Archive for the 'Gohlke kompakt' Category

Gegenfragen

Wednesday, September 5th, 2007

“Eine Curry, scharf, Pommes” sagt Gohlke, das ist doch eigentlich eine ziemlich klare Ansage, und Berlins drittbeste Pommesbude sollte nicht gleich zusammenbrechen unter der intellektuellen Anforderung dieser Bestellung.
Aber nein, es herrscht Spezialistentum, wir sind in Berlin, “einfach” heißt hier “hin ohne Rückfahrkarte”.

“Scharfe Soße oder scharf gewürzt?”, schallt es über den Tresen zurück, “was drauf?” meint die Pommes, “Gabel oder Piekser?” kommentiert schon im Voraus Gohlkes Tischmanieren.

Aber heute nicht, Arschloch, nicht mit Gohlke.
Der lehnt sich über den Tresen und sieht dem Wurstmaxen ohne Blinzeln in die Augen.
“Hamse Abitur oder was? Ne scharfe Curry mit Pommes willich, keine Gegenfragen!”

(No. 180, 05.09.2007)

Löscharbeiten

Friday, July 13th, 2007

Probleme für Vattenfall in Schweden: Am Atomkraftwerk Ringhals haben acht besoffene Bauarbeiter die Putzfrauen belästigt und wurden gefeuert.

In Deutschland verhinderte der Stromkonzern bisher, dass die Untersuchungskommission, die die Pannenserie an den AKWs Krümmel und Brunsbüttel aufklären soll, mit den diensthabenden Mitarbeitern sprechen konnte.

“Ob die auch einen gezischt haben?” fragt sich Gohlke, “wenn ich mir richtig een uff die Lampe gebe, will ich auch tagelang kein menschliches Wesen sehen!”

(No. 169, 13.07.2007)

Partneraktion

Thursday, June 21st, 2007

“Ich hatte Schiss vor der Darmspiegelung”, berichtet Golhke, “dann war da in der Berliner Zeitung ‘ne Anzeige, virtuelle Darmspiegelung, nur von außen im CT. War mir aber zu teuer, dreihundert Euro das Ding. Zwei Tage später inserierte der gleiche Arzt nochmal: Große Partneraktion, virtuelle Darmspiegelung zu zweit nur fünfhundert Euro.”

“Bist Du hingegangen?” will ich wissen und bestelle jetzt doch was Stärkeres.

“Mit wem denn?”, jetzt flackert sowas wie Selbstmitleid unter Gohlkes Augenbrauen durch, “erst wollte ich ja auf gut Glück hin und zusehen, dass ich im Wartezimmer einen finde, mit dem ich mir den Tarif teile…. aber dann sitzen da nur so alte Säcke, und aus dem Wartezimmerlautsprecher dudelt’s ‘Zwei Ärsche im Viervierteltakt’…. ich wollte auch gar nicht fragen, ob man da nacheinander in die Röhre geschoben wird… oder gleichzeitig!”

(No. 166, 21.06.2007)

Darwin aus Darmstadt

Monday, March 12th, 2007

“Der wirtschaftliche Aufschwung ist ein zartes Pflänzchen, das will gegossen sein”, sagt Gohlke, “gegossen mit Subventionen und Sondergenehmigungen. Für unrentable Fehlinvestitionen ist da kein Platz! Wenn ein Kandidat die Kohle nicht wieder reinspielt, die ich in ihn investiert habe…. dann ist es besser, die Kohle gar nicht erst reinzustecken in den Mann!”

Er wedelt mit einer seiner derzeit vier täglichen Zeitungen. “Hier, das Sozialgericht in Darmstadt: die wissen, wie’s geht. Verweigern Hartz-IV-Empfängern den Zuschuss zur Brille. Was braucht denn einer Krücken, Brillen, Hörgeräte, wenn er dann doch nur in der Fußgängerzone schnorren geht, weil unsere globalisierte Arbeitswelt keinen Platz mehr für ihn hat?
Gosse ist Gosse, auch ohne Sehhilfe!
Darwinismus, Dein Zuhause sei Darmstadt!”

