf Eden mit seinem Rolls Royce: das ist doch Berlin! Polizei, Krankenwagen, die kriegen auch nicht so schnell neue Autos, die dürfen weiter fahren. Und Touristen, die sollen ja auch nicht wegbleiben. Überhaupt, die Welt wird doch gar nicht in Berlin kaputtgequalmt, sondern irgendwo in der Braunkohle in der Lausitz…. DA könnte man doch mal ’ne Umweltzone machen.
(Außer für die Kohlelaster, die müssen natürlich weiter da reinfahren. Die sind ja schließlich nicht zum Vergnügen da!)

(No. 189, 23.10.2007)

Irrtümer

Saturday, October 20th, 2007

Was macht eigentlich Bärbel Bohley, 1989 Mit-Initiatorin der DDR-Bürgerrechtsbewegung, 1993 Gysi-Beschuldigerin, 1994 Bundesverdienstkreuzträgerin, 2002 FDP-Bundestagswahlkampf-Unterstützerin? Sie baut Zisternen für bosnische Flüchtlingsfamilien, um denen die Rückkehr in ihre Region zu erleichtern. Bärbel Bohley sitzt auch mit uns im Billigflieger aus Split nach Berlin, wohnt in der Nähe der kroatischen Stadt, betreut ihre Projekte, eine umtriebige Ex-Promi, die Tina trotzdem gleich erkennt hinten im Flieger. Bärbel Bohley hat eine Internetseite, auf der es eine Rubrik IRRTÜMER gibt – noch ohne Inhalte, aber wow, immerhin, ich irre, also bin ich…

Mir dagegen wird, selbst schuld, die kleine Flasche Sliwowitz weggenommen, die ich blödsinnigerweise im Handgepäck dabeihabe. Kein nobler Brand aus dem Robinienfass, aber eine sympathische kleine Flasche für sechsundfünfzig Kune, die irgendwie amtlich aussah im Supermarkt in Split. Ich dachte, ich könnte das versiegelte und ungeöffnete Ding à la Duty Free mitschleppen, das war natürlich ein Irrtum.

Der Zöllner hatte vor sich eine große Mülltonne, da flogen sie rein, all die Schweizer-, Butterfly-, Wurf- und Schnitzmesser; klong klong deng, kein Pardon, wer sowas ins Handgepäck packt, kann sich nicht auf einen Irrtum berufen. Mein Sliwowitz, immerhin, wurde weit behutsamer seitwärts vom Zöllner in ein kleines Regalchen gestellt. Womöglich wurde hier, hatte der Mann in Uniform nicht sofort so ein professionelles Glitzern im Blick, eine fachgerechte Entsorgung nach Feierabend ins Auge gefasst.

Ist ja auch gut, wenn hochexplosive Flüssigkeiten wie mein Sliwowitz (47 % Alkohol!) aus den Billigfliegern rausgehalten werden. Sicherheit geht nunmal vor, auch Frau Bohley soll ungefährdet ankommen in der Hauptstadt aller Deutschen. Sicherheit geht vor? Irrtum: Eben, zuhause beim Wäschewaschen, fiel mir aus dem Handgepäck mein altes Pfadfindermesser entgegen, das rasiermesserscharfe mit der Blutrinne. Das war bei aller Konzentration auf Hochprozentiges wohl glattweg übersehen worden. Natürlich bestand für die Bohley keine Sekunde Gefahr, nicht durch mich, der ihren mäandernden Weg durch deutschen und anderen Alltag ja eher fasziniert nachvollzieht. Und ihr, den Zöllnern dieser Welt und mir selbst auch gerne mal das Recht auf Irrtum zuspricht.

(No. 188, 18.10.2007)

Park Ost Park West

Friday, October 5th, 2007

Tag der Deutschen Einheit in Potsdam, Heiliger See: Der Park ist verbarrikadiert wie… äh…. nein, dieser geschmacklose Vergleich verbietet sich gerade heute. Es gibt auch keinen Schießbefehl, sondern eine Zickzackschleuse, um reinradelnde Ausflügler wie uns zum Absteigen zu zwingen. Der Park ist hier nämlich, wortreiche Schilder erklären das, “Schiebebereich”. Wer trotzdem radeln will, schiebt Frust: Die Parkwächter kommen zu dritt und sind nicht gerade für Laissez-Faire berühmt. Die ganze Hochsicherheitsnummer schützt mitnichten die schnuckeligen Ufergrundstücke von Joop und Jauch und Jott-weiß-wem-noch, sondern ein Unesco-Weltkulturerbe ersten Ranges. Und weil die Neandertaler auch kein Fahrrad kannten, müssen wir als Erben… oder so.

Drüben im Westen sieht man den Umgang mit der Natur entspannter, doch auch hier ist Radfahren unmöglich: Auf den Uferwegen des Grunewaldsees werden Hunde als Bodendecker eingesetzt, man erkennt den Waldboden nicht mehr unter dem Gewimmel von Schwanzwedlern jeden Kalibers. Es wird gekläfft, geknurrt und geschissen, dass an Weiterradeln nicht zu denken ist. Toute Berlin, Momentchen: Ganz West-Berlin drängelt sich hier am umlandfernsten Punkt im guten, alten Westen. Modehund der Saison sind mannshohe Mastiffs mit 90 Kilo Lebendgewicht, unter denen all die Zehlendorfer Dackel einfach durchlaufen können. Die sonst selbst gerne mal etwas bissigen Hundehalter sind heute auffallend entspannt und lächeln sich gegenseitig aufmunternd zu. “Wir Wessis müssen zusammenhalten”, heißt das. Unten am See kopulieren zwei Terrier; man ist ja unter sich.

(No. 186, 05.10.2007)