Gott radelt
Tuesday, July 20th, 2010Eine richtige Erklärung habe ich nicht dafür. Ich hatte mich doch längst damit abgefunden, an einer Ausfallstraße zu wohnen, einer Schneise für den vorbeischmetternden Verkehr. Die Westberliner City reisst zum grünen Blätterdach des Tiergartens hin ab, und die Budapester Straße spuckt dröhnenden Autoverkehr nach Nordosten.
Das Küchenfenster kann man nicht aufmachen, die Straße ist so laut. Wem’s nicht gefällt, der soll an den Stadtrand ziehen ins Reihenhaus.
Dann, letztes Jahr, nach einem Kurzurlaub, war die Fahrbahn plötzlich halbiert. Gestrichelte weiße Streifen trennten einen fetten Radweg ab; die Straße war nur noch einspurig. Die Autos fuhren gedrängt Schritttempo; wir Radfahrer trudelten entspannt über die nur für uns reservierte, paradiesische Bahn. Irgendwann verlor mal ein Porschefahrer die Nerven, ein BMW mit dem Markennamen als Nummernschild, und schrammte auf der Radspur am langsamen Berufsverkehr vorbei. Doch das blieb die Ausnahme.
So hätte ich in Frieden mit der stiller gewordenen Straße weiterleben können. Doch heute, ganz früh schon bei Tagesanbruch, wurden die Schilder angeschraubt. Weiße Schilder mit rotem Rand und zwei Ziffern drin: Tempo Dreissig von 22 bis 6 Uhr. Lärmschutz, erklärt ein Zusatzschild entschuldigend. Lärmschutz! Ich radelte die Straße hinauf und hinunter und zählte die Neuanbringungen, um sicher zu sein, dass kein Nachbar sich da mit einem selbstgemachten Schild einen Jux erlaubte. Aber nein, die Straße war voll damit, die Nürnberger auch - die City West sollte ruhig schlafen können ab sofort.
Sicherheitshalber bin ich aufs Land gefahren, aber morgen, morgen werde ich mich trauen und in Berlin bleiben; bei geöffnetem Küchenfenster auf die Nacht warten, auf den Mann im weißen Schlafrock mit Wallewallebart, der freihändig und lautlos lachend auf dem breiten Radstreifen von der Corneliusbrücke heruntergeradelt kommen wird. Ab und zu wird er einen Spurt einlegen auf seinem goldenen 70s-Motobecane-Fahrrad, einfach nur so, um zu sehen, ob er schneller sein kann als sein eigener Heiligenschein, der ganz gegen jede Fahrradbeleuchtungsgesetzgebung direkt über ihm schwebt.
(No. 272, 20. Juli 2010)