(No. 145, 11.03.2007)

Von Pappe

Monday, February 19th, 2007

Was mit den Homosexuellen im Dritten Reich gemacht wurde, was die Nazis mit den Zigeunern angestellt haben, das war nicht von Pappe. Pappe (und nicht Granit) ist allerdings heute, über 60 Jahre danach, noch jedes Gedenken an diese Greueltaten. Streitereien über die Inschrift soll es zu verdanken sein, dass seit 1997 am Reichstag nur ein ramponiertes Bauschild steht, wo längst ein steinerner See des israelischen Künstlers Dani Karavan an 500.000 tote Sinti und Roma erinnern sollte. Eine ganz ähnliche Papptafel weist ein paar hundert Meter weiter darauf hin, dass der Deutsche Bundestag 2003 die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an verfolgte Homosexuelle beschlossen hat. 6.000 Schwule und eine unbekannte Zahl von Lesben wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die coolen norwegischen Plastiker Elmgreen und Dragset sollen die Skulptur entwerfen.

“In der Baubrangsche,” meint Gohlke, “stelln’se auch immer solche Pappschilder auf, wenn für die pappjemkinschen Dörfer schon mal Käufer gefunden werden sollen. Ob das Ding überhaupt gebaut wird, kann man sich dann ja noch überlegen. Also warten wir mal ab, was für die Zigeuner und die Schwulen wirklich rumkommt dabei. Ich glaub’ an Granit erst, wenn ich ihn sehe. Zum Beispiel” – er deutet auf die weiten steinernen Schwünge des nahen Bundeskanzleramts – “‘gleich nebenan bei Angelas Loch Nest!”

(No. 139, 19.02.2007)

Symbolismus

Sunday, January 21st, 2007

“Natürlich gehts nicht um Biermann, diese selbstverliebte Tränendrüse”, erklärt mir Gohlke, der heute einen seiner ungnädigen Tage zu haben scheint; “klar hatte der Mann seine goldenen Jahre damals, klar hat er die Latte immer hoch gehängt und sich in eine Reihe mit Kästner, Brecht, Tucholsky gestellt. Aber sind Kästner, Brecht, Tucholsky Ehrenbürger von Berlin geworden? Nee. Und hätten sie’s nicht noch vor olle Biermann verdient? Siehste!”
Ich murmele ein paar schwache Einwände, Kästner war nur 18 Jahre in Berlin, Tucholsky ist in Schweden gestorben, Brecht in Augsburg geboren…. aber Freund Gohlke ist in seinem Element, da stoppt ihn nix.

“Biermann ist ein Symbol, das wurde zur Gretchenfrage, da gabs für die Sozis keinen Notausgang. Wowi hat echt abgekotzt! Überhaupt sind Symbole wieder schwer gefragt. Demnächst kannst Du Dich mit Deinen alten Apo-Onkels an der Springer-/Ecke Dutschkestraße treffen. Heut ist die CDU baden gegangen, die wollten die Straßenbenennung nach Rudi Dutschke noch bürgerbegehrenstechnisch, sozusagen außerparlamentarisch, kippen. Det war nischt!”

Gohlke klatscht sich auf die Schenkel. “Biermann, Dutschke… alles Symbole!” Er beugt sich weit vor, hebt die Hand an den Mund und raunt mir verschwörerisch ins Ohr: “Aber Vorsicht, Kumpel, Vorsicht…. die Gegenseite schläft nicht! Stoiber fällt auf die Nase, und was hat die Christiansen abends in der Talkshow an? Hö? Na?”

Herr im Himmel, ich habs nicht gesehen, aber mein oberster Symbolwärter liefert die Auflösung postwendend:
“Ein oberbayrisches Trachtenjankerl!”

(No. 135, 21.01.2007)

iBomb

Tuesday, December 12th, 2006

Ganz en passant hat Israels Ministerpräsident Olmert, gerade in Berlin zu Besuch, bei SAT 1 eingeräumt, dass Israel bereits Atomwaffen haben könnte. Einen Aufschrei der Empörung hat die launige Nebenbemerkung im Frühstücksfernsehen bisher nicht ausgelöst.

Ein anderer wenig zimperlicher Bombenbauer, der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad, grinst Gohlke beim morgentlichen Jogging durch den martialisch umstellten Tiergarten entgegen. “Danke, Herr Präsident” ist in großen Lettern ein Plakat unterschrieben, das ein Spiegel-Interview zitiert, in dem der Iraner den Holocaust zu einem deutschen “Recht, sich zu verteidigen” umdeutet.

Darf der das? Gohlke fragt zwei Polizeibeamte, die unter der Moltkebrücke patroullieren. “Das ist ein Spiegel-Zitat”, weiss der eine, “das ist schwierig”. Nun hat der Spiegel die Hetze seines Interviewpartners damals zwar abgedruckt, sich aber nicht mit einem fetten “Danke” zu eigen gemacht. Trotz dieses feinen Unterschieds machen die beiden Uniformierten wenig Anstalten, die dreissig Plakate, die das Spreeufer säumen, zu entfernen.

Es nieselt, der Knochenleim ist noch frisch. Gohlke legt los. Es dauert nur zwei Minuten, um den ganzen klebrigen Ramsch in die Tonne zu befördern. Die beiden Polizisten drehen ihm ostentativ den Rücken zu. “Hoffentlich ist kein Pollonium im Kleister”, ruft er zu ihnen hinüber. “Heutzutage weiß man nie!”, kommt die weise Antwort der Ordnungsmacht zurück. Gohlke wäscht sich die Hände in einer Pfütze. Heutzutage weiß man nie.

(No. 129, 12.12.2006)

Rentner hauen

Thursday, November 30th, 2006

“Im Prinzip”, sagt Gohlke, “isses ja richtig, wenn die Fernsehsender sich verstärkt um die neuen Alten kümmern, um uns Best Agers ab 40. Aber irgendwie reicht es doch nicht, die nächsten fuffzich Jahre immer nur die alten Helden zu verheizen. Am Wochenende hat sich Axel Schulz (38) verkloppen lassen, im März ist Henry Maske (42) an der Reihe: Das trifft zwar keine Unschuldigen, aber irgendwann ist einfach Sabbat. Muhammad Ali ist nicht mehr satisfaktionsfähig, Max Schmeling ist tot: Allmählich muss Schluss sein mit den ständigen Wiederholungen!”

(No. 126, 29.11.2006)

Street Poetry

Sunday, November 19th, 2006

Mittags liest Gohlke bei Nicole die BZ. Kaufen würde er sich “sowas” nicht, aber je länger ich mir dieses journalistische Fremdgehen ansehe, um so mehr sehe ich beim alten Kumpel Aufweichungstendenzen, die mir Sorgen machen.
“Ist doch Quatsch”, meint Gohlke dazu, “man muss seine Vorurteile auch mal beiseite legen können, mindestens in der Mittagspause. So schlimm isses doch gar nicht mehr! Nach der Wahl hat die BZ die grüne Spitzenkandidatin ganz verliebt ‘Mama Grün’ getauft. Zum Beispiel.”
“Aber bei Sexualstraftätern heißt es dann wieder ‘Sperrt ihn in das tiefste Loch’… wie letzte Woche”, kontere ich kraftlos. Gohlke lächelt nachsichtig. “Bei Sex denken die Jungs an Loch, das kommt denen ganz automatisch in den Kopf. Aber hast du gelesen, wie sie den Kerl dann genannt haben? ‘Das Dachmonster’. Was für eine Wortschöpfung! Mittwoch war die Rede von 5000 ‘Geisterbeamten’. Partygirl Kader Loth wird zur ‘Kaderstrophe’, Aktfotograf LaChapelle ist ‘der Silikonator’, ‘Grinsi-Klinsi’ gewinnt für uns die WM… Mann, wenn Du ein bisschen Gefühl für den Wortschatz hast, musst Du doch merken, dass das GANZ GROSSE POESIE ist, was da abgeht!”

(No. 124, 19.11.2006)

Neben der Spur

Tuesday, October 31st, 2006

Die beiden Hauptangeklagten im Berliner Bankenskandal, angeklagt des Millionenbetrugs, sind nicht verhandlungsfähig; sie haben ernste psychische und physische Probleme und bleiben der Anklagebank und eventuellen langen Haftstrafen fern.

“DIE psychischen Probleme kenn’ ick”, hatte Gohlke damals gesagt, “die hätt’ ich auch, wenn ich in den Knast sollte!”

Doch nachdem nun einer der beiden angeklagten Immobilienmanager als Teilnehmer des Berlin-Marathons einen gesundheitlich äußerst fitten Eindruck gemacht hat, sieht die Sache anders aus. Auf krank machen und dann vor einer Million Zuschauern die Sportskanone geben: Der Mann MUSS doch psychisch irgendwie neben der Spur laufen!

(No. 119, 31.10.2006)